Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 224: rājadharmāḥ Die Pflichten des Königs (Erziehung des Prinzen, Laster, Reichsglieder, Beratung)

Puṣkara lehrt die Erziehung und Überwachung des Königssohnes, die zu meidenden Laster des Königs und das „Verderben des Vermögens“, die Arten von Feinden und Freunden, die sieben Glieder des Reiches, die Geheimhaltung der Beratung, die zu erlernenden Wissenschaften sowie Tiervergleiche für das Verhalten des Königs. Einige Lesungen sind verderbt (V. 3 mukhaiḥ, V. 16 suptamantraḥ, V. 31 nāvamārudvet); V. 34 ist nur ein Halbvers. Kolophon: rājadharmaḥ.

puṣkara uvāca | rājaputrasya rakṣā ca kartavyā pṛthivīkṣitā / dharmārthakāmaśāstrāṇi dhanurvedañca śikṣayet //

Puṣkara sprach: Der Herrscher über die Erde soll den Königssohn beschützen und ihn in den Lehrbüchern über Pflicht, Nutzen und Liebe sowie in der Bogenkunst unterweisen lassen.

Wort für Wort
puṣkaraḥ uvāca
Puṣkara sprach
rājaputrasya rakṣā
Schutz des Königssohnes
pṛthivī-kṣitā
vom Herrscher der Erde
dharma-artha-kāma-śāstrāṇi
Lehrbücher über Pflicht, Nutzen und Liebe
dhanurvedam śikṣayet
er lasse die Bogenkunst lehren

śilpāni śikṣayeccaivamāptair mithyāpriyaṃvadaiḥ / śarīrarakṣāvyājena rakṣiṇo 'sya niyojayet //

Ebenso lasse er ihn in den Handwerkskünsten unterweisen, durch vertrauenswürdige Leute, die [ihm] keine falschen Schmeicheleien sagen; unter dem Vorwand des Leibesschutzes stelle er Wächter für ihn an.

Wort für Wort
śilpāni
Handwerkskünste
āptaiḥ
durch Vertrauenswürdige
mithyā-priyaṃvadaiḥ
(nicht) falsch Angenehmes redend
śarīra-rakṣā-vyājena
unter dem Vorwand des Leibesschutzes
rakṣiṇaḥ niyojayet
er stelle Wächter an

mithyā-priyaṃvadaiḥ ist wohl als a-mithyā-priyaṃvadaiḥ (nach āptaiḥ elidiertes a-) zu verstehen: „die nicht lügnerisch Angenehmes reden“.

na cāsya saṅgo dātavyaḥ kruddhalubdhavimānitaiḥ / aśakyantu guṇādhānaṃ kartuṃ taṃ bandhayet mukhaiḥ //

Umgang mit Zornigen, Habgierigen und Gekränkten soll ihm nicht gewährt werden. Ist es aber unmöglich, ihm gute Eigenschaften beizubringen, so lasse man ihn unter Annehmlichkeiten [?] in Gewahrsam halten.

Wort für Wort
saṅgaḥ na dātavyaḥ
Umgang soll nicht gewährt werden
kruddha-lubdha-vimānitaiḥ
mit Zornigen, Gierigen, Gekränkten
aśakyam guṇa-ādhānam
unmöglich das Beibringen von Tugenden
bandhayet
man lasse festsetzen
mukhaiḥ (sukhaiḥ?)
mit Annehmlichkeiten [?]

mukhaiḥ ist unverständlich; vermutlich sukhaiḥ („mit Annehmlichkeiten“, d. h. in angenehmer Haft) zu lesen.

adhikāreṣu sarveṣu vinītaṃ viniyojayet / mṛgayāṃ pānamakṣāṃś ca rājyanāśaṃstyajennṛpaḥ //

Den wohlerzogenen [Sohn] setze er in alle Ämter ein. Die Jagd, das Trinken und die Würfel, die das Königtum zugrunde richten, soll der König meiden.

