Kapitel 329: chandaḥsāraḥ
Abriss der Metrik (3): Versfüße und Arten der vedischen Metren
Das Kapitel behandelt die Silbenzahlen der Versfüße und die zahlreichen Unterarten der vedischen Metren (Formen der Gāyatrī, Uṣṇih, Anuṣṭubh, Bṛhatī, Paṅkti, Jyotiṣmatī-, Śaṅkumatī-, Kakudmatī-, Pipīlikamadhyā- und Yavamadhyā-Formen), die Bezeichnungen für Silbenmangel und -überschuss (Nicṛt, Bhurij, Virāj, Svarāj) sowie die den Metren zugeordneten Gottheiten, Töne, Farben und Geschlechter. Der Text folgt eng der Sūtra-Terminologie Piṅgalas, ist aber in der Digitalisierung stark verderbt; zahlreiche Fachausdrücke mussten konjiziert werden (im notes-Feld vermerkt).
Agni sprach: [Das Maß ist der] Versfuß (pāda); zur Auffüllung eines [unvollständigen] Versfußes [werden Halbvokale aufgelöst] [?]. Die [Füße] der Gāyatrī gelten als „Vasu“ (acht Silben), der Fuß der Jagatī als „Āditya“ (zwölf), die [Füße] der Virāj werden „Diś“ (zehn) genannt;
Wort für Wort
pādaḥ
der Versfuß
āpada-pūraṇe
zur Auffüllung des Fußes
gāyatryāḥ vasavaḥ
die (Füße) der Gāyatrī: acht
jagatyāḥ ādityāḥ pādaḥ
der Fuß der Jagatī: zwölf
virājaḥ diśaḥ
die der Virāj: zehn
āpadapūraṇe unsicher, wohl die Regel über das Auffüllen fehlender Silben.
der Fuß der Triṣṭubh [Text: viṣṇutaḥ] ist „Rudra“ (elf). Ein Metrum kann ein-, [zwei-, drei-, vier-]füßig sein. Das erste [Metrum] ist vierfüßig mit vier [?], bisweilen dreifüßig mit Siebensilblern:
Wort für Wort
triṣṭubhaḥ rudrāḥ
der Triṣṭubh: elf
chandaḥ eka-ādi-pādakam
ein Metrum ein- usw. -füßig
ādyam catuṣpāt
das erste vierfüßig
tripāt
dreifüßig
sapta-akṣaraiḥ kvacit
bisweilen mit Siebensilblern
viṣṇuto wohl verderbt aus triṣṭubho; caturbhis unsicher.
diese ist die Gāyatrī „Pādanicṛt“ [Text: pade nīvṛt]; ... Pratiṣṭhā usw.: sechs [?], dreifüßig; die Vardhamānā [mit Füßen von] sechs, [sieben,] acht [Silben]; dreifüßig mit sechs, acht (vasu) und sieben (bhūdhara) [Silben] ...
Wort für Wort
sā gāyatrī
diese Gāyatrī
pāda-nicṛt
Pādanicṛt
pratiṣṭhā-ādi
Pratiṣṭhā usw.
vardhamānā
die Vardhamānā
ṣaṭ-vasu-bhūdharaiḥ
mit sechs, acht und sieben
Stark verkürzt; die Silbenzahlen der Vardhamānā (6-7-8) und Pratiṣṭhā (8-7-6) sind im Text durcheinandergeraten (ṣaḍaṣṭāṣṭā).
die dreifüßige Gāyatrī „Nicṛt“ [?]; die Nāgī mit neun, neun und sechs (ṛtu) [Silben]; die Vārāhī mit sechs und [zweimal neun] [?]; und nun das dritte Metrum:
Wort für Wort
gāyatrī tri-padā
die dreifüßige Gāyatrī
nāgī
die Nāgī
nava-nava-ṛtubhiḥ
mit neun, neun und sechs
vārāhī
die Vārāhī
chandaḥ tṛtīyakam
das dritte Metrum
nīvṛt für nicṛt; rasadvirasā unklar (wohl 6-9-9, die Umkehrung der Nāgī).
zweifüßig mit zwölf und acht (vasu) am Ende; dreifüßig aber gilt es mit Triṣṭubh-[Füßen]. Das Uṣṇih-Metrum wird im Veda mit Füßen von acht, acht [und zwölf] verkündet.
kakubuṣṇigaṣṭasūryavasvarṇāṃ tribhireva saḥ / punaruṣṇik sūryavasuvasvarṇaiś ca tripādbhavet //
Die Kakubh-Uṣṇih [hat] Silben von acht, zwölf (sūrya) und acht (vasu) – mit drei [Füßen]; die Pura-Uṣṇih [Text: punar uṣṇik] wiederum ist dreifüßig mit Silben von zwölf, acht und acht.
