Kapitel 380: gītāsāraḥ
Die Essenz der Bhagavadgītā
Agni gibt eine stark verkürzte Zusammenfassung der Bhagavadgītā in Kṛṣṇas Worten: Unvergänglichkeit des Selbst, Entstehung der Begierde, der Standfeste, Erkenntnis als Feuer, die vier Arten der Verehrer, Feld und Feldkenner, das zu Erkennende, die drei Guṇas in Speise, Opfer, Askese, Gabe, Erkenntnis, Handlung und Glück. Die Kürzungen machen manche Stellen elliptisch; mehrere Tippfehler der Digitalisierung (z. B. ammohāt, mahāvaho, saunamāt-) sind in den Anmerkungen vermerkt.
Agni sprach: Ich werde die Essenz der Gītā verkünden, die allerhöchste unter allen Gītās, die einst Kṛṣṇa dem Arjuna sagte und die Genuss und Erlösung gewährt.
Der Erhabene sprach: Ob einer verstorben ist oder nicht verstorben – der Verkörperte, Ungeborene ist nicht zu betrauern. Das Selbst ist alterslos, unsterblich, unzerteilbar; darum lege man Kummer und dergleichen ab.
Wort für Wort
gata-asuḥ agata-asuḥ vā
ob des Lebens beraubt oder nicht
na śocyaḥ
nicht zu betrauern
dehavān ajaḥ
der Verkörperte, Ungeborene
ātmā ajaraḥ amaraḥ abhedyaḥ
das Selbst ist alterslos, unsterblich, unzerteilbar
dhyāyato viṣayān puṃsaḥ saṅgasteṣūpajāyate / saṅgāt kāmastataḥ krodhaḥ krodhātsammoha eva ca //
Einem Menschen, der über die Sinnesobjekte nachsinnt, entsteht Anhaftung an sie; aus der Anhaftung entsteht Begierde, daraus Zorn, aus dem Zorn Verblendung.
ammohāt smṛtivibhraṃśo buddhināśāt praṇaśyati / duḥsaṅgahāniḥ satsaṅgānmokṣakābhī ca kāmanut //
Aus der Verblendung Verwirrung der Erinnerung; durch den Verlust der Einsicht geht er zugrunde. Aus guter Gesellschaft [folgt] das Meiden schlechter Gesellschaft, [man wird] nach Erlösung verlangend und vertreibt die Begierde.
Wort für Wort
sammohāt
aus Verblendung
smṛti-vibhraṃśaḥ
Verwirrung der Erinnerung
buddhi-nāśāt praṇaśyati
durch Verlust der Einsicht geht er zugrunde
duḥsaṅga-hāniḥ
Aufgeben schlechter Gesellschaft
sat-saṅgāt
aus guter Gesellschaft
kāma-nud
die Begierde vertreibend
„ammohāt“ ist Digitalisierungsfehler für „sammohāt“. Das Zwischenglied „smṛtibhraṃśād buddhināśo“ ist verkürzt. „mokṣakābhī“ wohl für „mokṣakāmī“.
Durch das Aufgeben der Begierde im Selbst gegründet – dann heißt er „einer von fester Einsicht“. Was Nacht für alle Wesen ist, darin wacht der Selbstbeherrschte;
Für ihn gibt es hier weder im Tun irgendeinen Zweck noch im Nichttun. Wer aber, o Starkarmiger, die Wahrheit über die Scheidung von Guṇas und Handlungen kennt,
Wort für Wort
na eva tasya kṛte arthaḥ
für ihn kein Zweck im Tun
na akṛte
nicht im Nichttun
tattva-vid
Wahrheitskenner
mahābāho
o Starkarmiger
guṇa-karma-vibhāgayoḥ
über die Scheidung von Guṇas und Handlungen
„mahāvaho“ ist verderbt für „mahābāho“; „kaś canaḥ“ für „kaścana“.
erblickt, wer im Yoga gefestigt ist und überall Gleiches schaut. Wer vom Yoga abgefallen ist, wird im Haus reiner und wohlhabender Leute wiedergeboren.
māmeva ye prapadyante māyāmetāntaranti te / ārto jijñāsurarthārtho jñānī ca bharatarṣabha //
Die aber allein zu mir Zuflucht nehmen, überwinden diese Māyā. Der Leidende, der Wissbegierige, der nach Gütern Strebende und der Wissende, o Stier unter den Bharatas –
Die Entsendung, die das Entstehen der Daseinszustände der Wesen bewirkt, heißt Karman. Das Adhibhūta ist das vergängliche Sein, und der Puruṣa ist das Adhidaivata.
An welches Sein auch immer einer am Ende denkt, wenn er den Leib verlässt, zu diesem gelangt er. Wer den Lebensatem zwischen die Brauen legt, erlangt am Ende mich, das Höchste.
omityekākṣaraṃ brahmavadan dehaṃ tyajantathā / brahmādistambhaparyantāḥ sarve mama vibhūtayaḥ //
Wer „oṃ“, das einsilbige Brahman, sprechend so den Leib verlässt [, gelangt zum Höchsten]. Von Brahmā bis zum Grashalm sind alle [Wesen] meine Machtentfaltungen.
