Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 175: vrataparibhāṣā Allgemeine Regeln der Gelübde

Agni erklärt Vasiṣṭha Begriff und allgemeine Regeln der Gelübde (vrata): Wesen von vrata, tapas, niyama und upavāsa, Verbote beim Fasten, die zehn gemeinsamen Pflichten, erlaubte und verbotene Speisen, die Bußformen (Prājāpatya, Atikṛcchra, Sāntapana, Mahāsāntapana, Parāka, Mahāparāka, Cāndrāyaṇa), die Bereitung des Brahmakūrca, Kalenderregeln (Monatsarten, Schaltmonat, Verbindung der Mondtage), Unreinheit und Stellvertretung sowie die Formeln der Gelübdeverehrung und die Gaben am Schluss. Einige Stellen (V. 14, 28, 31, 39) sind textlich verderbt oder unklar.

agnir uvāca | tithivārarkṣadivasamāsartvabdārkasaṅkrame / nṛstrīvratādi vakṣyāmi vasiṣṭha śṛṇu tat kramāt //

Agni sprach: Die Gelübde für Männer und Frauen usw., [geordnet] nach Mondtag, Wochentag, Mondhaus, Tag, Monat, Jahreszeit, Jahr und dem Übergang der Sonne [in ein neues Tierkreiszeichen], werde ich darlegen; Vasiṣṭha, höre sie der Reihe nach.

Wort für Wort
tithi-vāra-ṛkṣa-divasa-māsa-ṛtu-abda-arka-saṅkrame
nach Mondtag, Wochentag, Mondhaus, Tag, Monat, Jahreszeit, Jahr und Sonnenübergang
nṛ-strī-vrata-ādi
die Gelübde für Männer und Frauen usw.
vakṣyāmi
ich werde darlegen
śṛṇu
höre
kramāt
der Reihe nach

śāstrodito hi niyamo vrataṃ tacca tapo mataṃ / niyamāstu viśeṣāstu vratasyaiva damādayaḥ //

Eine in der Lehrschrift verkündete Regel (niyama) ist nämlich ein Gelübde (vrata), und dieses gilt [zugleich] als Askese (tapas); die Regeln (niyama) aber, Selbstbezähmung usw., sind eben Besonderheiten des Gelübdes.

Wort für Wort
śāstra-uditaḥ
in der Lehrschrift verkündet
niyamaḥ
Regel, Selbstverpflichtung
vratam
Gelübde
tapaḥ matam
gilt als Askese
viśeṣāḥ
Besonderheiten
dama-ādayaḥ
Selbstbezähmung usw.

vrataṃ hi kartṛsantāpāttapa ity abhidhīyate / indriyagrāmaniyamānniyamaścābhidhīyate //

Das Gelübde heißt nämlich „tapas“ (Glut), weil es den Ausführenden erhitzt (quält); und „niyama“ heißt es, weil es die Schar der Sinne zügelt.

Wort für Wort
kartṛ-santāpāt
wegen der Erhitzung des Ausführenden
tapaḥ iti abhidhīyate
wird tapas genannt
indriya-grāma-niyamāt
wegen der Zügelung der Sinnesschar
niyamaḥ
niyama, Zügelung

Volksetymologische Erklärungen: tapas von tap „erhitzen“, niyama von ni-yam „zügeln“.

anagnayastu ye viprāsteṣāṃ śreyo 'bhidhīyate / vratopavāsaniyamair nānādānais tathā dvijaḥ //

Für die Brahmanen aber, die keine [heiligen] Feuer unterhalten, wird [hiermit] das Heil verkündet: durch Gelübde, Fasten und Regeln sowie durch mannigfache Gaben [erlangt es] der Zweimalgeborene.

Wort für Wort
anagnayaḥ
ohne [unterhaltene heilige] Feuer
viprāḥ
Brahmanen
śreyaḥ
das Heil, das Beste
vrata-upavāsa-niyamaiḥ
durch Gelübde, Fasten und Regeln
nānā-dānaiḥ
durch mannigfache Gaben

te syurdevādayaḥ prītā bhuktimuktipradāyakāḥ / upāvṛttasya pāpebhyo yastu vāso guṇaiḥ saha //

[Dadurch] werden die Götter usw. erfreut und gewähren Genuss und Erlösung. Das Verweilen (vāsa) mit den Tugenden seitens dessen, der sich von den Sünden abgewandt hat, —

Wort für Wort
deva-ādayaḥ prītāḥ
die Götter usw. erfreut
bhukti-mukti-pradāyakāḥ
Genuss und Erlösung gewährend
upāvṛttasya pāpebhyaḥ
dessen, der sich von den Sünden abgewandt hat
vāsaḥ guṇaiḥ saha
Verweilen mit den Tugenden

Etymologie: upa-vāsa als „Bei-Verweilen“ (mit den Tugenden).

upavāsaḥ sa vijñeyaḥ sarvabhogavivarjitaḥ / kāṃsyaṃ māṃsaṃ masūrañca caṇakaṃ koradūṣakaṃ //

das ist als Fasten (upavāsa) zu verstehen, frei von allen Genüssen. Glockenmetall[geschirr], Fleisch, Linsen, Kichererbsen, Kodohirse (koradūṣaka),

Wort für Wort
upavāsaḥ sa vijñeyaḥ
das ist als Fasten zu verstehen
sarva-bhoga-vivarjitaḥ
frei von allen Genüssen
kāṃsyam
Glockenmetall(geschirr)
masūram
Linse
caṇakam
Kichererbse
koradūṣakam
Kodohirse

śākaṃ madhu parānnañca tyajedupavasan striyaṃ / puṣpālaṅkāravastrāṇi dhūpagandhanulepanaṃ //

Gemüse, Honig und fremde Speise soll der Fastende meiden, ebenso die Frau. Blumen, Schmuck, [schöne] Kleider, Räucherwerk, Duftstoffe und Salben,

Wort für Wort
śākam
Gemüse, Blattgemüse
para-annam
Speise eines anderen
tyajet upavasan
der Fastende soll meiden
striyam
die Frau
puṣpa-alaṅkāra-vastrāṇi
Blumen, Schmuck, Kleider
dhūpa-gandha-anulepanam
Räucherwerk, Duftstoff, Salbe

upavāse na śasyanti dantadhāvanamañjanaṃ / dantakāṣṭhaṃ pañcagavyaṃ kṛtvā prātarvratañcaret //

Zähneputzen und Augensalbe werden beim Fasten nicht gebilligt. Nachdem man [jedoch] das Zahnholz [gebraucht] und die fünf Kuhprodukte [genommen] hat, beginne man morgens das Gelübde.

