Agni-Purāṇa
Kapitel 372: āsanaprāṇāyāmapratyāhārāḥ
Sitzhaltung, Atemzügelung und Zurückziehen der Sinne
Agni beschreibt die Yoga-Sitzhaltung mit Sitzplatz, Körperhaltung, Blickrichtung und Handstellung, danach den Prāṇāyāma mit Ausatmen (recaka), Einatmen (pūraka) und Anhalten (kumbhaka), dessen drei Grade, Wirkungen und die Unterscheidung ‚mit Keim‘ und ‚ohne Keim‘. Das Bild vom Körper als Wagen und die Definition des Zurückziehens der Sinne (pratyāhāra) schließen das Kapitel ab. Einzelne Wörter sind verderbt (V. 5 dhāma-, V. 12 khalpadojavin-, V. 18 sāyayā).
agnir uvāca | āsanaṃ kamalādyuktaṃ tadbaddhvā cintayetparaṃ / śucau deśe pratiṣṭhāpya sthiramāsanamātmanaḥ //
Agni sprach: Als Sitzhaltung (āsana) wird die Lotus[haltung] usw. genannt; nachdem man sie eingenommen hat, meditiere man über das Höchste. An einem reinen Ort stelle man für sich einen festen Sitz auf,
Wort für Wort āsanam Sitzhaltung kamala-ādi Lotus usw. tat baddhvā sie eingenommen habend cintayet param man meditiere das Höchste śucau deśe an einem reinen Ort sthiram āsanam einen festen Sitz nātyucchritaṃ nātinīcaṃ celājinakuśottaraṃ / tatraikāgraṃ manaḥ kṛtvā yātacittendriyakriyaḥ //
nicht zu hoch, nicht zu niedrig, mit Tuch, Fell und Kuśa-Gras bedeckt. Dort mache man den Geist einspitzig, Denken, Sinne und Tätigkeit gezügelt,
Wort für Wort na ati-ucchritam nicht zu hoch na ati-nīcam nicht zu niedrig cela-ajina-kuśa-uttaram mit Tuch, Fell und Kuśa bedeckt ekāgram manaḥ kṛtvā den Geist einspitzig machend yata-citta-indriya-kriyaḥ Denken, Sinne und Tätigkeit gezügelt yāta für yata.
upaviśyāsane yuñjyādyogamātmaviśuddhaye / samakāyaśīragrīvaṃ dhārayannacalaṃ sthiraḥ //
sitzend auf dem Sitz übe man Yoga zur Läuterung des Selbst, Körper, Kopf und Hals gerade [und] unbewegt haltend, fest,
Wort für Wort upaviśya āsane auf dem Sitz sitzend yuñjyāt yogam man übe Yoga ātma-viśuddhaye zur Läuterung des Selbst sama-kāya-śiro-grīvam Körper, Kopf und Hals gerade acalam sthiraḥ unbewegt, fest śīra für śiraḥ.
samprekṣya nāsikāgraṃ svandiśaścānavalokayan / pārṣṇibhyāṃ vṛṣaṇau rakṣaṃs tathā prajananaṃ punaḥ //
auf die eigene Nasenspitze blickend und nicht in die Himmelsrichtungen schauend, mit den Fersen die Hoden schützend und ebenso das Zeugungsglied,
Wort für Wort samprekṣya nāsikā-agram auf die Nasenspitze blickend diśaḥ ca anavalokayan nicht in die Richtungen schauend pārṣṇibhyām mit den Fersen vṛṣaṇau rakṣan die Hoden schützend prajananam das Zeugungsglied urubhyāmuparisthāpya vāhū tiryak prayatnataḥ / dakṣiṇaṃ karapṛṣṭhañca nyaseddhāmatalopari //
die Arme sorgfältig quer über die Oberschenkel legend, lege man den Rücken der rechten Hand auf die Fläche der linken.
Wort für Wort ūrubhyām upari über die Oberschenkel bāhū tiryak die Arme quer dakṣiṇam kara-pṛṣṭham den rechten Handrücken nyaset lege man vāma-tala-upari auf die linke Fläche dhāmatalopari wohl für vāmatalopari.
unnamya śanakair vakraṃ mukhaṃ viṣṭabhya cāgrataḥ / prāṇaḥ svadehajo vāyustasyāyāmo nirodhanaṃ //
Man hebe das Gesicht sanft ein wenig [?] an und halte es nach vorne gestreckt. Prāṇa ist der im eigenen Körper entstandene Wind; dessen Zügelung (āyāma) ist das Anhalten.
Wort für Wort unnamya śanakaiḥ sanft anhebend mukham viṣṭabhya agrataḥ das Gesicht nach vorn gestreckt prāṇaḥ Prāṇa sva-deha-jaḥ vāyuḥ der im eigenen Körper entstandene Wind tasya āyāmaḥ dessen Zügelung nirodhanam Anhalten vakraṃ („gekrümmt“) unklar, vielleicht für kiñcit.
nāsikāpuṭamaṅgulyā pīḍyaiva ca pareṇa ca / ādaraṃ recayedvāyuṃ recanādrecakaḥ smṛtaḥ //
Ein Nasenloch mit einem Finger zudrückend, lasse man durch das andere sorgfältig den Wind aus; wegen des Ausstoßens (recana) heißt es recaka.
