Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 201: navavyūhārcanam Die Verehrung der neun Erscheinungsformen

Agni gibt die von Hari dem Nārada verkündete Verehrung der neun Erscheinungsformen (vyūha) Viṣṇus im Lotos-Maṇḍala wieder: die Anordnung der Gottheiten, Attribute und Begleiter mit ihren Keimsilben, die innere Reinigung und Neuschöpfung des eigenen Leibes, die Auflegung der Formeln sowie die Weihe der Schüler mit Blumenwurf und Feueropfer. Die Silbenfolgen in den Versen 2-6 sind in der Überlieferung teilweise unklar zugeordnet; vījaṃ/vimva stehen durchgehend für bījaṃ/bimba.

agnir uvāca | navavyūhārcanaṃ vakṣye nāradāya harīritaṃ / maṇḍale 'bje 'rcayenmadhye avījaṃ vāsudevakaṃ //

Agni sprach: Ich werde die Verehrung der neun Erscheinungsformen erklären, die Hari dem Nārada verkündet hat. Im Maṇḍala, auf dem Lotos, verehre man in der Mitte Vāsudeva mit der Keimsilbe 'a'.

Wort für Wort
nava-vyūha-arcanam
Verehrung der neun Erscheinungsformen
nāradāya hari-īritam
von Hari dem Nārada verkündet
maṇḍale abje
im Maṇḍala auf dem Lotos
madhye
in der Mitte
a-bījam
mit der Keimsilbe a

avījaṃ = a-bījaṃ (mit der Keimsilbe a).

āvījañca saṅkarṣaṇam pradyumnaṃ ca dakṣiṇe / aḥ anuruddhaṃ naiṛte oṃ nārāyaṇamapsu ca //

Mit der Keimsilbe 'ā' Saṅkarṣaṇa, und Pradyumna im Süden; mit 'aḥ' Aniruddha im Südwesten; mit 'oṃ' Nārāyaṇa im Wasser [Anm.: d. h. im Westen].

Wort für Wort
ā-bījam
mit der Keimsilbe ā
saṅkarṣaṇam
Saṅkarṣaṇa
dakṣiṇe
im Süden
nairṛte
im Südwesten
apsu
im Wasser (Westen)

Die Keimsilbe für Pradyumna fehlt (vermutlich aṃ); naiṛte für nairṛte.

tat sadbrahmāṇamanile huṃ viṣṇuṃ kṣauṃ nṛsiṃhakaṃ / uttare bhūrvarāhañca īśe dvāri ca paścime //

Mit 'tat sat' Brahmā im [Bereich des] Windes [Anm.: Nordwesten]; mit 'huṃ' Viṣṇu, mit 'kṣauṃ' Nṛsiṃha im Norden, und mit 'bhūḥ' Varāha im Nordosten; und an der westlichen Tür

Wort für Wort
tat sat
tat sat (Formel)
brahmāṇam anile
Brahmā im Windbereich (Nordwesten)
nṛsiṃhakam
Nṛsiṃha
bhūḥ varāham
mit bhūḥ Varāha
īśe
im Nordosten

kaṃ ṭaṃ saṃ śaṃ garutmantaṃ pūrvavaktrañca dakṣiṇe / khaṃ chaṃ vaṃ huṃ phaḍiti ca khaṃ ṭhaṃ phaṃ śaṃ gadāṃ vidhau //

[verehre man] mit den Silben 'kaṃ ṭaṃ saṃ śaṃ' Garutmat, nach Osten blickend; im Süden [mit] 'khaṃ chaṃ vaṃ huṃ phaṭ', und mit 'khaṃ ṭhaṃ phaṃ śaṃ' die Keule an der vorgeschriebenen Stelle [?].

Wort für Wort
garutmantam
Garutmat (Garuḍa)
pūrva-vaktram
nach Osten blickend
huṃ phaṭ
huṃ phaṭ (Bīja-Formel)
gadām
die Keule
vidhau
an der vorgeschriebenen Stelle [?]

Zuordnung der Silbengruppen unklar; das dem Süden zugeordnete Objekt fehlt (vielleicht der Diskus); vidhau ist unsicher.

baṃ ṇaṃ maṃ kṣaṃ koṇeśañca ghaṃ daṃ bhaṃ haṃ śriyaṃ yajet / dakṣiṇe cottare puṣṭiṃ gaṃ ḍaṃ baṃ śaṃ svavījakaṃ //

Mit 'baṃ ṇaṃ maṃ kṣaṃ' den Herrn der Ecke [?], und mit 'ghaṃ daṃ bhaṃ haṃ' verehre man Śrī im Süden, und im Norden Puṣṭi mit 'gaṃ ḍaṃ baṃ śaṃ', ihrer eigenen Keimsilbe.

