Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 248: dhanurvedaḥ Die Bogenkunde

Agni legt die Grundlagen des Dhanurveda dar: die fünf Waffengattungen, die Rangfolge der Kampfarten und die Befugnis der Stände zum Kampf. Danach werden die Schützenstellungen (Samapada, Vaiśākha, Maṇḍala, Ālīḍha, Pratyālīḍha, Jāta, Vikaṭa, Sampuṭa, Svastika), das Spannen und Lösen des Pfeils sowie die Maße von Pfeil und Bogen beschrieben. Mehrere technische Stellen sind verderbt (V. 6, 8, 17, 29, 35).

agnir uvāca | catuṣpādaṃ dhanurvedaṃ vede pañcavidhaṃ dvija / rathanāgāśvapattīnāṃ yodhāṃścāśritya kīrtitaṃ //

Agni sprach: Die Bogenkunde (Dhanurveda) ist vierfüßig, o Zweimalgeborener, und in der Lehre fünffach; sie ist verkündet in Bezug auf die Kämpfer auf Wagen, Elefanten, Pferden und zu Fuß.

Wort für Wort
catuṣpādam
vierfüßig, vierteilig
dhanurvedam
Bogenkunde
vede pañca-vidham
in der Lehre fünffach
ratha-nāga-aśva-pattīnām
der Wagen, Elefanten, Pferde, Fußtruppen
yodhān āśritya
mit Bezug auf die Kämpfer

yanmuktaṃ pāṇimuktaṃ muktasandhāritaṃ tathā / amuktaṃ bāhuyuddhañca pañcadhā tyat prakīrtitaṃ //

Das mit einer Vorrichtung Geschleuderte, das mit der Hand Geschleuderte, ebenso das Geschleuderte und Zurückgehaltene, das Nicht-Geschleuderte und der Armkampf: so wird sie als fünffach bezeichnet.

Wort für Wort
yantra-muktam
mit Vorrichtung geschleudert
pāṇi-muktam
mit der Hand geschleudert
mukta-sandhāritam
geschleudert und zurückgehalten
amuktam
nicht geschleudert
bāhu-yuddham
Armkampf

yanmuktaṃ = yantramuktam; tyat = tat.

tatra śastrāstrasampattyā dvividhaṃ parikīrtitaṃ / ṛjumāyāvibhedena bhūyo dvividhamucyate //

Dabei wird [der Kampf] nach der Ausstattung mit Hiebwaffen (śastra) und Wurfgeschossen (astra) als zweifach bezeichnet; nach der Unterscheidung in geraden und listigen [Kampf] heißt er nochmals zweifach.

Wort für Wort
śastra-astra-sampattyā
nach Ausstattung mit Hieb- und Wurfwaffen
dvividham
zweifach
ṛju-māyā-vibhedena
nach Unterscheidung von gerade und listig
bhūyaḥ
nochmals

kṣepiṇī cāpayantrādyair yantramuktaṃ prakīrtitaṃ / śilātomarayantrādyaṃ pāṇimuktaṃ prakīrtitaṃ //

Was mit Schleuder, Bogen, Vorrichtungen usw. [abgeschossen wird], heißt ‚mit Vorrichtung geschleudert‘; Stein, Tomara-Speer usw. heißen ‚mit der Hand geschleudert‘.

Wort für Wort
kṣepiṇī
Schleuder
cāpa-yantra-ādyaiḥ
mit Bogen, Vorrichtung usw.
śilā-tomara
Stein, Tomara-Speer
pāṇi-muktam
handgeschleudert

yantrādyaṃ im zweiten Halbvers ist auffällig.

muktasandhāritaṃ jñeyaṃ prāsādyamapi yadbhavet / khaḍgādikamamuktañca niyuddhaṃ vigatāyudhaṃ //

Als ‚geschleudert und zurückgehalten‘ ist zu kennen, was etwa ein Prāsa (Speer) ist; Schwert usw. ist ‚nicht geschleudert‘; der Ringkampf (niyuddha) ist ohne Waffen.

