Agni definiert die Dhāraṇā als festes Verweilen des Geistes auf einem Objekt und bestimmt ihr Zeitmaß im Verhältnis zu Dhyāna und Samādhi. Beschrieben werden vier Heil- und Läuterungs-Dhāraṇās: die feurige (Verbrennen des Körpers), die wässrige (Überfluten mit kühlem Nektar), die Aiśānī (Erlöschen von Atem und Denken im höchsten Prinzip) und die Amṛtā (Meditation auf Mondlotus und Herzlotus). Mehrere Verse (bes. 7, 11, 17, 21) sind im Digitalisat verderbt oder syntaktisch unklar.
Agni sprach: Dhāraṇā ist das feste Verweilen des Geistes auf dem Meditationsobjekt; wie die Meditation ist sie zweifach [Anm.: auf das Gestalthafte und das Gestaltlose gerichtet]. Durch das Festhalten des Geistes in der Meditation auf den gestalthaften und gestaltlosen Hari [erlangt man] Hari [?].
Wort für Wort
dhāraṇā
Konzentration, Festhalten
manasaḥ dhyeye saṃsthitiḥ
Verweilen des Geistes auf dem zu Meditierenden
dhyānavat dvidhā
wie die Meditation zweifach
mūrta-amūrta-hari-dhyāna
Meditation auf den gestalthaften und gestaltlosen Hari
mano-dhāraṇataḥ
durch das Festhalten des Geistes
Der Schluss „hariḥ“ steht syntaktisch isoliert; wohl im Sinn von „[man gelangt zu] Hari“ zu verstehen.
Eine Dhāraṇā umfasst zwölf Atemdehnungen [Anm.: āyāma, d. h. Prāṇāyāma-Einheiten]; eine Meditation (Dhyāna) umfasst zwölf Dhāraṇās; hält die Meditation zwölffach an, so heißt das Samādhi.
Wessen Selbst mit der Übung der Dhāraṇā verbunden ist, der rettet, wenn er von den Lebenshauchen verlassen wird, einundzwanzig Generationen seiner Familie und geht zum Himmel, zur höchsten Stätte.
Wort für Wort
dhāraṇā-abhyāsa-yukta-ātmā
dessen Selbst mit der Übung der Dhāraṇā verbunden ist
prāṇaiḥ vimucyate
wird von den Lebenshauchen verlassen, stirbt
kula-ekaviṃśam uttārya
einundzwanzig Generationen der Familie hinüberrettend
In welchem Glied auch immer bei den Yogins eine Krankheit entsteht, dieses Glied durchdringe man mit dem Denken und halte [dort] die Dhāraṇā auf das [entsprechende] Prinzip (Tattva).
Die feurige (Āgneyī), die wässrige (Vāruṇī), die auf Īśāna bezogene (Aiśānī) und die aus Nektar bestehende (Amṛtātmikā) [Dhāraṇā] sind des Viṣṇu [halber] auszuführen, o bester der Zweimalgeborenen; [die feurige] mit dem Feuer[-Mantra], mit dem Śikhā[-Mantra] und mit „phaṭ“ am Ende [?].
Wort für Wort
āgneyī vāruṇī
die feurige, die wässrige
aiśānī
die auf Īśāna bezogene
amṛta-ātmikā
die aus Nektar bestehende
sa-agniḥ śikhā phaṭ-antā
mit Feuer, Śikhā, auf phaṭ endend
kāryā
auszuführen
Konstruktion von „sāgniḥ śikhā phaḍantā ca“ unklar; wohl die Mantra-Ausstattung der Āgneyī-Dhāraṇā.
Durch die Nāḍīs lasse man die gewaltige, göttliche, glückbringende Spitze eines Dreizacks durchstoßen [?], von der großen Zehe bis zur Schädeldecke, umhüllt von einem Kranz von Strahlen.
Wort für Wort
nāḍībhiḥ
durch die Leitbahnen
vikaṭam divyam śūla-agram
die gewaltige, göttliche Dreizackspitze
vedhayet
man lasse durchstoßen
pāda-aṅguṣṭhāt kapāla-antam
von der großen Zehe bis zur Schädeldecke
raśmi-maṇḍalam āvṛtam
von einem Strahlenkranz umhüllt
Bild wohl: eine Feuerlanze steigt durch die Leitbahnen vom Fuß zum Scheitel.
[Flammen], die quer, nach unten und nach oben mit überaus großer Glut hervorbrechen – so stelle ihn sich der beste der Adepten vor, o großer Weiser, bis alles ...
