Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 82: saṃskāradīkṣākathanam Darlegung der Saṃskāra-Weihe

Īśvara lehrt die Saṃskāra-Weihe: Übertragung des Bewusstseins des Schülers in den Schoß der Vāgīśvarī, die symbolischen Lebenszyklusriten (Empfängnis bis Namensgebung) als innere Vorgänge, die Samaya-Regeln und die Übergabe der Asketen-Insignien. Der Kopf nennt saṃskāradīkṣākathanaṃ, das Kolophon jedoch samayadīkṣākathanaṃ.

īśvara uvāca | vakṣye saṃskāradīkṣāyāṃ vidhānaṃ śṛṇu ṣaṇmukha / āvāhayenmaheśasya vahnisthasya śiro hṛdi //

Īśvara sprach: Ich werde die Vorschrift für die Saṃskāra-Weihe erklären; höre, Ṣaṇmukha! Er soll das Haupt und das Herz [?] des im Feuer befindlichen Maheśa herbeirufen;

Wort für Wort
vakṣye
ich werde erklären
saṃskāra-dīkṣāyām
bei der Saṃskāra-Weihe
śṛṇu ṣaṇmukha
höre, Sechsgesichtiger
āvāhayet
er soll herbeirufen
maheśasya vahni-sthasya
des im Feuer befindlichen Maheśa
śiraḥ hṛdi
Haupt, Herz

śiro hṛdi: wohl die Haupt- und Herz-Mantras bzw. das göttliche Paar (vgl. „die beiden“ in V. 2); Sinn unsicher.

saṃśliṣṭau tau samabhyarcya santarpya hṛdayātmanā / tayoḥ sannidhaye dadyāttenaivāhutipañcakaṃ //

diese beiden, einander umschlungen, soll er verehren und mit dem Herz-Mantra sättigen; für ihre Gegenwart soll er mit eben diesem fünf Opferungen darbringen.

Wort für Wort
saṃśliṣṭau tau
die beiden umschlungenen
samabhyarcya
verehrend
santarpya hṛdaya-ātmanā
mit dem Herz-Mantra sättigend
tayoḥ sannidhaye
für ihre Gegenwart
āhuti-pañcakam
fünf Opferungen

kusumenāstraliptena tāḍayettaṃ hṛdā śiśuṃ / prasphurattārakākāraṃ caitanyaṃ tatra bhāvayet //

Mit einer mit dem Astra bestrichenen Blume soll er das Kind (den Schüler) unter dem Herz-Mantra schlagen und dort das Bewusstsein als funkelnden Stern vorstellen.

Wort für Wort
kusumena astra-liptena
mit astra-bestrichener Blume
tāḍayet
schlagen
śiśum
das Kind (den Schüler)
prasphurat-tārakā-ākāram
von der Gestalt eines funkelnden Sterns
caitanyam bhāvayet
das Bewusstsein vorstellen

praviśya tatra huṅkāramuktaṃ recakayogataḥ / saṃhāriṇyā tadākṛṣya pūrakeṇa hṛdi nyaset //

Nachdem er dort eingedrungen ist – mit Huṃ-Laut, entsandt durch das Ausatmen –, soll er es mit der Saṃhāriṇī(-Mudrā) herausziehen und durch das Einatmen ins (eigene) Herz legen.

Wort für Wort
praviśya tatra
dort eindringend
huṅkāra-muktam
mit dem Laut huṃ entsandt
recaka-yogataḥ
durch Ausatmen
saṃhāriṇyā ākṛṣya
mit der Einzieh-Geste herausziehend
pūrakeṇa hṛdi nyaset
durch Einatmen ins Herz legen

tato vāgīśvarīyaunau mudrayodbhavasañjñayā / hṛtsampuṭitamantreṇa recakena vinikṣipet //

Dann soll er es mit der Mudrā namens Udbhava, mit dem vom Herz-Mantra eingeschlossenen Mantra, durch das Ausatmen in den Schoß der Vāgīśvarī hineinlegen.

Wort für Wort
vāgīśvarī-yonau
in den Schoß der Vāgīśvarī
mudrayā udbhava-sañjñayā
mit der Geste namens Udbhava
hṛt-sampuṭita-mantreṇa
mit dem vom Herz-Mantra umschlossenen Mantra
recakena vinikṣipet
durch Ausatmen hineinlegen

oṃ hāṃ hāṃ hāṃ ātmane namaḥ jājvalyamāne nirdhūme juhuyādiṣṭasiddhaye / apravṛddhe sadhūme tu homo vahnau na siddhyati //

(Mantra:) „oṃ hāṃ hāṃ hāṃ, dem Selbst Verehrung.“ In das lodernde, rauchlose (Feuer) soll er zur Erreichung des Gewünschten opfern; in einem nicht angewachsenen, rauchenden Feuer aber gelingt das Opfer nicht.