Wort für Wort
adhikāreṣu sarveṣu
in allen Ämtern
vinītam viniyojayet
den Wohlerzogenen setze er ein
mṛgayām pānam akṣān
Jagd, Trinken, Würfel
rājya-nāśān
die das Reich verderben
tyajet nṛpaḥ
der König meide

divāsvapnaṃ vṛthāṭyāñca vākpāruṣyaṃ vivarjayet / nindāñca daṇḍapāruṣyamarthadūṣaṇamutsṛjet //

Schlaf am Tage, zweckloses Umherstreifen und Grobheit der Rede soll er meiden; Tadelsucht, Härte im Strafen und das Verderben des Vermögens gebe er auf.

Wort für Wort
divā-svapnam
Tagschlaf
vṛthā-aṭyām
zweckloses Umherstreifen
vāk-pāruṣyam
Grobheit der Rede
daṇḍa-pāruṣyam
Härte der Strafe
artha-dūṣaṇam utsṛjet
Verderben des Vermögens gebe er auf

ākārāṇāṃ samuchedo durgādīnāmasatkriyā / arthānāṃ dūṣaṇaṃ proktaṃ viprakīrṇatvameva ca //

Das Zerstören von Minen [?], die Vernachlässigung von Festungen usw. und das Verstreuen [des Vermögens] – das nennt man das Verderben des Vermögens.

Wort für Wort
ākarāṇām samucchedaḥ
Zerstörung der Minen
durga-ādīnām asatkriyā
Vernachlässigung der Festungen usw.
arthānām dūṣaṇam
Verderben der Güter
viprakīrṇatvam
Verstreutheit

ākārāṇām ist wohl ākarāṇām („der Minen, Fundstätten“).

adeśakāle yaddānamapātre dānameva ca / artheṣu dūṣaṇaṃ proktamasatkarmapravartanaṃ //

Eine Gabe zu unrechter Zeit und an unrechtem Ort, eine Gabe an einen Unwürdigen und das Betreiben schlechter Unternehmungen – auch das wird Verderben des Vermögens genannt.

Wort für Wort
adeśa-kāle
zu unrechter Zeit und an unrechtem Ort
yat dānam
welche Gabe
apātre
an einen Unwürdigen
asat-karma-pravartanam
Betreiben schlechter Werke

kāmaṃ krodhaṃ madaṃ mānaṃ lobhaṃ darpañca varjayet / tato bhṛtyajayaṅkṛtvā paurajānapadaṃ jayet //

Begierde, Zorn, Rausch, Hochmut, Habgier und Überheblichkeit soll er meiden. Nachdem er dann die Diener für sich gewonnen hat, gewinne er die Städter und das Landvolk.

Wort für Wort
kāmam krodham madam
Begierde, Zorn, Rausch
mānam lobham darpam
Hochmut, Gier, Überheblichkeit
bhṛtya-jayam kṛtvā
nachdem er die Diener gewonnen hat
paura-jānapadam jayet
er gewinne Städter und Landvolk

jayedvāhyānarīn paścādvāhyāś ca trividhārayaḥ / guravaste yathā pūrvaṃ kulyānantarakṛtrimāḥ //

Danach besiege er die äußeren Feinde. Die äußeren Feinde sind dreifacher Art – jeweils der vorher genannte ist gewichtiger –: die aus der eigenen Familie, die unmittelbaren Nachbarn und die künstlichen [Anm.: durch Umstände zu Feinden gewordenen].

Wort für Wort
jayet bāhyān arīn
er besiege die äußeren Feinde
trividha-arayaḥ
dreifache Feinde
guravaḥ yathā-pūrvam
gewichtiger je nach Vorrang
kulya-anantara-kṛtrimāḥ
Verwandte, Nachbarn, künstliche

pitṛpaitāmahaṃ mitraṃ sāmantañca tathā ripoḥ / kṛtrimañca mahābhāga mitrantrividhamucyate //

Der vom Vater und Großvater ererbte Freund, der Nachbar des Feindes und der künstliche [Freund] – so, o Hochbeglückter, heißt der Freund dreifach.

