Kapitel 97: śivapratiṣṭhākathanaṃ
Die Installation Śivas (des Liṅga)
Īśvara beschreibt die eigentliche Aufstellung des Śiva-Liṅga: Einsetzen der Grundplatte und der Grubenbeigaben, Hereinbringen des Liṅga in den Tempel, Einsenken und Befestigen, Sühneriten bei Fehlstellungen, Auflegung der Prinzipien, Schlussopfer, Festtage, Verehrung Caṇḍas und Entlohnung der Beteiligten; es folgen Regeln für andere Gottheiten, Bilder, bewegliche und zeitweilige Liṅgas. Der Kapiteltitel im Kolophon trägt die Fußnotenmarke '(8)'; die Verse 70-74 (Prinzipienstufen der Gottheiten) sind stark verderbt.
Īśvara sprach: Nachdem er am Morgen die tägliche Vorschrift vollzogen und die Torhüter verehrt hat, soll er eintreten und nach der früheren Vorschrift die Körperreinigung usw. vornehmen.
dikpatīṃś ca samabhyarcya śivakumbhañca vardhanīṃ / aṣṭamuṣṭikayā liṅgaṃ vahniṃ sanparpya ca kramāt //
Nachdem er die Herren der Himmelsrichtungen, den Śiva-Krug und die Vardhanī verehrt und mit der Achthand-Spende [?] (aṣṭamuṣṭikā) das Liṅga und das Feuer der Reihe nach gesättigt hat,
soll er danach mit Śivas Erlaubnis zum Tempel (prāsāda) gehen, den Astra-Mantra aussprechend; die darin befindlichen Hindernisse soll er mit dem auf „hum phaṭ“ endenden Pfeil-Mantra vertreiben.
Nicht genau in die Mitte soll er das Liṅga stellen, aus Furcht vor dem Fehler der Durchbohrung (vedha); daher, die Mitte meidend, um ein halbes Gerstenkorn oder ein Gerstenkorn [versetzt],
etwas zum Nordosten (Īśāna) hin, soll er den Stein in der Mitte einsetzen: mit dem Wurzelmantra jene [Platte] namens Ananta, die die Gestalt des Trägers von allem hat,
die allgegenwärtige, unbewegliche Platte soll er nach der Schöpfungsverbindung auflegen; oder mit diesem Mantra die [Platte], die Śivas Sitz darstellt:
ityuktvā ca samabhyarcya nirudhyādraudramudrayā / vajrādīni ca ratnāni tathośīrādikauṣadhīḥ //
Nachdem er dies gesagt und [sie] verehrt hat, soll er [sie] mit der Raudra-Mudrā festhalten. Und die Edelsteine wie Diamant usw., ebenso die Kräuter wie Uśīra usw.,
diese soll er, gesammelten Geistes, als aus Glanz, Farbe, Körperhaftigkeit, Stärke und Kraft bestehend vorstellen, mit den Hüllen[-Mantras] der Welthüter und ihrer Herren [?].
Und in die Gruben im Osten usw. soll er [sie] einzeln der Reihe nach legen. Eine goldene oder silberne Schildkröte oder einen Stier, dem Tor zugewandt,
Nachdem er den Herren der Himmelsrichtungen eine Spende gegeben und Wasser geschlürft hat, soll der Lehrer dann mit dem Śiva[-Mantra], zur Beseitigung des Fehlers aus der Berührung von Stein und Grube,
oder mit dem Astra-Mantra hundert [Gaben] ordnungsgemäß samt der Vollspende opfern; nachdem er die Vāstu-Gottheiten durch Gabe je einer Opferspende gesättigt hat,
samutthāpya hṛdādevamāsanaṃ maṅgalādibhiḥ / gururdevāgrato gacchenmūrtipaiś ca diśi sthitaiḥ //
den Gott [Anm.: das Liṅga] mit dem Herz-Mantra vom Sitz aufrichtend, unter glückverheißenden [Klängen] usw., soll der Lehrer vor dem Gott hergehen, mit den in den Himmelsrichtungen stehenden Mūrtipas;
stellt er das Liṅga ab, gibt Arghya und soll es [dann] in den Tempel hineinbringen: durch das Tor, [d. h.] durch die Türeinfassung, durch den Torbereich – jener Stein [?]
Wort für Wort
liṅgam saṃsthāpya
das Liṅga abstellend
dattvā arghyam
Arghya gebend
prāsādam sanniveśayet
soll in den Tempel bringen
dvāra-bandhena
durch die Türeinfassung
dvāra-deśena
durch den Torbereich
Vers schwer verständlich; tacchilā bezieht sich wohl auf das Liṅga.