Wort für Wort nāsikā-puṭam aṅgulyā das Nasenloch mit dem Finger pīḍya zudrückend pareṇa durch das andere recayet vāyum lasse den Wind aus recanāt recakaḥ wegen des Ausstoßens recaka vāhyena vāyunā dehaṃ dṛtivat pūrayedyathā / tathā purṇaś ca santiṣṭhet pūraṇāt pūrakaḥ smṛtaḥ //
Wie man einen Schlauch [füllt], so fülle man mit äußerem Wind den Körper, und so gefüllt verharre man: wegen des Füllens (pūraṇa) heißt es pūraka.
Wort für Wort bāhyena vāyunā mit äußerem Wind deham den Körper dṛti-vat wie einen Schlauch pūrayet fülle man pūrṇaḥ santiṣṭhet gefüllt verharre man pūraṇāt pūrakaḥ wegen des Füllens pūraka na bhuñcati na gṛhṇāti vāyumantarvāhiḥsthitam / sampūrṇakumbhavattiṣṭhedacalaḥ sa tu kumbhakaḥ //
Man lässt den inneren und äußeren Wind weder los noch nimmt man ihn auf; wie ein voller Krug verharre man unbewegt: das ist kumbhaka.
Wort für Wort na muñcati lässt nicht los na gṛhṇāti nimmt nicht auf antar-bahiḥ-sthitam innen und außen befindlich sampūrṇa-kumbha-vat wie ein voller Krug kumbhakaḥ kumbhaka (Anhalten) bhuñcati für muñcati.
kanyakaḥ sakṛdudghātaḥ sa vai dvādaśamātrikaḥ / madhyamaś ca dvirudghātaś caturviṃśatimātrikaḥ //
Der niedrigste hat einen einmaligen Anstoß (udghāta) und zwölf Moren; der mittlere hat einen zweimaligen Anstoß und vierundzwanzig Moren;
Wort für Wort kanīyān der niedrigste sakṛt-udghātaḥ mit einmaligem Anstoß dvādaśa-mātrikaḥ von zwölf Moren madhyamaḥ der mittlere dviḥ-udghātaḥ mit zweimaligem Anstoß caturviṃśati-mātrikaḥ von vierundzwanzig Moren kanyakaḥ für kanyasaḥ/kanīyān.
uttamaś ca trirudghātaḥ ṣaṭtriṃśattālamātrikaḥ / svedakampābhidhātānām jananaścottamottamaḥ //
der höchste hat einen dreimaligen Anstoß und sechsunddreißig Takt-Moren; der allerhöchste erzeugt Schweiß, Zittern und Aufspringen [?].
Wort für Wort uttamaḥ der höchste triḥ-udghātaḥ mit dreimaligem Anstoß ṣaṭtriṃśat-tāla-mātrikaḥ von sechsunddreißig Takt-Moren sveda-kampa Schweiß, Zittern uttama-uttamaḥ der allerhöchste abhidhātānām wohl für abhighātānām.
ajitānnāruhedbhūmiṃ hikkāśvāsādayas tathā / jite prāṇe khalpadojavinmūtrādi prajāyate //
Ohne [den Atem] besiegt zu haben, ersteige man nicht die [nächste] Stufe; [sonst entstehen] Schluckauf, Atemnot und dergleichen. Ist der Atem besiegt, entsteht eine Verringerung von Kot, Urin usw.
Wort für Wort ajitāt ohne besiegt zu haben na āruhet bhūmim ersteige nicht die Stufe hikkā-śvāsa-ādayaḥ Schluckauf, Atemnot usw. jite prāṇe wenn der Atem besiegt ist alpa gering viṇ-mūtra-ādi Kot, Urin usw. khalpadojavinmūtrādi verderbt, wohl svalpaṃ viṇmūtrādi o. Ä.
ārogyaṃ śīghragāmitvamutsāhaḥ svarasauṣṭhavam / balavarṇaprasādaś ca sarvadoṣakṣayaḥ phalaṃ //
Gesundheit, Schnellfüßigkeit, Tatkraft, Wohlklang der Stimme, Klarheit von Kraft und Hautfarbe und das Schwinden aller Fehler sind die Frucht.
Wort für Wort ārogyam Gesundheit śīghra-gāmitvam Schnellfüßigkeit utsāhaḥ Tatkraft svara-sauṣṭhavam Wohlklang der Stimme bala-varṇa-prasādaḥ Klarheit von Kraft und Farbe sarva-doṣa-kṣayaḥ phalam Schwinden aller Fehler ist die Frucht japadhyānaṃ vināgarbhaḥ sa garbhastatsamanvitaḥ / indriyāṇāṃ jayārthāya sa garbhaṃ dhārayetparaṃ //
Ohne Murmeln und Meditation ist er ‚ohne Keim‘ (agarbha); mit ihnen versehen ist er ‚mit Keim‘ (sagarbha). Zur Besiegung der Sinne übe man den ‚mit Keim‘ als den höchsten.