Wort für Wort
pitṛ-paitāmaham mitram
vom Vater und Großvater ererbter Freund
sāmantam ripoḥ
Nachbar des Feindes
kṛtrimam
künstlich (gewonnen)
mitram trividham ucyate
der Freund heißt dreifach

svāmyamātyañjanapadā durgaṃ daṇdastathaiva ca / koṣo mitrañca dharmajña saptāṅgaṃ rājyamucyate //

Herr, Minister, Land, Festung, Strafgewalt [Heer], Schatz und Freund – o Pflichtkundiger, [dies] heißt das siebengliedrige Königtum.

Wort für Wort
svāmi-amātya-janapadāḥ
Herr, Minister, Land
durgam daṇḍaḥ
Festung, Strafgewalt/Heer
kośaḥ mitram
Schatz, Freund
sapta-aṅgam rājyam
das siebengliedrige Reich

mūlaṃ svāmī sa vai rakṣyastasmādrājyaṃ viśeṣataḥ / rājyāṅgadrohiṇaṃ hanyātkāle tīkṣṇo mṛdurbhavet //

Die Wurzel ist der Herr; daher ist er vor dem Reich in besonderem Maße zu schützen. Wer sich gegen ein Glied des Reiches vergeht, den töte er; zur rechten Zeit sei er scharf, [zur rechten Zeit] mild.

Wort für Wort
mūlam svāmī
die Wurzel ist der Herr
rakṣyaḥ viśeṣataḥ
besonders zu schützen
rājya-aṅga-drohiṇam
den am Reichsglied Frevelnden
hanyāt
er töte
kāle tīkṣṇaḥ mṛduḥ
zur rechten Zeit scharf, mild

evaṃ lokadvayaṃ rājño bhṛtyair hāsaṃ vivarjayet / bhṛtyāḥ paribhavantīha nṛpaṃ harṣaṇasatkathaṃ //

So [sichert er] dem König beide Welten. Scherz mit den Dienern soll er meiden; denn die Diener missachten hier einen König, der sich Lustbarkeit und Geplauder hingibt [?].

Wort für Wort
loka-dvayam
beide Welten
bhṛtyaiḥ hāsam vivarjayet
Scherz mit Dienern meide er
paribhavanti
sie missachten
harṣaṇa-sat-katham
Vergnügen und Geplauder liebend [?]

harṣaṇasatkatham ist unklar; etwa „harṣaṇa-sat-katham“, Vergnügen und gesellige Rede liebend.

lokasaṅgrahaṇārthāya kṛtakavyasano bhavet / smitapūrvābhibhāṣī syāt lokānāṃ rañjanaṃ caret //

Um die Leute für sich zu gewinnen, gebe er sich vorgetäuschten Leidenschaften hin; er rede [andere] lächelnd zuerst an und bemühe sich, die Leute zu erfreuen.

Wort für Wort
loka-saṅgrahaṇa-arthāya
zur Gewinnung der Leute
kṛtaka-vyasanaḥ
mit vorgetäuschten Leidenschaften
smita-pūrva-abhibhāṣī
lächelnd zuerst anredend
lokānām rañjanam caret
er erfreue die Leute

dīrghasūtrasya nṛpateḥ karmahānirdhruvaṃ bhavet / rāge darpe ca māne ca drohe pāpe ca karmaṇi //

Einem zaudernden König geht gewiss sein Werk verloren. Bei Leidenschaft, Überheblichkeit und Stolz, bei Verrat und bei sündhafter Handlung

Wort für Wort
dīrgha-sūtrasya
des Zaudernden
karma-hāniḥ dhruvam
sicher Verlust des Werkes
rāge darpe ca māne
bei Leidenschaft, Übermut, Stolz
drohe pāpe karmaṇi
bei Verrat, sündhafter Tat

apriye caiva vaktavye dīrghasūtraḥ praśasyate / suptamantro bhavedrājā nāpado guptamantrataḥ //

und wenn Unangenehmes zu sagen ist, wird Zaudern gelobt. Der König halte seine Beratung geheim; aus geheim gehaltener Beratung entstehen keine Unglücksfälle.

