Kapitel 59: adhivāsanakathanam
Darlegung der Einwohnung (Adhivāsana)
Das Adhivāsana, das Herbeiführen der Gegenwart Haris im Bild, wird beschrieben: zunächst die meditative Auflösung der Elemente und Prinzipien bis in Vāsudeva und die erneute Emanation über Saṅkarṣaṇa, Pradyumna, Aniruddha und Brahmā bis zum groben Körper. Es folgen die Auflegung (Nyāsa) der Konsonanten als Tattvas auf die Körperteile, die fünf Upaniṣad-Mantras, der Grund-Mantra mit den zwölf Namen von Keśava bis Dāmodara, die Radmeditation sowie Feuerbereitung, Opfer, Aufstellung der vier Flusskrüge und die nächtliche Wache. Mehrere Stellen sind verderbt (z.B. abhyaṣṭa V. 6, die Doppelungen V. 49-51); V. 57 hat drei Halbverse.
Der Erhabene sprach: Das Herbeiführen der Gegenwart Haris heißt Adhivāsana (Einwohnung). Nachdem man das Selbst als allwissend, allgegenwärtig, als höchsten Puruṣa meditiert hat,
die sich [mit dem Körper] identifizierende Geistkraft mit dem Oṃ-Laut verbunden, [sie] herausgezogen und die Einheit mit dem Selbst hergestellt hat, in sich selbst, dem allgegenwärtigen Mächtigen,
führe man die Erde [in das Wasser] über [?], mit der Keimsilbe des Feuers bringe man [es] zum Brennen; mit dem Wind ziehe man das Feuer ein, und den Wind führe man in den Raum.
Wort für Wort
yojayet pṛthvīm
soll die Erde verbinden/überführen
vahni-bījena
mit der Keimsilbe des Feuers
dīpayet
soll entflammen
saṃharet vāyunā agnim
soll mit dem Wind das Feuer einziehen
vāyum ākāśataḥ nayet
soll den Wind in den Raum führen
marutāṃ ist in diesem Auflösungsschema (Erde - Wasser - Feuer - Wind - Raum) unpassend; vielleicht für amṛte/apsu (ins Wasser) verderbt.
Zusammen mit den Adhibhūta- usw. Gottheiten und den Sādhya genannten Mächten führe der Weise [die Elemente] auf die Tanmātras zurück und ziehe sie so der Reihe nach ein.
Wort für Wort
adhibhūta-ādi-devaiḥ
mit den Gottheiten Adhibhūta usw.
sādhya-ākhyaiḥ vibhavaiḥ
mit den Sādhya genannten Mächten
tanmātra-pātrakān kṛtvā
zu Gefäßen der Tanmātras gemacht habend
saṃharet
soll einziehen
kramāt budhaḥ
der Weise der Reihe nach
tanmātrapātrakān kṛtvā wörtlich 'zu Tanmātra-Gefäßen machend'; Deutung als Rückführung auf die Subtilelemente.
ākāśaṃ manasāhatya manohaṅkaraṇe kuru / ahaṅkārañca mahati tañcāpyavyākṛte nayet //
Den Raum ziehe mit dem Denken (Manas) ein, das Denken [führe] in den Ichmacher, den Ichmacher in das Große (Mahat), und dieses führe in das Unentfaltete.
aniruddhaṃ rasamātraṃ brahmāṇaṃ gandharūpakaṃ / aniruddhaḥ sa ca brahmā apa ādau sasarja ha //
[ferner] Aniruddha, der bloßer Geschmack ist, [und] Brahmā von der Gestalt des Geruchs. Und dieser Aniruddha, [als] Brahmā, schuf am Anfang die Wasser.
In diese hinein schuf er ein goldenes Ei, aus den fünf Elementen bestehend. Als die Seele (Jīva) in dieses eingegangen war, wurde die Kraft vom Selbst eingezogen [?].
Der Lebenshauch, mit dem Jīva verbunden, wird 'mit Tätigkeit versehen' genannt. Der Jīva aber, 'Vyāhṛti' genannt, gilt in den Lebenshauchen als der das Selbst betreffende.
Mit den Lebenshauchen verbunden entstand darauf die Buddhi, die acht Gestalten hat; daraus entstand der Ichmacher, aus diesem wurde das Denken geboren.
Die Mantras, die diese bezeichnen, werden als die höchsten für die Auflegung (Nyāsa) genannt. Den Laut 'ma', der das Leben ist, lege man als den [Leib] des Gottes durchdringend auf.
Den Laut 'bha', das Prinzip des Lebenshauches, das in der Begrenzung des Jīva liegt, lege man auf; den Laut 'ba', das Buddhi-Prinzip, lege der Weise, im Herzen befindlich, auf.
Auch den Laut 'pha', aus dem Ichmacher bestehend, lege man ebendort auf; den Laut 'pa', das Prinzip des Denkens, das aus dem Vorstellen entsteht, lege man auf.