Wort für Wort
ātmane namaḥ
dem Selbst Verehrung
jājvalyamāne nirdhūme
im lodernden, rauchlosen
iṣṭa-siddhaye
zur Erreichung des Gewünschten
apravṛddhe sa-dhūme
im nicht angewachsenen, rauchenden
homaḥ na siddhyati
das Opfer gelingt nicht

snigdhaḥ pradakṣiṇāvartaḥ sugandhiḥ śasyate 'nalaḥ / viparītasphuliṅgī ca bhūmisparśaḥ praśasyate //

Ein glänzendes, rechtsdrehendes, wohlriechendes Feuer wird gelobt; und auch (eines), dessen Funken in umgekehrter Richtung fliegen und das den Boden berührt, wird gelobt [?].

Wort für Wort
snigdhaḥ
glänzend
pradakṣiṇa-āvartaḥ
rechtsdrehend
sugandhiḥ
wohlriechend
śasyate analaḥ
das Feuer wird gelobt
viparīta-sphuliṅgī
mit umgekehrt fliegenden Funken
bhūmi-sparśaḥ
den Boden berührend

Im zweiten Halbvers erwartet man inhaltlich eher „wird nicht gelobt“; möglicherweise verderbt.

ityevamādibhiścihnair hutvā śiṣyasya kalmaṣaṃ / pāpabhakṣaṇahomena dahedvā taṃ bhavātmanā //

Nachdem er (in ein Feuer) mit solchen und ähnlichen Zeichen geopfert hat, soll er die Befleckung des Schülers durch das sündenverzehrende Opfer verbrennen, oder ihn (reinigen) mittels Bhavas (Śivas) Wesen.

Wort für Wort
iti evam-ādibhiḥ cihnaiḥ
mit solchen Zeichen
śiṣyasya kalmaṣam
die Befleckung des Schülers
pāpa-bhakṣaṇa-homena
durch das sündenverzehrende Opfer
dahet
verbrennen
bhava-ātmanā
mittels Bhavas Wesen

dvijatvāpādanārthāya tathā rudrāṃśabhāvane / āhāravījasaṃśuddhau garbhādhānāya saṃsthitau //

Zur Herbeiführung des Zweimal-Geboren-Seins, sowie bei der Vorstellung (des Schülers) als Anteil Rudras, zur Reinigung von Nahrung und Samen, bei der Handlung der Empfängnis (garbhādhāna),

Wort für Wort
dvijatva-āpādana-arthāya
zur Herbeiführung der Zweimalgeburt
rudra-aṃśa-bhāvane
bei der Vorstellung als Anteil Rudras
āhāra-vīja-saṃśuddhau
bei der Reinigung von Nahrung und Samen
garbha-ādhānāya
für die Empfängnis

sīmante janmato nāmakaraṇāya ca homayet / śatāni pañca mūlena vauṣaḍādidaśāṃśataḥ //

beim Scheitelziehen (sīmanta), bei der Geburt und für die Namensgebung soll er fünfhundert (Opferungen) mit dem Wurzel-Mantra darbringen, und mit vauṣaṭ usw. ein Zehntel davon.

Wort für Wort
sīmante
beim Scheitelziehen
janmataḥ
bei der Geburt
nāma-karaṇāya
für die Namensgebung
śatāni pañca mūlena
fünfhundert mit dem Wurzel-Mantra
vauṣaṭ-ādi-daśa-aṃśataḥ
mit vauṣaṭ usw. ein Zehntel

śithilībhūtabandhasya śaktāvutkarṣaṇaṃ ca yat / ātmano rudraputtratve garbhādhānaṃ taducyate //

Das Emporziehen (der Seele) dessen, dessen Fessel gelockert ist, in die Śakti, und zwar (zur Geburt) des Selbst als Sohn Rudras – das heißt Empfängnis (garbhādhāna).

Wort für Wort
śithilī-bhūta-bandhasya
dessen Fessel gelockert ist
śaktau utkarṣaṇam
das Emporziehen in die Śakti
ātmanaḥ
des Selbst
rudra-putratve
zur Sohnschaft Rudras
garbha-ādhānam tat ucyate
das heißt Empfängnis

rudraputtratve für rudraputratve.

svāntatryātmaguṇavyaktiriha puṃsavanaṃ mataṃ / māyātmanorvivekena jñānaṃ sīmantavardhanaṃ //

Die Offenbarung der drei Guṇas des inneren Selbst gilt hier als Puṃsavana (Ritus zur Knabenzeugung); die Erkenntnis durch Unterscheidung von Māyā und Selbst ist das Scheitelziehen (sīmantavardhana).