Wort für Wort
apriye vaktavye
wenn Unliebsames zu sagen ist
dīrghasūtraḥ praśasyate
der Zaudernde wird gelobt
gupta-mantraḥ
mit geheimer Beratung
na āpadaḥ
keine Unglücke

suptamantraḥ ist als guptamantraḥ zu lesen.

jñāyate hi kṛtaṃ karma nārabdhaṃ tasya rājyakaṃ / ākārair iṅgitair gatyā ceṣṭayā bhāṣitena ca //

Denn [erst] wenn eine Tat getan ist, wird sie bekannt, nicht [schon] wenn sie begonnen ist [?]. Durch äußere Zeichen, Gebärden, Gang, Bewegung und Rede

Wort für Wort
jñāyate
wird erkannt
kṛtam karma
die vollbrachte Tat
na ārabdham
nicht die begonnene
ākāraiḥ iṅgitaiḥ
durch Mienen und Gebärden
gatyā ceṣṭayā bhāṣitena
durch Gang, Bewegung, Rede

tasya rājyakam („sein Königswerk“?) ist syntaktisch schwierig; wohl „die Tat seines Regierens“.

netravaktavikārābhyāṃ gṛhyate 'ntargataṃ punaḥ / naikastu mantrayen mantraṃ na rājā bahubhiḥ saha //

und durch Veränderungen von Augen und Gesicht wird hingegen das Innere erfasst. Man soll nicht allein Rat halten, und der König auch nicht mit vielen zusammen.

Wort für Wort
netra-vaktra-vikārābhyām
durch Veränderungen von Auge und Gesicht
gṛhyate antargatam
das Innere wird erfasst
na ekaḥ mantrayet
nicht allein berate man
na bahubhiḥ saha
nicht mit vielen zusammen

vaktra steht als vakta verschrieben.

bahubhirmantrayet kāmaṃ rājā mantrān pṛthak pṛthak / mantriṇāmapi no kuryān mantrī mantraprakāśanaṃ //

Der König mag wohl mit vielen Rat halten, [aber] über die Beratungsgegenstände mit jedem einzeln. Ein Ratgeber soll eine Beratung nicht einmal den [anderen] Ratgebern offenbaren.

Wort für Wort
bahubhiḥ mantrayet kāmam
er mag mit vielen beraten
pṛthak pṛthak
jeweils einzeln
mantriṇām api
selbst den Ministern
mantra-prakāśanam
Offenlegung der Beratung

kvāpi kasyāpi viśvāso bhavatīha sadā nṛṇāṃ / niś cayaś ca tathā mantre kārya ekena sūriṇā //

Irgendwo und in irgendwen setzen die Menschen hier stets Vertrauen; darum ist die Entscheidung in der Beratung von einem einzigen Weisen zu treffen.

Wort für Wort
kva api kasya api
irgendwo, in irgendwen
viśvāsaḥ bhavati
Vertrauen besteht
niścayaḥ mantre
Entscheidung in der Beratung
kāryaḥ ekena sūriṇā
von einem Weisen zu treffen

naśyedavinayādrājā rājyañca vinayāllabhet / traividyebhyastrayīṃ vidyāṃ daṇḍanītiñca śāśvatīṃ //

Durch Mangel an Zucht geht ein König zugrunde, durch Zucht erlangt er das Reich. Von den Kennern der drei Veden [lerne er] das dreifache Wissen und die ewige Staatskunst,

Wort für Wort
naśyet avinayāt
er geht durch Zuchtlosigkeit zugrunde
vinayāt labhet
durch Zucht erlangt er
traividyebhyaḥ
von den Kennern der drei Veden
trayīm vidyām
das dreifache (vedische) Wissen
daṇḍa-nītim śāśvatīm
die ewige Staatskunst

ānvīkṣikīñcārthavidyāṃ vārtārambhāṃś ca lokataḥ / jitendriyo hi śaknoti vaśe sthāpayituṃ prajāḥ //

die Logik und die Wissenschaft vom Nutzen, und die Unternehmungen der Wirtschaft [lerne er] vom Volk. Denn [nur] wer die Sinne bezwungen hat, vermag die Untertanen unter seiner Gewalt zu halten.

