Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 11: śrīrāmāvatāravarṇanam (uttarakāṇḍavarṇanam) Die Herabkunft Rāmas: Beschreibung des Uttarakāṇḍa (Schlussbuch)

Das Kapitel fasst das Uttarakāṇḍa zusammen: Agastyas Bericht über die Abstammung Rāvaṇas und Indrajits, Śatrughnas Sieg über Lavaṇa, Bharatas Kampf gegen den Gandharva Śailūṣa, die Geburt von Kuśa und Lava sowie Rāmas Heimgang in den Himmel. Zum Schluss wird Vālmīkis Abfassung des Rāmāyaṇa nach Nāradas Bericht genannt. V. 12 (sītā- putro) ist wohl verderbt.

nārada uvāca | rājyasthaṃ rāghavaṃ jagmur agastyādyāḥ supūjitāḥ / dhanyastvaṃ vijayī yasmād indrajidvinipātitaḥ //

Nārada sprach: Zu Rāghava, der die Herrschaft angetreten hatte, kamen Agastya und die anderen [Weisen] und wurden hoch geehrt. [Sie sprachen:] „Glücklich bist du und siegreich, da Indrajit gefällt worden ist.

Wort für Wort
rājya-stham rāghavam
zu Rāghava, der auf dem Thron saß
agastya-ādyāḥ
Agastya und die anderen
supūjitāḥ
hoch geehrt
dhanyaḥ tvam vijayī
glücklich bist du, siegreich
indrajit vinipātitaḥ
Indrajit ist gefällt

brahmātmajaḥ pulastyobhūt viśravāstasya naikaṣī / puṣpotkaṭābhūt prathamā tatputrobhūddhaneśvaraḥ //

Pulastya war ein Sohn Brahmās, dessen [Sohn] Viśravas. [Dessen Gattinnen waren] Naikaṣī und, als erste, Puṣpotkaṭā; deren Sohn war der Herr der Reichtümer [Anm.: Kubera].

Wort für Wort
brahma-ātmajaḥ
Sohn Brahmās
pulastyaḥ abhūt
Pulastya war
viśravāḥ tasya
Viśravas (war) sein (Sohn)
prathamā
die erste
dhana-īśvaraḥ
Herr der Reichtümer (Kubera)

Elliptische Genealogie; die Zuordnung der Gattinnen ist aus dem Zusammenhang erschlossen.

naikaṣyāṃ rāvaṇo jajñe viṃśadbāhurdaśānanaḥ / tapasā brahmadattena vareṇa jitadaivataḥ //

Von Naikaṣī wurde Rāvaṇa geboren, zwanzigarmig und zehngesichtig; durch Askese [erlangte er] eine von Brahmā gewährte Gnade und bezwang damit die Götter.

Wort für Wort
naikaṣyām jajñe
wurde von Naikaṣī geboren
viṃśat-bāhuḥ
zwanzigarmig
daśa-ānanaḥ
zehngesichtig
tapasā
durch Askese
brahma-dattena vareṇa
durch eine von Brahmā gegebene Gnade
jita-daivataḥ
die Götter bezwungen habend

kumbhakarṇaḥ sanidro 'bhūd dharmiṣṭho 'bhūdvibhīṣaṇaḥ / svasā śūrpaṇakhā teṣāṃ rāvaṇānmeghanādakaḥ //

Kumbhakarṇa war der Schlafsucht verfallen, Vibhīṣaṇa war höchst rechtschaffen; ihre Schwester war Śūrpaṇakhā. Von Rāvaṇa [stammte] Meghanāda.

Wort für Wort
sa-nidraḥ
mit Schlaf behaftet, schlafsüchtig
dharmiṣṭhaḥ
höchst rechtschaffen
svasā teṣām
ihre Schwester
rāvaṇāt meghanādakaḥ
von Rāvaṇa (stammte) Meghanāda

indraṃ jitvendrajiccābhūd rāvaṇādadhiko balī / hatastvayā lakṣmaṇena devādeḥ kṣemamicchatā //

Weil er Indra besiegt hatte, wurde er Indrajit [Anm.: „Indra-Besieger“], stärker als Rāvaṇa. Er ist von dir durch Lakṣmaṇa erschlagen worden, da du das Wohl der Götter und der anderen wolltest.“

Wort für Wort
indram jitvā
Indra besiegt habend
rāvaṇāt adhikaḥ balī
stärker als Rāvaṇa
hataḥ tvayā lakṣmaṇena
von dir durch Lakṣmaṇa erschlagen
deva-ādeḥ kṣemam icchatā
das Wohl der Götter usw. wünschend

ityuktvā te gatā viprā agastyādyā namaskṛtāḥ / devaprārthitarāmoktaḥ śatrughno lavaṇārdanaḥ //

Nachdem sie so gesprochen hatten, gingen die Brahmanen Agastya und die anderen, [von Rāma] mit Verneigung geehrt, fort. Śatrughna, von Rāma auf Bitten der Götter beauftragt, [wurde] zum Bezwinger Lavaṇas.

