Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 335: śikṣānirūpaṇam Darlegung der Lautlehre (Śikṣā)

Agni gibt eine gedrängte Lautlehre: Zahl und Klassen der Laute, die Entstehung der Stimme aus Seele, Denken, Körperfeuer und Atemwind, die drei Tonlagen in Beziehung zu den drei Somapressungen, die fünffache Einteilung der Laute, die acht Artikulationsstellen, die Behandlung des Visarga, Fehler und Vorzüge der Aussprache sowie Artikulationsstellen und -arten der einzelnen Laute. Der Text steht der Pāṇinīya-Śikṣā nahe; zahlreiche Lautgruppenbezeichnungen sind in der Digitalisierung entstellt (in den Anmerkungen vermerkt).

agnir uvāca | vakṣye śikṣāntriṣaṣṭiḥ syurvarṇā vā caturādhikāḥ / svarā viṃśatirekaś ca sparśānāṃ pañcaviṃśatiḥ //

Agni sprach: Ich werde die Lautlehre (śikṣā) darlegen. Dreiundsechzig oder vierundsechzig Laute gibt es: einundzwanzig Vokale (svara) [und] fünfundzwanzig Verschlusslaute (sparśa),

Wort für Wort
śikṣām
die Lautlehre, Phonetik
triṣaṣṭiḥ
dreiundsechzig
varṇāḥ
Laute
svarāḥ
Vokale
sparśānām
der Verschlusslaute

'śikṣāntriṣaṣṭiḥ' = śikṣāṃ triṣaṣṭiḥ; 'caturādhikāḥ' = catuḥṣaṣṭiḥ (vierundsechzig).

yādayaś ca smṛtā hy aṣṭau catvāraś ca samāḥ smṛtāḥ / anusvāro visargaś ca paukhyau cāpi parānvitau //

die mit ya beginnenden [Halbvokale und Zischlaute] gelten als acht, und vier als Yamas [Zwillingsnasale]; Anusvāra und Visarga und die beiden mit folgendem [k bzw. p] verbundenen [Laute, Jihvāmūlīya und Upadhmānīya],

Wort für Wort
yādayaḥ
die mit ya beginnenden (y, r, l, v, ś, ṣ, s, h)
aṣṭau
acht
anusvāraḥ
Anusvāra (Nachnasal)
visargaḥ
Visarga (Hauchlaut)
para-anvitau
mit dem Folgenden verbunden

'samāḥ' wohl für 'yamāḥ'; 'paukhyau' verderbt, gemeint sind wohl ẖ vor k und ḫ vor p.

duṣpṛṣṭaśceti vijñeyā ḷkāraḥ pluta eva ca / raṅgaś ca khe araṃ proktaṃ hakāraḥ pañcamair yutaḥ //

sowie der Duḥspṛṣṭa [der 'schwer berührte' Laut] – so sind sie zu kennen –, der Laut ḷ und der Pluta [der überlange Vokal]. Der Raṅga [Nasalvokal] … wird genannt [?]. Der Laut ha, verbunden mit den Fünften [der Klassen, den Nasalen]

Wort für Wort
duḥspṛṣṭaḥ
schwer berührt (Laut zwischen Klassen)
ḷkāraḥ
der Laut ḷ
plutaḥ
überlang (dreimorig)
raṅgaḥ
Raṅga (Nasalierung)
pañcamaiḥ yutaḥ
mit den Fünften (Nasalen) verbunden

'khe araṃ' verderbt; 'duṣpṛṣṭa' für 'duḥspṛṣṭa'.

antasthābhiḥ samāyukta aurasyaḥ kaṇṭhya eva saḥ / ātmabuddhyā samasyarthaṃ manoyukte vivakṣayā //

und verbunden mit den Halbvokalen, ist ein Brustlaut (aurasya); [unverbunden] ist er ein Kehllaut. Die Seele (ātman) erfasst mit dem Verstand (buddhi) die Dinge und verbindet sich aus dem Wunsch zu sprechen mit dem Denken (manas).

Wort für Wort
antasthābhiḥ
mit den Halbvokalen
aurasyaḥ
in der Brust gebildet
kaṇṭhyaḥ
Kehllaut
ātmā buddhyā
die Seele mit dem Verstand
vivakṣayā
aus dem Wunsch zu sprechen

'samasyarthaṃ manoyukte' wohl für 'sametyārthān mano yuṅkte'.

manaḥ kāyāgnimāhanti sa prerayati mārutam / mārutastūrasi caran mantraṃ janayati svaraṃ //

Das Denken schlägt das Körperfeuer an, dieses setzt den Wind in Bewegung; der Wind, der sich in der Brust bewegt, erzeugt den tiefen (mandra) Ton.