Wort für Wort
prāsa-ādyam
Speer usw.
khaḍga-ādikam amuktam
Schwert usw. nicht geschleudert
niyuddham
Ringkampf
vigata-āyudham
ohne Waffen

kuryādyogyāni prātrāṇi yoddhumicchurjitaśramaḥ / dhanuḥśreṣṭhāni yuddhāni prāsamadhyāni tāni ca //

Wer zu kämpfen wünscht und die Mühsal [der Übung] bezwungen hat, verwende geeignete Waffen [?]. Die Kämpfe mit dem Bogen sind die besten, die mit dem Speer die mittleren,

Wort für Wort
yoddhum icchuḥ
zu kämpfen wünschend
jita-śramaḥ
die Mühsal bezwungen habend
dhanuḥ-śreṣṭhāni yuddhāni
Bogenkämpfe als beste
prāsa-madhyāni
Speerkämpfe als mittlere

prātrāṇi = pātrāṇi (?), Bedeutung unsicher.

tāni khaḍgajaghanyāni bāhupratyavarāṇi ca / dhanurvede gururvipraḥ prokto varṇadvayasya ca //

die mit dem Schwert die geringen und die mit den Armen die niedrigsten. In der Bogenkunde gilt der Brahmane als Lehrer, und zwar für die beiden [übrigen] Stände.

Wort für Wort
khaḍga-jaghanyāni
Schwertkämpfe als geringe
bāhu-pratyavarāṇi
Armkämpfe als niedrigste
guruḥ vipraḥ
der Brahmane als Lehrer
varṇa-dvayasya
für die beiden Stände

yuddhādhikāraḥ śūdrasya svayaṃ vyāpādi śikṣayā / deśasthaiḥ śaṅkarai rājñaḥ kāryā yuddhe sahāyatā //

Der Śūdra hat das Recht zu kämpfen [nur] selbst in der Not [?], durch Schulung. Die im Land [lebenden] Mischkasten sollen dem König im Krieg Hilfe leisten.

Wort für Wort
yuddha-adhikāraḥ śūdrasya
Kampfrecht des Śūdra
āpadi
in der Not
śikṣayā
durch Schulung
deśa-sthaiḥ saṅkaraiḥ
von den im Land lebenden Mischkasten
yuddhe sahāyatā
Hilfe im Krieg

vyāpādi ist wohl für āpadi verschrieben.

aṅguṣṭhagulphapāṇyaṅghyaḥ śliṣṭāḥ syuḥ sahitā yadi / dṛṣṭaṃ samapadaṃ sthānametallakṣaṇatas tathā //

Wenn große Zehen, Knöchel, Hände [?] und Füße aneinanderliegen und geschlossen sind, so ist das, nach seinem Merkmal ebenso gesehen, die Stellung ‚Samapada‘ (Gleichfuß).

Wort für Wort
aṅguṣṭha-gulpha
große Zehen, Knöchel
śliṣṭāḥ sahitāḥ
anliegend, geschlossen
sama-padam sthānam
Gleichfuß-Stellung
lakṣaṇataḥ
nach dem Merkmal

pāṇyaṅghyaḥ = pāṇyaṅghrayaḥ; pāṇi hier eher ‚Ferse‘ (pārṣṇi)?

vāhyāṅgulisthitau pādau stabdhajānubalāvubhau / trivitastyantarāsthānametadvaiśākhamucyate //

Wenn beide Füße auf den äußeren Zehen stehen, beide Knie steif und kraftvoll sind, mit einem Abstand von drei Spannen: diese Stellung heißt ‚Vaiśākha‘.

Wort für Wort
bāhya-aṅguli-sthitau pādau
auf den äußeren Zehen stehende Füße
stabdha-jānu
mit steifen Knien
tri-vitasti-antara
mit drei Spannen Abstand
vaiśākham
Vaiśākha[-Stellung]

haṃsapaṅktyākṛtisame dṛśyete yatra jānunī / caturvitastivicchinne tadetanmaṇḍalaṃ smṛtaṃ //

Wo die Knie gleich der Form einer Schwanenreihe erscheinen, vier Spannen voneinander getrennt: das gilt als [Stellung] ‚Maṇḍala‘.

Wort für Wort
haṃsa-paṅkti-ākṛti-same
gleich der Form einer Schwanenreihe
jānunī
die Knie
catur-vitasti-vicchinne
vier Spannen getrennt
maṇḍalam
Maṇḍala[-Stellung]

halākṛtimayaṃ yacca stabdhajānūrudakṣiṇaṃ / vitastyaḥ pañca vistāre tadālīḍhaṃ prakīrtitaṃ //

Was die Form eines Pfluges hat, mit steifem rechten Knie und Oberschenkel, fünf Spannen in der Breite: das heißt ‚Ālīḍha‘.

