Kapitel 93: vāstupūjādividhānam
Die Vorschrift für die Verehrung des Vāstu
Īśvara beschreibt das 64-feldige Vāstu-Maṇḍala, die Lage des Vāstupuruṣa, die Marman-Punkte und die Opfergaben für die einzelnen Feldgottheiten und die vier Dämoninnen außerhalb. Anschließend werden 81-, 100-feldige und größere Diagramme für Haus, Stadt und Land sowie kleinere Formen genannt. Im Kolophon heißt das Kapitel vāstupūjākathana. Mehrere Stellen (V. 7-8, 32, 35-38) sind verderbt oder dunkel; von den zwölf angekündigten Marmans werden nur acht genannt.
Īśvara sprach: Dann, nachdem man den Tempel mit der Schnur abgesteckt hat, soll man das Vāstu-Diagramm (vāstumaṇḍapa) ausführen; auf einem ebenen, viereckigen Grundstück lege man vierundsechzig Felder an.
Wort für Wort
prāsādam āsūtrya
nachdem man den Tempel abgeschnürt hat
vartayet
soll ausführen, zeichnen
vāstumaṇḍapam
Vāstu-Diagramm
koṣṭha-catuḥṣaṣṭim
vierundsechzig Felder
kṣetre vedāsrake same
auf ebenem viereckigem Grundstück
vedāsraka: veda als Zahlwort = 4, also „viereckig“. vāstumaṇḍapa hier wohl für vāstumaṇḍala.
In die Ecken lege man zwei Bambusstäbe [Anm.: die Diagonalen], acht Schnüre, die zu den Zwischenecken verlaufen; diese umfassen zwei Felder bzw. sechs Felder. Dort verehre man den Vāstu auf folgende Weise.
Wort für Wort
koṇeṣu
in den Ecken
vaṃśau
zwei Bambusstäbe (Diagonalen)
rajjavaḥ aṣṭau
acht Schnüre
vikoṇa-gāḥ
zu den Zwischenecken gehend
dvipadāḥ ṣaṭpadāḥ
zwei-/sechsfeldig
vāstum arcayet
soll den Vāstu verehren
Die Zuordnung „zwei Felder / sechs Felder“ ist knapp formuliert; bezieht sich wohl auf die von den Schnüren abgegrenzten Götterfelder.
Den Vāstu stelle man sich bei den Verehrungen und bei der Errichtung von Wänden usw. vor: mit gekräuseltem Haar, auf dem Rücken liegend, von Asura-Gestalt, das Gesicht nach Norden [?] gewandt.
Wort für Wort
ākuñcita-kacam
mit gekräuseltem Haar
uttānam
auf dem Rücken liegend
asura-ākṛtim
von Asura-Gestalt
smaret
soll sich vergegenwärtigen
kuḍya-ādi-niveśe
bei Errichtung von Wänden usw.
uttara-ānanam
nach Norden blickend
uttarānana: „mit dem Gesicht nach Norden“ oder „nach oben“; da uttāna schon die Rückenlage angibt, ist die Richtungsangabe wahrscheinlicher.
Die Knie, die Ellbogen und die Schenkel [liegen] in den Richtungen des Windes und des Feuers [Anm.: Nordwest und Südost]; in der Richtung der Väter [Südwest] die Fußsohlen, in der Richtung Rudras [Nordost] sein Kopf, auf dem Herzen die zusammengelegten Hände.
Die sechsfeldigen [Gottheiten], Marīci usw., [liegen] der Reihe nach in den Richtungen, beginnend mit Osten; in der Mitte Brahmā mit vier Feldern; die übrigen gelten als einfeldig.
dem Antarīkṣa Fleisch [?], und ihnen [allen] im Osten Gerstengrütze. Dem Vahni [Agni] gebe man einen Opferlöffel, gefüllt mit Honig, Milch und Schmelzbutter.
Wort für Wort
vimāṃsam
Fleisch [?]
antarīkṣāya
dem Antarīkṣa
śuktum (= saktum)
Gerstengrütze
pūrvataḥ
im Osten
madhu-kṣīra-ājya-sampūrṇām
mit Honig, Milch, Schmelzbutter gefüllt
śrucam (= srucam)
Opferlöffel
vimāṃsam unklar (vi-māṃsa „Fleisch“ oder „ohne Fleisch“?); śuktuṃ wohl für saktum „Gerstengrütze“; śrucam für srucam.
Dem Pitṛ gebe man Sesamwasser, dem Dauvārika-Gott Milch[saft] und ein von einem Baum stammendes Zahnholz, [dargebracht] mit der Kuh-Geste (dhenumudrā);
Wort für Wort
pitre tila-udakam
dem Pitṛ Sesamwasser
kṣīram
Milch
vṛkṣajam danta-dhāvanam
Zahnholz vom Baum
dauvārikāya
dem Türhüter (Dauvārika)
dhenu-mudrayā
mit der Kuh-Geste
Die Zuordnung von kṣīraṃ vṛkṣajaṃ („Baummilch“?) ist nicht eindeutig.
dem Soma Milchreis mit Schmelzbutter, dem Ṛṣi weise man Lotuswurzeln zu, der Aditi eine Lopī [?], der Diti einen Purī-Kuchen – so die Achtergruppe im Norden.
