Kapitel 216: gāyatrīnirvāṇam
Die Erlösung durch die Gāyatrī
Agni erläutert Wort für Wort die Gāyatrī (Sāvitrī): Etymologien von gāyatrī, sāvitrī, bharga, vareṇya, dhīmahi, naḥ, dhiyaḥ und codayāt, die Identität des Sonnenlichts mit Viṣṇu bzw. dem höchsten Brahman und die Meditation „Ich bin Brahman“. Einige Stellen sind verderbt (sāvitrīya V. 2, mahadājyaṃ V. 10, tattvaṃ sadasi V. 17).
Agni sprach: Nachdem man so die Vorschrift der Dämmerungsandacht (sandhyā) vollzogen hat, rezitiere man die Gāyatrī und gedenke ihrer. Weil sie, gesungen (gāyan), die Schüler, die Ehefrau und ebenso die Lebenshauche schützt (trāyet),
Wort für Wort
sandhyā-vidhim kṛtvā
die Dämmerungsandacht vollzogen habend
japet smaret
rezitiere, gedenke
gāyan
gesungen, singend
śiṣyān
die Schüler
yataḥ trāyet
weil sie schützt
bhāryām prāṇān
die Ehefrau, die Lebenshauche
gāyañcchiṣyān wohl gāyan + śiṣyān; Etymologie gāyatrī < gai „singen“ + trai „schützen“.
taj jyotiḥ paramaṃ brahma bhargastejo yataḥ smṛtaṃ / bhā dīptāviti rūpaṃ hi bhrasjaḥ pāke 'tha tat smṛtaṃ //
Jenes Licht ist das höchste Brahman, da „bharga“ als Glanz gilt. [Es leitet sich ab von] bhā „im Sinne von Leuchten“ – das ist die Form –, oder von bhrasj „im Sinne von Rösten“; so ist es überliefert.
Wort für Wort
tat jyotiḥ
jenes Licht
param brahma
das höchste Brahman
bhargaḥ tejaḥ
bharga = Glanz
bhā dīptau
bhā im Sinne von Leuchten
bhrasjaḥ pāke
bhrasj im Sinne von Rösten
Grammatische Etymologien von bharga im Stil der Dhātupāṭha-Angaben.
Es kocht [d. h. lässt reifen] die Pflanzen und dergleichen. Ebenso [kann es] von bhrāj „im Sinne von Leuchten“ [kommen]: „bharga“ wäre [dann] von „bhrājate“ [abgeleitet]; im Veda gilt [die Bildung] als vielfältig [Anm.: d. h. unregelmäßig].
Wort für Wort
oṣadhi-ādikam pacati
kocht die Pflanzen usw.
bhrājṛ dīptau
bhrāj im Sinne von Leuchten
bhrājate iti
von „bhrājate“
bahulam chandasi
im Veda vielfältig
īritam
wird gesagt
bahulaṃ chandasi: grammatische Formel für vedische Unregelmäßigkeiten.
vareṇyaṃ sarvatejobhyaḥ śreṣṭhaṃ vai paramaṃ padaṃ / svargāpavargakāmair vā varaṇīyaṃ sadaiva hi //
„vareṇyam“ [bedeutet]: das Beste unter allen Lichtern, der höchste Standort; oder: das von denen, die Himmel und Erlösung wünschen, stets Zu-Erwählende,
weil vṛ die Bedeutung „erwählen“ hat. Das von Wachen, Traum und dergleichen freie, ewig reine, erwachte, eine, wahre – jenes, den Herrn, bedenken wir (dhīmahi).
ahaṃ brahma paraṃ jyotirdhyayemahi vimuktaye / taj jyotirbhagavān viṣṇurjagajjanmādikāraṇaṃ //
„Ich bin Brahman, das höchste Licht“ – so wollen wir zur Erlösung meditieren. Jenes Licht ist der erhabene Viṣṇu, die Ursache von Entstehung und dergleichen der Welt.
Denn Viṣṇu hat die Gestalt von Agni und den übrigen; am Anfang des Veda wird er als Brahman besungen. Jener höchste Standort Viṣṇus gilt als [der] des Gottes Savitṛ.
mahadājyaṃ sūyate hi svayaṃ jyotirhariḥ prabhuḥ / parjanyo vāyurādityaḥ śītoṣṇādyaiś ca pācayet //
Denn das Mahat und das Übrige wird hervorgebracht (sūyate) [Anm.: Deutung von savitṛ aus sū „hervorbringen“]; Hari, der Herr, ist selbst Licht. Als Parjanya, Vāyu und Āditya lässt er durch Kälte, Hitze und dergleichen reifen.
Wort für Wort
mahat-ādyam
das Mahat usw.
sūyate
wird hervorgebracht
svayam jyotiḥ
selbst Licht
parjanyaḥ vāyuḥ ādityaḥ
Parjanya, Vāyu, Āditya
śīta-uṣṇa-ādyaiḥ pācayet
lässt durch Kälte, Hitze usw. reifen
mahadājyaṃ („großes Butterschmalz“) sinnlos; wohl für mahadādyaṃ „das Mahat usw.“ verderbt.
dadhātervā dhīmahīti manasā dhārayemahi / no 'smākaṃ yaś ca bhargaś ca sarveṣāṃ prāṇināṃ dhiyaḥ //
Oder [ist dhīmahi] von dadhāti [abzuleiten]: „dhīmahi“ [heißt dann]: wir wollen im Geist festhalten. „naḥ“ [heißt] „unser“; und „yaḥ“ und „bharga“; „dhiyaḥ“ [sind] die Einsichten aller Lebewesen.
„codayāt“: er möge die Einsichten der Genießenden bei allen Handlungen antreiben, bei den sichtbaren und unsichtbaren Früchten [der Taten] – er, der die Gestalt von Viṣṇu, Sūrya und Agni hat.
Vom Herrn angetrieben geht man in den Himmel oder auch in den Abgrund. Vom Herrn ist all dies zu bewohnen [Anm.: Anspielung auf īśāvāsyam idaṃ sarvam]; Hari ist die mit dem Mahat beginnende Welt.
svargādyaiḥ krīḍate devo yo 'haṃ sa puruṣaḥ prabhuḥ / ādityāntargataṃ yacca bhargākhyaṃ vai mumukṣubhiḥ //
Der Gott spielt mit Himmel und dergleichen; der ich bin, der ist der Geist (puruṣa), der Herr. Und was innerhalb der Sonne ist und „bharga“ heißt, [das ist] von den Erlösungssuchenden
Das bist du: Sein, Geist, Brahman [?], das der höchste Standort Viṣṇus ist; der Glanz (bharga) des Gottes Savitṛ, das Erwählenswerte, ist ja das Vierte (turīya).
Wort für Wort
tat tvam
das (bist) du
sat asi
du bist Sein
cit brahma
Geist, Brahman
viṣṇoḥ paramam padam
Viṣṇus höchster Standort
bhargaḥ vareṇyam
der erwählenswerte Glanz
turīyakam
das Vierte
tattvaṃ sadasi vielleicht aus tat tvam asi entstellt; alternativ „die Wahrheit, du bist das Seiende“.
dehādijāgradābrahma ahaṃ brahmeti dhīmahi / yo 'sāvādityapuruṣaḥ so 'sāvahamananta oṃ //
Vom Körper und dergleichen, dem Wachzustand, bis hin zum Brahman: „Ich bin Brahman“ – so meditieren wir. Jener Geist in der Sonne, der bin ich, der Unendliche, Oṃ.