Wort für Wort
manaḥ
das Denken
kāya-agnim āhanti
schlägt das Körperfeuer an
prerayati mārutam
treibt den Wind an
urasi caran
in der Brust sich bewegend
mandram svaram
den tiefen Ton

'mantraṃ' für 'mandraṃ'.

prātaḥsavanayogastu chando gāyatramāśritam / kaṇṭhe mādhyandinayutaṃ madhyamantreṣu bhānugam //

Dieser ist mit der Morgenpressung [des Soma] verbunden und stützt sich auf das Gāyatrī-Metrum; in der Kehle [entsteht] der mittlere, mit der Mittagspressung verbunden, der Triṣṭubh folgend [?];

Wort für Wort
prātaḥsavana-yogaḥ
mit der Morgenpressung verbunden
gāyatram āśritam
auf die Gāyatrī gestützt
kaṇṭhe
in der Kehle
mādhyandina-yutam
mit der Mittagspressung verbunden
madhyama
der mittlere (Ton)

'madhyamantreṣu bhānugam' verderbt, wohl für 'madhyamaṃ traiṣṭubhānugam'.

tārantārtīyasavanaṃ śīrṣaṇyaṃ jāgatānugam / sodīrṇo mūrdhnyabhihito vakramāpadya mārutaḥ //

der hohe (tāra) [Ton], zur dritten Pressung gehörig, im Kopf [gebildet], der Jagatī folgend. Emporgetrieben, am Kopf angeschlagen und zum Mund gelangt, [erzeugt] der Wind

Wort für Wort
tāram
hoch (Ton)
tārtīya-savanam
zur dritten Pressung gehörig
śīrṣaṇyam
im Kopf befindlich
jāgata-anugam
der Jagatī folgend
udīrṇaḥ
emporgetrieben
mūrdhni abhihitaḥ
am Kopf angeschlagen

'tārantārtīyasavanaṃ' = tāraṃ tārtīyasavanam; 'vakram' für 'vaktram' (Mund).

varṇān janayate teṣāṃ vibhāgaḥ pañcadhā smṛtaḥ / svarataḥ kālataḥ sthānāt prayatnārthapradānataḥ //

die Laute. Ihre Einteilung gilt als fünffach: nach Tonhöhe (svara), Zeitdauer (kāla), Artikulationsstelle (sthāna), Artikulationsweise (prayatna) und Stimmgebung (anupradāna).

Wort für Wort
varṇān janayate
erzeugt die Laute
vibhāgaḥ pañcadhā
fünffache Einteilung
kālataḥ
nach der Dauer
sthānāt
nach der Stelle
prayatna
Artikulationsweise, Anstrengung

'prayatnārthapradānataḥ' wohl für 'prayatnānupradānataḥ'.

aṣṭau sthānāni varṇānāmuraḥ kaṇṭhaḥ śiras tathā / jihvāmūlañca dantāś ca nāsikauṣṭhau ca tālu ca //

Acht Artikulationsstellen der Laute gibt es: Brust, Kehle und Kopf, Zungenwurzel, Zähne, Nase, Lippen und Gaumen.

Wort für Wort
aṣṭau sthānāni
acht Stellen
uraḥ
Brust
jihvāmūlam
Zungenwurzel
nāsikā
Nase
oṣṭhau
die Lippen
tālu
Gaumen

svabhāvaś ca vivṛttiś ca śaṣasā repha eva ca / jihvāmūlamupadhmā ca gatiraṣṭavidhoṣmaṇaḥ //

Der Übergang [in o] (svabhāva), der Hiat (vivṛtti), ś, ṣ, s und r, der Jihvāmūlīya und der Upadhmānīya: [das ist] die achtfache Behandlung des Hauchlauts (ūṣman) [Visarga].

Wort für Wort
vivṛttiḥ
Hiat, Offenlassen
śaṣasāḥ
ś, ṣ, s
repha
der Laut r
upadhmā
Upadhmānīya (ḫ vor p)
gatiḥ aṣṭavidhā
achtfache Behandlung
ūṣmaṇaḥ
des Hauchlauts

'svabhāvaś' wohl für 'obhāvaś' (Wandel des Visarga zu o).

padyo bhāvaprasandhānamukārādi parampadaṃ / svarāntaṃ tādṛśaṃ vidyādyadanyadvyaktamūṣmaṇaḥ //

Wenn bei der Verbindung [ein Wandel zu o] eintritt und das folgende Wort mit u usw. beginnt, so erkenne man ein solches [Wort] als auf Vokal endend; was anders ist, ist deutlich [ein Fall] des Hauchlauts.