Wort für Wort
hala-ākṛti-mayam
pflugförmig
stabdha-jānu-ūru-dakṣiṇam
mit steifem rechten Knie und Schenkel
vitastyaḥ pañca vistāre
fünf Spannen breit
ālīḍham
Ālīḍha[-Stellung]

etadeva viparyastaṃ pratyālīḍhamiti smṛtaṃ / tiryagbhūto bhavedvāmo dakṣiṇo 'pi bhavedṛjuḥ //

Eben dieses umgekehrt gilt als ‚Pratyālīḍha‘. [Wenn] der linke [Fuß] quer gestellt ist und der rechte gerade,

Wort für Wort
etat eva viparyastam
eben dies umgekehrt
pratyālīḍham
Pratyālīḍha[-Stellung]
tiryak-bhūtaḥ vāmaḥ
der linke quer
dakṣiṇaḥ ṛjuḥ
der rechte gerade

gulphau pārṣṇigrahau caiva sthitau pañcāṅgulāntarau / sthānaṃ jātaṃ bhavedetad dvādaśāṅgulamāyataṃ //

Knöchel und Fersen [?] fünf Fingerbreiten voneinander entfernt stehen, so ist dies die Stellung ‚Jāta‘, zwölf Fingerbreiten lang.

Wort für Wort
gulphau pārṣṇi-grahau
Knöchel und Fersen
pañca-aṅgula-antarau
fünf Fingerbreiten auseinander
sthānam jātam
die Stellung Jāta
dvādaśa-aṅgulam āyatam
zwölf Fingerbreiten lang

pārṣṇigrahau unklar.

ṛjujānurbhavedvāmo dakṣiṇaḥ suprasāritaḥ / athavā dakṣiṇañjānu kubjaṃ bhavati niś calaṃ //

Das linke Knie sei gerade, das rechte [Bein] gut ausgestreckt; oder aber das rechte Knie ist gebeugt und unbewegt;

Wort für Wort
ṛju-jānuḥ vāmaḥ
der linke mit geradem Knie
dakṣiṇaḥ su-prasāritaḥ
der rechte gut ausgestreckt
kubjam
gebeugt
niścalam
unbewegt

daṇḍāyato bhavedeṣa caraṇaḥ saha jānunā / evaṃ vikaṭamuddiṣṭaṃ dvihastāntaramāyataṃ //

dieser Fuß samt Knie sei stockgerade gestreckt: so ist ‚Vikaṭa‘ gelehrt, mit zwei Ellen Abstand ausgedehnt.

Wort für Wort
daṇḍa-āyataḥ
stockgerade gestreckt
caraṇaḥ saha jānunā
der Fuß samt Knie
vikaṭam uddiṣṭam
Vikaṭa ist gelehrt
dvi-hasta-antaram
zwei Ellen Abstand

jānunī dviguṇe syātāmuttānau caraṇāvubhau / anena vidhiyogena sampuṭaṃ parikīrtitaṃ //

Die beiden Knie seien doppelt [gebeugt] [?], beide Füße nach oben gekehrt: nach dieser Anweisung wird ‚Sampuṭa‘ benannt.

Wort für Wort
jānunī dviguṇe
die Knie doppelt
uttānau caraṇau
nach oben gekehrte Füße
vidhi-yogena
nach der Anweisung
sampuṭam
Sampuṭa[-Stellung]

dviguṇe ist unklar.

kiñcidvivartitau pādau samadaṇḍāyatau sthirau / dṛṣṭameva yathānyāyaṃ ṣoḍaśāṅgulamāyataṃ //

Die Füße ein wenig auseinandergedreht, gleichmäßig stockgerade gestreckt und fest, sechzehn Fingerbreiten ausgedehnt: so ist es regelgemäß gelehrt [Anm.: gemeint ist offenbar die Svastika-Stellung].

Wort für Wort
kiñcit vivartitau pādau
die Füße etwas auseinandergedreht
sama-daṇḍa-āyatau sthirau
gleich gestreckt und fest
yathā-nyāyam
regelgemäß
ṣoḍaśa-aṅgulam
sechzehn Fingerbreiten

svastikenātra kurvīta praṇāmaṃ prathamaṃ dvija / kāmukaṃ gṛhya vāmena vāṇaṃ dakṣiṇakena tu //

In der Svastika[-Stellung] vollziehe man hier zuerst die Verneigung, o Zweimalgeborener; man ergreife den Bogen mit der Linken, den Pfeil aber mit der Rechten.