Wort für Wort
koṇa-īśam
den Herrn der Ecke [?]
śriyaṃ yajet
verehre Śrī
uttare
im Norden
puṣṭim
Puṣṭi (Gedeihen)
sva-bījakam
mit eigener Keimsilbe

koṇeśa ist unklar (vielleicht das Muschelhorn oder ein Eckwächter).

pīṭhasya paścime dhaṃ vaṃ vanamālāñca paścime / śrīvatsaṃ caiva saṃ haṃ laṃ chaṃ taṃ yaṃ kaustubhaṃ jale //

Im Westen des Sitzes mit 'dhaṃ vaṃ' den Waldkranz, im Westen; ebenso den Śrīvatsa mit 'saṃ haṃ laṃ'; mit 'chaṃ taṃ yaṃ' das Kaustubha-Juwel im Wasser [Anm.: Westen].

Wort für Wort
pīṭhasya paścime
im Westen des Sitzes
vana-mālām
den Waldkranz
śrīvatsam
das Śrīvatsa-Zeichen
kaustubham
das Kaustubha-Juwel
jale
im Wasser (Westen)

daśamāṅgakramādviṣṇornamo 'nantamadho 'rcayet / daśāṅgādimahendrādīn pūrvādau caturo ghaṭān //

Nach der Reihenfolge der Glieder Viṣṇus, bis zum zehnten, [verehre man sie]; mit 'namaḥ' verehre man Ananta unten. Die zehn Glieder usw., Mahendra und die übrigen [Anm.: die Welthüter] im Osten usw., [ferner] vier Krüge,

Wort für Wort
daśama-aṅga-kramāt
nach der Reihenfolge der Glieder bis zum zehnten [?]
namaḥ
Verehrung
anantam adhaḥ
Ananta unten
mahendra-ādīn
Mahendra usw.
caturaḥ ghaṭān
vier Krüge

daśamāṅgakramāt ist unklar (vielleicht 'nach der Reihenfolge der zehn Glieder').

toraṇāni vitānaṃ ca agnyanilenduvījakaiḥ / maṇḍalāni kramāddhyātvā tanuṃ vandya tataḥ plavet //

Torbögen und einen Baldachin. Mit den Keimsilben von Feuer, Wind und Mond meditiere man der Reihe nach die [entsprechenden] Kreise; nachdem man den Körper [so behandelt] hat [?], überflute man [ihn] dann [mit Nektar].

Wort für Wort
toraṇāni vitānam
Torbögen und Baldachin
agni-anila-indu-bījakaiḥ
mit den Keimsilben von Feuer, Wind, Mond
maṇḍalāni
die Kreise
dhyātvā
meditiert habend
plavet
überflute

tanuṃ vandya ist wohl verderbt (erwartet etwa dagdhvā 'verbrannt habend'); gemeint ist die rituelle Reinigung des Körpers durch Feuer, Wind und Mondnektar.

amvarasthaṃ tato dhyātvā sūkṣmarūpamathātmanaḥ / sitāmṛte nimagnañca candravimvāt srutena ca //

Dann meditiere man sein eigenes feinstoffliches Wesen als im Luftraum befindlich, eingetaucht in weißen Nektar, der aus der Mondscheibe herabgeflossen ist.

Wort für Wort
ambara-stham
im Luftraum befindlich
sūkṣma-rūpam ātmanaḥ
die feinstoffliche Gestalt des Selbst
sita-amṛte nimagnam
in weißen Nektar eingetaucht
candra-bimbāt
aus der Mondscheibe
srutena
herabgeflossen

amvara, vimva für ambara, bimba.

tadeva cātmano vījamamṛtaṃ plavasaṃskṛtaṃ / utpādyamānaṃ puruṣamātmānamupakalpayet //

Und eben diesen Keim des Selbst, den durch die Überflutung geläuterten Nektar, stelle man sich als den entstehenden Geist [puruṣa] vor, als das [eigene] Selbst.

