Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 200: dīpadānavratam Das Gelübde der Lampenspende

Agni preist das Spenden von Lampen in Tempeln und Brahmanenhäusern als das höchste Gelübde. Als Beispiel erzählt die Königin Lalitā ihren Nebenfrauen, wie sie in einem früheren Leben als Maus durch unbeabsichtigtes Anfachen einer Tempellampe ihr königliches Dasein erlangte, und schildert die Strafreden an Lampendiebe in der Hölle. Einzelne Verse (15-17) sind stellenweise verderbt; die Eingangsformel ist als agnnir verschrieben.

agnnir uvāca | dīpadānavrataṃ vakṣye bhuktimuktipradāyakaṃ / devadvijātikagṛhe dīpado 'bdaṃ sa sarvabhāk //

Agni sprach: Ich werde das Gelübde der Lampenspende erklären, das Genuss und Erlösung gewährt. Wer ein Jahr lang im Haus der Götter oder der Zweimalgeborenen Lampen spendet, wird aller Dinge teilhaftig.

Wort für Wort
dīpa-dāna-vratam
Gelübde der Lampenspende
deva-dvijāti-ka-gṛhe
im Haus von Göttern und Zweimalgeborenen
dīpa-daḥ
Lampenspender
abdam
ein Jahr lang
sarva-bhāk
allem teilhaftig

caturmāsaṃ viṣṇulokī kārttike svargalokyapi / dīpadānāt paraṃ nāsti na bhūtaṃ na bhaviṣyati //

[Wer es] vier Monate [tut], gelangt in die Welt Viṣṇus, [wer] im Kārttika, in die Himmelswelt. Es gibt nichts Höheres als die Lampenspende, es gab es nicht und wird es nicht geben.

Wort für Wort
catur-māsam
vier Monate
viṣṇu-lokī
in Viṣṇus Welt gelangend
svarga-lokī
in die Himmelswelt gelangend
dīpa-dānāt param
höher als Lampenspende
na bhūtam na bhaviṣyati
war nicht und wird nicht sein

dīpenāyuṣyacakṣuṣmāndīpāllakṣmīsutādikaṃ / saubhāgyaṃ dīpadaḥ prāpya svargaloke nahīyate //

Durch die Lampe wird man langlebig und scharfsichtig; durch die Lampe [erlangt man] Wohlstand, Söhne und anderes; der Lampenspender erlangt Glück und stürzt nicht aus der Himmelswelt.

Wort für Wort
dīpena
durch die Lampe
āyuṣmān cakṣuṣmān
langlebig und scharfsichtig
lakṣmī-suta-ādikam
Wohlstand, Söhne usw.
saubhāgyam
Glück
na hīyate
stürzt nicht

āyuṣyacakṣuṣmān wohl für āyuṣmāṃś cakṣuṣmān.

vidarbharājaduhitā lalitā dīpadātmabhāk / cārudharmakṣmāpapatnī śatabhāryādhikābhavat //

Lalitā, die Tochter des Königs von Vidarbha, die sich der Lampenspende hingab, wurde die Gattin des Königs Cārudharma und war [die Erste] unter hundert Gattinnen.

Wort für Wort
vidarbha-rāja-duhitā
Tochter des Königs von Vidarbha
dīpada-ātma-bhāk
der Lampenspende hingegeben [?]
cārudharma-kṣmāpa-patnī
Gattin des Königs Cārudharma
śata-bhāryā-adhikā
vorzüglich unter hundert Gattinnen

dīpadātmabhāk unsicher, etwa 'sich der Lampenspende widmend'.

dadau dīpasahasraṃ sā viṣṇorāyatane satī / pṛṣṭā sā dīpamāhātmyaṃ sapatnībhya uvāca ha //

Sie, die Treue, spendete tausend Lampen im Heiligtum Viṣṇus. Befragt, verkündete sie ihren Nebenfrauen die Größe der Lampe.

Wort für Wort
dīpa-sahasram
tausend Lampen
viṣṇoḥ āyatane
im Heiligtum Viṣṇus
satī
die Treue
pṛṣṭā
befragt
dīpa-māhātmyam
die Größe der Lampe

lalitovāca | sauvīrarājasya purā maitreyo 'bhūt purohitaḥ / tena cāyatanaṃ viṣṇoḥ kāritaṃ devikātaṭe //

Lalitā sprach: Einst war Maitreya der Hauspriester des Königs von Sauvīra. Von ihm wurde ein Heiligtum Viṣṇus am Ufer der Devikā errichtet.