Wort für Wort
upavāse na śasyanti
beim Fasten nicht gebilligt
danta-dhāvanam
Zähneputzen
añjanam
Augensalbe
danta-kāṣṭham
Zahnholz
pañcagavyam
die fünf Kuhprodukte
prātaḥ vratam caret
morgens beginne man das Gelübde

śasyanti für śasyante (Passiv). Das Nebeneinander von verbotenem Zähneputzen und erlaubtem Zahnholz bleibt im Text unausgeglichen [?].

asakṛjjalapānācca tāmbūlasya ca bhakṣaṇāt / upavāsaḥ praduṣyeta divāsvapnācca maithunāt //

Durch wiederholtes Wassertrinken, durch das Kauen von Betel, durch Schlafen am Tag und durch Beischlaf wird das Fasten verdorben.

Wort für Wort
asakṛt-jala-pānāt
durch wiederholtes Wassertrinken
tāmbūlasya bhakṣaṇāt
durch Kauen von Betel
praduṣyeta
wird verdorben
divā-svapnāt
durch Tagschlaf
maithunāt
durch Beischlaf

kṣamā satyandayā dānaṃ śaucamindriyanigrahaḥ / devapūjāgniharaṇaṃ santoṣo 'steyameva ca //

Geduld, Wahrhaftigkeit, Mitgefühl, Freigebigkeit, Reinheit, Sinnesbezähmung, Götterverehrung, Feueropfer [?], Genügsamkeit und Nicht-Stehlen —

Wort für Wort
kṣamā
Geduld, Nachsicht
satyam dayā dānam
Wahrhaftigkeit, Mitgefühl, Freigebigkeit
śaucam
Reinheit
indriya-nigrahaḥ
Sinnesbezähmung
agni-haraṇam
Feuerdarbringung
santoṣaḥ asteyam
Genügsamkeit, Nicht-Stehlen

agniharaṇa wörtl. „Herbeibringen/Darbringen des Feuers“; vermutlich für agnihavana/Feueropfer.

sarvavrateṣvayaṃ dharmaḥ sāmānyo daśadhā smṛtaḥ / pavitrāṇi japeccaiva juhuyāccaiva śaktitaḥ //

dies gilt als die allen Gelübden gemeinsame, zehnfache Pflicht. Und man murmele reinigende [Texte] und opfere nach Vermögen.

Wort für Wort
sarva-vrateṣu
bei allen Gelübden
dharmaḥ sāmānyaḥ
gemeinsame Pflicht
daśadhā smṛtaḥ
gilt als zehnfach
pavitrāṇi japet
man murmele reinigende [Texte]
juhuyāt śaktitaḥ
man opfere nach Vermögen

nityasnāyī mitāhāro gurudevadvijārcakaḥ / kṣāraṃ kṣaudrañca lavaṇaṃ madhu māṃsāni varjayet //

Täglich soll er baden, mäßig essen, Lehrer, Götter und Brahmanen verehren; Scharf-Salziges (kṣāra), Honig (kṣaudra), Salz, Honig (madhu) und Fleischspeisen soll er meiden.

Wort für Wort
nitya-snāyī
täglich badend
mita-āhāraḥ
mäßig essend
guru-deva-dvija-arcakaḥ
Lehrer, Götter und Brahmanen verehrend
kṣāram kṣaudram lavaṇam
Scharf-Salziges, Honig, Salz
madhu māṃsāni varjayet
Honig und Fleischspeisen meide er

kṣaudra und madhu bedeuten beide „Honig“; madhu kann auch berauschendes Getränk bezeichnen.

tilamudgādṛte śasyaṃ śasye godhūmakodravau / cīnakaṃ devadhānyañca śamīdhānyaṃ tathaikṣavaṃ //

Feldfrucht außer Sesam und Mungbohnen, unter den Feldfrüchten Weizen und Kodrava-Hirse, Cīnaka-Hirse, Götterkorn (devadhānya) [?], Hülsenfrüchte (śamīdhānya) sowie Zuckerrohrprodukte,

Wort für Wort
tila-mudgāt ṛte śasyam
Feldfrucht außer Sesam und Mungbohnen
godhūma-kodravau
Weizen und Kodrava-Hirse
cīnakam
Cīnaka-Hirse
deva-dhānyam
Götterkorn [?]
śamī-dhānyam
Hülsenfrucht
aikṣavam
Zuckerrohrprodukt

devadhānya nicht sicher bestimmbar (wohl eine Hirseart).

śitadhānyaṃ tathā puṇyaṃ mūlaṃ kṣāragaṇaḥ smṛtaḥ / vrīhiṣaṣṭikamudgāś ca kalāyāḥ satilā yavāḥ //

ferner śitadhānya [?], ebenso puṇya [?] und Wurzeln — [dies] gilt als die Gruppe der „scharf-salzigen“ (kṣāra) [Speisen]. Reis (vrīhi), Ṣaṣṭika-Reis, Mungbohnen, Erbsen (kalāya), Gerste mitsamt Sesam,

Wort für Wort
śita-dhānyam
śita-Korn [?]
mūlam
Wurzel
kṣāra-gaṇaḥ smṛtaḥ
gilt als kṣāra-Gruppe
vrīhi-ṣaṣṭika-mudgāḥ
Reis, Ṣaṣṭika-Reis, Mungbohnen
kalāyāḥ
Erbsen
sa-tilāḥ yavāḥ
Gerste samt Sesam

śitadhānya und puṇya sind unklar, vielleicht verderbt (etwa für sitadhānya „weißes Korn“ bzw. paṇya „Gekauftes“). Der Widerspruch zu V. 13 (Weizen dort unter kṣāra, in V. 15 als zuträglich) steht so im Text.