Wort für Wort
om iti eka-akṣaram brahma
„oṃ“, das einsilbige Brahman
vadan
sprechend
deham tyajan
den Leib verlassend
brahma-ādi-stamba-paryantāḥ
von Brahmā bis zum Grashalm
mama vibhūtayaḥ
meine Machtentfaltungen
Die Folge des Relativsatzes (Erlangen des höchsten Ziels) ist ausgelassen; „brahmavadan“ = „brahma vyāharan“.
Wunsch, Abneigung, Freude, Leid, der Zusammenhang [des Leibes], das Bewusstsein, die Standhaftigkeit – dies ist, in Kürze, das Feld mitsamt seinen Umwandlungen.
indriyārtheṣu vairāgyamanahaṅkāra eva ca / janmamṛtyujarāvyādhiduḥkhadoṣānudarśanaṃ //
Leidenschaftslosigkeit gegenüber den Sinnesobjekten und Fehlen des Ich-Bewusstseins, das Durchschauen des Übels von Geburt, Tod, Alter, Krankheit und Leid,
Beständigkeit in der Erkenntnis des höchsten Selbst, das Ausschauen nach der Erkenntnis der Wahrheit – dies wird Erkenntnis genannt; Nichterkenntnis ist, was davon abweicht.
Was das zu Erkennende ist, will ich verkünden, durch dessen Erkenntnis man Unsterblichkeit genießt: das anfanglose höchste Brahman; es wird „Sein“ genannt.
Wort für Wort
jñeyam
das zu Erkennende
jñātvā amṛtam aśnute
erkennend genießt man Unsterblichkeit
anādi
anfanglos
param brahma
höchstes Brahman
sattvam nāma
„Sein“ genannt [?]
„sattvaṃ nāma“ vielleicht verderbt; die Gītā-Fassung lautet „na sat tan nāsad ucyate“.
sarvendriyaguṇābhāsaṃ sarvendriyavivarjitam / asaktaṃ sarvabhṛccaiva nirguṇaṃ guṇabhoktṛ ca //
Es erscheint mit den Eigenschaften aller Sinne und ist doch aller Sinne ledig; unanhaftend und doch alles tragend, frei von Guṇas und doch die Guṇas genießend.
Es ist, heißt es, das Licht auch der Lichter, jenseits der Finsternis: Erkenntnis, zu Erkennendes, durch Erkenntnis Erreichbares, im Herzen eines jeden weilend.
Andere aber, die es so nicht kennen, verehren [es], nachdem sie es von anderen gehört haben; auch sie überqueren gewiss rasch den Tod, dem Gehörten ergeben.
guṇā vartanta ity eva yo 'vatiṣṭhati neṅgate / mānāvamānamitrāritulyastyāgī sa nirguṇaḥ //
Wer denkend „die Guṇas wirken“ feststeht und nicht wankt, gleich gegenüber Ehre und Schmach, Freund und Feind, der Entsagende – der ist jenseits der Guṇas.
ūrdhvamūlamadhaḥśākhamaśvatthaṃ prāhuravyayaṃ / chandāṃsi yasya parṇāni yastaṃ veda sa vedavit //
Den Aśvattha-Baum mit den Wurzeln oben und den Zweigen unten nennt man unvergänglich; seine Blätter sind die Metren [des Veda]; wer ihn kennt, ist Veda-kundig.
dvau bhūtasargau loke 'smin daiva āsura eva ca / ahiṃsādiḥ kṣamā caiva daivīsampattito nṛṇāṃ //
Zwei Schöpfungen von Wesen gibt es in dieser Welt: die göttliche und die dämonische. Gewaltlosigkeit usw. und Geduld [erwachsen] den Menschen aus der göttlichen Ausstattung.
na śaucaṃ nāpi vācāro hy āsurīsampadoddhavaḥ / narakatvāt krodhalobhakāmastasmāttrayaṃ tyajet //
Weder Reinheit noch rechter Wandel [findet sich bei dem], der aus der dämonischen Ausstattung hervorgegangen ist. Weil sie zur Hölle führen, lege man die Dreiheit Zorn, Gier und Begierde ab.
Speise, die Leid, Kummer und Krankheit bringt, scharf und trocken, ist rajasisch; unreine, übrig gebliebene, faulige, saftlose Speise und dergleichen ist tamasisch.
Das Opfer, das nach Vorschrift darzubringen ist, ohne Verlangen, ist sattvisch; das Opfer um der Frucht willen, aus Heuchelei, ist rajasisch; [das übrige] Opfer ist tamasisch.
