Kapitel 161: yatidharmaḥ
Die Pflichten des Asketen
Puṣkara lehrt den Eintritt in das Asketenleben, Lebensweise und Almosengang des Bettelmönchs, die zehn Kennzeichen des Dharma, die vier Arten von Asketen, die Glieder des Yoga (Yama, Niyama, Āsana, Prāṇāyāma mit seinen Unterarten, Pratyāhāra, Dhyāna, Dhāraṇā, Samādhi) und die Erkenntnis der Einheit von Selbst und Brahman. Der Text ist an mehreren Stellen verderbt (v.a. 3, 13, 18, 24); die Verschreibung „yatirdharma“ findet sich auch im Kolophon.
Puṣkara sprach: Ich will die Pflicht des Asketen verkünden, die Erkenntnis, Erlösung und dergleichen aufzeigt. Hat man das vierte Viertel des Lebens erreicht, soll man der Anhaftung entsagen.
Wort für Wort
puṣkaraḥ uvāca
Puṣkara sprach
yati-dharmam
Pflicht des Asketen
jñāna-mokṣa-ādi-darśakam
Erkenntnis, Erlösung usw. aufzeigend
caturtham āyuṣaḥ bhāgam
das vierte Viertel des Lebens
saṅgāt parivarjayet
soll der Anhaftung entsagen
yatirdharmaṃ für yatidharmaṃ; caturdham für caturtham.
yadahni virajeddhīrastadahni ca parivrajet / prajāpatyāṃ nirūpyeṣṭiṃ sarvadevasadakṣiṇāṃ //
An welchem Tag der Standhafte leidenschaftslos wird, an eben diesem Tag soll er hinausziehen, nachdem er das Prājāpatya-Opfer mit [seinem ganzen] Besitz als Opferlohn dargebracht hat.
Wort für Wort
yat ahani
an welchem Tag
virajet dhīraḥ
der Standhafte leidenschaftslos wird
parivrajet
soll hinausziehen
prājāpatyām iṣṭim
das Prājāpatya-Opfer
nirūpya
dargebracht habend
sarva-vedasa-dakṣiṇām
mit ganzem Besitz als Opferlohn
prajāpatyāṃ für prājāpatyāṃ; sarvadevasa° wohl für sarvavedasa° (‚ganzer Besitz‘).
ātmanyagnīn samāropya pravrajedbrāhmaṇo gṛhāt / eka eva carennityaṃ grāsamannāthamāśrayet //
Nachdem er die Feuer in sich selbst eingesetzt hat, soll der Brahmane aus dem Haus fortziehen. Er soll stets allein wandern und um der Nahrung willen ein Dorf aufsuchen.
Gleichmütig, nichts aufhäufend, schweigsam und mit Erkenntnis versehen [sei er]. Eine Schale [als Bettelgefäß], die Wurzel eines Baumes [als Wohnstatt], ein dürftiges Gewand, Gefährtenlosigkeit
allein die Zeit soll er abwarten, wie ein Diener den Befehl. Durch den Blick geläutert setze er den Fuß, durch ein Tuch geläutert trinke er das Wasser,
durch Wahrheit geläutert spreche er die Rede, durch den Geist geläutert handle er. Gefäße aus Flaschenkürbis, Holz, Ton und Bambus [?] [sind die] des Asketen.
Wenn kein Rauch mehr [aufsteigt], der Stößel niedergelegt ist, keine Glut [mehr brennt], wenn die Leute gegessen haben und das Wegwerfen der Schüsseln vorüber ist, soll der Asket stets auf Almosengang gehen.
Das bienengleich [gesammelte], nicht vorher verabredete; das vorher Gebrachte; das Unerbetene; das augenblicklich Dargebotene und das [zufällig] Erlangte — fünffach ist die Almosenspeise überliefert.
Wort für Wort
madhūkaram asaṅkliptam
bienengleich, nicht verabredet
prāk-praṇītam
vorher gebracht
ayācitam
unerbeten
tātkālikam
augenblicklich dargeboten
upapannam
erlangt
bhaikṣam pañca-vidham
fünffache Almosenspeise
Die Abgrenzung der fünf Arten ist nicht ganz eindeutig.
Oder er sei einer, dem die Hand als Gefäß dient, oder er nehme [das Almosen] aus einem Gefäß in ein Gefäß. Er soll den Lebensweg der Menschen betrachten, der aus den Verfehlungen ihrer Taten entsteht.