śyāmākāś caiva nīvārā godhūmādyā vrate hitāḥ / kuṣmāṇḍālāvuvārtākūn pālaṅkīmpūtikāntyajet //

Śyāmāka-Hirse und Nīvāra (Wildreis), Weizen usw. sind beim Gelübde zuträglich. Kürbis (kuṣmāṇḍa), Flaschenkürbis (alābu), Aubergine (vārtāku), Pālaṅkī und Pūtikā [Anm.: Blattgemüse] soll er meiden.

Wort für Wort
śyāmākāḥ nīvārāḥ
Śyāmāka-Hirse, Wildreis
godhūma-ādyāḥ
Weizen usw.
vrate hitāḥ
beim Gelübde zuträglich
kuṣmāṇḍa-alābu-vārtākūn
Kürbis, Flaschenkürbis, Aubergine
pālaṅkīm pūtikām tyajet
Pālaṅkī und Pūtikā meide er

-ālāvu- für -alābu-; pālaṅkī und pūtikā sind Gemüsepflanzen, botanisch nicht sicher bestimmt.

carubhaikṣyaṃ śaktukaṇāḥ śākandadhi ghṛtaṃ payaḥ / śyāmākaśālinīvārā yavakaṃ mūlataṇḍulaṃ //

Opferbrei (caru), Almosenspeise, Gerstenmehl (saktu), Körner, Gemüse, saure Milch, Ghee, Milch, Śyāmāka-Hirse, Śāli-Reis, Nīvāra, Gerstenbrei (yavaka), Wurzeln und Reiskörner —

Wort für Wort
caru-bhaikṣyam
Opferbrei, Almosenspeise
saktu-kaṇāḥ
Gerstenmehl, Körner
śākam dadhi ghṛtam payaḥ
Gemüse, saure Milch, Ghee, Milch
śyāmāka-śāli-nīvārāḥ
Hirse, Śāli-Reis, Wildreis
yavakam
Gerstenbrei
mūla-taṇḍulam
Wurzeln und Reiskörner

śaktu- für saktu-.

haviṣyaṃ vratanaktādāvagnikāryādike hitaṃ / madhu māṃsaṃ vihāyānyad vrate vā hitamīritaṃ //

[das ist] Opferspeise (haviṣya), zuträglich bei Gelübden, beim Nachtfasten (nakta) usw. und bei Feuerriten usw. Oder: außer Honig und Fleisch gilt alles andere beim Gelübde als zuträglich.

Wort für Wort
haviṣyam
Opferspeise
vrata-nakta-ādau
bei Gelübde, Nachtfasten usw.
agni-kārya-ādike hitam
zuträglich bei Feuerriten usw.
madhu māṃsam vihāya
außer Honig und Fleisch
anyat hitam īritam
das Übrige gilt als zuträglich

tryahaṃ prātastryahaṃ sāyaṃ tryahamadyādayācitaṃ / tryahamparañca nāśnīyāt prājāpatyañcaran dvijaḥ //

Drei Tage [esse er nur] morgens, drei Tage abends, drei Tage esse er [nur] Ungebetenes, und weitere drei Tage esse er nichts — so übt der Zweimalgeborene das Prājāpatya-Gelübde.

Wort für Wort
tri-aham prātaḥ
drei Tage morgens
tri-aham sāyam
drei Tage abends
adyāt ayācitam
er esse Ungebetenes
param ca na aśnīyāt
und die weiteren esse er nicht
prājāpatyam caran
das Prājāpatya übend

ekaikaṃ grāsamaśnīyāt tryahāṇi trīṇi pūrvavat / tryahañcopavasedantyamatikṛcchraṃ caran dvijaḥ //

Je nur einen Bissen esse er drei Dreitagesfristen lang wie zuvor [morgens, abends, ungebeten], und die letzte Dreitagesfrist faste er — so übt der Zweimalgeborene den Atikṛcchra.

Wort für Wort
eka-ekam grāsam aśnīyāt
je einen Bissen esse er
tri-ahāṇi trīṇi
drei Dreitagesfristen
pūrvavat
wie zuvor
tri-aham upavaset antyam
die letzte Dreitagesfrist faste er
ati-kṛcchram caran
den Atikṛcchra übend

gomūtraṃ gomayaṃ kṣīraṃ dadhi sarpiḥ kuśodakaṃ / ekarātropavāsaś ca kṛcchraṃ śāntapanaṃ smṛtaṃ //

Kuhharn, Kuhdung, Milch, saure Milch, Ghee und Kuśa-Wasser [zu sich nehmen] und eine Nacht fasten — das gilt als der Sāntapana-Kṛcchra.

Wort für Wort
gomūtram gomayam
Kuhharn, Kuhdung
kṣīram dadhi sarpiḥ
Milch, saure Milch, Ghee
kuśa-udakam
Kuśa-Wasser
eka-rātra-upavāsaḥ
eine Nacht Fasten
kṛcchram sāntapanam smṛtam
gilt als Sāntapana-Buße

śāntapana für sāntapana (auch V. 21).

pṛthak śāntapanadravyaiḥ ṣaḍahaḥ sopavāsakaḥ / saptāhena tu kṛcchro 'yaṃ mahāśāntapano 'ghahā //

Mit den Sāntapana-Stoffen einzeln [je einen Tag lang] sechs Tage, dazu ein Fasttag: dieser Kṛcchra von sieben Tagen ist der Mahāsāntapana, der die Sünde tilgt.

Wort für Wort
pṛthak
einzeln
sāntapana-dravyaiḥ
mit den Sāntapana-Stoffen
ṣaṭ-ahaḥ sa-upavāsakaḥ
sechs Tage samt einem Fasttag
sapta-ahena
in sieben Tagen
mahā-sāntapanaḥ agha-hā
Mahāsāntapana, sündentilgend

dvādaśāhopavāsena parākaḥ sarvapāpahā / mahāparākastriguṇastvayameva prakīrtitaḥ //

Durch zwölftägiges Fasten [vollzieht man] den Parāka, der alle Sünden tilgt; eben dieser, verdreifacht, wird Mahāparāka genannt.