Wort für Wort
pāyasam sa-ājyam
Milchreis mit Schmelzbutter
śālūkam
Lotuswurzel
ūṣaye (= ṛṣaye)
dem Ṛṣi
lopīm aditaye
der Aditi eine Lopī [?]
dityai purīm
der Diti einen Purī-Kuchen
uttara-aṣṭakam
Achtergruppe im Norden
lopī: Speisebezeichnung unklar; ūṣaye wohl für ṛṣaye.
darunter dem Rudradāsa Fleisch, [und zwar] Wildbret [?]; dann im Norden gebe man dem auf sechs Feldern stehenden Dharādhara eine Speisegabe aus Urdbohnen;
Wort für Wort
tad-adhaḥ
darunter
rudradāsāya
dem Rudradāsa
māsam (= māṃsam) mārgam
Fleisch, Wildbret [?]
māṣa-naivedyam
Speisegabe aus Urdbohnen
ṣaṭpada-sthe dharādhare
dem auf sechs Feldern stehenden Dharādhara
māsaṃ wohl für māṃsam; mārgam („vom Wild stammend“) unsicher.
āpāya śivakoṇādhaḥ tadvatsāya ca tatsthale / kramāddadyāddadhikṣīraṃ pūjayitvā vidhānataḥ //
Dem Āpa unterhalb der Śiva-Ecke und dem Āpavatsa an dessen Stelle gebe man der Reihe nach Sauermilch und Milch, nachdem man sie vorschriftsgemäß verehrt hat.
Dem in der Mitte auf vier Feldern sitzenden Brahman bringe man einen Opferbrei (caru) mit Schmelzbutter dar, versehen mit den fünf Kuhprodukten und ungebrochenen Körnern.
gṛhe ca nagarādau ca ekāśītipadair yajet / tripadā rajjavaḥ kāryāḥ ṣaṭpadāś ca vikoṇake //
Bei einem Wohnhaus und bei einer Stadt usw. verehre man mit einundachtzig Feldern; die Schnüre sind dreifeldig anzulegen und sechsfeldig in der Zwischenecke [?].
Bei Stadt, Dorf, Kheṭa [Anm.: kleine Siedlung] usw. hat der Vāstu auch wohl hundert Felder; die beiden zu den Ecken gehenden Bambusstäbe [heißen] stets Durjaya und Durdhara [?].
Wort für Wort
nagara-grāma-kheṭa-ādau
bei Stadt, Dorf, Kheṭa usw.
śatapadaḥ
hundertfeldig
vaṃśa-dvayam koṇa-gatam
die zwei diagonalen Bambusstäbe
durjayam durdharam
Durjaya, Durdhara
sadā
stets
Ob durjaya/durdhara Namen oder Attribute („schwer zu bezwingen/zu halten“) sind, bleibt offen.
Carakī usw. haben fünf Felder (bhūtapada); Schnüre, Bambusstäbe usw. wie zuvor. Bei der Gründung eines Landes soll der Vāstu hundertvierunddreißig [?] Felder haben.
Wort für Wort
bhūta-padāḥ
fünffeldig
rajju-vaṃśa-ādi
Schnüre, Bambusstäbe usw.
pūrvavat
wie zuvor
deśa-saṃsthāpane
bei der Gründung eines Landes
catustriṃśat-śatam
hundertvierunddreißig [?]
bhūta als Zahlwort = 5. catustriṃśacchata ist mehrdeutig (134 oder 3400).
Der im Vāstu-Maṇḍala Befindliche ist mit Tausenden von Bambus[einheiten] [?] an Feldern zu verstehen; dort soll der Kenner des Landes-Vāstu die Anordnung neunfach vornehmen.
Wort für Wort
vaṃśa-sahasraiḥ
mit Tausenden von Bambus[einheiten] [?]
vāstu-maṇḍala-gaḥ
im Vāstu-Maṇḍala befindlich
padaiḥ
mit Feldern
nyāsaḥ navaguṇaḥ
neunfache Anordnung
deśa-vāstu-vit
Kenner des Landes-Vāstu
vaṃśasahasraiḥ schwer verständlich; Sinn wohl „mit Tausenden von Feldern“.
Der Vāstu mit fünfundzwanzig Feldern heißt Vaitāla und gilt für den Scheiterhaufen [?]; ein anderer Vāstu hat neun Felder, ein weiterer sechzehn Felder.
Wort für Wort
pañcaviṃśat-padaḥ
fünfundzwanzigfeldig
vaitāla-ākhyaḥ
Vaitāla genannt
citau
beim Scheiterhaufen [?]
navapadaḥ
neunfeldig
ṣoḍaśa-aṅghriḥ
sechzehnfeldig
pañcaciṃśat für pañcaviṃśat; citau „beim Scheiterhaufen“ bzw. „beim Aufschichten“ unsicher.
Inmitten von Sechseck, Dreieck, Kreis usw. soll ein Viereck sein. Beim Ausheben der Grube [lege man] den Vāstu gleichmäßig auf den Boden [?], bei der Niederlegung, die im Grundstein (brahmaśilā) besteht,