Wort für Wort
svastikena
in der Svastika-Stellung
praṇāmam prathamam
zuerst die Verneigung
kārmukam gṛhya vāmena
den Bogen mit der Linken fassend
bāṇam dakṣiṇakena
den Pfeil mit der Rechten

vaiśākhe yadi vā jāte sthitau vāpyathavāyatau / guṇāntantu tataḥ kṛtvā kārmuke priyakārmukaḥ //

Ob im Vaiśākha oder im Jāta stehend oder auch gestreckt: Dann lege der Freund des Bogens das Sehnenende an den Bogen [?],

Wort für Wort
vaiśākhe jāte
im Vaiśākha, im Jāta
āyatau
gestreckt
guṇa-antam kṛtvā
das Sehnenende anlegend
priya-kārmukaḥ
der Bogenfreund

adhaḥkaṭintu dhanuṣaḥ phaladeśantu patriṇaḥ / dharaṇyāṃ sthāpayitvā tu tolayitvā tathaiva ca //

setze das untere Ende des Bogens und die Spitzenstelle des Pfeils auf den Boden und wäge ebenso ab

Wort für Wort
adhaḥ-koṭim dhanuṣaḥ
das untere Ende des Bogens
phala-deśam patriṇaḥ
die Spitzenstelle des Pfeils
dharaṇyām sthāpayitvā
auf den Boden setzend
tolayitvā
abwägend

bhujābhyāmatra kuñjābhyāṃ prakoṣṭhābhyāṃ śubhavrata / yasya vāṇaṃ dhanuḥ śreṣṭhaṃ puṅgadeśe ca patriṇaḥ //

mit beiden Armen, mit gebeugten Unterarmen, o Tugendhafter. [Bei jemandem,] dessen Pfeil und Bogen vortrefflich sind, [sei] an der Schaftende-Stelle des Pfeils

Wort für Wort
bhujābhyām
mit beiden Armen
kubjābhyām prakoṣṭhābhyām
mit gebeugten Unterarmen
bāṇam dhanuḥ śreṣṭham
vortrefflicher Pfeil und Bogen
puṅkha-deśe patriṇaḥ
an der Schaftende-Stelle des Pfeils

kuñjābhyāṃ = kubjābhyām; puṅgadeśe = puṅkhadeśe.

vinyāso dhanuś caiva dvādaśāṅgulamantaraṃ / jyayā viśiṣṭaḥ kartavyo nātihīno na cādhikaḥ //

und am Bogen die Anordnung mit einem Abstand von zwölf Fingerbreiten; mit der Sehne sei er genau bemessen, weder zu gering noch zu groß.

Wort für Wort
vinyāsaḥ dhanuṣaḥ
Anordnung des Bogens
dvādaśa-aṅgulam antaram
zwölf Fingerbreiten Abstand
jyayā
mit der Sehne
na ati-hīnaḥ na adhikaḥ
weder zu gering noch zu groß

niveśya kārmukaṃ nabhyāṃ nitambe śarasaṅkaraṃ / utkṣipedutthitaṃ hastamantareṇākṣikarṇayoḥ //

Man setze den Bogen am Nabel an, die Pfeilsammlung [?] an der Hüfte; man hebe die erhobene Hand zwischen Auge und Ohr.

Wort für Wort
niveśya kārmukam nābhyām
den Bogen am Nabel ansetzend
nitambe
an der Hüfte
utkṣipet utthitam hastam
hebe die erhobene Hand
antareṇa akṣi-karṇayoḥ
zwischen Auge und Ohr

śarasaṅkaraṃ wohl für śarasaṅgraham (Köcher?).

pūrveṇa muṣṭinā grāhyastanāgre dakṣiṇe śaraḥ / haraṇantu tataḥ kṛtvā śīghraṃ pūrvaṃ prasārayet //

Mit der vorderen Faust ist [der Bogen] zu fassen, der Pfeil an der rechten Brustspitze. Nachdem man dann das Ziehen ausgeführt hat, strecke man rasch die vordere [Hand] aus.