Wort für Wort
dvādaśa-aha-upavāsena
durch zwölftägiges Fasten
parākaḥ
Parāka(-Fasten)
sarva-pāpa-hā
alle Sünden tilgend
mahā-parākaḥ tri-guṇaḥ
Mahāparāka, dreifach
ayam eva prakīrtitaḥ
eben dieser wird genannt

paurṇamāsyāṃ pañcadaśagrāsyamāvāsyabhojanaḥ / ekāpāye tato vṛddhau cāndrāyaṇamato 'nyathā //

Am Vollmondtag fünfzehn Bissen essend, am Neumondtag nichts essend, [dazwischen täglich] mit Abnahme um je einen [Bissen] und danach mit Zunahme — das ist das Cāndrāyaṇa; andernfalls [gilt die umgekehrte Folge] [?].

Wort für Wort
paurṇamāsyām
am Vollmondtag
pañcadaśa-grāsī
fünfzehn Bissen essend
amāvāsya-abhojanaḥ
am Neumond nichts essend
eka-apāye vṛddhau
bei Abnahme und Zunahme um eins
cāndrāyaṇam
Cāndrāyaṇa (Mondlauf-Fasten)
ataḥ anyathā
andernfalls, umgekehrt

ato 'nyathā knapp: wohl die umgekehrte, mit dem Neumond beginnende Form des Cāndrāyaṇa. amāvāsya- für amāvāsyā-.

kapilāgoḥ palaṃ mūtraṃ ardhāṅguṣṭhañca gomayaṃ / kṣīraṃ saptapalandadyāt dadhnaś caiva paladvayaṃ //

Von einer rotbraunen (kapilā) Kuh [nehme man] ein Pala Harn und einen halben Daumen [voll] Dung; Milch gebe man sieben Pala, von saurer Milch zwei Pala,

Wort für Wort
kapilā-goḥ
von einer rotbraunen Kuh
palam mūtram
ein Pala Harn
ardha-aṅguṣṭham gomayam
einen halben Daumen Dung
kṣīram sapta-palam
sieben Pala Milch
dadhnaḥ pala-dvayam
zwei Pala saure Milch

ghṛtamekapalandadyāt palamekaṃ kuśodakaṃ / gayatryā gṛhya gomūtraṃ gandhadvāreti gomayaṃ //

Schmelzbutter ein Pala, ein Pala Kuśa-Wasser. Mit der Gāyatrī nehme man den Kuhharn, mit „gandhadvārā …“ den Dung,

Wort für Wort
ghṛtam eka-palam
ein Pala Schmelzbutter
kuśa-udakam
Kuśa-Wasser
gāyatryā
mit der Gāyatrī
gṛhya gomūtram
den Kuhharn nehmend
gandhadvārā iti
mit (dem Vers) „gandhadvārā“

āpyāyasveti ca kṣīraṃ dadhikrāvṇeti vai dadhi / tejo 'sīti tathā cājyaṃ devasyeti kuśodakaṃ //

mit „āpyāyasva …“ die Milch, mit „dadhikrāvṇo …“ die saure Milch, mit „tejo 'si …“ die Schmelzbutter und mit „devasya …“ das Kuśa-Wasser.

Wort für Wort
āpyāyasva iti
mit „āpyāyasva“
kṣīram
Milch
dadhikrāvṇā iti
mit „dadhikrāvṇo“
tejaḥ asi iti
mit „tejo 'si“
ājyam
Schmelzbutter
devasya iti
mit „devasya“

Vedische Versanfänge als Weiheformeln der Bestandteile.

brahmakūrco bhavatyevaṃ āpo hiṣṭhetyṛcaṃ japet / aghamarṣaṇasūktena saṃyojya praṇavena vā //

So entsteht der Brahmakūrca. Man murmele die Strophe „āpo hi ṣṭhā …“; nachdem man [die Bestandteile] mit dem Aghamarṣaṇa-Hymnus oder mit der Silbe Oṃ vermischt hat

Wort für Wort
brahma-kūrcaḥ
Brahmakūrca (Reinigungstrank)
āpaḥ hi ṣṭha iti ṛcam
die Strophe „āpo hi ṣṭhā“
japet
man murmele
aghamarṣaṇa-sūktena
mit dem Aghamarṣaṇa-Hymnus
saṃyojya praṇavena vā
vermischt oder mit Oṃ

pītvā sarvāghanirmukto viṣṇulokī hy upoṣitaḥ / upavāsī sāyambhojī yatiḥ ṣaṣṭhātmakālavān //

und [ihn] getrunken hat, wird der Fastende von allen Sünden befreit und gelangt in Viṣṇus Welt. Wer fastet, [nur] abends isst, sich bezähmt, [nur] zur sechsten Essenszeit [isst] [?],

Wort für Wort
pītvā
getrunken habend
sarva-agha-nirmuktaḥ
von allen Sünden befreit
viṣṇu-lokī
Viṣṇus Welt erlangend
sāyam-bhojī
abends essend
yatiḥ
Bezähmter, Asket
ṣaṣṭha-kālavān
zur sechsten Essenszeit (essend)

ṣaṣṭhātmakālavān verderbt; vermutlich ṣaṣṭhakālavān bzw. ṣaṣṭhānnakālika „der nur zu jeder sechsten Mahlzeit isst“.

māṃsavarjī cāśvamedhī satyavādī divaṃ vrajet / agnyādheyaṃ pratiṣṭhāñca yajñadānavratāni ca //

wer Fleisch meidet, wer das Pferdeopfer vollzieht, wer die Wahrheit spricht, gelangt in den Himmel. Das Anlegen der Feuer, die [Bild-]Weihe, Opfer, Gaben und Gelübde,

Wort für Wort
māṃsa-varjī
Fleisch meidend
aśvamedhī
Vollzieher des Pferdeopfers
satya-vādī
die Wahrheit sprechend
divam vrajet
gelangt in den Himmel
agnyādheyam
Anlegen der heiligen Feuer
pratiṣṭhām
Weihe (eines Bildes)

devavratavṛṣotsargacūḍākaraṇamekhalāḥ / māṅgalyamabhiṣekañca malamāse vivarjayet //

das Devavrata, das Freilassen eines Stiers, die Haarschopf-Zeremonie, die Gürtelumlegung, Glücksriten und Weihebad soll man im Schaltmonat (malamāsa) unterlassen.