Wort für Wort
sva-anta-tri-ātma-guṇa-vyaktiḥ
Offenbarung der drei Guṇas des inneren Selbst
puṃsavanam matam
gilt als Puṃsavana
māyā-ātmanoḥ vivekena
durch Unterscheidung von Māyā und Selbst
jñānam
Erkenntnis
sīmanta-vardhanam
Scheitelziehen

śivāditattvaśuddhestu svīkāro jananaṃ mataṃ / bodhanaṃ yacchivatvena śivatvārhasya no mataṃ //

Die Aneignung der Reinigung der Tattvas, beginnend mit Śiva, gilt als Geburt; das Erwecken dessen, der der Śiva-Natur würdig ist, als Śiva – das gilt bei uns [als Namensgebung].

Wort für Wort
śiva-ādi-tattva-śuddheḥ
der Reinigung der Tattvas ab Śiva
svīkāraḥ
Aneignung
jananam matam
gilt als Geburt
bodhanam śivatvena
Erwecken als Śiva
śivatva-arhasya
des der Śiva-Natur Würdigen
naḥ matam
gilt bei uns

no matam hier als nas matam („bei uns gilt“) aufgefasst; die Gleichsetzung mit der Namensgebung ist aus der Reihe in V. 10 ergänzt.

saṃhāramudrayātmānaṃ sphuradvahnikaṇopamaṃ / vidadhīta samādāya nije hṛdayapaṅkaje //

Mit der Saṃhāra-Mudrā soll er das Selbst (des Schülers), das einem aufblitzenden Feuerfunken gleicht, aufnehmen und in seinen eigenen Herzlotus setzen.

Wort für Wort
saṃhāra-mudrayā
mit der Einzieh-Geste
ātmānam
das Selbst
sphurat-vahni-kaṇa-upamam
einem aufblitzenden Feuerfunken gleich
samādāya
aufnehmend
nije hṛdaya-paṅkaje
im eigenen Herzlotus

tataḥ kumbhayogena mūlamantramudīrayet / kuryāt samavaśībhāvaṃ tadā ca śivayorhṛdi //

Dann soll er durch Anhalten des Atems (kumbhaka) den Wurzel-Mantra aussprechen und dann im Herzen des göttlichen Paares (Śiva und Śakti) den Zustand der Gleichheit bewirken.

Wort für Wort
kumbhaka-yogena
durch Atemanhalten
mūla-mantram udīrayet
den Wurzel-Mantra aussprechen
sama-vaśī-bhāvam
Gleichheitszustand [?]
śivayoḥ hṛdi
im Herzen des Paares Śiva–Śakti

kumbhayogena wohl für kumbhakayogena; samavaśībhāvam unsicher (vielleicht samarasībhāvam „Einsgeschmack“).

brahmādikāraṇātyāgakramādrecakayogataḥ / nītvā śivāntamātmānamādāyodbhavamudrayā //

Nachdem er das Selbst in der Reihenfolge des Aufgebens der Ursachen (Gottheiten) Brahmā usw. mittels Ausatmen bis zu Śiva geführt und mit der Udbhava-Mudrā aufgenommen hat,

Wort für Wort
brahma-ādi-kāraṇa-tyāga-kramāt
in der Folge des Aufgebens der Ursachen Brahmā usw.
recaka-yogataḥ
mittels Ausatmen
nītvā śiva-antam ātmānam
das Selbst bis zu Śiva führend
ādāya udbhava-mudrayā
mit der Udbhava-Geste aufnehmend

hṛtsampuṭitamantreṇa recakena vidhānavit / śiṣyasya hṛdayāmbhojakarṇikāyāṃ vinikṣipet //

soll der Vorschriftskundige es mit dem vom Herz-Mantra eingeschlossenen Mantra durch Ausatmen in die Samenkapsel des Herzlotus des Schülers legen.