Der Kundige lege 'jha', das Prinzip der Hände, auf die Hände; nachdem er 'ja' auf die Füße gelegt hat, [lege er] 'cha' auf den After, 'ca' auf das Geschlechtsteil.
dort lege man den Laut 'ma' [?], mit den sechzehn Teilen (Kalās) verbunden, auf; in dessen Mitte denke sich der Mantrakundige den Punkt (Bindu), die Scheibe des Feuers.
Wort für Wort
kalā-ṣoḍaśa-saṃyuktam
mit sechzehn Teilen verbunden
makāram
den Laut ma
tat-madhye
in dessen Mitte
mantrī
der Mantrakundige
bindum
den Punkt
vahneḥ maṇḍalam
die Scheibe des Feuers
makāra ist bereits in V. 16 verwendet; da die sechzehn Kalās zum Mond gehören, ist vielleicht sakāra zu lesen.
bei der Einzelverehrung sei die fünfte: als die fünf Upaniṣad-[Mantras] sind sie überliefert. Nachdem man Hari als aus Mantras bestehend meditiert hat, lege man in die Mitte den Laut 'hūṃ'.
Welche Gestalt man auch aufstellt – daraufhin lege man den Grund-Mantra auf. 'Oṃ namo bhagavate vāsudevāya' (Oṃ, Verehrung dem erhabenen Vāsudeva) ist der Grund-Mantra;
[seine Silben lege man] auf Kopf, Nase, Stirn, Mund, Hals und Herz der Reihe nach, auf die Arme, die Unterschenkel und die Füße. Keśava lege man auf den Kopf,
Madhusūdana auf den Rücken, Vāmana lege man auf den Bauch; nachdem man Trivikrama auf die Hüfte gelegt hat, lege man Śrīdhara auf den [linken] Unterschenkel,
Wort für Wort
madhusūdanakam pṛṣṭhe
Madhusūdana auf den Rücken
vāmanam jaṭhare
Vāmana auf den Bauch
kakṣyām trivikramam
Trivikrama auf die Hüfte
jaṅghāyām śrīdharam
Śrīdhara auf den Unterschenkel
'links' aus dem Gegensatz zu dakṣiṇāyām (V. 36) erschlossen.
tat svairair dvādaśair bhedya hy aṅgāni parikalpayet / hṛdayādīni deveśa mūlañca daśamākṣaraṃ //
diese verbinde man mit den zwölf Vokalen und bilde so die Glieder, Herz usw., o Herr der Götter; der Grund-[Mantra] aber ist die Silbe mit dem zehnten [Vokal] [?].
mit Duftstoffen, Blumen usw., richtig, samt Gliedern und Umgebung, der Reihe nach; mit den Keimsilben des zwölfsilbigen [Mantras] verehre er Keśava usw.
hutvāgniṃ hutamiti kuṇḍegniṃ praṇayedbudhaḥ / agnipraṇayane mantrastvamagne hy agnirucyate //
Nachdem er in das Feuer geopfert hat [mit] 'hutam', führe der Weise das Feuer in die Grube; beim Hinführen des Feuers wird als Mantra 'tvam agne' [bzw. 'agni'] genannt [?].
Wort für Wort
hutvā agnim
ins Feuer geopfert habend
kuṇḍe agnim praṇayet
soll das Feuer in die Grube führen
agni-praṇayane
beim Hinführen des Feuers
mantraḥ
der Mantra
tvam agne
'tvam agne'
V. 49-51 wiederholen sich teilweise wörtlich (V. 49b = 51b); der Text ist hier wohl verderbt.
Mit den zwölf Silben berühre er die Füße, den Nabel, das Herz und dann den Kopf [des Bildes]; nachdem er Butterschmalz, Dickmilch und Milch geopfert hat, berühre er danach das Haupt.
Mit der Viṣṇu-Gāyatrī brenne er [?], mit der Gāyatrī koche er das Opfermus (Caru); er opfere, bringe eine Spende dar und speise im Norden die Brahmanen.
Zur Zufriedenstellung der Herren des Sāman [?] gebe er dem Lehrer eine goldene Kuh. Nachdem er den Herren der Richtungen eine Spende dargebracht hat, halte er in der Nacht Wache, unter dem Klang von Brahmagītā usw., da [so] alle Teile geweiht werden.
Wort für Wort
sāma-adhipānām tuṣṭi-artham
zur Zufriedenstellung der Sāman-Herren
hema-gām
eine goldene Kuh
dik-patibhyaḥ balim dattvā
den Richtungsherren eine Spende gegeben habend
rātrau jāgaram
nächtliche Wache
brahma-gīta-ādi-śabdena
mit dem Klang von Brahmagītā usw.
sarva-bhāga-adhivāsanāt
wegen der Weihe aller Teile
sāmādhipānāṃ unklar (vielleicht samādhipānāṃ). Vers mit drei Halbversen.