– bei einer Türeinfassung ohne Aufsatz (śikhā) mit deren Hälfte oder ohne sie [?]; die Berührung des Tores vermeidend, soll er Maheśvara eben durch das Tor [hineinbringen].
Bei einem erst begonnenen Götterhaus darf er ihn auch über eine Ecke hereinbringen. Eben diese Vorschrift ist auch beim manifesten (vyakta) Liṅga [Anm.: Bildgestalt] durchweg zu kennen.
Das Hereinbringen ins Haus durch das Tor wird auch von den Leuten empfohlen; ein Haus, in das man nicht durch das Tor hereinbringt, gilt als Vernichter des Geschlechts.
Dann stellt er das Liṅga auf dem Sockel dem Tor gegenüber auf, unter dem Schall von Instrumenten und glückverheißenden [Rufen], mit Dūrvā-Gras und ungebrochenen Körnern versehen,
sagt mit dem Herz-Mantra „Erhebe dich!“ und soll das Mahāpāśupata rezitieren. Der Lehrer soll zusammen mit den Mūrtipas den Krug aus der Grube entfernen,
den Wurzelmantra bis zur Auflösung (laya) aussprechend, es berührend, soll er es in die Grube setzen: mit einem Teil des Brahmā-Teils oder mit zwei Teilen,
den Wurzelmantra bis zur Śakti aussprechend, soll er auch nach der Schöpfungsordnung den Teillosen (niṣkala) auflegen. Wenn sich das Liṅga beim Aufstellen nach Süden neigt,
tattaddigīśamantreṇa pūrṇāntaṃ dakṣiṇānvitaṃ / savye sthāne ca vakre ca calite sphuṭitepi vā //
[soll er] mit dem Mantra des Herrn der jeweiligen Richtung [opfern], mit der Vollspende am Ende und mit Opferlohn; wenn es nach links [steht], schief, wackelnd oder gesprungen ist,
soll er mit dem Wurzelmantra oder dem Bahurūpa[-Mantra] hundert[mal] opfern; auch bei gewissen anderen Fehlern soll er zur Śiva-Befriedung (śivaśānti) greifen.
yuktaṃ nyāsādibhirliṅgaṃ kurvannevaṃ na doṣabhāk / pīṭhabandhamataḥ kṛtvā lakṣaṇasyāṃśalakṣaṇaṃ //
Wer so handelt und das Liṅga mit Auflegungen usw. versieht, hat keinen Anteil an Schuld. Danach, nachdem er den Sockelverband hergestellt hat, [nach] dem Teilmerkmal des Kennzeichens [?],
soll er den Gaurī-Mantra zur Auflösung führen und [dann] nach der Schöpfung den Sockel auflegen; die Seiten ausfüllend und festigend, [geschieht] das Bestreichen mit Sand und Diamantmörtel (vajralepa).
Dann soll der Lehrer mit den Mūrtidharas die Befriedung (śānti) über dem Krug [?] vornehmen und [das Liṅga] ebenso mit anderen Krügen, mit Pañcāmṛta usw. [baden],
Dann, nachdem er die Auflegung der drei Prinzipien, eingeleitet durch die sechsfache Verehrung [?] usw., vollzogen hat, [ebenso die] der Gestalt, ihrer Herren, der Glieder und der Brahman[-Mantras],
soll der Wissende [sie] im Liṅga und auf dem Kriyā-Sockel auflegen und dann baden; mit Wohlgerüchen salbend und beräuchernd, soll er Śiva in der Durchdringung auflegen.