Wort für Wort
sauvīra-rājasya
des Königs von Sauvīra
purohitaḥ
Hauspriester
āyatanam viṣṇoḥ
Heiligtum Viṣṇus
kāritam
errichten lassen
devikā-taṭe
am Ufer der Devikā

kārttike dīpakastena dattaḥ samprerito mayā / vaktraprāntena naśyantyā mārjārasya tadā bhayāt //

Im Kārttika wurde von ihm eine Lampe gestiftet; sie wurde von mir mit der Mundspitze angestoßen, als ich damals aus Furcht vor einer Katze floh.

Wort für Wort
dīpakaḥ dattaḥ
eine Lampe gestiftet
sampreritaḥ mayā
von mir angestoßen
vaktra-prāntena
mit der Mundspitze
naśyantyā
fliehend
mārjārasya bhayāt
aus Furcht vor der Katze

nirvāṇavān pradīpto 'bhūdvartyā mūṣikayā tadā / mṛtā rājātmajā jātā rājapatnī śatādhikā //

Die [schon] erlöschende Lampe flammte da durch den Docht [wieder] auf, [bewegt] von mir, der Maus. Gestorben, wurde ich als Königstochter geboren [und] eine Königsgattin, die über hundert [steht].

Wort für Wort
nirvāṇavān
erlöschend
pradīptaḥ abhūt
flammte auf
vartyā
durch den Docht
mūṣikayā
von der Maus
rāja-ātmajā
Königstochter

asaṅkalpitamapyasya preraṇaṃ yat kṛtaṃ mayā / viṣṇāyatanadīpasya tasyedaṃ bhujyate phalaṃ //

Dieses Anstoßen der Lampe im Heiligtum Viṣṇus, das ich vorgenommen habe, obgleich unbeabsichtigt – seine Frucht wird hier genossen.

Wort für Wort
asaṅkalpitam api
obwohl unbeabsichtigt
preraṇam
das Anstoßen
viṣṇu-āyatana-dīpasya
der Lampe im Heiligtum Viṣṇus
bhujyate phalam
die Frucht wird genossen

viṣṇāyatana für viṣṇvāyatana.

jātismarā hy ato dīpān prayacchāmi tvahar niśaṃ / ekadaśyāṃ dīpado vai vimāne divi modate //

Da ich mich an [meine frühere] Geburt erinnere, spende ich deshalb Tag und Nacht Lampen. Wer am elften Tag Lampen spendet, erfreut sich im Himmel auf einem Götterwagen.

Wort für Wort
jāti-smarā
geburtserinnernd
dīpān prayacchāmi
ich spende Lampen
ahar-niśam
Tag und Nacht
ekādaśyām
am elften Tag
vimāne divi modate
freut sich im Himmelswagen

jāyate dīpahartā tu mūko vā jaḍa eva ca / andhe tamasi duṣpāre narake patate kila //

Wer aber eine Lampe stiehlt, wird stumm oder stumpfsinnig geboren; er fällt, so heißt es, in blinde, schwer zu durchquerende Finsternis in der Hölle.

Wort für Wort
dīpa-hartā
Lampendieb
mūkaḥ
stumm
jaḍaḥ
stumpfsinnig
andhe tamasi duṣpāre
in blinde, schwer durchquerbare Finsternis
narake patate
fällt in die Hölle

vikrośamānāṃś ca narān yamakiṅkarāhatān / vilāpair alamatrāpi kiṃ vo vilapite phalaṃ //

Und zu den schreienden Männern, die von den Dienern Yamas geschlagen werden, [heißt es]: 'Genug der Klagen hier! Was habt ihr vom Wehklagen für eine Frucht?

Wort für Wort
vikrośamānān narān
die schreienden Männer
yama-kiṅkara-āhatān
von Yamas Dienern geschlagen
vilāpaiḥ alam
genug der Klagen
kiṃ vaḥ vilapite phalam
was für Frucht habt ihr vom Klagen

yadā pramādibhiḥ pūrvamatyantasamupekṣitaḥ / janturjanmasahasrebhyo hy ekasmin mānuṣo yadi //

Da [die Gelegenheit] vorher von euch Nachlässigen völlig vernachlässigt worden ist: Wenn ein Lebewesen unter tausend Geburten in einer einzigen ein Mensch ist,

Wort für Wort
pramādibhiḥ
von Nachlässigen
atyanta-samupekṣitaḥ
völlig vernachlässigt
jantuḥ
ein Lebewesen
janma-sahasrebhyaḥ
unter tausend Geburten
mānuṣaḥ
ein Mensch

Konstruktion elliptisch.

tatrāpyativimūḍhātmā kiṃ bhogānabhidhāvati / svahitaṃ viṣayāsvādaiḥ krandanaṃ tadihāgataṃ //

warum läuft es auch dann, gänzlich verblendet, den Genüssen nach? Das eigene Wohl [habt ihr] für Sinnesgenüsse [preisgegeben]; [daher] ist dieses Wehklagen hierher gekommen.