Wort für Wort
ānvīkṣikīm
die Logik/Philosophie
artha-vidyām
Wissenschaft vom Nutzen
vārtā-ārambhān lokataḥ
wirtschaftliche Unternehmungen vom Volk
jita-indriyaḥ
sinnesbezwungen
vaśe sthāpayitum prajāḥ
die Untertanen in Gewalt zu halten

pūjyā devā dvijāḥ sarve dadyāddānāni teṣu ca / dvije dānañcākṣayo 'yaṃ nidhiḥ kaiścinna nāśyate //

Alle Götter und Zweimalgeborenen sind zu verehren, und ihnen gebe er Gaben; denn die Gabe an einen Zweimalgeborenen ist ein unvergänglicher Schatz, der von niemandem zerstört wird.

Wort für Wort
pūjyāḥ devāḥ dvijāḥ
zu verehren sind Götter und Zweimalgeborene
dadyāt dānāni
er gebe Gaben
akṣayaḥ nidhiḥ
unvergänglicher Schatz
kaiścit na nāśyate
wird von niemandem vernichtet

saṅgrāmeṣvanivartitvaṃ prajānāṃ paripālanaṃ / dānāni brāhmaṇānāñca rājño niḥśreyasamparaṃ //

Nicht aus den Schlachten zu weichen, die Untertanen zu schützen und den Brahmanen Gaben zu geben – das ist für den König das höchste Heil.

Wort für Wort
saṅgrāmeṣu anivartitvam
Nichtzurückweichen in Schlachten
prajānām paripālanam
Schutz der Untertanen
dānāni brāhmaṇānām
Gaben an die Brahmanen
niḥśreyasam param
das höchste Heil

kṛpaṇānāthavṛddhānāṃ vidhavānāñca yoṣitāṃ / yogakṣemañca vṛttiñca tathaiva parikalpayet //

Für die Elenden, Schutzlosen und Alten und für die verwitweten Frauen sorge er ebenso für Erwerb und Erhalt [ihres Besitzes] und für den Lebensunterhalt.

Wort für Wort
kṛpaṇa-anātha-vṛddhānām
der Elenden, Schutzlosen, Alten
vidhavānām yoṣitām
der verwitweten Frauen
yoga-kṣemam
Erwerb und Sicherung
vṛttim parikalpayet
er sorge für den Unterhalt

varṇāśramavyavasthānaṃ kāryantāpasapūjanaṃ / na viśvasecca sarvatra tāpaseṣu ca viśvaset //

Die Ordnung der Stände und Lebensstadien ist aufrechtzuerhalten und die Asketen sind zu ehren. Nicht überall soll er vertrauen, den Asketen aber soll er vertrauen.

Wort für Wort
varṇa-āśrama-vyavasthānam
Ordnung der Stände und Lebensstadien
tāpasa-pūjanam
Ehrung der Asketen
na viśvaset sarvatra
er vertraue nicht überall
tāpaseṣu viśvaset
den Asketen vertraue er

viśvāsayeccāpi parantattvabhūtena hetunā / vakaviccintayedarthaṃ siṃhavacca parākramet //

Auch den Feind bringe er durch einen wirklichen Grund zum Vertrauen. Wie ein Reiher sinne er über sein Ziel nach, wie ein Löwe greife er an;

Wort für Wort
viśvāsayet param
er bringe den Feind zum Vertrauen
tattva-bhūtena hetunā
durch einen wirklichen Grund
bakavat cintayet artham
wie ein Reiher bedenke er die Sache
siṃhavat parākramet
wie ein Löwe greife er an

vakavat = bakavat („wie ein Reiher“).

vṛkavaccāvalumpeta śaśavacca viniṣpatet / dṛḍhapraharī ca bhavet tathā śūkaravannṛpaḥ //

wie ein Wolf reiße er Beute, wie ein Hase fliehe er davon; kräftig zuschlagend sei der König wie ein Eber;

Wort für Wort
vṛkavat avalumpeta
wie ein Wolf raube er
śaśavat viniṣpatet
wie ein Hase fliehe er
dṛḍha-prahārī
fest zuschlagend
śūkaravat
wie ein Eber

citrakāraś ca śikhivad dṛḍhabhaktis tathāśvavat / bhavecca madhurābhāṣī tathā kokilavannṛpaḥ //

vielgestaltig wie ein Pfau, von fester Anhänglichkeit wie ein Pferd, und von süßer Rede sei der König wie ein Kuckuck.