Reinen Herzens soll er das Dharma üben, in welchem Lebensstadium er sich auch befinden mag, gleich gegen alle Wesen; nicht das äußere Abzeichen ist der Grund des Dharma.
ajihmaḥ paṇḍakaḥ paṅgurandho badhira eva ca / sadbhiś ca mucyate madbhirajñānāt saṃsṛto dvijaḥ //
Ohne Falsch, [wie] ein Eunuch, ein Lahmer, ein Blinder und ein Tauber [und ein Tor ?] — durch diese sechs [Eigenschaften] wird der Zweimalgeborene erlöst, der durch Unwissenheit im Kreislauf wandert [?].
Wort für Wort
ajihmaḥ
ohne Falsch
paṇḍakaḥ
Eunuch
paṅguḥ andhaḥ badhiraḥ
lahm, blind, taub
ṣaḍbhiḥ mucyate
wird durch sechs erlöst
ajñānāt saṃsṛtaḥ
durch Unwissenheit im Kreislauf wandernd
Verderbt: sadbhiś ca mucyate madbhir; gelesen als ṣaḍbhiś ca mucyate … (mugdhaḥ?).
Welche Lebewesen der Asket bei Tag und bei Nacht aus Unwissenheit verletzt, um sich von diesen zu reinigen, soll er baden und sechs Atemkontrollen vollziehen.
Diese [Behausung] mit Knochen als Pfosten, mit Sehnen verbunden, mit Fleisch und Blut verputzt, mit Haut überzogen, übelriechend, voll von Harn und Kot,
von Alter und Kummer befallen, eine Stätte der Krankheiten, leidend, voller Unreinheit, vergänglich, eine Wohnstatt der Elemente — diese soll man aufgeben.
Standhaftigkeit, Geduld, Selbstbezähmung, Nicht-Stehlen, Reinheit, Zügelung der Sinne, Schamgefühl, Wissen, Wahrhaftigkeit und Zornlosigkeit — dies ist das zehnfache Kennzeichen des Dharma.
Ob mit einem Stab oder mit drei Stäben, der Yogin wird von der Fessel erlöst. Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, Keuschheit und Besitzlosigkeit
sind die fünf Zügelungen (yama); die Selbstverpflichtungen (niyama) aber sind Reinheit, Zufriedenheit, Askese, Selbststudium und Verehrung des Herrn. Die Sitzhaltung des Asketen ist der Lotossitz (padmaka) und dergleichen.
prāṇāyāmastu dvividhaḥ sa garbho 'garbha eva ca / japadhyānayuto garbho viparītastvagarbhakaḥ //
Die Atemkontrolle ist zweifach: mit Keim (sagarbha) und ohne Keim (agarbha). Die mit Keim ist mit Rezitation und Meditation verbunden, die ohne Keim ist das Gegenteil.
Jede ist wiederum dreifach durch Einatmen (pūraka), Anhalten (kumbhaka) und Ausatmen (recaka). Vom Füllen mit Luft [heißt sie] Pūraka, von der Unbeweglichkeit Kumbhaka,
vom Ausstoßen heißt sie Recaka. Nach dem Unterschied der Zeiteinheiten (mātrā) ist sie [nochmals] dreifach: zu zwölf, zu vierundzwanzig, und die andere zu sechsunddreißig Zeiteinheiten.
Ein Tāla ist [die Dauer] einer kurzen Silbe, eine Zeiteinheit; mit der Silbe oṃ beginnend soll man [die Atemkontrolle] langsam vollziehen. Das Zurückziehen [der Sinne] (pratyāhāra) ist [die Übung] der Rezitierenden [?]; Meditation (dhyāna) ist das Denken an den Herrn.
Das Festhalten des Geistes ist Konzentration (dhāraṇā), Versenkung (samādhi) ist das Verweilen im Brahman. Dieses Selbst ist das höchste Brahman, Wahrheit, Erkenntnis, unendlich,
Frei von Körper, Sinnen, Geist, Verstand, Lebensatem und Ichbewusstsein, befreit von Wachen, Traum, Tiefschlaf und dergleichen ist das vierte (turīya) Brahman.
und reinen Herzens, der Mensch durchbricht das Brahma-Ei und wird zum Brahman. Am Vollmond des [Monats] Āṣāḍha soll er das Viermonats-Gelübde (cāturmāsya) antreten.
tato jrajet navamyādau hy ṛtusandhiṣu vāpayet / prāyaścittaṃ yatīnāñca dhyānaṃ vāyuyamas tathā //
Danach soll er am neunten [Tag] und dergleichen weiterziehen; an den Übergängen der Jahreszeiten soll er sich scheren lassen. Die Sühne der Asketen ist Meditation und ebenso Atemzügelung.