Kapitel 367: nityanaimittikaprākṛtapralayāḥ
Die beständige, die gelegentliche und die natürliche Weltauflösung
Agni unterscheidet vier Arten der Auflösung (beständig, gelegentlich, natürlich, endgültig) und schildert ausführlich die gelegentliche Auflösung am Ende eines Kalpa: Dürre, sieben Sonnen, Weltbrand durch Kālāgnirudra, Sintflut und Viṣṇus Yoga-Schlaf auf Śeṣa. Danach wird die natürliche Auflösung nach zwei Parārdhas als stufenweise Rücknahme der Elemente und Prinzipien bis in Prakṛti, Puruṣa und das höchste Selbst beschrieben. Titelschreibung „naimīttika“ der Vorlage ist fehlerhaft (Kolophon: naimittika); mehrere Digitalisierungsfehler (z.B. „medhā“ für „meghā“).
Agni sprach: Die Auflösung (pralaya) ist vierfach. Die beständige (nitya) ist das Vergehen der Lebewesen, der stete Untergang der Geborenen. Die gelegentliche (naimittika) ist die Auflösung (am Tagesende) Brahmās,
(die) am Ende von tausend Vierzeitalter-Perioden (eintritt). Die natürliche (prākṛta) Auflösung ist die Auflösung in die Urnatur (prakṛti). Die endgültige (ātyantika) Auflösung ist die des (individuellen) Selbst in das höchste Selbst infolge der Erkenntnis.
Wort für Wort
catur-yuga-sahasra-ante
am Ende von tausend Vierzeitaltern
prākṛtaḥ layaḥ
natürliche Auflösung, in die Urnatur
ātyantikaḥ
endgültig
jñānāt ātmanaḥ paramātmani
durch Erkenntnis, des Selbst ins höchste Selbst
Die Wiederholung „prākṛtaḥ prākṛto layaḥ“ ist wohl verkürzt/verderbt; die Zuordnung der Zeitangabe zur naimittika-Auflösung ergibt sich aus Vers 3.
Ich werde dir die Gestalt der gelegentlichen Auflösung am Ende eines Kalpa darlegen. Am Ende von tausend Vierzeitalter-Perioden, wenn die Erdoberfläche nahezu erschöpft ist,
anāvṛṣṭiratīvogrā jāyate śatavārṣikī / tataḥ sattvakṣayaḥ syācca tato viṣṇurjagatpatiḥ //
entsteht eine überaus furchtbare Dürre, die hundert Jahre währt. Dann kommt es zum Untergang der Lebewesen, und darauf (trinkt) Viṣṇu, der Herr der Welt,
Sie verbrennen die gesamte Dreiwelt samt den Gründen der Unterwelt, o Zweimalgeborener. Die Erde wird (kahl) wie ein Schildkrötenpanzer. Dann (verbrennt) Kālāgnirudra (Rudra als Feuer der Zeit)
durch das Ausströmen des Atems der Schlange Śeṣa die Unterwelten drunten. Von den Unterwelten aus verbrennt Viṣṇu die Erde, von der Erde aus dann den Himmel.
Wenn das Wasser bis an den Ort der sieben Weisen reicht und steht, führt der Wind aus dem Mundhauch Viṣṇus hundert (Jahre lang wehend) jene Wolken der Vernichtung zu.
Nachdem er den Wind getrunken hat, liegt Hari, der Herr, auf Śeṣa im einen Weltmeer, Brahmās Gestalt tragend, gepriesen von den Siddhas und den im Wasser weilenden Weisen.
Wort für Wort
vāyum pītvā
den Wind getrunken habend
śeṣe śete ekārṇave
liegt auf Śeṣa im einen Weltmeer
brahma-rūpa-dharaḥ
Brahmās Gestalt tragend
siddhaiḥ jalagaiḥ munibhiḥ stutaḥ
gepriesen von Siddhas und im Wasser weilenden Weisen
In den göttlichen, aus seiner eigenen Māyā bestehenden Yoga-Schlaf eingegangen und über sich selbst als den Vāsudeva Genannten meditierend, (schläft) Madhusūdana
Wort für Wort
ātma-māyā-mayīm
aus der eigenen Māyā bestehend
yoganidrām samāsthitaḥ
in den Yoga-Schlaf eingegangen
ātmānam vāsudeva-ākhyam
sich selbst, Vāsudeva genannt
cintayan madhusūdanaḥ
meditierend, Madhusūdana
„vasidevākhyaṃ“ für „vāsudevākhyaṃ“. Satz läuft in Vers 15 weiter.
einen Kalpa lang. Erwacht, erschafft er dann in Brahmās Gestalt (die Welt aufs Neue). Nach zwei Parārdhas wird darauf das Manifeste in die Urnatur aufgelöst, o Zweimalgeborener.