Wort für Wort japa-dhyānam vinā ohne Murmeln und Meditation agarbhaḥ ohne Keim sagarbhaḥ mit Keim tat-samanvitaḥ damit versehen indriyāṇām jaya-arthāya zur Besiegung der Sinne dhārayet übe man jñānavairāgyayuktābhyāṃ prāṇāyāmavaśena ca / indriyāṃś ca vinirjitya sarvameva jitaṃ bhavet //
Durch mit Erkenntnis und Entsagung verbundene [Übung] und durch die Kraft des Prāṇāyāma: wenn man die Sinne völlig besiegt hat, ist alles besiegt.
Wort für Wort jñāna-vairāgya-yuktābhyām mit Erkenntnis und Entsagung verbunden prāṇāyāma-vaśena durch die Kraft des Prāṇāyāma indriyān vinirjitya die Sinne besiegt habend sarvam jitam alles ist besiegt indriyāṇyeva tatsarvaṃ yat svarganarakāvubhau / nigṛhītavisṛṣṭāni svargāya narakāya ca //
Die Sinne allein sind all das, was Himmel und Hölle beide [ausmacht]: gezügelt oder losgelassen [führen sie] zum Himmel bzw. zur Hölle.
Wort für Wort indriyāṇi eva die Sinne allein svarga-narakau ubhau Himmel und Hölle beide nigṛhīta-visṛṣṭāni gezügelt und losgelassen svargāya narakāya zum Himmel und zur Hölle śarīraṃ rathamityāhurindriyāṇyasya vājinaḥ / manaś ca sārathiḥ proktaḥ prāṇāyāmaḥ kaśaḥ smṛtaḥ //
Den Körper nennt man den Wagen, die Sinne seine Pferde; der Geist wird Wagenlenker genannt, der Prāṇāyāma gilt als die Peitsche.
Wort für Wort śarīram ratham den Körper den Wagen indriyāṇi vājinaḥ die Sinne die Pferde manaḥ sārathiḥ der Geist der Wagenlenker prāṇāyāmaḥ kaśaḥ der Prāṇāyāma die Peitsche jñānavairāgyaraśmibhyāṃ sāyayā vidhṛtaṃ manaḥ / śanair niścalatām eti prāṇāyāmaikasaṃhitam //
Der mit den Zügeln der Erkenntnis und Entsagung [...] gehaltene Geist gelangt allmählich zur Unbeweglichkeit, allein mit dem Prāṇāyāma verbunden.
Wort für Wort jñāna-vairāgya-raśmibhyām mit den Zügeln von Erkenntnis und Entsagung vidhṛtam manaḥ der gehaltene Geist śanaiḥ allmählich niścalatām eti gelangt zur Unbeweglichkeit prāṇāyāma-eka-saṃhitam allein mit Prāṇāyāma verbunden sāyayā unklar (vielleicht Rest eines Wortes für „fest“ oder „stetig“).
jalavinduṃ kuśāgreṇa māse māse pivettu yaḥ / saṃvatsaraśataṃ sāgraṃ prāṇayāmaś ca tatsamaḥ //
Wer jeden Monat mit der Spitze eines Kuśa-Halms einen Wassertropfen trinkt, hundert Jahre und etwas mehr, [dessen Verdienst] ist dem Prāṇāyāma gleich.
Wort für Wort jala-bindum einen Wassertropfen kuśa-agreṇa mit der Kuśaspitze māse māse jeden Monat saṃvatsara-śatam sāgram hundert Jahre und mehr tat-samaḥ dem gleich vinduṃ für binduṃ, pivet für pibet.
indriyāṇi prasaktāni praviśya viṣayodadhau / āhṛtya yo nigṛhṇāti pratyāhāraḥ sa ucyate //
Die anhaftenden Sinne, die in den Ozean der Sinnesobjekte eingedrungen sind, zurückzuholen und zu zügeln: das nennt man Zurückziehen (pratyāhāra).
Wort für Wort indriyāṇi prasaktāni die anhaftenden Sinne viṣaya-udadhau in den Ozean der Objekte āhṛtya zurückholend nigṛhṇāti zügelt pratyāhāraḥ Zurückziehen der Sinne uddharedātmanātmānaṃ majjamānaṃ yathāmbhasi / bhoganadyativegena jñānavṛkṣaṃ samāśrayet //
Man ziehe sich selbst durch sich selbst heraus, wie einen im Wasser Versinkenden; bei der großen Heftigkeit des Stroms der Genüsse suche man Zuflucht beim Baum der Erkenntnis.
Wort für Wort uddharet ātmanā ātmānam man ziehe sich selbst durch sich selbst heraus majjamānam ambhasi im Wasser versinkend bhoga-nadī-ati-vegena bei der großen Heftigkeit des Genussstroms jñāna-vṛkṣam samāśrayet suche Zuflucht beim Baum der Erkenntnis
Interaktive Leseansicht des ganzen Werks
← Kapitel 371 Kapitel 373 →