Kapitel 241: rāmoktarājanītiḥ
Die von Rāma gelehrte Staatskunst (Heereszug und Schlachtordnungen)
Rāma beschreibt die sechs Heeresarten, die Marschordnung, günstige Gelegenheiten für Überfälle und den listigen Kampf, die Aufgaben von Elefanten, Wagen, Pferden und Fußvolk, das geeignete Gelände, Belohnungen der Krieger und ausführlich die Schlachtordnungen (Stab, Schlange, Kreis, Ungeschlossener mit ihren Unterarten); zum Schluss stellt Agni den Bezug zu Rāmas und Lakṣmaṇas Siegen her. Die Abschnitte über die Unterarten der Schlachtordnungen (bes. V. 52–54, 65–68, 71) sind stark verkürzt und in der Digitalisierung vielfach entstellt. Der Titel lautet in der Eingabe ‚rājanītiḥ‘, im Kolophon ‚rāmoktarājanītiḥ‘.
Rāma sprach: Nachdem er das sechsfache Heer in Schlachtordnung aufgestellt und die Götter verehrt hat, soll er gegen den Feind ziehen: Stammtruppen, Söldner, Gildentruppen, Verbündete, (übergelaufene) Feinde und Waldstämme (bilden) das Heer.
Jeweils das frühere (Heer) ist gewichtiger (als das folgende), ebenso (die Schwere) der Notlage der Heere. Sechsgliedrig (ist das Heer) mit Beratung und Schatz, Fußvolk, Pferden, Wagen und Elefanten.
Hinten soll der Heerführer, der Erfahrene, nachdem er selbst alles vorangeschickt hat, mit der Masse des gerüsteten Heeres ziehen und die Ermüdeten allmählich ermutigen.
Bei Gefahr von vorn soll er in einer großen Schlachtordnung ziehen: dem ‚Makara‘, dem ‚Falken‘ mit ausgebreiteten Flügeln oder der ‚Nadel‘ mit Helden an der Spitze.
Bei Gefahr von hinten aber den ‚Wagen‘, an den Seiten den ‚Donnerkeil‘ genannten; bei Gefahr von allen Seiten soll er die Schlachtordnung ‚Allseits-Heil‘ (sarvatobhadra) bilden.
von Krankheit, Hungersnot und Seuche bedrängt, von Räubern zersprengt, bis zu den Schultern in Schlamm, Staub [?] und Wasser, zerstreut, auf dem Weg zusammengedrängt,
Wort für Wort
vyādhi-durbhikṣa-maraka
Krankheit, Hungersnot, Seuche
dasyu-vidruta
von Räubern zersprengt
paṅka-pāṃsu-jala-skandha
bis zu den Schultern in Schlamm, Staub, Wasser [?]
vyasta
zerstreut
puñjīkṛta
zusammengedrängt
paṅkāṃśujalaskandham unsicher (aṃśu evtl. für pāṃsu ‚Staub‘).
schlafend, mit dem Essen beschäftigt, auf ungünstigem Boden stehend, schlecht aufgestellt, durch Furcht vor Dieben und Feuer verstört, von Regen und Wind gepeitscht –
in solchen (Lagen) soll er das eigene Heer schützen und das feindliche vernichten. Wer durch Ort und Zeit überlegen ist, (gegen einen Feind,) dessen Staatsglieder gespalten und abgeneigt sind, als der Stärkere –
Wort für Wort
sva-camū
eigenes Heer
para-sainya
feindliches Heer
ghātayet
er soll vernichten
viśiṣṭa
überlegen
bhinna-viprakṛti
mit gespaltenen, abgeneigten Staatsgliedern
prasainyaṃ für parasainyaṃ, ghatayet für ghātayet.
kuryāt prakāśayuddhaṃ hi kūṭayuddhaṃ viparyaye / teṣvavaskandakāleṣu paraṃ hanyātsamākulaṃ //
der soll offenen Kampf führen, im umgekehrten Fall den listigen Kampf. In jenen Zeitpunkten für einen Überfall soll er den in Verwirrung geratenen Feind schlagen.