Wort für Wort
ati-vimūḍha-ātmā
gänzlich verblendet
bhogān abhidhāvati
läuft den Genüssen nach
sva-hitam
das eigene Wohl
viṣaya-āsvādaiḥ
durch Sinnesgenüsse
krandanam
Wehklagen

bhujyate ca kṛtaṃ pūrvametat kiṃ vo na cintitaṃ / parastrīṣu kucābhyaṅgaṃ prītaye duḥkhadaṃ hi vaḥ //

Was früher getan wurde, wird [nun] erfahren – habt ihr das nicht bedacht? Das Streicheln der Brüste fremder Frauen zu [eurer] Lust bringt euch fürwahr Leid.

Wort für Wort
bhujyate kṛtam pūrvam
das früher Getane wird erfahren
na cintitam
nicht bedacht
para-strīṣu
bei fremden Frauen
kuca-abhyaṅgam
Streicheln der Brüste
duḥkha-dam
Leid bringend

muhūrtaviṣayāsvādo 'nekakoṭyavdaduḥkhadaḥ / parastrīhāriyadgītaṃ hā mātaḥ kiṃ vilapyate //

Der Genuss der Sinne für einen Augenblick bringt Leid für viele Millionen Jahre. [Nach dem, was ihr] als Verführer fremder Frauen gesungen habt [?] – was wird da [nun] 'Ach, Mutter!' geklagt?

Wort für Wort
muhūrta-viṣaya-āsvādaḥ
Sinnesgenuss eines Augenblicks
aneka-koṭi-abda-duḥkha-daḥ
Leid für viele Millionen Jahre bringend
para-strī-hāri
Verführer fremder Frauen
hā mātaḥ
ach Mutter
kiṃ vilapyate
was wird geklagt

Die zweite Vershälfte ist verderbt (parastrīhāriyadgītaṃ); Übersetzung unsicher. avda für abda.

ko 'tibhāro harernāmni jihvayā parikīrtane / vartitaile 'lpamūlye 'pi yadagnirlabhyate sadā //

Welche übergroße Last liegt [denn] darin, den Namen Haris mit der Zunge zu preisen? [Ebenso bei] Docht und Öl, auch wenn sie von geringem Wert sind, und da Feuer stets zu haben ist.

Wort für Wort
kaḥ ati-bhāraḥ
welche übergroße Last
hareḥ nāmni
beim Namen Haris
jihvayā parikīrtane
beim Preisen mit der Zunge
varti-taile alpa-mūlye
bei Docht und Öl von geringem Wert
agniḥ labhyate sadā
Feuer ist stets zu haben

dānāśaktair harerdīpo hṛtastadvo 'sti duḥkhadaṃ / idānīṃ kiṃ vilāpena sahadhvaṃ yadupāgataṃ //

Von euch, die ihr zum Spenden unfähig wart, wurde Haris Lampe gestohlen; das ist es, was euch Leid bringt. Was nützt jetzt das Wehklagen? Ertragt, was [über euch] gekommen ist!'

Wort für Wort
dāna-aśaktaiḥ
von zum Spenden Unfähigen
hareḥ dīpaḥ hṛtaḥ
Haris Lampe wurde gestohlen
idānīm
jetzt
sahadhvam
ertragt
yat upāgatam
was gekommen ist

agnir uvāca | lalitoktañca tāḥ śrutvā dīpadānāddivaṃ yayuḥ / tasmāddīpapradānena vratānāmadhikaṃ phalaṃ //

Agni sprach: Und als jene [Nebenfrauen] die Worte Lalitās gehört hatten, gelangten sie durch Lampenspenden in den Himmel. Darum [erwächst] durch die Lampenspende eine Frucht, die größer ist als die der [übrigen] Gelübde.

Wort für Wort
lalitā-uktam
das von Lalitā Gesagte
śrutvā
gehört habend
divaṃ yayuḥ
gelangten in den Himmel
dīpa-pradānena
durch Lampenspende
vratānām adhikam phalam
größere Frucht als die der Gelübde

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks