Kapitel 120: bhuvanakoṣaḥ
Die Beschreibung der Welten (Bhuvanakoṣa)
Kosmographie: die sieben Unterwelten, Śeṣa-Ananta und die Höllen, die Abstände von Sonne, Mond, Mondhäusern, Planeten, Sieben Weisen und Polarstern, die oberen Welten bis zur Brahmawelt, die Hüllen des Welteies und die Urmaterie mit Viṣṇus Kraft. Dann Maße des Sonnenwagens, der Himmels-Śiśumāra und die Wagen von Mond und Planeten; Schluss mit der Allgegenwart Viṣṇus. Der Schlussvers ist ein Halbvers mit fehlerhafter Versnummer (24 statt 42); V. 27-28 und 35 sind im Wortlaut unsicher.
Agni sprach: Die Ausdehnung (unterhalb) der Erde wird mit siebzigtausend (Yojanas) überliefert; die Höhe (beträgt) zehntausend, und zwar für jede einzelne Unterwelt (Pātāla).
Unterhalb der Unterwelten befindet sich Śeṣa, die dunkle (tamas-hafte) Gestalt Viṣṇus; wegen der Unendlichkeit seiner Eigenschaften (heißt) er Ananta; mit dem Haupt trägt er die Erde.
Unter der Erde gibt es viele Höllen; dorthin fällt kein Viṣṇu-Verehrer. Soweit die Erde von der Sonne beschienen wird, so weit gilt der Luftraum (nabhas).
bhūmeryojanalakṣantu viśiṣṭharavimaṇḍalaṃ / raver lakṣeṇa candraś ca lakṣānnākṣatramindutaḥ //
Hunderttausend Yojanas von der Erde (entfernt) befindet sich die Sonnenscheibe; hunderttausend von der Sonne der Mond; hunderttausend vom Mond (die Sphäre) der Mondhäuser.
Wort für Wort
bhūmeḥ yojana-lakṣam
hunderttausend Yojanas von der Erde
ravi-maṇḍalam
die Sonnenscheibe
raveḥ lakṣeṇa candraḥ
hunderttausend über der Sonne der Mond
nākṣatram
die Sternhaus-Sphäre
indutaḥ
vom Mond aus
viśiṣṭha wohl für viśiṣṭaṃ ('abgesondert, darüber').
Zweihunderttausend von den Sternen befindet sich Merkur, zweihunderttausend von Merkur die Venus, zweihunderttausend von der Venus der Mars, zweihunderttausend vom Mars Jupiter,
gurordvilakṣataḥ sauritllakṣātsaptarṣayaḥ śaneḥ / lakṣād dhruvo hy ṛṣibhyastu trailokyañcocchrayeṇa ca //
zweihunderttausend von Jupiter Saturn, hunderttausend vom Saturn die Sieben Weisen (Großer Bär), hunderttausend von den Weisen der Polarstern; und (so weit reicht) die Dreiwelt an Höhe.
Zehn Millionen (Yojanas) vom Polarstern (liegt) die Maharloka, wo jene weilen, die ein Weltalter (Kalpa) überdauern; zwanzig Millionen von ihr die Janaloka, wo Sanaka usw. weilten.
die Himmelswelt (Svarloka) aber bis zum Polarstern: vierzehn Niyutas [Anm.: 1,4 Millionen Yojanas]. Dies ist, von der Eischale umgeben, die Ausdehnung des Brahma-Eies.
Von Wasser, Feuer, Wind und Raum, dann außen von der Bhūtādi (dem Ursprung der Elemente) ist das Ei umhüllt, (jede Hülle) zehnfach (größer); die Bhūtādi ebenso vom Mahat.
Unzählige (Welten-)Eier sind darin entstanden, von solcher Art [?]. Wie das Feuer im Holz, wie das Öl im Sesam, so (ist) der Geist (puruṣa) (in der Urmaterie).
Und in der Urmaterie weilt der alldurchdringende, bewusste, sich selbst erkennende Geist. Urmaterie und Geist aber sind durch die Kraft Viṣṇus, welche die Wesen aller trägt,
Wort für Wort
pradhāne sthitaḥ
in der Urmaterie weilend
vyāpī
alldurchdringend
cetana-ātmā
bewusster Geist
ātma-vedanaḥ
sich selbst erkennend
pradhānam pumān ca
Urmaterie und Geist
sarvabhūtātmabhṛtayā wohl zu sarvabhūtātmabhūtayā ('die das Selbst aller Wesen ist').
Yojanas (misst) seine Achse; an ihr ist das Rad befestigt, mit drei Naben, fünf Speichen und sechs Felgen, aus den zwei Sonnenbahnen (ayana) bestehend,
hrasvo 'kṣastadyugārdhañca dhruvādhāraṃ rathasya vai / hayāś ca sapta chandāṃsi gāyatryādīni suvrata //
Die kurze Achse und die zugehörige Jochhälfte des Wagens haben ihren Halt im Polarstern. Die Rosse sind die sieben Versmaße, Gāyatrī usw., o Gelübdetreuer.
Aufgang und Untergang der Sonne sind als ihr Sichtbar- und Unsichtbarwerden zu verstehen. So weit der Bereich reicht, in dem der ausgezeichnete [?] Polarstern steht,
so weit gelangt (die Sonne) von selbst, (und das) von der Erde (an) bis zur Auflösung der Wesen [?]. Oberhalb, nördlich der (Sieben) Weisen, wo der Polarstern seinen festen Ort hat,
das ist der himmlische dritte Schritt Viṣṇus (viṣṇupada), leuchtend im Luftraum, die höchste Stätte der Asketen, die den Schlamm der Fehler abgeschüttelt haben.
Wort für Wort
viṣṇu-padam divyam
der himmlische Schritt Viṣṇus
tṛtīyam
der dritte
vyomni bhāsvaram
im Luftraum leuchtend
nirdhūta-doṣa-paṅkānām
derer, die den Schlamm der Fehler abgeschüttelt haben
tato gaṅgā prabhavati smaraṇāt pāśanāśanī / divi rūpaṃ harerjñeyaṃ śiśumārākṛti prabho //
Von dort entspringt die Gaṅgā, die schon durch Gedenken die Fesseln vernichtet. Am Himmel ist die Gestalt Haris in Form eines Śiśumāra (Delphins) zu erkennen, o Herr.
In seinem Schwanz befindet sich der Polarstern; indem er (sich) dreht, lässt er die Planeten kreisen. Jener (Sonnen-)Wagen ist besetzt von Göttern, Ādityas und vorzüglichen Weisen,
Der Wagen Svarbhānus (Rāhus) hat acht Rosse, der Wagen Ketus hat acht Rosse. Weil (dies alles) jetzt Viṣṇus Leib ist, deshalb, o Brahmane, ist die Erde
tat kuryād yena viṣṇuḥ syāt satyaṃ jñānamanantakaṃ / paṭhed bhuvanakoṣaṃ hi yaḥ so 'vāptasukhātmabhāk //
Man tue das, wodurch Viṣṇu (erlangt) wird – die Wahrheit, das Wissen, das Unendliche. Wer diese Beschreibung der Welten (bhuvanakoṣa) liest, wird des erlangten Glücks teilhaftig.