Einen (Feind), der auf ungünstigem Boden steht, (während er selbst) auf eigenem Boden steht, und (einen,) der auf dem eigenen Boden durch Aufwiegelung [?] (bedrängt ist), einen, der durch die Fesseln der Staatsglieder [?] herausgelockt ist, (einen, der) durch Schlingen von Waldläufern und anderen (gefangen ist) –
Wort für Wort
abhūmiṣṭha
auf ungünstigem Boden
sva-bhūmiṣṭha
auf eigenem Boden
upajāpa
Aufwiegelung [konj.]
prakṛti-pragraha-ākṛṣṭa
durch Bindung der Staatsglieder herausgelockt [?]
pāśa
Schlinge
vana-cara
Waldläufer
upajāyataḥ vermutlich für upajāpataḥ ‚durch Aufwiegelung‘; prakṛtipragrahākṛṣṭam unsicher.
soll er mit den tapfersten Männern schlagen, durch vorgetäuschte Flucht und Hinweglocken. Nachdem er sich vorn gezeigt hat und (der Feind) sich darauf als Ziel festgelegt hat,
soll er (ihn) von hinten mit einem tapferen, ungestüm heranrückenden Heer schlagen; oder, nachdem er (ihn) von hinten in Verwirrung gebracht hat, soll er (ihn) mit einem Helden von vorn schlagen.
puraḥ paścāttu viṣame evameva tu pārśvayoḥ / prathamaṃ yodhayitvā tu dūṣyāmitrāṭavībalau //
bei ungünstigem (Gelände) hinten von vorn, ebenso auch an den Seiten. Nachdem er zuerst die unzuverlässigen, die feindlichen und die Waldstammtruppen hat kämpfen lassen,
soll er mit unermüdeten Reittieren den erschöpften, geschwächten, hilflosen (Feind) schlagen; oder er soll, nachdem er mit unzuverlässigen und feindlichen Truppen eine Flucht vorgetäuscht hat, eifrig
(den Feind), der im Gedanken ‚Gesiegt!‘ vertrauensselig geworden ist, schlagen, auf (kluge) Beratung gestützt. Bei Heerlager, Stadt, Dorf, Feldfrucht, Herrscher, Volk usw.
soll er das (dort) sich erholende feindliche Heer, selbst wachsam, vernichten. Oder (einen,) der durch Rinderraub hinweggelockt ist, ihn ins Ziel fassend, durch Sperrung der Wege (vernichten).
oder nachts den vertrauensvoll Schlafenden mit Elefanten oder mit Schwertträgern. Beim Aufbruch das Vorangehen, das Eindringen in Wald- und Festungsgelände,
abhinnānāmanīkānāṃ bhedanaṃ bhinnasaṅgrahaḥ / vibhīṣakādvāraghātaṃ koṣarakṣebhakarma ca //
das Aufbrechen ungebrochener Heeresreihen, das Sammeln gebrochener, das Erschrecken (des Feindes), das Zerschlagen von Toren und der Schutz des Schatzes – (das ist) die Aufgabe der Elefanten.
abhinnabhedanaṃ mitrasandhānaṃ rathakarma ca / vanadiṅmārgavicaye vīvadhāsāralakṣaṇaṃ //
Das Aufbrechen des Ungebrochenen und das Verbinden mit Verbündeten ist die Aufgabe der Wagen. Bei der Erkundung von Wald, Himmelsrichtungen und Wegen, Sicherung von Nachschub und Hilfstruppen,
Ein Boden frei von großen Baumstümpfen, Ameisenhügeln, Bäumen, Gestrüpp und Dornen, mit Ausweichmöglichkeit und nicht allzu uneben, gilt als (geeignet) für das Fußvolk.
svalpavṛkṣopalā kṣipralaṅghanīyanagā sthirā / niḥśarkarā vipaṅkā ca sāpasārā ca vājibhūḥ //
Mit wenigen Bäumen und Steinen, mit rasch überwindbaren Anhöhen, fest, ohne Geröll, ohne Schlamm und mit Ausweichmöglichkeit – (so ist) der Boden für Pferde.