Wort für Wort
iti uktvā
so gesprochen habend
gatāḥ viprāḥ
die Brahmanen gingen
namaskṛtāḥ
mit Verneigung geehrt
deva-prārthita-rāma-uktaḥ
von Rāma auf Bitten der Götter geheißen
lavaṇa-ardanaḥ
Bedränger/Bezwinger Lavaṇas

abhūt pūrmathurā kācit rāmokto bharato 'vadhīt / koṭitrayañca śailūṣa- putrāṇāṃ niśitaiḥ śaraiḥ //

Es entstand eine Stadt namens Mathurā. Bharata, von Rāma beauftragt, tötete mit scharfen Pfeilen drei Koṭis [Anm.: 30 Millionen] Söhne des Śailūṣa

Wort für Wort
abhūt pūḥ mathurā
es entstand die Stadt Mathurā
kācit
eine gewisse
rāma-uktaḥ bharataḥ avadhīt
Bharata, von Rāma geheißen, tötete
koṭi-trayam
drei Koṭis
niśitaiḥ śaraiḥ
mit scharfen Pfeilen

pūrmathurā = pūr mathurā „die Stadt Mathurā“.

śailūṣaṃ duṣṭagandharvaṃ sindhutīranivāsinam / takṣañca puṣkaraṃ putraṃ sthāpayitvātha deśayoḥ //

und den Śailūṣa selbst, einen bösen Gandharva, der am Ufer des Sindhu wohnte. Dann setzte er [seine Söhne] Takṣa und Puṣkara in den beiden Ländern ein,

Wort für Wort
duṣṭa-gandharvam
den bösen Gandharva
sindhu-tīra-nivāsinam
am Ufer des Sindhu wohnend
takṣam puṣkaram putram
die Söhne Takṣa und Puṣkara
sthāpayitvā
eingesetzt habend
deśayoḥ
in den beiden Ländern

bharatogātsaśatrughno rāghavaṃ pūjayan sthitaḥ / rāmo duṣṭānnihatyājau śiṣṭān sampālya mānavaḥ //

und Bharata ging mit Śatrughna zu Rāghava und blieb [bei ihm], ihn verehrend. Rāma, der als Mensch die Bösen im Kampf erschlagen und die Guten beschützt hatte –

Wort für Wort
bharataḥ agāt
Bharata ging
sa-śatrughnaḥ
mit Śatrughna
pūjayan sthitaḥ
verehrend verweilte
duṣṭān nihatya ājau
die Bösen im Kampf erschlagen
śiṣṭān sampālya
die Guten beschützt
mānavaḥ
als Mensch

putrau kuśalavau jātau vālmīkerāśrame varau / lokāpavādāttyaktāyāṃ jñātau sucaritaśravāt //

ihm wurden in Vālmīkis Einsiedelei zwei vortreffliche Söhne, Kuśa und Lava, von der wegen üblen Geredes der Leute verstoßenen [Sītā] geboren; er erkannte sie am Hören [des Vortrags] seines guten Wandels [Anm.: der von ihnen rezitierten Geschichte] –

Wort für Wort
putrau kuśa-lavau
die beiden Söhne Kuśa und Lava
vālmīkeḥ āśrame
in Vālmīkis Einsiedelei
loka-apavādāt tyaktāyām
von der wegen Volksgerede Verstoßenen
jñātau
erkannt
su-carita-śravāt
durch Hören des guten Wandels

rājyebhiṣicya brahmāham asmīti dhyānatatparaḥ / daśavarṣasahasrāṇi daśavarṣaśatāni ca //

setzte sie in die Herrschaft ein und war, in die Meditation „Ich bin das Brahman“ versenkt, … Elftausend Jahre [Anm.: zehntausend und zehnhundert Jahre] lang

Wort für Wort
rājye abhiṣicya
in die Herrschaft geweiht
brahma aham asmi
ich bin das Brahman
dhyāna-tatparaḥ
der Meditation hingegeben
daśa-varṣa-sahasrāṇi
zehntausend Jahre
daśa-varṣa-śatāni
zehnhundert Jahre

rājyaṃ kṛtvā kratūn kṛtvā svargaṃ devārcito yayau / sapauraḥ sānujaḥ sītā- putro janapadānvitaḥ //

hatte er geherrscht und Opfer vollzogen; dann ging er, von den Göttern verehrt, in den Himmel, zusammen mit den Städtern, mit den jüngeren Brüdern, [mit] Sītā [und] dem Sohn [?] und mit dem Landvolk.

Wort für Wort
rājyam kṛtvā
geherrscht habend
kratūn kṛtvā
Opfer vollzogen habend
svargam yayau
ging in den Himmel
deva-arcitaḥ
von Göttern verehrt
sa-pauraḥ sa-anujaḥ
mit Städtern, mit Brüdern
janapada-anvitaḥ
mit dem Landvolk

sītā- putro … ist verderbt oder ungewöhnlich (etwa sītāputraḥ?); plausibelste Deutung als Aufzählung der Begleiter.

agnir uvāca | vālmīkir nāradācchrutvā rāmāyaṇamakārayat / savistaraṃ yadetacca śṛṇuyātsa divaṃ vrajet //

Agni sprach: Vālmīki verfasste das Rāmāyaṇa, nachdem er es von Nārada gehört hatte, in ausführlicher Form. Wer dies hört, gelangt in den Himmel.

Wort für Wort
nāradāt śrutvā
von Nārada gehört habend
rāmāyaṇam akārayat
verfasste das Rāmāyaṇa
sa-vistaram
ausführlich
śṛṇuyāt
wer hören sollte
divam vrajet
gelangt in den Himmel

akārayat (Kausativ) hier im Sinn von „schuf, verfasste“.

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