Wort für Wort
prasandhānam
Verbindung, Sandhi
ukāra-ādi
mit u beginnend
param padam
das folgende Wort
svara-antam
auf Vokal endend
vyaktam
deutlich

'padyo bhāvaprasandhānam' wohl für 'yady obhāvaprasandhānam'; 'parampadaṃ' = paraṃ padam.

ūtīrthādāgataṃ dagdhamapavarṇañca bhakṣitaṃ / evamuccāraṇaṃ pāpamevamuccāraṇaṃ śubham //

[Ein Laut], der von der falschen Stelle kommt, verbrannt (dagdha), verstümmelt und verschluckt [ausgesprochen]: so ist die Aussprache übel. So [wie folgt] ist die Aussprache gut:

Wort für Wort
atīrthāt āgatam
von falscher Stelle gekommen
dagdham
verbrannt (verzerrt)
apavarṇam
entstellt, verstümmelt
bhakṣitam
verschluckt
uccāraṇam pāpam
üble Aussprache

'ūtīrthād' für 'atīrthād'.

atīrthādāgataṃ dravyaṃ sāmnāyaṃ suvyavasthitaṃ / susvareṇa suvaktreṇa prayuktaṃ brahmarājani //

[ein Laut], der von der rechten Stelle kommt, der Überlieferung gemäß, wohlgeordnet, mit schöner Tonhöhe und gutem Mund vorgetragen, glänzt im Brahman [?].

Wort für Wort
sāmnāyam
der Überlieferung gemäß
suvyavasthitam
wohlgeordnet
susvareṇa
mit schöner Tonhöhe
suvaktreṇa
mit gutem Mund
prayuktam
vorgetragen

'atīrthād' hier wohl für 'tīrthād'; 'dravyaṃ' und 'brahmarājani' unklar (vermutlich 'brahmaṇi rājate').

na karālo na lamvoṣṭho nāvyakto nānunāsikaḥ / gadgado bahujihvaś ca na varṇān vaktum arhati //

Wer ein grobes Gebiss hat, wer hängende Lippen hat, wer undeutlich spricht, wer näselt, wer stammelt oder eine schwere Zunge hat, ist nicht fähig, die Laute auszusprechen.

Wort für Wort
karālaḥ
mit vorstehenden Zähnen
lamboṣṭhaḥ
mit hängenden Lippen
avyaktaḥ
undeutlich
gadgadaḥ
stammelnd
bahujihvaḥ
schwerzüngig (wörtl. vielzüngig)
vaktum arhati
ist fähig zu sprechen

evaṃ varṇāḥ prayoktavyā nāvyaktā na ca pīḍintāḥ / samyagvarṇaprayogeṇa brahmaloke mahīyate //

So sind die Laute zu gebrauchen: weder undeutlich noch gepresst. Durch den richtigen Gebrauch der Laute wird man in der Brahmawelt verherrlicht.

Wort für Wort
prayoktavyāḥ
sind zu gebrauchen
na avyaktāḥ
nicht undeutlich
na pīḍitāḥ
nicht gepresst
samyak-varṇa-prayogeṇa
durch richtigen Lautgebrauch
brahmaloke mahīyate
wird in der Brahmawelt verherrlicht

'pīḍintāḥ' für 'pīḍitāḥ'.

udāttaścānudāttaś ca svaritaś ca svarāstrayaḥ / hrasvo dīrghaḥ pluta iti kālato niyamāvadhi //

Hochton (udātta), Tiefton (anudātta) und Svarita [der fallende Ton] sind die drei Töne. Kurz, lang und überlang (pluta) – das ist nach der Zeitdauer die festgesetzte Abgrenzung.

Wort für Wort
udāttaḥ
Hochton
anudāttaḥ
Tiefton
svaritaḥ
Svarita (fallender Ton)
hrasvaḥ dīrghaḥ plutaḥ
kurz, lang, überlang
kālataḥ
nach der Dauer

kaṇṭhyā vahāvicuyaśāstālavyā oṣṭhajā vupu / syurmūrdhanyā ṛhurasāḥ dantyāḥ ḷ+olasāḥ smṛtāḥ //

Kehllaute sind a und ha, Gaumenlaute i, die c-Reihe, ya und śa; Lippenlaute u und die p-Reihe; Retroflexe sind ṛ, die ṭ-Reihe, ra und ṣa; Dentale gelten ḷ, die t-Reihe, la und sa.