Ohne Baumstümpfe, Bäume und Ackerbeete, ohne Morast, frei von niederzuwalzenden Bäumen, abzuschneidenden Ranken und Schlamm – (so ist) der Boden für Wagen.
nirjharāgamyaśailā ca viṣamā gajamedinī / urasyādīni bhinnāni pratigṛhṇan balāni hi //
Mit Wasserfällen und unzugänglichen Bergen, uneben – (so ist) der Boden für Elefanten. (Die Truppe,) welche die Brust und die übrigen (Teile), wenn sie gebrochen sind, auffängt,
jayārthī na ca yuddhyeta matimānapratigrahaḥ / yatra rājā tatra koṣaḥ koṣādhīnā hi rājatā //
Ein Kluger, der nach Sieg strebt, soll nicht ohne Rückhalt kämpfen. Wo der König ist, dort (sei) der Schatz; denn die Königsherrschaft hängt vom Schatz ab.
yodhebhyastu tato dadyāt kiñciddātuṃ na yujyate / dravyalakṣaṃ rājaghāte tadardhaṃ tatsutārdane //
Aus diesem soll er den Kriegern (Belohnungen) geben; es ziemt sich nicht, (dann) etwas (zurückzuhalten) [?]. Hunderttausend an Gütern bei Tötung des (feindlichen) Königs, die Hälfte davon bei Tötung seines Sohnes,
Wort für Wort
yodha
Krieger
dadyāt
er soll geben
dravya-lakṣa
Hunderttausend an Gütern
rāja-ghāta
Tötung des Königs
tat-ardha
die Hälfte davon
sutārdana
Tötung des Sohnes
kiñciddātuṃ na yujyate unklar; tatsutārdane wörtl. ‚bei Bedrängung (Tötung) seines Sohnes‘.
ebenso viel bei Tötung des Heerführers; ebenso soll er bei Vernichtung von Elefanten usw. geben. Oder aber sie sollen kämpfen: Pferd gegen Pferd, Wagen gegen Wagen, Elefant gegen Elefant,
vidhānamiti nāgasya vihitaṃ syandanasya ca / anīkamiti vijñeyamiti kalpyā nava dvipāḥ //
Dies ist die Anordnung für den Elefanten, ebenso für den Wagen festgesetzt. Als ‚Abteilung‘ (anīka) ist zu verstehen: so sind neun Elefanten zu bestimmen.
tathānīkasya randhrantu pañcadhā ca pracakṣate / ityanīkavibhagena sthāpayed vyūhasampadaḥ //
Ebenso gibt man den Zwischenraum einer Abteilung als fünffach an. Durch diese Einteilung der Abteilungen soll er die vollkommenen Schlachtordnungen aufstellen.
und Spitze – (so) wird bei den Kennern der Lehre von den Schlachtordnungen die Schlachtordnung siebengliedrig genannt. Brust, Achseln und Flügel – diese Schlachtordnung mit Rückhalt
ist die des Guru [Anm.: Bṛhaspati]; und die des Śukra ist ohne die Achseln. Die Heerführer sollen, umgeben von tapferen Männern, (auf ihren Posten) stehen.
Denn der Kampf hat den Anführer zum Lebenshauch; ohne Anführer wird (das Heer) geschlagen. In die Brust soll er die wilden Elefanten stellen, in die Achseln die Wagen
und die Pferde in die Flügel – diese Schlachtordnung heißt ‚Mitte-Durchbrecher‘ (madhyabhedin). In der Mitte die Pferdeabteilung, die Wagenabteilung in den Achseln
pakṣayoś ca gajānīkaṃ vyūhontarbhedyayaṃ smṛtaḥ / rathasthāne hayān dadyāt padātīṃś ca hayaśrāye //
und in den Flügeln die Elefantenabteilung – diese Schlachtordnung gilt als ‚Innen-Durchbrecher‘ (antarbhedin). An die Stelle der Wagen soll er Pferde setzen und Fußvolk an die Stelle der Pferde;
Wort für Wort
gaja-anīka
Elefantenabteilung
antar-bhedin
Innen-Durchbrecher
ratha-sthāne
an Stelle der Wagen
padāti
Fußvolk
haya-āśraye
an Stelle der Pferde
vyūhontarbhedyayaṃ = vyūho 'ntarbhedy ayam; hayaśrāye für hayāśraye.
bei Mangel an Wagen aber soll er überall in der Schlachtordnung Elefanten einsetzen. Wenn ein Überschuss an Truppen besteht, wird (die Ordnung) ‚Bedrängung‘ (ābādha) genannt [?].