Die Paroṣṇih [ist es], wenn [der Zwölfer] danach [steht]; von dieser vierfüßigen [Form] mit drei [?] ... Mit Achtsilblern ist die Anuṣṭubh vierfüßig, bisweilen auch dreifüßig
Wort für Wort
para-uṣṇik parataḥ
die Paroṣṇih, wenn danach
catuṣpāt
vierfüßig
sa-aṣṭa-akṣaraiḥ
mit Achtsilblern
anuṣṭup syāt
ist die Anuṣṭubh
tripāt kvacit
bisweilen dreifüßig
Die Mitte des Verses (tasmāc catuṣpāt tribhir bhavet) ist unklar.
mit Silben von acht, zwölf (arka) und zwölf (sūrya); [der Achtsilbler] kann bisweilen in der Mitte und am Ende stehen. Die Bṛhatī [besteht aus einem] Jagatī[-Fuß] und drei Gāyatrī[-Füßen]; wenn der vorangehende ...
[wenn der Jagatī-Fuß] der dritte ist, ist es die Pathyā; wenn der zweite, die Nyaṅkusāriṇī [Text: anyaṃ kusāriṇī]; nach Krauṣṭuki die Skandhogrīvī; bei Yāska [Text: yakṣe] ist es die Urobṛhatī [?].
Wort für Wort
tṛtīyaḥ pathyā bhavati
als dritter ist es die Pathyā
dvitīye nyaṅkusāriṇī
als zweiter die Nyaṅkusāriṇī
skandhogrīvī
die Skandhogrīvī
krauṣṭuke
nach Krauṣṭuki
urobṛhatī
die Urobṛhatī
Namen verderbt: dvitīyānyaṃ kusāriṇī für dvitīye nyaṅkusāriṇī; skandhau grīvā für skandhogrīvī; yakṣe syadvo vṛhatī wohl für yāske urobṛhatī.
Am Ende [steht er bei der] Upariṣṭādbṛhatī, [am Anfang bei der] Purastādbṛhatī. Bisweilen [gibt es] vier Neuner; [die Füße] in den Haupt- und Zwischenrichtungen [?] sind achtsilbig [?].
Die Mahābṛhatī [besteht] aus drei Jagatī-[Füßen]; ebenso die Satobṛhatī nach Tāṇḍin [Text: bhaṇḍilaḥ] [?]. Das Paṅkti-Metrum [besteht] aus [Füßen von] zwölf, zwölf, acht und acht Silben.
Wort für Wort
mahā-bṛhatī
die Mahābṛhatī
jāgataiḥ tribhiḥ
aus drei Jagatī-Füßen
sato-bṛhatī
die Satobṛhatī
paṅkti-chandaḥ
das Paṅkti-Metrum
sūrya-arka-aṣṭa-aṣṭa-varṇakaiḥ
mit zwölf, zwölf, acht, acht Silben
bhaṇḍilaḥ vielleicht für tāṇḍinaḥ; paṅkricchandaḥ für paṅkticchandaḥ.
Sind die beiden ersten die ungeraden [Text: vedayujau], ist es die Sataḥpaṅkti, und ebenso bei umgekehrter [Stellung]. Die Prastārapaṅkti, [wenn die Zwölfer] vorn [stehen]; die Āstārapaṅkti, [wenn sie] hinten [Text: pavāt] [stehen].
Wort für Wort
pūrvau ayujau
die beiden ersten ungerade
sataḥ-paṅktiḥ
die Sataḥpaṅkti
viparītakau
bei umgekehrter Stellung
prastāra-paṅktiḥ purataḥ
die Prastārapaṅkti vorn
āstāra-paṅktikā
die Āstārapaṅkti
vedayujau wohl für ayujau; pavādāstāra- für parata āstāra-.
Die Akṣarapaṅkti [hat] vier Fünfer; in geringerer Zahl [nur] zwei; die Padapaṅkti hat fünf [Fünfer]; [ferner] ein Vierer, ein Sechser und drei [Fünfer] [?].