Wort für Wort
kaṇṭhyāḥ
Kehllaute
tālavyāḥ
Gaumenlaute
oṣṭhajāḥ
Lippenlaute
mūrdhanyāḥ
Kopflaute, Retroflexe
dantyāḥ
Zahnlaute

'vahāvicuyaśās' = ahāv, icuyaśāḥ; 'vupu' = upū; 'ṛhurasāḥ' = ṛṭurasāḥ; 'ḷ+olasāḥ' = ḷtulasāḥ (Digitalisierungsartefakt '+').

jihvāmūle tu hvaḥ prokto dantyoṣṭho vaḥ smṛto budhaiḥ / edaitau kaṇṭatālavyau o au kaṇṭhyauṣṭhajau smṛtau //

An der Zungenwurzel [gebildet] wird [der Jihvāmūlīya] genannt; als zahn-lippig gilt den Kundigen va; e und ai gelten als Kehl-Gaumen-Laute, o und au als Kehl-Lippen-Laute.

Wort für Wort
jihvāmūle
an der Zungenwurzel
dantyoṣṭhaḥ
zahn-lippig
budhaiḥ
von den Kundigen
kaṇṭha-tālavyau
Kehl-Gaumen-Laute
kaṇṭhya-oṣṭhajau
Kehl-Lippen-Laute

'hvaḥ' unklar (Jihvāmūlīya gemeint?); 'kaṇṭatālavyau' für 'kaṇṭhatālavyau'.

ardhamātrā tu kaṇṭhasya ekāraikārayorbhavet / ayogavāhā vijñeyā āśrayasthānabhāginaḥ //

Eine halbe More gehört bei e und ai der Kehle [an]. Die Ayogavāhas [Anusvāra, Visarga usw.] sind als [Laute] zu kennen, die an der Stelle [des Lautes], auf den sie sich stützen, teilhaben.

Wort für Wort
ardhamātrā
halbe More
kaṇṭhasya
der Kehle (zugehörig)
ayogavāhāḥ
Ayogavāhas (unselbständige Laute)
āśraya-sthāna-bhāginaḥ
an der Stelle ihres Trägers teilhabend

'ekāraikārayor' = ekāra-aikārayoḥ (von e und ai).

aco 'spṛṣṭāpaṇastvīṣannomāḥ spṛṣtā halaḥ smṛtāḥ / śeṣāḥ spṛṣṭā halaḥ proktā nibodhātra pradhānataḥ //

Die Vokale sind unberührt (aspṛṣṭa), die Halbvokale leicht [berührt], die Zischlaute gelten als halb berührt [?]; die übrigen Konsonanten heißen berührt. Vernimm hier das Wichtigste:

Wort für Wort
acaḥ
die Vokale
aspṛṣṭāḥ
unberührt (ohne Verschluss)
īṣat
leicht (berührt)
śeṣāḥ halaḥ
die übrigen Konsonanten
spṛṣṭāḥ
berührt (Verschlusslaute)
nibodha
vernimm

'apaṇastvīṣannomāḥ spṛṣtā halaḥ' wohl für 'yaṇas tv īṣan nemaspṛṣṭāḥ śalaḥ'.

amo 'nunāsikānakrau nādimau hasaṣaḥ smṛtāḥ / īṣannādopaṇayaśaḥ śvāsinaś ca thakādayaḥ / īṣacchāsaṃ svaraṃ vidyāddīrghametat pracakṣate //

Die [Laute der Gruppe] am sind nasal, nicht aber h und r; tönend (nādin) gelten ha und [die stimmhaften Behauchten]; leicht tönend die Halbvokale [und stimmhaften Unbehauchten]; hauchend (śvāsin) die kha usw.; als leicht hauchend erkenne man die [stimmlosen Unbehauchten]; lang … nennt man dies [?].

Wort für Wort
anunāsikāḥ
nasal
nādinaḥ
tönend, stimmhaft
īṣat-nādāḥ
leicht tönend
śvāsinaḥ
hauchend, stimmlos behaucht
īṣat-śvāsam
leicht hauchend

'nakrau' für 'na hrau'; 'hasaṣaḥ' wohl 'hajhaṣaḥ'; 'īṣannādopaṇayaśaḥ' wohl 'īṣannādā yaṇo jaśaḥ'; 'thakādayaḥ' wohl 'khaphādayaḥ'; 'svaraṃ' wohl 'caraṃ'; Schluss 'dīrgham etat' unklar. Drei Halbzeilen.

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