Wort für Wort
citra-ākāraḥ śikhivat
vielgestaltig wie ein Pfau
dṛḍha-bhaktiḥ aśvavat
fest ergeben wie ein Pferd
madhura-ābhāṣī
süß redend
kokilavat
wie ein Kuckuck

citrakāraḥ hier wohl „bunte Gestalt annehmend“ (vgl. citrākāra).

kākaśaṅkī bhavennityamajñātāṃ vasatiṃ vaset / nāparīkṣitapūrvañca bhojanaṃ śayanaṃ spṛśet //

Stets sei er argwöhnisch wie eine Krähe, er wohne in einer [anderen] unbekannten Wohnung; Speise und Lager, die nicht zuvor geprüft sind, soll er nicht berühren.

Wort für Wort
kāka-śaṅkī
argwöhnisch wie eine Krähe
ajñātām vasatim vaset
er wohne an unbekanntem Ort
na aparīkṣita-pūrvam
nicht zuvor ungeprüft
bhojanam śayanam spṛśet
Speise und Lager berühre er

nāvijñātāṃ striyaṃ gacchennājñātāṃ nāvamārudvet / rāṣṭrakarṣī bhrasyate ca rājyārthāccaiva jīvitāt //

Er gehe zu keiner unbekannten Frau und besteige kein unbekanntes Schiff. Wer sein Land auspresst, stürzt aus Königtum, Vermögen und Leben.

Wort für Wort
na avijñātām striyam gacchet
er gehe zu keiner unbekannten Frau
na ajñātām nāvam āruhet
kein unbekanntes Schiff besteige er
rāṣṭra-karṣī
das Land Auspressender
bhraśyate
stürzt
rājya-arthāt jīvitāt
aus Reich, Gut und Leben

nāvamārudvet ist als nāvam āruhet (āruhet für ārohet) zu lesen.

bhṛto vatso jātabalaḥ karmayogyo yathā bhavet / tathā rāṣṭraṃ mahābhāga bhṛtaṃ karmasahaṃ bhavet //

Wie ein Kalb, das gut genährt ist und Kraft gewonnen hat, zur Arbeit tauglich wird, so wird, o Hochbeglückter, ein [gut] erhaltenes Land fähig, Lasten zu tragen.

Wort für Wort
bhṛtaḥ vatsaḥ
ein genährtes Kalb
jāta-balaḥ
zu Kraft gekommen
karma-yogyaḥ
arbeitstauglich
rāṣṭram bhṛtam
das erhaltene Land
karma-saham
Lasten tragend

sarvaṃ karmedamāyattaṃ vidhāne daivapauruṣe / tayordaivamacintyaṃ hi pauruṣe vidyate kriyā //

Alles Handeln hier hängt von der Fügung durch Schicksal und menschliche Anstrengung ab; von beiden ist das Schicksal unergründlich, in der menschlichen Anstrengung aber liegt das Tun.

Wort für Wort
sarvam karma idam āyattam
all dies Tun hängt ab
vidhāne daiva-pauruṣe
von der Fügung durch Schicksal und Anstrengung
daivam acintyam
das Schicksal ist unergründlich
pauruṣe vidyate kriyā
in der Anstrengung liegt das Tun

janānurāgaprabhavā rājño rājyamahīśriyaḥ //34 //

Königtum, Land und Glück des Königs entspringen der Zuneigung des Volkes.

Wort für Wort
jana-anurāga-prabhavāḥ
aus der Zuneigung des Volkes entspringend
rājñaḥ
des Königs
rājya-mahī-śriyaḥ
Reich, Land und Glück

Nur ein Halbvers.

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