Kapitel 88: nirvāṇadīkṣākathanaṃ
Darlegung der Nirvāṇa-Dīkṣā (Abschluss)
Reinigung der fünften, höchsten Kalā, der Śāntyatītā (Tattvas Śakti und Śiva, 16 Vokale, Sadāśiva als Ursachengottheit), danach der Abschluss der Nirvāṇa-Dīkṣā: Abschneiden und Opfern der Scheitellocke, die yogische Verbindung (yojanā) der Seele des Schülers mit Śiva über die sieben Viṣuvas und die Stufen der Laute bis zum Dvādaśānta, Verleihung der sechs Eigenschaften Śivas, Segen und Abschlussbad. Die Bezeichnung viṣuva ist in der Vorlage durchgehend zu „vikhara“ entstellt; V. 26 und V. 41 sind verderbt. Das Kolophon nennt das Kapitel „nirvāṇadīkṣāsamāpanam“.
Īśvara sprach: Die Verbindung der Śāntyatītā [-Kalā] mit der gereinigten Śānti soll man wie zuvor vollziehen; die Tattvas, Silben usw. dort sind folgende:
„oṃ hīṃ kṣauṃ hauṃ hāṃ“ – das sind die Verbindungsformeln. Die beiden Tattvas sind Śakti und Śiva; die Achtergruppe der Welten [umfasst] Siddhika [?], Dīpaka, Rocika, Mocaka und Ūrdhvagāmin,
Wort für Wort
sandhānāni
die Verbindungsformeln
ubhau śakti-śivau tattve
die beiden Tattvas Śakti und Śiva
bhuvana-aṣṭakam
die Achtergruppe der Welten
dīpakam rocikam mocakam
Dīpaka, Rocika, Mocaka
ūrdhvagāmi
Ūrdhvagāmin
bhuvanāṣṭakasiddhikam: entweder „die Achtergruppe der Welten samt Siddhika“ oder „die vollendende Achtergruppe“; die Liste (V. 2–3) nennt jedoch nur sieben/acht Namen.
marutau sparśanaṃ śrotraṃ indriye viṣayo nabhaḥ / śabdo guṇo 'syāvasthā tu turyātītā tu pañcamī //
sind die Winde; Tastsinn und Gehör die Sinnesorgane; Gegenstand ist der Äther; der Laut ist ihre Eigenschaft; der Zustand aber ist der über den vierten hinausgehende (turyātīta), der fünfte.
kalāpāśaṃ samātāḍya phaḍantena vibhidya ca / praviśyāntar namo 'ntena phaḍantena viyojayet //
Man schlage die Kalā-Fessel, spalte sie mit dem auf phaṭ endenden [Mantra], trete mit dem auf namaḥ endenden hinein und löse sie mit dem auf phaṭ endenden ab.
Mit dem von Śikhā- und Herz[-Mantra] umschlossenen, auf svāhā endenden [Mantra], mit der Haken-Geste (sṛṇi-mudrā), unter Einatmen, ziehe man die Fessel aus dem Kopffaden heran,
nehme sie unter Anhalten des Atems und setze [sie] beim Ausatmen mit der Udbhava genannten [Mudrā], mit dem vom Herz[-Mantra] umschlossenen, auf namaḥ endenden [Mantra] in das Feuer in der Grube.
[spreche man:] „O Sadākhya (Sadāśiva), in diesem deinem Zuständigkeitsbereich weihe ich einen nach Erlösung Strebenden; du sollst gewogen sein“ – so soll man mit Hingabe mitteilen.
Nachdem man die Herbeirufung der Eltern, die Verehrung, Sättigung und Vergegenwärtigung vollzogen hat, schlage man den Schüler mit dem vom Herz[-Mantra] umschlossenen Ātma-Bīja auf die Brust:
„oṃ hāṃ hūṃ haṃ phaṭ“. Und nachdem man mit eben diesem eingetreten ist, trenne man dann mit dem Waffen[-Mantra] das mit den Fesseln verbundene Bewusstsein ab, mit der ältesten Haken-Geste.