Wort für Wort
yaṣṭavyaḥ vidhinā
nach Vorschrift darzubringen
niṣkāmāya
ohne Verlangen
phalāya
um der Frucht willen
dambha-
aus Heuchelei
tāmasaḥ kratuḥ
tamasisches Opfer
„dambhātmī“ unklar, wohl für „dambhātmā“ o. ä. (heuchlerisch).
śraddhāmantrādividhyuktaṃ tapaḥ śārīramucyate / devādipūjāhiṃsādi vāṅmayaṃ tapa ucyate //
Askese ist, was mit Glauben, Mantras usw. und nach Vorschrift verbunden ist. Körperliche [Askese] heißt: Verehrung der Götter usw., Gewaltlosigkeit usw. Als Askese der Rede gilt:
Wort für Wort
śraddhā-mantra-ādi-vidhi-uktam
mit Glauben, Mantras usw. nach Vorschrift
tapaḥ
Askese
śārīram
körperlich
deva-ādi-pūjā
Verehrung der Götter usw.
vāṅmayam tapaḥ
Askese der Rede
Gliederung nach Sinn: „śārīram ucyate“ gehört zum Folgenden, „vāṅmayaṃ tapa ucyate“ leitet V. 45 ein.
eine nicht aufregende Rede, Wahrheit, Selbststudium des Veda und rechtes Murmeln [von Gebeten]. Geistige [Askese] ist [das, was] aus der Läuterung des Denkens [kommt]: Schweigen und Selbstbezähmung.
Wort für Wort
anudvega-karam vākyam
nicht aufregende Rede
satyam
Wahrheit
svādhyāya-sat-japaḥ
Selbststudium und rechtes Murmeln
mānasam
geistig
citta-saṃśuddheḥ
aus Läuterung des Denkens
maunam ātma-vinigrahaḥ
Schweigen, Selbstbezähmung
„saunamātsavinigrahaḥ“ verderbt, wohl „maunam ātmavinigrahaḥ“.
die am [rechten] Ort usw. zu geben ist; die um einer Gegenleistung willen [gegebene] ist rajasisch; die am unrechten Ort usw. und mit Verachtung [gegebene] Gabe heißt tamasisch.
aniṣṭamiṣṭaṃ miśrañca trividhaṃ karmaṇaḥ phalaṃ / bhavatyatyāgināṃ pretya na tu sannyāsināṃ kvacit //
Unerwünscht, erwünscht und gemischt – dreifach ist die Frucht der Handlung; sie wird den Nicht-Entsagenden nach dem Tod zuteil, den Entsagenden aber niemals.
Tamasisch ist [die Entsagung] aus Verblendung gegenüber der Verbindung mit Handlungen, rajasisch aus Furcht vor Mühsal usw., sattvisch aus Verlangenlosigkeit. Fünf sind diese Ursachen der Handlung:
Wort für Wort
karma-saṃyogāt mohāt
aus Verblendung gegenüber Handlungsverbindung
kleśa-bhaya-ādikāt
aus Furcht vor Mühsal usw.
akāmāt
aus Verlangenlosigkeit
pañca karma-hetavaḥ
fünf Ursachen der Handlung
Stark verkürzte Wiedergabe der Gītā-Lehre über die drei Arten der Entsagung (tyāga); Subjekt ergänzt.
der Sitz [der Handlung], ebenso der Täter, das Werkzeug verschiedener Art, die dreifachen und je verschiedenen Tätigkeiten, und das Schicksal hier als fünftes.
Einheitliche Erkenntnis ist sattvisch, gesonderte Erkenntnis rajasisch, eine nicht auf das Wahre gerichtete tamasisch. Handlung ohne Verlangen ist sattvisch,
Handlung um des Verlangens willen rajasisch, Handlung aus Verblendung tamasisch. Der Täter, gleich bei Gelingen und Misslingen, ist sattvisch; rajasisch ist der Übermäßige [?];
śaṭho 'lasastāmasaḥ syāt kāryādidhīś ca sāttvikī / kāryārthaṃ sā rājasī syādviparītā tu tāmasī //
der Falsche und Träge ist tamasisch. Die Einsicht in das zu Tuende usw. ist sattvisch; die auf den Nutzen gerichtete ist rajasisch; die verkehrte aber tamasisch.
Die Festigkeit des Geistes ist sattvisch, die auf Freude und Wunsch gerichtete rajasisch, die tamasische aber [haftet] an Kummer usw. Das Glück aus Sattva ist dasjenige, das am Ende [gut] ausgeht [?];
rajasisch ist das Glück, das am Anfang [Glück ist]; das am Ende Leid [bringt], ist tamasisch [?]. Von ihm stammt das Wirken der Wesen, durch den all dies ausgespannt ist;
Wort für Wort
sukham rājasam agre
rajasisches Glück am Anfang
ante duḥkham
am Ende Leid
pravṛttiḥ bhūtānām
das Wirken der Wesen
yena sarvam idam tatam
durch den all dies ausgespannt ist
Die Zuordnung rajasisch/tamasisch ist gegenüber der Gītā verkürzt und unklar.