sragdhūpadīpanaivedyair hṛdayena phalāni ca / vinivedya yathāśakti samācamya maheśvaraṃ //
Mit Kränzen, Räucherwerk, Lampen und Speiseopfern, mit dem Herz-Mantra auch Früchte nach Vermögen darbringend und Wasser schlürfend, [soll er] Maheśvara
datvārghaṃ ca japaṃ kṛtvā nivedya varade kare / candrārkatārakaṃ yāvan mantreṇa śaivamūrtipaiḥ //
Arghya geben, Japa vollziehen und [dieses] in seine wunschgewährende Hand legen; [und] mit dem Mantra, [gesprochen] von den śivaitischen Mūrtipas: „Solange Mond, Sonne und Sterne [bestehen],
saṃsthāpya vṛṣabhaṃ paścāt pūrvavadvalimācaret / nyūnādidoṣamoṣāya tato mṛtyujitā śataṃ //
den Stier aufstellen und danach wie zuvor die Spende vollziehen. Zur Tilgung von Fehlern wie Mangelhaftigkeit dann mit dem Mṛtyuñjaya[-Mantra] hundert[mal],
śivena saśivo hutvā śāntyarthaṃ pāyasena ca / jñānājñānakṛtaṃ yacca tat pūraya mahāvibho //
mit dem Śiva[-Mantra] opfernd, selbst mit Śiva vereint, zur Befriedung auch mit Milchreis: „Was wissentlich oder unwissentlich getan wurde, das vervollständige, o großer Herr!“
Danach soll er vier Tage lang Gaben und ein großes Fest veranstalten; drei Tage lang soll der Mantrakundige zu den drei Tageszeiten mit den Mūrtipas opfern.
Am vierten Tag [opfere er] die Vollspende und den Caru mit dem Bahurūpa[-Mantra], den er, gereinigt durch die Sampāta-Spende, in allen Gruben darbringt.
dinacatuṣṭayaṃ yāvattannirmālyantadūrdhataḥ / nirmālyāpanayaṃ kṛtvā snāpayitvā tu pūjayet //
Vier Tage lang [bleibt] jenes Nirmālya [Anm.: die gebrauchten Opfergaben liegen]; danach soll er das Nirmālya entfernen, [das Liṅga] baden und verehren.
Die Verehrung bei gewöhnlichen Liṅgas ist mit allgemeinen Mantras zu vollziehen; unter Zurücklassung des Bewusstseins im Liṅga soll er die Entlassung Sthāṇus vollziehen.
Bei den nicht gewöhnlichen Liṅgas [geschieht] die Entlassung mit „Verzeih!“. Die Anrufung ist Manifestation, die Entlassung ist [Rückkehr in] den Zustand der Kraft (śakti).
pratiṣṭhānte kvacit proktaṃ sthirādyāhutisaptakaṃ / sthiras tathāprameyaścānādibodhastathaiva ca //
Am Ende der Installation wird mancherorts eine Siebenzahl von Opfergaben „fest“ usw. gelehrt: fest, ebenso unermesslich, und ebenso anfangslos wissend,
„Oṃ, Verehrung Śiva, sei fest!“ – [so] ist die Folge der Opfergaben. Nachdem er dies so vollbracht und wie beim Śiva-Krug [zwei Krüge] hergerichtet hat,
Nachdem er eine Spende gegeben und Wasser geschlürft hat, soll er auf Śivas Befehl hinausgehen; außerhalb der Terrasse (jagatī) [verehre er] Caṇḍa in der nordöstlichen Richtung in einem Schrein,
dhāmagarbhapramāṇe ca supīṭhe kalpitāsane / pūrvavan nyāsahomādi vidhāya dhyānapūrvakaṃ //
auf einem guten Sockel mit bereitetem Sitz, im Maß der Cella des Heiligtums; nachdem er wie zuvor Auflegung, Feueropfer usw. nach vorangehender Meditation vollzogen hat,
soll er ihn dort vorschriftsgemäß aufstellen und dann mit den Brahman- und Aṅga[-Mantras] verehren. Die Glieder [sind] wie zuvor verbunden; die Brahman[-Mantras] aber, wie die Verehrung [erfolgt]:
so: „[oṃ …] dem Sadyojāta, oṃ hrūṃ phaṭ namaḥ; oṃ viṃ, dem Vāmadeva hrūṃ phaṭ namaḥ; oṃ buṃ, dem Aghora hrūṃ phaṭ namaḥ; oṃ, dem Tatpuruṣa und vauṃ, dem Īśāna hrūṃ phaṭ“. Das Japa darbringend, sättigend und unter Verneigung bittend: „Solange der Gott anwesend ist, so lange sei du anwesend.
vāṇaliṅge vāṇarohe siddhaliṅge svayambhuvi / pratimāsu ca sarvāsu na caṇḍo 'dhikṛto bhavet //
Bei einem Bāṇa-Liṅga, einem aus dem Bāṇa[-Fluss] hervorgegangenen [?], einem Siddha-Liṅga, einem selbstentstandenen und bei allen Bildern ist Caṇḍa nicht zuständig.