Mit „oṃ hāṃ hūṃ haṃ phaṭ“, auf svāhā endend, ziehe man es dann heraus; mit eben diesem, dessen Kern eingeschlossen ist, ergreife man es und füge es mit dem auf namaḥ endenden in das eigene Selbst ein:
„oṃ hāṃ haṃ hīṃ ātmane namaḥ“ (Oṃ hāṃ haṃ hīṃ, Verehrung dem Selbst). Nachdem man wie zuvor die Vereinigung der Eltern vergegenwärtigt hat, füge man es mit der linken Udbhava genannten [Mudrā], mit eben diesem [Mantra], in den Schoß der Göttin ein.
Die Empfängnis usw. vollziehe man vollständig nach der zuvor genannten Regel; mit dem Grund[-Mantra] [opfere man] zur Lockerung der Fesseln; nachdem man die Sühne vollzogen hat, murmele man hundertmal.
Die Fesseln soll man mit dem Waffen-Mantra, mit der samt Gefolge [der Glieder-Mantras] besprochenen Schere, mit dem Waffen[-Mantra], das mit dem Kalā-Bīja verbunden ist, durchschneiden, und zwar so:
Wort für Wort
pāśān āyudha-mantreṇa
die Fesseln mit dem Waffenmantra
sa-pravāra-abhijaptayā
samt Gefolge besprochen
chindyāt kartaryā
soll mit der Schere schneiden
kalā-bīja-yujā
mit dem Kalā-Bīja verbunden
sapravārābhijaptayā: „mit Gefolge (d. h. den Aṅga-Mantras) besprochen“ [?].
„oṃ hāṃ śāntyatītakalāpāśāya haḥ hūṃ phaṭ“ (Oṃ hāṃ, der Fessel der Śāntyatītā-Kalā, haḥ hūṃ phaṭ). Nachdem man die Fesseln abgelöst und mit dem Waffen[-Mantra] wie zuvor zur Kugel geformt hat, lege man sie in den mit Ghee gefüllten Opferlöffel und opfere mit dem Kalā-Waffen[-Mantra].
Nachdem man mit dem Herz[-Mantra] Sadāśiva herbeigerufen und Verehrung und Sättigung vollzogen hat, vollziehe man nach der zuvor genannten Regel die Übergabe der Befugnis.
„oṃ hāṃ, o Sadāśiva, nimm Manas und Bindu als Entgelt, svāhā.“ „O Sadāśiva, bei diesem Tiere (paśu), dessen Fesseln restlos verbrannt sind, darfst du nicht zur Bindung verbleiben“ – so soll man Śivas Befehl verkünden.
der Guru mit der furchtbaren (raudrī) Saṃhāra-Mudrā mit sich selbst verbinden und sie, mit der Udbhava-Mudrā herausholend, in den Körper des Schülers setzen.
Zu seiner Stärkung gebe er einen Tropfen Arghya-Wasser auf sein Haupt; nachdem er die Eltern mit großer Hingabe um Verzeihung gebeten hat, entlasse er sie ebenso [mit den Worten]:
Mit der durch den Śikhā-Mantra besprochenen Schere schneide er mit dem Śiva-Waffen[-Mantra] die vier Finger lange Scheitellocke (śikhā) des Schülers ab, welche die Gestalt der Erkenntniskraft hat.
Wort für Wort
śikhā-mantrita-kartaryā
mit der durch den Śikhā-Mantra besprochenen Schere
„oṃ klīṃ śikhāyai hūṃ phaṭ“ (Oṃ klīṃ, der Scheitellocke, hūṃ phaṭ); „oṃ haḥ astrāya hūṃ phaṭ“ (Oṃ haḥ, der Waffe, hūṃ phaṭ). Nachdem man sie im mit Ghee gefüllten Opferlöffel in die Mitte einer Kuhdungkugel gelegt hat, opfere man sie mit dem auf hūṃ phaṭ endenden Waffenmantra:
„oṃ hauṃ haḥ astrāya hūṃ phaṭ“. Nachdem man Opferlöffel und Kelle (sruc und sruva) gewaschen, den Schüler gebadet und selbst Wasser geschlürft hat, schlage man mit dem Waffenmantra das eigene Selbst, das die Stätte der Verbindung (yojanikā) ist.