Wort für Wort
devavrata
Devavrata (Gelübde des vedischen Studiums)
vṛṣa-utsarga
Freilassen eines Stiers
cūḍā-karaṇa
Haarschopf-Zeremonie
mekhalāḥ
Gürtelumlegung (Initiation)
abhiṣekam
Weihebad
mala-māse vivarjayet
im Schaltmonat unterlasse man

darśāddarśastu cāndraḥ syāt triṃśāhaś caiva bhāvanaḥ / māsaḥ saurastu saṅkrānternākṣatro bhavivartanāt //

Der Mondmonat reicht von Neumond zu Neumond, der bürgerliche [Monat] umfasst dreißig Tage; der Sonnenmonat [bemisst sich] nach dem Übergang [der Sonne], der Mondhausmonat nach dem Umlauf [des Mondes] durch die Mondhäuser.

Wort für Wort
darśāt darśaḥ
von Neumond zu Neumond
cāndraḥ
Mond(monat)
triṃśa-ahaḥ
dreißig Tage umfassend
sauraḥ saṅkrānteḥ
Sonnen(monat) nach dem Übergang
nākṣatraḥ
Mondhaus(monat)
bha-vivartanāt
durch Umlauf durch die Sternbilder

bhāvanaḥ wohl verschrieben für sāvanaḥ (bürgerlicher Monat); bhavivartanāt als bha-vivartanāt „Umlauf durch die Sternbilder“ gelesen.

sauro māso vivāhādau yajñādau sāvanaḥ smṛtaḥ / āvdhike pitṛkārye ca cāndro māsaḥ praśasyate //

Der Sonnenmonat gilt für Hochzeit usw., der bürgerliche für Opfer usw.; für die jährliche Ahnenzeremonie wird der Mondmonat empfohlen.

Wort für Wort
sauraḥ māsaḥ
Sonnenmonat
vivāha-ādau
bei Hochzeit usw.
sāvanaḥ
bürgerlicher Monat
ābdike pitṛ-kārye
bei der jährlichen Ahnenzeremonie
praśasyate
wird empfohlen

āvdhike für ābdike.

āṣāḍhīmavadhiṃ kṛtvā yaḥ syātpakṣastu pañcamaḥ / kuryācchrāddhantatra raviḥ kanyāṃ gacchatu vā na vā //

Nimmt man den Āṣāḍha-Vollmond als Grenze, so soll man in der fünften Monatshälfte [danach] das Totenopfer (śrāddha) vollziehen, ob die Sonne dann in die Jungfrau eingetreten ist oder nicht.

Wort für Wort
āṣāḍhīm avadhim kṛtvā
den Āṣāḍha-Vollmond als Grenze nehmend
pakṣaḥ pañcamaḥ
die fünfte Monatshälfte
kuryāt śrāddham
man vollziehe das Śrāddha
raviḥ kanyām gacchatu
mag die Sonne in die Jungfrau eintreten
vā na vā
oder nicht

māsi saṃvatsare caiva tithidvaidhaṃ yadā bhavet / tatrottarottamā jñeyā pūrvā tu syān malimlucā //

Wenn in einem Monat oder in einem Jahr eine Doppelung eines Mondtags auftritt, so ist der spätere als der beste zu betrachten; der frühere aber ist „malimluca“ (unrein, überzählig).

Wort für Wort
tithi-dvaidham
Doppelung eines Mondtags
uttarā uttamā
der spätere ist der beste
jñeyā
ist zu betrachten
pūrvā
der frühere
malimlucā
unrein, überzählig (Schalt-)

upoṣitavyaṃ nakṣatraṃ yenāstaṃ yāti bhāskaraḥ / divā puṇyāstu tithayo rātrau naktavrate śubhāḥ //

Zu fasten ist an dem Mondhaus, mit dem die Sonne untergeht. Die Mondtage sind tagsüber heilbringend, beim Nachtgelübde (naktavrata) [aber] sind sie nachts günstig.

Wort für Wort
upoṣitavyam nakṣatram
am Mondhaus ist zu fasten
yena astam yāti bhāskaraḥ
mit dem die Sonne untergeht
divā puṇyāḥ tithayaḥ
die Mondtage sind tagsüber heilbringend
rātrau
in der Nacht
nakta-vrate śubhāḥ
beim Nachtgelübde günstig

yugmāgnikṛtabhūtāni ṣaṇmunyorvasurandhrayoḥ / rudreṇa dvādaśo yuktā caturdaśyātha pūrṇimā //

[Als Paare gelten] zweiter und dritter, vierter und fünfter, sechster und siebter, achter und neunter [Mondtag]; der zwölfte ist mit dem elften (Rudra) verbunden, der vierzehnte mit dem Vollmond,

Wort für Wort
yugma-agni
zweiter und dritter
kṛta-bhūtāni
vierter und fünfter
ṣaṭ-munyoḥ
sechster und siebter
vasu-randhrayoḥ
achter und neunter
rudreṇa dvādaśī yuktā
der zwölfte mit dem elften verbunden
caturdaśī pūrṇimā
vierzehnter und Vollmond

Zahlwörter: yugma = 2, agni = 3, kṛta = 4, bhūta = 5, muni = 7, vasu = 8, randhra = 9, rudra = 11. Gemeint ist die günstige Verbindung zweier Mondtage an einem Fastentag.

pratipadā tvamāvāsyā tithyoryugmaṃ mahāphalaṃ / etadvyastaṃ mahāghoraṃ hanti puṇyaṃ purākṛtaṃ //

der Neumond mit dem ersten Mondtag: [solche] Paare von Mondtagen bringen großen Lohn; die umgekehrte [Verbindung] ist äußerst schrecklich und vernichtet früher erworbenes Verdienst.