Wort für Wort
ratha-abhāve
bei Mangel an Wagen
dvirada
Elefant
dāpayet
er soll einsetzen
daṇḍa-bāhulya
Überschuss an Truppen
ābādha
Bedrängung [?]
ābādhaḥ unsicher (evtl. für āvāpaḥ ‚Überschuss(einsatz)‘).
Kreis (maṇḍala), Ungeschlossener (asaṃhata), Schlange (bhoga) und Stab (daṇḍa) – diese (gibt es) vielfach; höre! Der Stab ist die Aufstellung in der Querreihe, die Schlange die Aufstellung hintereinander,
Sarpāsya und Valaya – (dies sind) die schwer zu besiegenden Unterarten des Stabes. Vorgeschoben, zurückgenommen an den Achseln und an einer Achsel und einem Flügel [?],
Wort für Wort
sarpa-āsya
‚Schlangenmaul‘
valaya
‚Ring‘
daṇḍa-bheda
Unterart des Stabes
atikrānta
vorgeschoben
pratikrānta
zurückgenommen
Die Definitionen der Stab-Unterarten (V. 52b–54) sind stark verkürzt und teilweise verderbt; Übersetzung wörtlich und unsicher.
vorgeschoben an den beiden Flügeln; drei andere im umgekehrten Fall. Mit Flügeln und Brust vorgeschoben ist Pratiṣṭha; der andere [Anm.: Supratiṣṭha] ist das Umgekehrte.
Mit Pfeilerflügeln, mit Bogenflügeln, der Doppelpfeiler, der aufwärtsgerichtete Stab, der im Innern verdoppelte, der mit vorgeschobenen Flügeln, der andere im umgekehrten Fall [?],
der mit zwei und der mit vier Stäben – diese sind der Reihe nach an ihren Merkmalen zu erkennen. Gomūtrikā (‚Kuhharnlinie‘), Ahisañcārī (‚Schlangengang‘), Śakaṭa (‚Wagen‘) und ebenso Makara
makaro vyatikīrṇaś ca śeṣaḥ kuñjararājibhiḥ / maṇḍalavyūhabhedau tu sarvatobhadradurjayau //
der Makara; der mit Elefantenreihen durchsetzte ist der übrige (Pariplavaṅgaka). Die beiden Unterarten der Kreis-Schlachtordnung aber sind Sarvatobhadra und Durjaya;
Nachdem er mit einem der Flügel usw. (den Feind) geschlagen hat, soll er (ihn) mit den übrigen umzingeln; oder, nachdem er mit der Brust angegriffen hat, soll er (ihn) mit den beiden Spitzen umschließen.
pare koṭī samākramya pakṣābhyāmapratigrahāt / koṭibhyāñjaghanaṃ hanyādurasā ca prapīḍayet //
Nachdem er beim Gegner die beiden Spitzen mit den Flügeln angegriffen hat, soll er – da (jener) keinen Rückhalt hat – mit den beiden Spitzen die Nachhut schlagen und mit der Brust bedrängen.
Wo (das feindliche Heer) schwach ist, wo es gebrochen ist und wo es von anderen besetzt ist, von dort aus soll er das feindliche Heer schlagen und sein eigenes verstärken.
Den Kern (des Feindes) soll er mit doppelt starkem Kern, den schwachen (Teil) mit dem Kern bedrängen; ein geschlossenes Heer soll er mit wilden Elefantenabteilungen zersprengen.
Mit zurückgenommenen Achseln gilt die Schlachtordnung als Asahya; sind Achseln und Flügel unten aufgestellt, mit (vorgeschobenen) Brustteilen, (heißen sie) Kānta und Khātaka [?].
Wort für Wort
kakṣābhyām pratikrānta
an den Achseln zurückgenommen
asahya
‚Unwiderstehlich‘
adhaḥ sthāpya
unten aufzustellen
kānta
Kānta [?]
khātaka
Khātaka [?]
V. 67b–68a verderbt; Übersetzung unsicher (sthapyorasyaiḥ für sthāpyorasyaiḥ).
Agni sprach: Rāma aber gelangte, nachdem er Rāvaṇa getötet hatte, nach Ayodhyā, o Zweimalgeborener. Mit der von Rāma gelehrten Staatskunst hatte einst Lakṣmaṇa den Indrajit getötet.