Wort für Wort
tiryak ca adhaḥ-ūrdhva-bhāgebhyaḥ
quer, nach unten und nach oben
prayāntyaḥ atīva tejasā
mit überaus großer Glut hervorgehend
cintayet sādhaka-indraḥ
der beste Adept stelle sich vor
yāvat sarvam
bis alles
mahāmune
o großer Weiser
prayāntyaḥ (fem. Pl.) ohne Bezugswort; gemeint wohl Flammen oder Strahlen.
... der eigene Körper zu Asche geworden ist; dann ziehe man [das Feuer] wieder zurück. [So] vergehen Kälte, Schleim usw. [und] die Sünde, o Zweimalgeborene.
[Nun die Vāruṇī:] Den Kopf, ... und den Hals stelle man sich nach unten gewandt vor [?]; mit ununterbrochenem Denken meditiere man wiederum mit dem so gewordenen Selbst [?].
Wort für Wort
śiraḥ
Kopf
kaṇṭham
Hals
adhomukhe smaret
stelle sich nach unten gewandt vor
dhyāyet acchinna-cintā-ātmā
man meditiere mit ununterbrochenem Denken
bhūyaḥ
wiederum
Vers verderbt (dhīrañca kārañca unklar, evtl. Bīja-Silben); Übersetzung nur annähernd.
Und vom Brahmarandhra [Anm.: Öffnung am Scheitel] aus, durch Aufwallung, bis hinab zum Kreis des Ādhāra [Anm.: Wurzelzentrum], in die Suṣumnā eingegangen, [den Körper], der zur Wohnstatt des vollen Mondes gemacht ist, ...
... überflute man mit Wasser von eisiger Berührung, das die Gestalt von Nektar hat. Wer von Hunger, Durst, Erschöpfung und ähnlicher Pein gequält wird, ...
Wort für Wort
saṃplāvya
überflutend
hima-saṃsparśa-toyena
mit Wasser von eisiger Berührung
amṛta-mūrtinā
das die Gestalt von Nektar hat
kṣut-pipāsā
Hunger und Durst
santāpa-paripīḍitaḥ
von Pein gequält
kramaprāya- wohl für klamaprāya- („Erschöpfung usw.“).
Im Äther, im aus Brahman bestehenden Lotus, wenn Prāṇa und Apāna zum Erlöschen gekommen sind, stelle man sich die Gnade (Klarheit) Viṣṇus vor, bis das Denken [selbst] zum Erlöschen gekommen ist.
Man murmele [innerlich] das große Sein als alles [?]; dann [ist] der alldurchdringende Herr [gegenwärtig]; [man meditiere auf] den Halbmond [Anm.: ardhendu, feine Lautstufe des Oṃ], den höchsten, stillen, erscheinungslosen, makellosen.
Das Unwahre erscheint als wahr – die ganze bewegte und unbewegte Welt –, solange man die eigene Pulsationsgestalt [des Bewusstseins] nicht aus dem Mund des Lehrers erkannt hat.
dṛṣṭhe tasmin pare tattve ābrahma sacarācaraṃ / pramātṛmānameyañca dhyānahṛtpadmakalpanaṃ //
Ist jenes höchste Prinzip geschaut, [so ist] alles bis hin zu Brahmā mit Bewegtem und Unbewegtem, Erkennender, Erkenntnismittel und Erkanntes, [auch] die Vorstellung des Herzlotus in der Meditation ...
... alles [nur] wie das Zuckerwerk einer Mutter [Anm.: wohl ein bloßes Hilfsmittel wie das Naschwerk, mit dem man Kinder lockt] [?], ebenso Murmeln, Opfer, Verehrung usw. Oder man führe es mit dem Viṣṇu-Mantra aus. Ich spreche [nun] von der Amṛtā-Dhāraṇā.
Man meditiere auf einen Lotus, dem vollen Mond gleich, ... [?]; man stelle ihn sich mit Sorgfalt am Kopf befindlich vor, mit dem Glanz von zehntausend Monden.
[Man meditiere auf] die volle [Mond-]Scheibe im Äther, erfüllt von glückbringenden Wogen, ebenso auf den Herzlotus; in dessen Mitte stelle man sich den eigenen Leib vor. Durch diese Dhāraṇās usw. wird der Adept frei von Leiden.
Wort für Wort
sampūrṇa-maṇḍalam vyomni
die volle Scheibe im Äther
śiva-kallola-pūrṇitam
von glückbringenden Wogen erfüllt
hṛt-kamale dhyāyet
man meditiere im Herzlotus
tat-madhye sva-tanum smaret
in dessen Mitte stelle man sich den eigenen Leib vor