Wort für Wort
pratipadā amāvāsyā
der Neumond mit dem ersten Mondtag
tithyoḥ yugmam
Paar von Mondtagen
mahā-phalam
großen Lohn bringend
etat vyastam
dies umgekehrt
hanti puṇyam purā-kṛtam
vernichtet früher erworbenes Verdienst

narendramantrivratināṃ vivāhopadravādiṣu / sadyaḥ śaucaṃ samākhyātaṃ kāntārāpadi saṃṣadi //

Für Könige, Minister und Gelübdeträger gilt bei Hochzeit, Unglücksfällen usw. sofortige Reinheit [Anm.: d. h. keine Unreinheitsfrist], ebenso bei Not in der Wildnis und in der Versammlung,

Wort für Wort
narendra-mantri-vratinām
für Könige, Minister, Gelübdeträger
vivāha-upadrava-ādiṣu
bei Hochzeit, Unglück usw.
sadyaḥ śaucam
sofortige Reinheit
kāntāra-āpadi
in Not in der Wildnis
saṃsadi
in der Versammlung

ārabdhadīrghatapasāṃ na rājā vratahā striyāḥ / garbhiṇī sūtikā naktaṃ kumārī ca rajasvalā //

[ebenso] für die, die eine lange Askese begonnen haben. Der König soll nicht Zerstörer des Gelübdes einer Frau sein [?]. Eine Schwangere, eine Wöchnerin, ein Mädchen und eine Menstruierende —

Wort für Wort
ārabdha-dīrgha-tapasām
derer, die lange Askese begonnen haben
vrata-hā
Zerstörer des Gelübdes
garbhiṇī
Schwangere
sūtikā
Wöchnerin
kumārī
Mädchen
rajasvalā
Menstruierende

na rājā vratahā striyāḥ unklar; naktaṃ („nachts“) im zweiten Halbvers ohne erkennbaren Bezug, evtl. verderbt.

yadāśuddhā tadānyena kārayeta kriyāḥ sadā / krodhāt pramādāllobhādvā vratabhaṅgo bhavedyadi //

wenn sie unrein ist, lasse sie die Handlungen stets durch einen anderen ausführen. Wenn aus Zorn, Nachlässigkeit oder Gier ein Bruch des Gelübdes geschieht,

Wort für Wort
yadā aśuddhā
wenn sie unrein ist
anyena kārayeta
lasse durch einen anderen ausführen
kriyāḥ
die Handlungen
krodhāt pramādāt lobhāt
aus Zorn, Nachlässigkeit, Gier
vrata-bhaṅgaḥ
Bruch des Gelübdes

dinatrayaṃ na bhuññīta muṇḍanaṃ śiraso 'tha vā / asāmarthye vratakṛtau patnīṃ vā kārayet sutaṃ //

so esse man drei Tage nicht oder [lasse sich] den Kopf scheren. Bei Unfähigkeit zur Ausführung des Gelübdes lasse man die Gattin oder den Sohn [es] ausführen.

Wort für Wort
dina-trayam na bhuñjīta
drei Tage esse man nicht
muṇḍanam śirasaḥ
Scheren des Kopfes
asāmarthye
bei Unfähigkeit
vrata-kṛtau
zur Ausführung des Gelübdes
patnīm vā kārayet sutam
lasse Gattin oder Sohn ausführen

sūtake mṛtake kārtyaṃ prārabdhaṃ pūjanojjhitaṃ / vratasthaṃ mūrchitaṃ dugdhapānādyair uddhared guruḥ //

Bei Geburts- und Todesunreinheit ist das Begonnene [weiter] auszuführen, [jedoch] unter Weglassung der Verehrung. Einen im Gelübde Stehenden, der ohnmächtig wird, soll der Lehrer durch Milchtrinken usw. wiederaufrichten.

Wort für Wort
sūtake mṛtake
bei Geburts- und Todesunreinheit
prārabdham
das Begonnene
pūjana-ujjhitam
ohne die Verehrung
vrata-stham mūrchitam
den ohnmächtigen Gelübdeträger
dugdha-pāna-ādyaiḥ
durch Milchtrinken usw.
uddharet guruḥ
der Lehrer richte auf

kārtyaṃ für kāryaṃ.

aṣtau tānyavrataghnāni āpo mūlaṃ phalaṃ payaḥ / havirbrāhmaṇakāmyā ca gurorvacanamauṣadhaṃ //

Diese acht zerstören das Gelübde nicht: Wasser, Wurzeln, Früchte, Milch, Opferspeise, der Wunsch eines Brahmanen, das Wort des Lehrers und Arznei.

Wort für Wort
aṣṭau
acht
avrata-ghnāni
das Gelübde nicht zerstörend
āpaḥ mūlam phalam payaḥ
Wasser, Wurzel, Frucht, Milch
haviḥ
Opferspeise
brāhmaṇa-kāmyā
Wunsch eines Brahmanen
guroḥ vacanam auṣadham
Wort des Lehrers, Arznei

kīrtisantatividyādisaubhāgyārogyavṛddhaye / nairmalyabhuktimuktyarthaṃ kurve vratapate vrataṃ //

„Zur Mehrung von Ruhm, Nachkommenschaft, Wissen usw., Glück und Gesundheit, um Reinheit, Genuss und Erlösung willen vollziehe ich, o Herr der Gelübde, [dieses] Gelübde.

Wort für Wort
kīrti-santati-vidyā-ādi
Ruhm, Nachkommenschaft, Wissen usw.
saubhāgya-ārogya-vṛddhaye
zur Mehrung von Glück und Gesundheit
nairmalya
Reinheit
kurve
ich vollziehe
vrata-pate
o Herr der Gelübde

Beginn der Gelübdeformeln (V. 44–58).

idaṃ vrataṃ mayā śreṣṭhaṃ gṛhītaṃ puratastava / nirvighnāṃ siddhimāyātu tvatprasādāt jagatpate //

Dieses vorzügliche Gelübde habe ich vor dir auf mich genommen; möge es durch deine Gnade, o Herr der Welt, ungehindert zur Vollendung gelangen.