advaitabhāvanāyukte sthaṇḍileśavidhāvapi / abhyarcya caṇḍaṃ sasutaṃ yajamānaṃ hi bhāryayā //
Auch nicht beim Ritus des Sthaṇḍila-Herrn, der mit der Vorstellung der Nicht-Zweiheit verbunden ist. Nachdem er Caṇḍa verehrt hat, [soll] den Opferherrn samt Sohn und Gattin
und ohne Knauserei mit dem Vermögen Opferlohn wie Land, Gold usw. geben; danach [ehre er] vorschriftsgemäß die Mūrtipas, die Murmler und ebenso die Brahmanen;
den Astrologen und den Handwerker verehrend, soll er Arme, Schutzlose usw. speisen. „Was ich dir, o Erhabener, hier beim Vor-dich-Treten an Mühe bereitet habe,
das Wesen [Anm.: den Ertrag] des Verdienstes der Installation, strahlend wie ein funkelnder Stern, mit Kuśa, Blumen und Körnern versehen, mit eigener Hand übergeben.
ādivarṇasya bhedādvā sutattvavyāptibhāvitāḥ / sādhya pramukhadevāś ca saridoṣadhayas tathā //
oder, gemäß der Unterscheidung nach dem Anfangsbuchstaben, erfüllt von der Durchdringung ihrer [jeweiligen] Prinzipien; die Sādhyas und die führenden Götter, ebenso die Flüsse und Kräuter,
und ebenso der Ort der Herren der Welten (bhuvanādhipati), wo ihre Festlegung ist. Vom Wachstum des Welteis [?] bis zum Pradhāna – diese drei Prinzipien sind die Stufe Brahmās;
von den Tanmātras bis zum Pradhāna – diese Dreiheit ist die Stufe Haris. [Die Stufe] der Herren des Tanzes, der Gaṇas, der Mütter, der Yakṣa-Herren und des Schilfgeborenen [Anm.: Skanda],
der Eigeborenen [?] reicht bis zur reinen Vidyā, ebenso die Stufe des Gaṇapati; bis Māyā, Aṃśa [?], Īśa und Śakti [reicht die Stufe] der Śivā und der von Śiva … Strahlenden [?],
Wort für Wort
aṇḍajāḥ
die Eigeborenen
śuddha-vidyā-antam
bis zur reinen Vidyā
padam gaṇapateḥ
die Stufe des Gaṇapati
māyā
Māyā
śakti-antam
bis zur Śakti
Vers stark verderbt ('māyāṃśadeśaśaktyanataṃ śivā śivoptarociṣāṃ').
soll er in die Grube des Sockels legen, [aber] ohne die fünf Brahmaśilās. Bei der in sechs [Teile] geteilten Grube, unter Auslassung des Teiles hinten,
Bei der Aufstellung von Stuck- und Gemäldebildern geschieht die Reinigung durch Konzentrationen (dhāraṇā); das Bad usw. [geschieht] dort geistig, ebenso das Einlegen von Stein, Edelsteinen usw.,
netrodghāṭanamantreṣṭamāsanādiprakalpanaṃ / pūjā nirambubhiḥ puṣpair yathā citraṃ na duṣyati //
das Augenöffnen, das Mantra-Opfer [?], das Bereiten des Sitzes usw.; die Verehrung [erfolgt] mit wasserlosen Blumen, damit das Bild nicht verdorben wird.
mit drei Teilen ergibt sich der Teilanteil, oder mit zwei Teilen; ebenso soll es auch bei ihren eigenen Sockeln sein, bei den Liṅgas gemäß der Unterscheidung der Prinzipien.
Bei [Liṅgas] aus Kristall usw. [erfolgt] die Weihe vorschriftsgemäß mit dem Schöpfungs-Mantra; ferner [unterbleibt] das Einlegen von Brahmaśilā, Edelsteinen usw.,
Das Baden mit den Saṃhitā-Mantras, die Auflegung und das Feueropfer soll er vollziehen lassen. Die Aufstellung der aus Flüssen und Meer hervorgegangenen [Liṅgas] gilt als wie zuvor.
Ein zeitweiliges [Anm.: für einen diesseitigen Zweck bestimmtes] Liṅga aus Ton oder aus Mehlteig usw., durch Formen hergestellt, soll er als rein verehren, nach der Vorschrift des Anschauens usw.;
samādāya tato mantrānātmānaṃ sannidhāya ca / tajjale prakṣipelliṅgaṃ vatsarāt kāmadaṃ bhavet //
dann, die Mantras zurücknehmend und in sich selbst vergegenwärtigend, soll er das Liṅga in jenes Wasser werfen; nach einem Jahr wird es wunschgewährend.