Mit fünf Gāyatrī-[Füßen] [ist es die Pathyā-Paṅkti] [Text: ṣaṭka-], mit sechs die Jagatī. Mit einem [Gāyatrī-Fuß] [ist es die] Triṣṭubh-Jyotiṣmatī; ebenso wird die Jagatī [-Jyotiṣmatī] genannt.
Wort für Wort
pañcabhiḥ gāyatraiḥ
mit fünf Gāyatrī-Füßen
ṣaḍbhiḥ ca jagatī
mit sechs die Jagatī
ekena
mit einem
triṣṭubh-jyotiṣmatī
die Triṣṭubh-Jyotiṣmatī
tathā eva jagatī
ebenso die Jagatī
ṣaṭkapañcabhir unsicher (vielleicht pathyā pañcabhir); triṣṭuvjyotiṣmatī für triṣṭubjyotiṣmatī.
Purastājjyotis, wenn [dieser Fuß] an erster Stelle, Madhyejyotis, wenn er in der Mitte, Upariṣṭājjyotis, wenn er am Ende [steht]. Ebenso bei einem einzigen Fünfer
entsteht das Metrum Śaṅkumatī, bei einem Sechser das Metrum Kakudmatī. Eine dreifüßige [Form] mit dem kleinsten [Fuß] in der Mitte [Text: aśiśumadhyā] ist die Pipīlikamadhyā (ameisenmittig),
viparītā yavamadhyā trivṛdekena varjitā / bhūmijaikenādhikena dvihīnā ca cirādbhavet //
die umgekehrte ist die Yavamadhyā (gerstenkornmittig). Um eine [Silbe] vermindert, [heißt es] Nicṛt [Text: trivṛt]; um eine vermehrt, Bhurij [Text: bhūmija]; um zwei vermindert, Virāj [Text: cirāt],
Wort für Wort
viparītā yava-madhyā
die umgekehrte ist die Yavamadhyā
ekena varjitā
um eine vermindert
nicṛt
Nicṛt
bhurij ekena adhikena
Bhurij um eine vermehrt
dvi-hīnā
um zwei vermindert
trivṛd, bhūmija, cirād sind Verderbnisse der Fachausdrücke nicṛt, bhurij, virāṭ.
um zwei vermehrt Svarāj [Text: avarāṭ]. Ist [das Metrum] zweifelhaft, [entscheide man] nach der Gottheit usw.; aus dem ersten Versfuß ergibt sich die Entscheidung. Die Gottheiten der Metren der Reihe nach:
agniḥ sūryaḥ śaśī jīvo varuṇaś candra eva ca / viśvedevāś ca ṣaḍjādyāḥ svarāḥ ṣaḍjo vṛṣaḥ kramāt //
Agni, Sūrya, Śaśin (Mond), Jīva (Bṛhaspati), Varuṇa, Indra [Text: candra] und die Viśvedevas. Die Töne, beginnend mit Ṣaḍja: Ṣaḍja, Ṛṣabha [Text: vṛṣa] der Reihe nach,
Wort für Wort
agniḥ sūryaḥ śaśī
Agni, Sūrya, Mond
jīvaḥ varuṇaḥ
Bṛhaspati, Varuṇa
indraḥ
Indra
viśvedevāḥ
die Viśvedevas
ṣaḍja-ādyāḥ svarāḥ
die Töne mit Ṣaḍja beginnend
candra wohl für indra (Śaśin ist bereits genannt).
kṛṣṇo nīlo lohitaś ca gaurī gāyatrimukhyake / gaurīcanābhāḥ kṛtayo jyotiśchando hi śyāmalaṃ //
schwarz, blau, rot und goldgelb (gaura) – bei den [Metren] beginnend mit der Gāyatrī. Die Kṛti[-Metren] haben den Glanz der Gorocanā [?]; das Metrum Jyotis [?] ist dunkel.
Wort für Wort
kṛṣṇaḥ nīlaḥ lohitaḥ
schwarz, blau, rot
gauraḥ
goldgelb
gāyatrī-mukhyake
bei den mit der Gāyatrī beginnenden
gorocanā-ābhāḥ kṛtayaḥ
die Kṛtis wie Gorocanā
śyāmalam
dunkel
gaurīcanābhāḥ wohl für gorocanābhāḥ; jyotiśchandaḥ unsicher (vielleicht aticchandaḥ).