Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 166: varṇadharmādikathanam Darlegung der Standespflichten und anderes

Puṣkara unterscheidet die Arten des Dharma (Stand, Lebensstadium, anlassbedingte Pflicht u.a.) und erörtert Zweckarten von Vorschriften sowie Wahlfreiheit und Wiederholung in der Smṛti. Es folgt die Liste der 48 Saṃskāras (Lebensriten, fünf große Opfer, je sieben Koch-, Havis- und Soma-Opfer, acht Tugenden) und einzelne Verhaltensregeln (Schweigen, Gerstenmehl, Totenriten, Tischreihe). Die Liste der Kochopfer ist unvollständig (sechs statt sieben), in V. 3 scheint eine Kategorie ausgefallen, und der Text ist mehrfach entstellt (paṭsu, yapasā u.a.).

puṣkara uvāca | vedasmārtaṃ pravakṣyāmi dharmaṃ vai pañcadhā smṛtaṃ / varṇatvamekamāśritya yo 'dhikāraḥ pravartate //

Puṣkara sprach: Ich werde das auf Veda und Smṛti gegründete Recht (dharma) verkünden, das als fünffach überliefert ist. Die Befugnis, die allein auf den Stand (varṇa) gestützt in Kraft tritt,

Wort für Wort
puṣkara uvāca
Puṣkara sprach
veda-smārtam
auf Veda und Smṛti gegründet
pañcadhā smṛtam
als fünffach überliefert
varṇatvam ekam āśritya
allein auf den Stand gestützt
adhikāraḥ
Befugnis, Zuständigkeit
pravartate
tritt in Kraft

varṇadharṃaḥ sa vijñyeyo yathopanayanantriṣu / yastvāśramaṃ samāśritya padārthaḥ saṃvidhīyate //

ist als Standespflicht zu kennen, wie etwa die Einführung (upanayana) bei den drei [oberen Ständen]. Was aber gestützt auf ein Lebensstadium (āśrama) als Gegenstand vorgeschrieben wird,

Wort für Wort
varṇa-dharmaḥ
Standespflicht
vijñeyaḥ
ist zu kennen
upanayanam
Einführung (Initiation)
triṣu
bei den dreien
āśramam samāśritya
auf ein Lebensstadium gestützt
saṃvidhīyate
wird vorgeschrieben

ukta āśramadharmastu bhinnapiṇḍādiko yathā / ubhayena nimittena yo vidhiḥ sampravartate //

das heißt Pflicht des Lebensstadiums, wie etwa die ‚getrennte Speise‘ [?] usw. Die Vorschrift aber, die aus beiderlei Anlass in Kraft tritt,

Wort für Wort
āśrama-dharmaḥ
Pflicht des Lebensstadiums
bhinna-piṇḍa-ādikaḥ
getrennte Speise usw. [?]
ubhayena nimittena
aus beiderlei Anlass
vidhiḥ
Vorschrift
sampravartate
tritt in Kraft

bhinnapiṇḍādika unklar (vielleicht bhikṣāpiṇḍa ‚Almosenbissen‘). Zwischen ‚aus beiderlei Anlass‘ (Stand und Lebensstadium) und der folgenden Definition des naimittika-Dharma scheint eine Kategorie ausgefallen zu sein.

naimittikaḥ sa vijñeyaḥ prāyaścittavidhiryathā / brahmacārī gṛhī cāpi vānaprastho yatir nṛpa //

ist als anlassbedingt (naimittika) zu kennen, wie etwa die Vorschrift der Sühne. Schüler, Hausvater, auch Waldeinsiedler und Asket, o König –

Wort für Wort
naimittikaḥ
anlassbedingt
prāyaścitta-vidhiḥ
Sühnevorschrift
brahmacārī gṛhī
Schüler, Hausvater
vānaprasthaḥ
Waldeinsiedler
yatiḥ
Asket
nṛpa
o König

ukta āśramadharmastu dharmaḥ syāt pañcadhā paraḥ / ṣāḍguṇyasyābhidhāne yo dṛṣṭārthaḥ sa udāhṛtaḥ //

[deren Pflicht] ist als Pflicht der Lebensstadien genannt; die weitere, [fünfte] Art des fünffachen Rechts [?] ist diejenige, die bei der Darlegung der sechs Maßnahmen [der Außenpolitik] (ṣāḍguṇya) als auf einen sichtbaren Zweck gerichtet angeführt wird.