Wort für Wort
idam vratam śreṣṭham
dieses vorzügliche Gelübde
gṛhītam puratas tava
vor dir aufgenommen
nirvighnām siddhim āyātu
möge ungehindert zur Vollendung gelangen
tvat-prasādāt
durch deine Gnade
jagat-pate
o Herr der Welt

gṛhīte 'smin vratavare yadyapūrṇe mriye hy ahaṃ / tatsarvaṃ pūrṇamevāstu prasanne tvayi satpatau //

Wenn ich, nachdem ich dieses beste Gelübde auf mich genommen habe, sterbe, während es unvollendet ist, so möge es doch ganz vollendet sein, da du, der gute Herr, gnädig bist.

Wort für Wort
gṛhīte asmin vrata-vare
wenn dieses beste Gelübde aufgenommen ist
yadi apūrṇe mriye
wenn ich bei Unvollendetem sterbe
tat sarvam pūrṇam eva astu
möge das Ganze vollendet sein
prasanne tvayi
wenn du gnädig bist
sat-patau
dem guten Herrn

vratamūrtiṃ jagadbhūtiṃ maṇḍale sarvasiddhaye / āvahaye namastubhyaṃ sannidhībhava keśava //

Dich, die Verkörperung des Gelübdes, das Gedeihen der Welt, rufe ich zur Erlangung aller Vollkommenheit in das Maṇḍala herbei; Verehrung dir, sei gegenwärtig, Keśava!

Wort für Wort
vrata-mūrtim
die Verkörperung des Gelübdes
jagat-bhūtim
das Gedeihen der Welt
maṇḍale
im Maṇḍala
āvāhaye
ich rufe herbei
sannidhī-bhava
sei gegenwärtig

manasā kalpitair bhaktyā pañcagavyair jalaiḥ śubhaiḥ / pañcāmṛtaiḥ snāpayāmi tvaṃ me ca bhava pāpahā //

Mit im Geist bereiteten, in Hingabe [dargebrachten] fünf Kuhprodukten, reinen Wassern und den fünf Nektaren bade ich dich; sei du auch mir Vernichter der Sünden.

Wort für Wort
manasā kalpitaiḥ
im Geist bereitet
bhaktyā
in Hingabe
pañcagavyaiḥ
mit den fünf Kuhprodukten
pañcāmṛtaiḥ
mit den fünf Nektaren
snāpayāmi
ich bade
pāpa-hā
Sündenvernichter

gandhapuṣpodakair yuktamarghyamarghyapate śubhaṃ / gṛhāṇa pādyamācāmamarghyārhaṅkuru māṃ sadā //

Nimm, o Herr der Ehrengabe, die schöne Ehrengabe (arghya), versehen mit Duftstoff, Blumen und Wasser, [ebenso] Fußwasser und Mundspülwasser; mach mich stets der Ehrengabe würdig.

Wort für Wort
gandha-puṣpa-udakaiḥ yuktam
mit Duft, Blumen und Wasser versehen
arghyam
Ehrengabe
arghya-pate
o Herr der Ehrengabe
pādyam ācāmam
Fußwasser, Mundspülwasser
arghya-arham kuru mām
mach mich der Ehrengabe würdig

vastraṃ vastrapate puṇyaṃ gṛhāṇa kuru māṃ sadā / bhūṣaṇādyaiḥ suvastrādyaiśchāditaṃ vratasatpate //

Nimm, o Herr der Gewänder, das reine Gewand; mach mich, o guter Herr des Gelübdes, stets mit Schmuck usw. und schönen Gewändern usw. bekleidet.

Wort für Wort
vastram
Gewand
vastra-pate
o Herr der Gewänder
puṇyam
rein, heilig
bhūṣaṇa-ādyaiḥ
mit Schmuck usw.
chāditam
bekleidet, bedeckt
vrata-sat-pate
o guter Herr des Gelübdes

sugandhigandhaṃ vimalaṃ gandhamūrte gṛhāṇa vai / pāpagandhavihīnaṃ māṃ kuru tvaṃ hi sugandhikaṃ //

Nimm, o Verkörperung des Duftes, den reinen, wohlriechenden Duftstoff; mach du mich frei vom Geruch der Sünde und wohlriechend.

Wort für Wort
su-gandhi-gandham
wohlriechenden Duftstoff
vimalam
rein
gandha-mūrte
o Verkörperung des Duftes
pāpa-gandha-vihīnam
frei vom Geruch der Sünde
su-gandhikam
wohlriechend

puṣpaṃ gṛhāṇa puṣpādipūrṇa māṃ kuru sarvadā / puṣpagandhaṃ suvimalaṃ āyurārogyavṛddhaye //

Nimm die Blume; mach mich stets erfüllt von Blumen usw.; [nimm] den ganz reinen Blumenduft zur Mehrung von Lebensdauer und Gesundheit.

Wort für Wort
puṣpam gṛhāṇa
nimm die Blume
puṣpa-ādi-pūrṇa
von Blumen usw. erfüllt
puṣpa-gandham
Blumenduft
su-vimalam
ganz rein
āyuḥ-ārogya-vṛddhaye
zur Mehrung von Leben und Gesundheit

puṣpādipūrṇa als Vokativ („o Blumenreicher“) oder als Prädikat zu māṃ lesbar; hier Letzteres.

daśāṅgaṃ guggulughṛtayuktaṃ dhūpaṃ gṛhāṇa vai / sadhūpa dhūpita māṃ tvaṃ kuru dhūpitasatpate //

Nimm das zehnteilige Räucherwerk, versehen mit Guggulu-Harz und Schmelzbutter; o Räucherwerkbegabter, mache du mich durchduftet, o guter Herr der Beräucherten [?].