Wort für Wort
prakṣālya sruk-sruvau
Löffel und Kelle waschend
śiṣyam saṃsnāpya
den Schüler badend
ācamya svayam
selbst Wasser schlürfend
yojanikā-sthānam ātmānam
das Selbst als Stätte der Verbindung
śastra-mantreṇa tāḍayet
soll mit dem Waffenmantra schlagen
yojanikāsthānam: wohl die Seele des Schülers, die mit Śiva verbunden werden soll [?].
Nachdem man es abgelöst, herangezogen und verehrt hat, setze man es wie zuvor vom Dvādaśānta aus in die Samenkapsel (karṇikā) des Lotus des eigenen Herzens.
Die mit Opferschmalz gefüllte Kelle, auf die der Opferlöffel mit der Öffnung nach unten gelegt ist, ergreife man nach der für das tägliche [Opfer] genannten Regel mit der muschelähnlichen Mudrā,
soll man aus Krug, Maṇḍala und Feuer, aus dem Schüler und aus dem eigenen Selbst die sechsfache Ordnung [der Wege?] aufnehmen und an der Spitze des Löffels den Prāṇa-Kanal
Wort für Wort
kumbha-maṇḍala-vahnibhyaḥ
aus Krug, Maṇḍala und Feuer
śiṣyāt api nija-ātmanaḥ
aus dem Schüler und dem eigenen Selbst
ṣaḍvidha-vidhānam
die sechsfache Ordnung
sruk-agre prāṇa-nāḍikam
an der Löffelspitze den Prāṇa-Kanal
ṣaḍvidhavidhānam ist metrisch überzählig; wohl ṣaḍadhvānam „die sechs Wege“ (vgl. V. 40).
bedenken und wie einen Tropfen meditieren, der Reihe nach siebenfach, und zwar: zuerst [das Viṣuva], das die Form der Vereinigung mit dem Prāṇa hat; dann das nächste
Wort für Wort
sañcintya bindu-vat dhyātvā
bedenkend, wie einen Tropfen meditierend
kramaśaḥ saptadhā
der Reihe nach siebenfach
prathamam prāṇa-saṃyoga-svarūpam
zuerst die Form der Vereinigung mit dem Prāṇa
aparam
das nächste
Es folgt die Lehre von den sieben „Viṣuva“ (in der Vorlage durchweg entstellt als vikhara): Prāṇa-, Mantra-, Nāḍī-, Praśānta-, Śakti-, Kāla- und Tattva-Viṣuva.
– das Mantra genannte, das durch das Aussprechen in der Reihenfolge Herz[-Mantra] usw. entlassen wird. Nachdem man Einatmen und Anhalten vollzogen und den Mund ein wenig geöffnet hat,
ist das Kāla-Viṣuva, das sechste; und das die Śakti überschreitende ist das siebte: dies ist die Stätte der Verbindung (yojanā), das Viṣuva namens Tattva.