Wort für Wort
pañcadhā
fünffach
paraḥ
weitere, andere
ṣāḍguṇyasya abhidhāne
bei der Darlegung der sechs Maßnahmen
dṛṣṭa-arthaḥ
mit sichtbarem Zweck
udāhṛtaḥ
wird angeführt

Konstruktion unklar; wohl die fünfte Art des Dharma (des Königs) gemeint.

sa tredhā mantrayāgādyadṛṣṭārtha iti mānavāḥ / ubhayārtho vyavahārastu daṇḍadhāraṇameva ca //

Er ist dreifach – [mit sichtbarem Zweck;] mit unsichtbarem Zweck wie Mantra, Opfer usw. – so die Anhänger Manus; mit beiderlei Zweck aber sind das Rechtsverfahren (vyavahāra) und die Handhabung der Strafgewalt.

Wort für Wort
tredhā
dreifach
mantra-yāga-ādi
Mantra, Opfer usw.
adṛṣṭa-arthaḥ
mit unsichtbarem Zweck
mānavāḥ
die Anhänger Manus
ubhaya-arthaḥ
mit beiderlei Zweck
daṇḍa-dhāraṇam
Handhabung der Strafgewalt

tulyārthānāṃ vikalpaḥ syād yāgamūlaḥ prakīrtitaḥ / vede tu vihito dharmaḥ smṛtau tādṛśa eva ca //

Bei [Vorschriften] gleichen Zwecks gibt es Wahlfreiheit (vikalpa); [diese] gilt als im Opfer wurzelnd. Die im Veda vorgeschriebene Pflicht ist in der Smṛti ebenso [gültig].

Wort für Wort
tulya-arthānām
bei gleichem Zweck
vikalpaḥ
Wahlfreiheit, Option
yāga-mūlaḥ
im Opfer wurzelnd
vede vihitaḥ
im Veda vorgeschrieben
smṛtau tādṛśaḥ
in der Smṛti ebenso

anuvādaṃ smṛtiḥ sūte kāryārthamiti mānavāḥ / guṇārthaḥ parisaṅkhyārtho vānuvādo viśeṣataḥ //

Die Smṛti bringt eine Wiederholung (anuvāda) um des Handlungszwecks willen hervor – so die Anhänger Manus. Eine Wiederholung dient insbesondere einem Nebenzweck (guṇa) oder dem Zweck der Ausschließung (parisaṅkhyā).

Wort für Wort
anuvādam
Wiederholung
smṛtiḥ sūte
die Smṛti bringt hervor
kārya-artham
um des Handlungszwecks willen
guṇa-arthaḥ
mit Nebenzweck
parisaṅkhyā-arthaḥ
zum Zweck der Ausschließung
viśeṣataḥ
insbesondere

viśeṣadṛṣṭa evāsau phalārtha iti mānavāḥ / syādaṣṭacatvāriṃśadbhiḥ saṃskārair brahmalokagaḥ //

Ist sie aber auf etwas Besonderes gerichtet, so dient sie einer Frucht – so die Anhänger Manus. Durch achtundvierzig Weihehandlungen (saṃskāra) gelangt man in die Welt Brahmās:

Wort für Wort
viśeṣa-dṛṣṭaḥ
auf Besonderes gerichtet
phala-arthaḥ
einer Frucht dienend
aṣṭa-catvāriṃśadbhiḥ
durch achtundvierzig
saṃskāraiḥ
durch Weihehandlungen
brahmaloka-gaḥ
in die Brahmawelt gelangend

garbhādhānaṃ puṃsavanaṃ sīmantonnayanaḥ tataḥ / jātakarma nāmakṛtirannaprāśanacūḍakaṃ //

Empfängnisritus (garbhādhāna), Ritus für die Knabengeburt (puṃsavana), dann das Scheitelziehen (sīmantonnayana), Geburtsritus, Namengebung, erste Reisspeisung und Tonsur (cūḍā),

Wort für Wort
garbhādhānam
Empfängnisritus
puṃsavanam
Ritus für die Knabengeburt
sīmanta-unnayanam
Scheitelziehen
jātakarma
Geburtsritus
nāma-kṛtiḥ
Namengebung
anna-prāśana-cūḍakam
erste Reisspeisung und Tonsur

saṃskāraścopanayanaṃ vedavratacatuṣṭayaṃ / snānaṃ svadharmacāriṇyā yogaḥ syādyajñapañcakaṃ //

und der Saṃskāra der Einführung, die vier Veda-Gelübde, das Abschlussbad, die Verbindung mit einer Frau, die ihre Pflicht übt; [ferner] die fünf Opfer:

Wort für Wort
upanayanam
Einführung
veda-vrata-catuṣṭayam
die vier Veda-Gelübde
snānam
Abschlussbad
sva-dharma-cāriṇyā yogaḥ
Verbindung mit einer pflichttreuen Frau (Heirat)
yajña-pañcakam
die fünf Opfer

devayajñaḥ pitṛyajño manuṣyabhūtayajñakau / brahmayajñaḥ saptapākayajñasaṃsthāḥ puro 'ṣṭakāḥ //

Götteropfer, Väteropfer, Menschen- und Wesenopfer, Brahma-Opfer; die sieben Formen des Kochopfers (pākayajña): zuerst die Aṣṭakās,

Wort für Wort
deva-yajñaḥ
Götteropfer
pitṛ-yajñaḥ
Väteropfer
manuṣya-bhūta-yajñakau
Menschen- und Wesenopfer
brahma-yajñaḥ
Brahma-Opfer (Vedastudium)
sapta-pākayajña-saṃsthāḥ
die sieben Kochopferformen
aṣṭakāḥ
die Aṣṭakā-Riten

pārvaṇaśrāddhaṃ śrāvaṇyāgrahāyaṇī ca caitryapi / āśvayujī saptahaviryajñasaṃsthāstataḥ smṛtāḥ //

das Pārvaṇa-Śrāddha, die Śrāvaṇī, die Āgrahāyaṇī, auch die Caitrī und die Āśvayujī; danach gelten die sieben Formen des Havis-Opfers:

Wort für Wort
pārvaṇa-śrāddham
Pārvaṇa-Śrāddha
śrāvaṇī
Śrāvaṇī-Ritus
āgrahāyaṇī
Āgrahāyaṇī-Ritus
caitrī
Caitrī-Ritus
āśvayujī
Āśvayujī-Ritus
sapta-haviryajña-saṃsthāḥ
die sieben Havis-Opferformen

Aufgezählt sind nur sechs der sieben Kochopfer.

agnyādheyamagnihotraṃ darśaḥ syāt paśubandhakaḥ / cāturmāsyāgrahāyeṣṭirnirūḍhaḥ paśubandhakaḥ //

Feuergründung (agnyādheya), Agnihotra, Neu- [und Vollmond]opfer, Tieropfer [?], Cāturmāsya-Opfer, das Āgrayaṇa-Opfer und das selbständige Tieropfer (nirūḍha-paśubandha),

Wort für Wort
agnyādheyam
Feuergründung
agnihotram
Agnihotra
darśaḥ
Neumondopfer
cāturmāsya
Viermonatsopfer
āgrayaṇa-iṣṭiḥ
Erstlingsopfer
nirūḍhaḥ paśubandhakaḥ
selbständiges Tieropfer

paśubandhaka erscheint zweimal; āgrahāyeṣṭi für āgrayaṇeṣṭi.

sautrāmaṇisaptasomasaṃsthāgniṣṭoma āditaḥ / atyagniṣṭoma ukthaś ca ṣoḍaśī vājapeyakaḥ //

[und] die Sautrāmaṇī; die sieben Formen des Soma-Opfers: zuerst der Agniṣṭoma, der Atyagniṣṭoma, der Ukthya, der Ṣoḍaśin, der Vājapeya,

Wort für Wort
sautrāmaṇiḥ
Sautrāmaṇī
sapta-soma-saṃsthāḥ
die sieben Somaopferformen
agniṣṭomaḥ
Agniṣṭoma
atyagniṣṭomaḥ
Atyagniṣṭoma
ukthaḥ ṣoḍaśī
Ukthya, Ṣoḍaśin
vājapeyakaḥ
Vājapeya

atirātrās tathā stoma aṣṭau cātmaguṇāstataḥ / dayā kṣamānasūyā ca anāyāso 'tha maṅgalaṃ //

die Atirātras und ebenso der [Aptor-]yāma-Stoma [?]; und dann die acht Eigenschaften der Seele: Mitleid, Geduld und Neidlosigkeit, Mühelosigkeit, dann Heilsamkeit,