Was das Doppelte eines parārdha ist, wird als natürliche (prākṛta) Auflösung überliefert. Wenn infolge von Dürre und Berührung mit dem Feuer der Weltbrand bewirkt ist, o Zweimalgeborener,
(und) wenn bei der Vernichtung der Evolute, die mit dem mahat beginnen und mit den viśeṣa enden, diese durch Kṛṣṇas Willen herbeigeführte Rücknahme (der Schöpfung) eingetreten ist,
verschlingen die Wasser zuerst die Eigenschaft der Erde, den Geruch usw.; dann wird die Erde, ihres Geruchs als ihres Wesens (beraubt), zur Auflösung bereit.
Wort für Wort
āpaḥ grasanti pūrvam
die Wasser verschlingen zuerst
bhūmeḥ gandha-ādikam guṇam
die Eigenschaft der Erde, Geruch usw.
ātma-gandhāt
ihres wesenhaften Geruchs (beraubt)
pralayatvāya kalpate
wird zur Auflösung bereit
„ātmagandhāt“ ist knapp; sinngemäß „des eigenen Geruchs verlustig“.
rasātmikāś ca tiṣṭhanti hy āpastāsāṃ raso guṇaḥ / pīyate jyotiṣā tāsu naṣṭāsvagniś ca dīpyate //
Die Wasser bestehen (dann) nur noch als Geschmack; ihre Eigenschaft, der Geschmack, wird vom Licht (Feuer) getrunken. Wenn sie vergangen sind, lodert das Feuer.
Auch die Eigenschaft des Lichts, die leuchtende Gestalt (rūpa), verschlingt der Wind. Ist das Licht vergangen, so wird der Wind, mächtig und gewaltig, heftig hin- und hergetrieben.
Auch die Eigenschaft des Windes, die Berührung, verschlingt darauf der Raum (ākāśa). Ist der Wind vergangen, so bleibt der Raum still, o Zweimalgeborener.
ākāśasyātha vai śabdaṃ bhūtādirgrasate ca khaṃ / abhimānātmakaṃ khañca bhūtādiṃ grasate mahān //
Dann verschlingt der bhūtādi (das Ich-Prinzip als Ursprung der Elemente) den Laut, (die Eigenschaft) des Raumes, und den Raum. Den ichhaften Raum und den bhūtādi verschlingt der mahat (das große Prinzip).
bhūmiryāti layañcāpsu āpo jyotiṣi tadbrajet / vāyau vāyuś ca khe khañca ahaṅkāre layaṃ sa ca //
Die Erde geht in den Wassern zur Auflösung, die Wasser mögen ins Licht eingehen, (das Licht) in den Wind, der Wind in den Raum, der Raum in den Ahaṅkāra, und dieser
Wort für Wort
bhūmiḥ yāti layam apsu
die Erde löst sich im Wasser auf
āpaḥ jyotiṣi
die Wasser ins Licht
vāyuḥ khe
der Wind in den Raum
kham ahaṅkāre
der Raum in den Ahaṅkāra
„tadbrajet“ = tad vrajet. Satz läuft in Vers 25 weiter.
mahāttatve mahāntañca prakṛtirgrasate dvija / vyaktāvyaktā ca prakṛtirvyaktasyāvyaktake layaḥ //
in das mahat-Prinzip; den mahat aber verschlingt die Urnatur (prakṛti), o Zweimalgeborener. Die Urnatur ist manifest und unmanifest; die Auflösung des Manifesten (erfolgt) in das Unmanifeste.
Der Geist (puruṣa), einer, unvergänglich und rein, ist ebenfalls ein Teil des höchsten Selbst. Urnatur und Geist, diese beiden, gehen im höchsten Selbst auf,
Wort für Wort
pumān eka akṣaraḥ śuddhaḥ
der Geist, einer, unvergänglich, rein
aṃśaḥ paramātmanaḥ
ein Teil des höchsten Selbst
prakṛtiḥ puruṣaḥ ca
Urnatur und Geist
līyete paramātmani
gehen im höchsten Selbst auf
„pumāne kākṣaraḥ“ für „pumān ekākṣaraḥ“. Satz läuft in Vers 27 weiter.
na santi yatra sarveśe nāmajātyādikalpanāḥ / sattāmātrātmake jñeye jñānātmanyātmahaḥ pare //
im Allherrn, in dem es keine Vorstellungen von Name, Gattung usw. gibt, in dem Erkennbaren, das reines Sein ist, dem aus Erkenntnis bestehenden, dem höchsten Selbst.