Kapitel 221a: anujīvivṛttam
Das Verhalten der Hofdiener
Puṣkara lehrt, wie sich der vom König lebende Diener verhalten soll: gehorsam, verschwiegen, bescheiden in Kleidung und Auftreten, ohne unschickliche Gebärden in der Nähe des Herrschers und frei von Falschheit, Gier und Wankelmut. Am Ende werden die Kennzeichen eines wohlgesinnten Königs aufgezählt, dem allein zu dienen ist. Der Sanskrit-Titel fehlt in der Eingabe und ist aus dem Kolophon (anujīvivṛttaṃ) gewonnen; das Kolophon zählt dieses Kapitel ebenfalls als 220., daher die Bezeichnung 221a.
Puṣkara sprach: Der Diener soll den Befehl des Königs, des Herrn guten Glücks, ausführen wie ein Schüler (den des Lehrers). Er soll das Wort des Königs nicht zurückweisen; er soll Passendes und Angenehmes sagen.
Was unangenehm, aber heilsam ist, soll man ihm sagen, wenn er allein ist. Mit einem Amt betraut, soll er kein Geld entwenden; er soll seine (des Königs) Ehre nicht missachten.
rājñaś ca na tathākāryaṃ veśabhāṣāviceṣṭitaṃ / antaḥpuracarādhyakṣo vairabhūtair nirākṛtaiḥ //
Und er soll Kleidung, Sprechweise und Gebaren nicht so gestalten wie der König. Der Aufseher (derer), die im Frauengemach verkehren, (soll) mit Feinden und mit Verstoßenen
– (überhaupt) der Diener – keinen Umgang pflegen; und er soll das Geheimnis des Königs bewahren. Indem er ein gewisses Geschick zeigt, soll er sich beim König hervortun [?].
Wort für Wort
saṃsargam na vrajet
er pflege keinen Umgang
guhyam gopayet
er bewahre das Geheimnis
pradarśya kauśalam
Geschick zeigend
kiñcit
ein gewisses
viśeṣayet
er zeichne sich aus (?)
rājānaṃ tu viśeṣayet wörtlich etwa „den König auszeichnen/übertreffen“; Sinn unsicher.
Ein Geheimnis, das ihm der König anvertraut hat, soll er nicht unter den Leuten bekannt machen. Auch wenn ein anderer beauftragt wird, soll er sagen: „Was soll ich tun?“
Kleidung, Edelsteine und Schmuck, die der König geschenkt hat, soll er tragen. Ohne Anweisung soll er nicht durch die Tür eintreten, noch sich im Blickfeld des Königs an einem unpassenden Platz (aufhalten).
Wort für Wort
rājñā dattam
vom König geschenkt
dhārayet
er trage
anirdiṣṭaḥ
ohne Anweisung
dvāri na viśet
er trete nicht durch die Tür ein
ayogye bhuvi
an unpassendem Platz
rājadṛk etwa „im Blick des Königs“; Konstruktion knapp.
danach soll er, sein Gedeihen mehrend, den Königsdienst um des Wohlstands willen verrichten. Und dessen Söhne, Günstlinge und Minister sind stets zu ehren.
Mit seinen Ministern (soll er) keine Vertraulichkeit (pflegen); er soll tun, was dem Sinn des Königs lieb ist. Einen abgeneigten (König) soll er verlassen; von einem zugeneigten aber soll der des Königs Kundige seinen Unterhalt erstreben.
apṛṣṭaścāsya na brūyāt kāmaṃ kuryāttathāpadi / prasanno vākyasaṅgrāhī rahasye na ca śaṅkate //
Ungefragt soll er ihm nichts sagen; in einer Notlage aber mag er nach Gutdünken handeln. (Der zugeneigte König) ist freundlich, nimmt (seine) Worte auf, hegt im Vertraulichen keinen Argwohn,
nimmt auch eine kleine Gabe an und gedenkt (seiner) auch in anderen Gesprächen. So (verhält sich) der Zugeneigte, (ihm) ist zu dienen; den Dienst bei einem anderen soll er meiden.