Wort für Wort
atirātrāḥ
Atirātra-Opfer
aṣṭau ātma-guṇāḥ
die acht Eigenschaften der Seele
dayā
Mitleid
kṣamā
Geduld
anasūyā
Neidlosigkeit
anāyāsaḥ maṅgalam
Mühelosigkeit, Heilsamkeit

stoma wohl verkürzt für aptoryāma.

akārpaṇyāspṛhāśaucaṃ yasyaite sa paraṃ vrajet / pracāre maithune caiva prasrāve dantadhāvane //

Freigebigkeit, Begierdelosigkeit und Reinheit – wer diese besitzt, geht zum Höchsten. Bei der Entleerung, beim Beischlaf, beim Harnlassen, beim Zähneputzen,

Wort für Wort
akārpaṇyam
Freigebigkeit, Nicht-Kleinlichkeit
aspṛhā
Begierdelosigkeit
śaucam
Reinheit
param vrajet
er geht zum Höchsten
maithune
beim Beischlaf
danta-dhāvane
beim Zähneputzen

pracāre wohl für uccāre ‚Stuhlgang‘.

snānabhojanakāle ca paṭsu maunaṃ samācaret / punardānaṃ pṛthakpānamājyena yapasā niśi //

beim Baden und zur Essenszeit – in diesen sechs [Fällen] übe man Schweigen. Nochmaliges Nehmen, getrenntes Trinken, mit Ghee, mit Milch, bei Nacht,

Wort für Wort
snāna-bhojana-kāle
beim Baden und Essen
ṣaṭsu
in sechs (Fällen)
maunam samācaret
er übe Schweigen
punar-dānam
nochmalige Gabe
pṛthak-pānam
getrenntes Trinken
ājyena payasā niśi
mit Ghee, mit Milch, nachts

paṭsu für ṣaṭsu; yapasā für payasā; die Liste setzt sich in V. 19 fort.

dantacchedanamuṣṇaṃ ca sapta śaktuṣu varjayet / snātvā puṣpaṃ na gṛhṇīyād devāyogyantadīritaṃ //

Abbeißen mit den Zähnen und heiß – diese sieben meide man beim Gerstenmehl (saktu). Nach dem Bad pflücke man keine Blume; eine solche gilt als für die Götter ungeeignet.

Wort für Wort
danta-chedanam
Abbeißen mit den Zähnen
uṣṇam
heiß
sapta saktuṣu varjayet
sieben meide er beim Gerstenmehl
snātvā
nach dem Bad
puṣpam na gṛhṇīyāt
keine Blume pflücke er
deva-ayogyam
für die Götter ungeeignet

śaktuṣu für saktuṣu.

anyagotropyasambaddhaḥ pretasyāgnindadāti yaḥ / piṇḍañcodakadānañca sa daśāhaṃ samāpayet //

Wer, auch aus anderem Geschlecht und nicht verwandt, einem Verstorbenen das [Scheiterhaufen-]Feuer gibt, sowie den Kloß und die Wasserspende, der soll die zehn Tage [der Riten] vollenden.

Wort für Wort
anya-gotraḥ
aus anderem Geschlecht
asambaddhaḥ
nicht verwandt
pretasya agnim
das Feuer des Verstorbenen
piṇḍam udaka-dānam
Kloß und Wasserspende
daśāham samāpayet
er vollende die zehn Tage

udakañca tṛṇaṃ bhasma dvārampanthāstathaiva ca / ebhirantaritaṃ kṛtvā paṅktidoṣo na vidyate //

Wasser, Gras, Asche, eine Tür und ebenso ein Weg – hat man durch diese eine Trennung geschaffen, so besteht kein Makel der Tischreihe (paṅktidoṣa).

Wort für Wort
udakam tṛṇam bhasma
Wasser, Gras, Asche
dvāram panthāḥ
Tür, Weg
antaritam kṛtvā
eine Trennung schaffend
paṅkti-doṣaḥ
Makel der Tischreihe
na vidyate
besteht nicht

pañca prāṇāhutīrdadyādanāmāṅguṣṭhayogataḥ //22 //

Man gebe die fünf Spenden an die Lebenshauche mit der Verbindung von Ringfinger und Daumen.

Wort für Wort
pañca prāṇa-āhutīḥ
die fünf Spenden an die Lebenshauche
dadyāt
er gebe
anāmā-aṅguṣṭha-yogataḥ
durch Verbindung von Ringfinger und Daumen

Halbvers.

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