Wort für Wort
pūrveṇa muṣṭinā grāhyaḥ
mit der vorderen Faust zu fassen
stana-agre dakṣiṇe
an der rechten Brustspitze
haraṇam kṛtvā
das Ziehen ausführend
śīghram prasārayet
strecke rasch aus

nābhyantarā naiva vāhyā nordhvakā nādharā tathā / na ca kubjā na cottānā na calā nātiveṣṭitā //

[Die Faust sei] weder nach innen noch nach außen, weder nach oben noch nach unten [gerichtet], weder gekrümmt noch nach oben gewendet, weder wackelnd noch zu stark eingedreht,

Wort für Wort
na abhyantarā na bāhyā
weder innen noch außen
na ūrdhvakā na adharā
weder oben noch unten
na kubjā na uttānā
weder gekrümmt noch aufwärts gewendet
na calā na ati-veṣṭitā
weder wackelnd noch zu eingedreht

samā sthairyaguṇopetā pūrvadaṇḍamiva sthitā / chādayitvā tato lakṣyaṃ pūrveṇānena muṣṭinā //

[sondern] gleichmäßig, mit Festigkeit versehen, wie ein vorgestreckter Stab stehend. Dann verdecke man das Ziel mit dieser vorderen Faust.

Wort für Wort
samā sthairya-guṇa-upetā
gleichmäßig, mit Festigkeit
pūrva-daṇḍam iva sthitā
wie ein vorderer Stab stehend
chādayitvā lakṣyam
das Ziel verdeckend
pūrveṇa muṣṭinā
mit der vorderen Faust

urasā tūtthito yantā trikoṇavinatasthitaḥ / srastāṃśe niś calagrīvo mayūrāñcitamastakaḥ //

Der Schütze sei mit der Brust aufgerichtet, in dreieckig geneigter Haltung, mit gesenkten Schultern, unbewegtem Hals und wie ein Pfau gebogenem Kopf.

Wort für Wort
urasā utthitaḥ
mit der Brust aufgerichtet
yantā
der Schütze
tri-koṇa-vinata-sthitaḥ
dreieckig geneigt stehend
srasta-aṃsaḥ niścala-grīvaḥ
mit gesenkten Schultern, unbewegtem Hals
mayūra-añcita-mastakaḥ
mit pfauengleich gebogenem Kopf

lalāṭanāsāvaktrāṃsāḥ kuryuraśvasamambhavet / antaraṃ tryaṅgulaṃ jñeyaṃ civukasyāṃsakasya ca //

Stirn, Nase, Gesicht und Schultern sollen [in einer Linie] gleich stehen [?]; der Abstand zwischen Kinn und Schulter ist mit drei Fingerbreiten zu bemessen.

Wort für Wort
lalāṭa-nāsā-vaktra-aṃsāḥ
Stirn, Nase, Gesicht, Schultern
samam bhavet
sei gleich
antaram try-aṅgulam
Abstand von drei Fingerbreiten
cibukasya aṃsakasya
von Kinn und Schulter

kuryuraśvasamambhavet ist verderbt.

prathamantryaṅgulaṃ jñeyaṃ dvitīye dvyaṅgulaṃ smṛtaṃ / tṛtīye 'ṅgulamudiṣṭamāyatañcivukāṃsayoḥ //

Beim ersten [Anschlag] sind es drei Fingerbreiten, beim zweiten gelten zwei Fingerbreiten, beim dritten ist eine Fingerbreite als Abstand zwischen Kinn und Schulter gelehrt.

Wort für Wort
prathamam try-aṅgulam
beim ersten drei Fingerbreiten
dvitīye dvy-aṅgulam
beim zweiten zwei
tṛtīye aṅgulam
beim dritten eine
cibuka-aṃsayoḥ
zwischen Kinn und Schulter

gṛhītvā sāyakaṃ puṅkhāttarjanyāṅguṣṭhakena tu / anāmayā punargṛhya tathā madhyamayāpi ca //

Nachdem man den Pfeil am gefiederten Ende mit Zeigefinger und Daumen gefasst und ihn wiederum mit dem Ringfinger und ebenso mit dem Mittelfinger gefasst hat,

Wort für Wort
gṛhītvā sāyakam puṅkhāt
den Pfeil am Schaftende fassend
tarjanī-aṅguṣṭhakena
mit Zeigefinger und Daumen
anāmayā
mit dem Ringfinger
madhyamayā
mit dem Mittelfinger

tāvadākarṣayedvegādyāvadvāṇaḥ supūritaḥ / evaṃ vidhamupakramya moktavyaṃ vidhivat khagaṃ //

ziehe man ihn kräftig so weit, bis der Pfeil völlig ausgezogen ist. Nachdem man so begonnen hat, ist der Pfeil vorschriftsgemäß loszulassen.