Nachdem man Einatmen und Anhalten vollzogen und den Mund ein wenig geöffnet hat, [soll man], langsam den Grund[-Mantra] aussprechend, die Auflösung der Seele des Schülers vollziehen
im Laut ha, der blitzgestaltig ist und die Gestalt des Prāṇa [aller] sechs Wege hat; [dann] den Laut u, der vom Nabel aufwärts eine Spanne durchdringend verweilt;
Wort für Wort
hakāre taḍit-ākāre
im blitzgestaltigen Laut ha
ṣaḍ-adhva-ga-prāṇa-rūpiṇi
die Prāṇa-Gestalt der sechs Wege habend
ukāram parataḥ nābheḥ
den Laut u oberhalb des Nabels
vitastim vyāpya
eine Spanne durchdringend
ṣaḍadhvaja lies ṣaḍadhvaga („in den sechs Wegen befindlich“).
divyaṃ pipīlikāsparśaṃ tasminnevānubhūya ca / dvādaśānte pare tattve paramānandalakṣaṇe //
und eben dort die göttliche, einem Ameisenkrabbeln gleiche Berührung erfahrend, im Dvādaśānta, im höchsten Tattva, das durch höchste Wonne gekennzeichnet ist,
in dem von [allem] Sein Leeren, jenseits des Denkens, in Śiva, in dem die Eigenschaften ewig aufgehen – [in] diesem geistig sich auflösend, vergegenwärtige er die Seele des Schülers.
Einen Strahl Opferschmalz auslassend – bis zum Ende der Flamme, in den höchsten Śiva –, zur Festigung der Verbindung mit dem auf vauṣaṭ endenden Śiva-Mantra,
und nachdem man die Vollspende nach Vorschrift gegeben hat, vollziehe man die Verleihung der Eigenschaften: „oṃ hāṃ ātmane sarvajño bhava svāhā“ (Oṃ hāṃ, dem Selbst: sei allwissend, svāhā); „oṃ hāṃ ātmane paritṛpto bhava svāhā“ (… sei vollkommen gesättigt …); „oṃ hrūṃ ātmane anādibodho bhava svāhā“ (… sei von anfangsloser Erkenntnis …); „oṃ hauṃ ātmane svatantro bhava svāhā“ (… sei unabhängig …); „oṃ hauṃ ātman aluptaśaktir bhava svāhā“ (… o Selbst, sei von unverminderter Kraft …); „oṃ haḥ ātmane anantaśaktir bhava svāhā“ (… sei von unendlicher Kraft …). Nachdem man so das mit den sechs Eigenschaften [begabte] Selbst vom höchsten Unvergänglichen genommen hat,
soll man es nach Vorschrift, mit [entsprechender] Vergegenwärtigung, in den Körper des Schülers einfügen. Zur Beruhigung der durch den heftigen Niedergang der Kraft auf die Seele entstandenen Erschöpfung
setze man aus dem Arghya einen Nektartropfen auf das Haupt des Schülers. Nachdem man [ihn] vor Īśa, dem Krug usw. hat niederfallen lassen, [setze man] im Maṇḍala südlich von Śiva
den Schüler mit nach Norden gewandtem Gesicht zur eigenen Rechten nieder [und spreche]: „Von dir allein ist dieser begnadet worden, indem du meine Gestalt annahmst;
Wort für Wort
saumya-vaktram
nach Norden gewandt
vyavasthāpya
hinsetzend
śiṣyam dakṣiṇam ātmanaḥ
den Schüler zur eigenen Rechten
tvayā eva anugṛhītaḥ
von dir allein begnadet
mūrtim āsthāya māmakīm
meine Gestalt annehmend
saumyavaktram: „mit mildem Antlitz“ oder „nach Norden gewandt“; letzteres im Ritualkontext wahrscheinlicher.
deve vahnau gurau tasmādbhaktiṃ cāpyasya vardhaya / iti vijñāpya deveśaṃ praṇamya ca guruḥ svayaṃ //
darum mehre auch seine Hingabe an den Gott, an das Feuer und an den Guru.“ Nachdem er so dem Herrn der Götter Mitteilung gemacht und sich verneigt hat, soll der Guru selbst
dem Schüler ehrerbietig den Segen sprechen: „Heil sei dir!“ Dann soll er mit höchster Hingabe dem Gott die Acht-Blumen-Gabe darbringen, den Putraka (Sohn-Schüler) mit dem Śiva-Krug baden und das Opfer entlassen.