Wort für Wort
ātmanaḥ bījam
den Keim des Selbst
amṛtam
Nektar
plava-saṃskṛtam
durch Überflutung geläutert
utpādyamānam puruṣam
den entstehenden Geist
upakalpayet
stelle sich vor

utpanno 'smi svayaṃ viṣṇurvījaṃ dvādaśakaṃ nyaset / hṛcchirastu śikhā caiva kavacaṃ cāstrameva ca //

'Ich bin entstanden, ich selbst bin Viṣṇu' – [so denkend] lege man die zwölfsilbige Keimformel auf. Herz, Kopf, Haarschopf, Panzer und Waffe

Wort für Wort
utpannaḥ asmi
ich bin entstanden
svayaṃ viṣṇuḥ
selbst Viṣṇu
bījaṃ dvādaśakam
die zwölfsilbige Keimformel
nyaset
lege auf
hṛt śiraḥ śikhā kavacam astram
Herz, Kopf, Haarschopf, Panzer, Waffe

vakṣomūrdhaśikhāpṛṣṭhalocaneṣu nyaseta punaḥ / astraṃ karadvaye nyasya tato divyatanurbhavet //

lege man wiederum auf Brust, Scheitel, Haarschopf, Rücken und Augen; die Waffe lege man auf beide Hände – dann wird man göttlichen Leibes.

Wort für Wort
vakṣaḥ-mūrdha-śikhā-pṛṣṭha-locaneṣu
auf Brust, Scheitel, Haarschopf, Rücken, Augen
nyaseta punaḥ
lege wiederum auf
astram kara-dvaye
die Waffe auf beide Hände
divya-tanuḥ
göttlichen Leibes

yathātmani tathā deve śiṣyadehe nyasettathā / anirmālyā smṛtā pūjā yaddhareḥ pūjanaṃ hṛdi //

Wie auf sich selbst, so lege man [die Formeln] auf den Gott und ebenso auf den Leib des Schülers. Als Verehrung ohne Überbleibsel gilt die Verehrung Haris im Herzen;

Wort für Wort
yathā ātmani tathā deve
wie auf sich, so auf den Gott
śiṣya-dehe
auf den Leib des Schülers
a-nirmālyā pūjā
Verehrung ohne Überbleibsel
hṛdi
im Herzen

sanirmālyā maṇḍalādau baddhanetrāś ca śiṣyakāḥ / puṣpaṃ kṣipeyuryanmūrtau tasya tannāma kārayet //

als [Verehrung] mit Überbleibsel die im Maṇḍala und dergleichen. Die Schüler sollen mit verbundenen Augen eine Blume werfen; auf welche Gestalt [sie fällt], deren Namen gebe man [dem Schüler].

Wort für Wort
sa-nirmālyā
mit Überbleibsel
maṇḍala-ādau
im Maṇḍala usw.
baddha-netrāḥ śiṣyakāḥ
die Schüler mit verbundenen Augen
puṣpaṃ kṣipeyuḥ
sollen eine Blume werfen
tat-nāma kārayet
gebe diesen Namen

niveśya vāmataḥ śiṣyāṃstilavrīhighṛtaṃ hunet / śatamaṣṭottaraṃ hutvā sahasraṃ kāyaśuddhaye //

Nachdem man die Schüler zur Linken hat Platz nehmen lassen, opfere man Sesam, Reis und Butterschmalz: hundertacht [Spenden], und tausend zur Reinigung des Körpers.

Wort für Wort
niveśya vāmataḥ
zur Linken sitzen lassend
tila-vrīhi-ghṛtam
Sesam, Reis, Butterschmalz
hunet
opfere
śatam aṣṭa-uttaram
hundertacht
kāya-śuddhaye
zur Körperreinigung

navavyūhasya mūrtīnāmaṅgānāṃ ca śatādhikaṃ / pūṛṇāndattvā dīkṣayettān guruḥ pūjyaś ca tair dhanaiḥ //

Für die Gestalten und Glieder der neun Erscheinungsformen [opfere man] mehr als hundert [Spenden]; nachdem der Lehrer die Vollspenden dargebracht hat, weihe er sie, und der Lehrer ist von ihnen mit Gaben zu ehren.

Wort für Wort
nava-vyūhasya mūrtīnām
der Gestalten der neun Erscheinungsformen
aṅgānām
der Glieder
pūrṇān dattvā
die Vollspenden dargebracht
dīkṣayet
weihe
guruḥ pūjyaḥ dhanaiḥ
der Lehrer ist mit Gaben zu ehren

pūṛṇān für pūrṇān (sc. pūrṇāhutīḥ).

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