Wort für Wort
ākarṣayet vegāt
ziehe kräftig
yāvat bāṇaḥ su-pūritaḥ
bis der Pfeil völlig ausgezogen ist
upakramya
begonnen habend
moktavyam khagam
der Pfeil (‚Luftgänger‘) ist loszulassen

dṛṣṭimuṣṭihataṃ lakṣyaṃ bhindyādvāṇena suvrataḥ / muktvā tu paścimaṃ hastaṃ kṣipedvegena pṛṣṭhataḥ //

Der Gelübdetreue durchbohre mit dem Pfeil das mit Blick und Faust anvisierte Ziel. Nach dem Loslassen schleudere man die hintere Hand mit Schwung nach hinten.

Wort für Wort
dṛṣṭi-muṣṭi-hatam lakṣyam
das mit Blick und Faust getroffene Ziel
bhindyāt bāṇena
durchbohre mit dem Pfeil
paścimam hastam
die hintere Hand
kṣipet vegena pṛṣṭhataḥ
schleudere mit Schwung nach hinten

etaducchedamicchanti jñātavyaṃ hi tvayā dvija / kūrparantadadhaḥ kāryamākṛṣya tu dhanuṣmatā //

Dies nennt man ‚Uccheda‘ (Abriss); das musst du wissen, o Zweimalgeborener. Den Ellbogen muss der Schütze beim Ziehen darunter halten.

Wort für Wort
ucchedam icchanti
nennen es Uccheda
jñātavyam tvayā
von dir zu wissen
kūrparam
den Ellbogen
tat adhaḥ kāryam
darunter zu halten
ākṛṣya dhanuṣmatā
vom Schützen beim Ziehen

ūrdhvaṃ vimuktake kārye lakṣaśliṣṭantu madhyamaṃ / śreṣṭhaṃ prakṛṣṭaṃ vijñeyaṃ dhanuḥśāstraviśāradaiḥ //

Wenn der Schuss nach oben erfolgt [?], [heißt] der am Ziel haftende [Schuss] mittel; der weit gezogene gilt nach den Kennern der Bogenlehre als der beste [?].

Wort für Wort
ūrdhvam vimuktake
beim Loslassen nach oben
lakṣa-śliṣṭam madhyamam
am Ziel haftend: mittel
śreṣṭham prakṛṣṭam
das weit Gezogene als bestes
dhanuḥ-śāstra-viśāradaiḥ
von Kennern der Bogenlehre

Sinn des Verses unsicher.

jyeṣṭhastu sāyako jñeyo bhaveddvādaśamuṣṭayaḥ / ekādaśa tathā kanīyāndaśamuṣṭayaḥ //

Der längste Pfeil ist mit zwölf Fäusten [Länge] zu kennen, [der mittlere] ebenso mit elf, der kleinste mit zehn Fäusten.

Wort für Wort
jyeṣṭhaḥ sāyakaḥ
der längste Pfeil
dvādaśa-muṣṭayaḥ
zwölf Fäuste
ekādaśa
elf
kanīyān daśa-muṣṭayaḥ
der kleinste zehn Fäuste

caturhastaṃ dhanuḥ śreṣṭhaṃ trayaḥ sārdhantu madhyamaṃ / kanīyastu trayaḥ proktaṃ nityameva padātinaḥ //

Ein Bogen von vier Ellen ist der beste, einer von dreieinhalb der mittlere, einer von drei [Ellen] gilt als der kleinste — dies stets für den Fußkämpfer.

Wort für Wort
catur-hastam dhanuḥ śreṣṭham
vierelliger Bogen als bester
trayaḥ sārdham madhyamam
dreieinhalb: mittel
kanīyaḥ
der kleinste
padātinaḥ
für den Fußkämpfer

aśve rathe gaje śreṣṭhe tadeva parikīrtitaṃ //38 //

Für den [Kämpfer] zu Pferd, auf dem Wagen und auf dem Elefanten wird eben dieser als der beste bezeichnet.

Wort für Wort
aśve rathe gaje
zu Pferd, auf Wagen, auf Elefant
śreṣṭhe
als bester
tat eva
eben dieser
parikīrtitam
wird bezeichnet

In der Quelle doppelte Verszählung „//38 //“.

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