Wort für Wort
daśa-aṅgam
zehnteilig
guggulu-ghṛta-yuktam
mit Guggulu-Harz und Schmelzbutter
dhūpam
Räucherwerk
dhūpita
beräuchert, durchduftet
dhūpita-sat-pate
o guter Herr der Beräucherten

Wortspiele mit dhūpa; Konstruktion des zweiten Halbverses unsicher.

dīpamūrdhaśikhaṃ dīptaṃ gṛhāṇākhilabhāsakaṃ / dīpamūrte prakāśāḍhyaṃ sarvadordhvagatiṃ kuru //

Nimm die leuchtende Lampe mit aufwärts gerichteter Flamme, die alles erhellt; o Verkörperung der Lampe, mach [mich] reich an Licht und [gib mir] stets den Weg nach oben.

Wort für Wort
dīpam ūrdhva-śikham
Lampe mit aufwärts gerichteter Flamme
akhila-bhāsakam
alles erhellend
dīpa-mūrte
o Verkörperung der Lampe
prakāśa-āḍhyam
reich an Licht
ūrdhva-gatim kuru
gib den Weg nach oben

annādikañca naivedyaṃ gṛhāṇānnādi satpate / annādipūrṇaṃ kuru māmannadaṃ sarvadāyakaṃ //

Nimm die Speisegabe (naivedya), bestehend aus Speise usw., o guter Herr; mach mich erfüllt von Speise usw., zu einem Speisespender, der alles gibt.

Wort für Wort
anna-ādikam
Speise usw.
naivedyam
Speisegabe
anna-ādi-pūrṇam
erfüllt von Speise usw.
anna-dam
Speisespender
sarva-dāyakam
alles gebend

mantrahīnaṃ kriyāhīnaṃ bhaktihīnaṃ mayā prabho / yat pūjitaṃ vratapate paripūrṇantadasu me //

Was ich, o Herr, ohne Mantra, ohne [rechte] Handlung, ohne Hingabe verehrt habe, o Herr der Gelübde, das möge für mich vollständig sein.

Wort für Wort
mantra-hīnam
ohne Mantra
kriyā-hīnam
ohne (rechte) Handlung
bhakti-hīnam
ohne Hingabe
yat pūjitam
was verehrt wurde
paripūrṇam tat astu
das möge vollständig sein

tadasu für tad astu.

dharmaṃ dehi dhanaṃ dehi saubhāgyaṃ guṇasantatiṃ / kīrtiṃ vidyāṃ dehi cāyuḥ svargaṃ mokṣañca dehi me //

Gib Dharma, gib Reichtum, Glück und eine Fülle von Vorzügen; gib Ruhm, Wissen und Lebensdauer; gib mir Himmel und Erlösung.

Wort für Wort
dharmam dehi
gib Dharma
dhanam
Reichtum
saubhāgyam
Glück
guṇa-santatim
Fülle von Vorzügen
svargam mokṣam
Himmel und Erlösung

guṇasantati „Fülle/Reihe von Vorzügen“, evtl. auch „tugendhafte Nachkommenschaft“.

imāṃ pūjāṃ vratapate gṛhītvā vraja sāmprataṃ / punarāgamanāyaiva varadānāya vai prabho //

Nimm diese Verehrung an, o Herr der Gelübde, und gehe nun hin — um wiederzukommen und Gaben zu gewähren, o Herr.“

Wort für Wort
imām pūjām
diese Verehrung
gṛhītvā
angenommen habend
vraja sāmpratam
gehe nun
punar-āgamanāya
zum Wiederkommen
vara-dānāya
zum Gewähren von Gaben

Ende der Formeln.

snātvā vratavatā sarvavrateṣu vratamūrtayaḥ / pūjyāḥ suvarṇajāstā vai śaktyā vai bhūmiśāyinā //

Bei allen Gelübden sind vom Gelübdeträger, nachdem er gebadet hat und auf dem Boden schlafend, die goldenen Bilder der Gelübdegottheiten nach Vermögen zu verehren.

Wort für Wort
snātvā
gebadet habend
vratavatā
vom Gelübdeträger
vrata-mūrtayaḥ
Bilder der Gelübdegottheiten
suvarṇa-jāḥ
aus Gold
bhūmi-śāyinā
auf dem Boden schlafend

japo homaś ca sāmānyavratānte dānameva ca / caturviṃśā dvādaśa vā pañca vā traya ekakaḥ //

Murmeln, Feueropfer und Gabe sind allgemein am Ende eines Gelübdes [vorgeschrieben]. Vierundzwanzig oder zwölf oder fünf oder drei oder ein einziger

Wort für Wort
japaḥ homaḥ
Murmeln, Feueropfer
sāmānya-vrata-ante
allgemein am Ende eines Gelübdes
dānam
Gabe
caturviṃśāḥ dvādaśa
vierundzwanzig, zwölf
ekakaḥ
ein einziger

viprāḥ prapūjyā guravo bhojyāḥ śaktyā tu dakṣiṇā / deyā gāvaḥ suvarṇādyāḥ pādukopānahau pṛthak //

Brahmanen sind als Lehrer zu verehren und zu speisen; nach Vermögen ist Opferlohn zu geben: Kühe, Gold usw., gesondert Sandalen und Schuhe,

Wort für Wort
viprāḥ prapūjyāḥ
Brahmanen sind zu verehren
guravaḥ
als Lehrer
bhojyāḥ
zu speisen
dakṣiṇā
Opferlohn
pādukā-upānahau
Sandalen und Schuhe

jalapātrañcānnapātramṛttikācchatramāsanaṃ / śayyā vastrayugaṃ kumbhāḥ paribhāṣeyamīritā //

ein Wassergefäß, ein [irdenes] Speisegefäß [?], ein Schirm, ein Sitz, ein Bett, ein Paar Gewänder und Krüge. Damit sind die allgemeinen Regeln verkündet.

Wort für Wort
jala-pātram
Wassergefäß
anna-pātra-mṛttikā
(irdenes) Speisegefäß
chatram āsanam
Schirm, Sitz
śayyā vastra-yugam
Bett, Gewandpaar
paribhāṣā iyam īritā
diese allgemeine Regel ist verkündet

annapātramṛttikā: Kompositum unklar, evtl. „Speisegefäß und Erde (Ton)“.

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