Wort für Wort
vidhāna-vit
der Vorschriftskundige
śiṣyasya
des Schülers
hṛdaya-ambhoja-karṇikāyām
in die Samenkapsel des Herzlotus
vinikṣipet
hineinlegen

pūjāṃ śivasya vahneś ca guruḥ kuryāttadocitāṃ / praṇatiñcātmane śiṣyaṃ samayān śrāvayettathā //

Dann soll der Guru die angemessene Verehrung Śivas und des Feuers vollziehen, den Schüler sich vor ihm (dem Guru) verneigen lassen und ihm ebenso die Samaya-Regeln verkünden:

Wort für Wort
pūjām śivasya vahneḥ ca
Verehrung Śivas und des Feuers
tadā ucitām
dann angemessen
praṇatim ātmane
Verneigung vor sich selbst
samayān śrāvayet
die Samaya-Regeln verkünden

devaṃ na nindecchāstrāṇi nirmālyādi na laṅghayet / śivāgnigurupūjā ca kartavyā jīvitāvadhi //

Er soll weder den Gott noch die Lehrschriften schmähen, Abgelegtes (nirmālya) usw. nicht überschreiten; die Verehrung Śivas, des Feuers und des Guru ist bis zum Lebensende zu vollziehen.

Wort für Wort
devam na nindet
den Gott nicht schmähen
śāstrāṇi
die Lehrschriften
nirmālya-ādi na laṅghayet
Abgelegtes usw. nicht überschreiten
śiva-agni-guru-pūjā
Verehrung von Śiva, Feuer und Guru
jīvita-avadhi
bis zum Lebensende

bālabāliśavṛddhastrībhogabhugvyādhitātmanāṃ / yathāśakti dadītārthaṃ samarthasya samagrakān //

Kindern, Toren, Alten, Frauen, Genussmenschen und Kranken soll er nach Vermögen Güter geben; dem Befähigten aber die vollständigen (Insignien):

Wort für Wort
bāla-bāliśa-vṛddha-strī
Kinder, Toren, Alte, Frauen
bhoga-bhuj
Genießende
vyādhita-ātmanām
der Kranken
yathā-śakti dadīta artham
nach Vermögen Güter geben
samarthasya samagrakān
dem Befähigten die vollständigen

bhūtāṅgāni jaṭābhasmadaṇḍakaupīnasaṃyamān / īśānādyair hṛdādyair vā parijapya yathākramāt //

die Glieder der Wesen [?], Flechtenhaar, Asche, Stab, Lendenschurz und Enthaltungsregeln; diese soll er mit (den Mantras) Īśāna usw. oder Herz usw. der Reihe nach beraunen,

Wort für Wort
bhūta-aṅgāni
die Glieder der Wesen [?]
jaṭā-bhasma-daṇḍa-kaupīna
Flechtenhaar, Asche, Stab, Lendenschurz
saṃyamān
Enthaltungsregeln
īśāna-ādyaiḥ hṛd-ādyaiḥ vā
mit Īśāna usw. oder Herz usw.
parijapya
beraunend

bhūtāṅgāni: wohl Bezeichnung der asketischen Insignien; genauer Sinn unsicher.

svāhāntasaṃhitamantraiḥ pātreṣvāropya pūrvavat / sampāditadrutaṃ hutvā sthaṇḍileśāya darśayet //

mit den auf svāhā endenden Saṃhitā-Mantras wie zuvor auf Gefäße legen, das Bereitete rasch [?] opfern und dem Herrn des Opferplatzes zeigen.

Wort für Wort
svāhā-anta-saṃhitā-mantraiḥ
mit Saṃhitā-Mantras auf svāhā
pātreṣu āropya
auf Gefäße legend
hutvā
opfernd
sthaṇḍila-īśāya darśayet
dem Herrn des Opferplatzes zeigen

sampāditadrutam: wohl sampātāhutam („mit dem Rest geopfert“) o. ä.; unsicher.

rakṣaṇāya ghaṭādhastādāropya kṣaṇamātrakaṃ / śivādājñāṃ samādāya dadīta yatine guruḥ //

Zum Schutz soll er sie für einen Augenblick unter den Krug legen, von Śiva die Erlaubnis einholen, und dann soll der Guru sie dem Asketen (yati) geben.

Wort für Wort
rakṣaṇāya
zum Schutz
ghaṭa-adhastāt āropya
unter den Krug legend
kṣaṇa-mātrakam
einen Augenblick
śivāt ājñām samādāya
von Śiva die Erlaubnis einholend
dadīta yatine
dem Asketen geben

evaṃ samayadīkṣāyāṃ viśiṣṭāyāṃ viśeṣataḥ / vahnihomāgamajñānayogyaḥ sañjāyate śiśruḥ //

So wird in der Samaya-Weihe, besonders in der ausgezeichneten, der Schüler zu Feueropfer, Studium der Āgamas und Erkenntnis befähigt.

Wort für Wort
evam
so
samaya-dīkṣāyām viśiṣṭāyām
in der ausgezeichneten Samaya-Weihe
vahni-homa
Feueropfer
āgama-jñāna-yogyaḥ
zu Āgama und Erkenntnis befähigt
sañjāyate śiśuḥ
wird der Schüler

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