Kapitel 233: ṣāḍguṇyam
Die sechs Maßregeln der Außenpolitik
Puṣkara behandelt die offene und verdeckte Anwendung von Gewalt im Feindesland, die Gleichgültigkeit (upekṣā), die Täuschung durch vorgetäuschte Omina und Blendwerk (indrajāla) sowie die sechs Maßregeln (Bündnis, Krieg, Marsch, Verharren, Doppelhaltung, Anlehnung) und wann sie anzuwenden sind. Das Kolophon nennt das Kapitel upāyaṣaḍguṇādi. V. 15 ist teilweise verderbt; saṃśaya steht wiederholt für saṃśraya.
puṣkara uvāca | sāmabhedau mayā proktau dānadaṇḍau tathaiva ca / daṇḍaḥ svadeśe kathitaḥ paradeśe vravīmi te //
Puṣkara sprach: Versöhnung (sāman) und Entzweiung (bheda) habe ich [dir] erklärt, ebenso Geschenk (dāna) und Gewalt (daṇḍa). Die Gewalt im eigenen Land ist dargelegt; die im fremden Land erkläre ich dir [nun].
daṇḍapraṇayaṇaṃ proktamupekṣāṃ śṛṇu bhārgava / yadā manyate nṛpatī raṇe na mama vigrahaḥ //
[so] ist die Anwendung der Gewalt erklärt. Höre [nun] die Gleichgültigkeit (upekṣā), o Bhārgava. Wenn der König meint: ‚Ein Krieg im Kampf ist nicht für mich [ratsam];
bhedadaṇḍānubandhaḥ syāttadopekṣāṃ samāśrayet / na cāyaṃ mama śaknoti kiñcit kartumupadravaṃ //
Entzweiung und Gewalt hätten [üble] Folgen‘, dann soll er zur Gleichgültigkeit greifen. [Ebenso wenn er meint:] ‚Dieser kann mir keinerlei Unheil antun,
Ich werde [nun] das Mittel der Täuschung (māyā) erklären: mit falschen Unglückszeichen vorgehend [erzeuge er] Schrecken beim Feind. Bei einem Vogel, der sich im Lager des Feindes aufhält –
einem großen –, soll er am Schwanz eine große Fackel befestigen, o Zweimalgeborener, und ihn [dann] loslassen; so soll er einen Meteorfall vorspiegeln.
sāṃvatsarāstāpasāś ca nāśaṃ brūyuḥ prarasya ca / jigīṣuḥ pṛthivīṃ rājā tena codvejayet parān //
Astrologen und Asketen sollen den Untergang des Feindes verkünden; der König, der die Erde erobern will, soll dadurch die Feinde in Schrecken versetzen.
devatānāṃ prasādaś ca kīrtanīyaḥ parasya tu / āgatanno 'mitrabalaṃ praharadhvamabhītavat //
Auch ist die Gunst der Götter [für ihn] auszurufen; beim Feind aber [solle man rufen]: ‚Das feindliche Heer ist zu uns gekommen, schlagt furchtlos zu!‘
So soll er sprechen, wenn es zur Schlacht kommt: ‚Alle Feinde sind geschlagen!‘ Kampfgeschrei und Kilakila-Rufe sind anzustimmen, und ebenso ist zu verkünden: ‚Der Feind ist getötet!‘
[und:] ‚Der König, durch den Befehl der Götter gestärkt, ist zum Kampf gerüstet.‘ Ich werde das Indra-Netz (Blendwerk) erklären: Zur rechten Zeit soll er Indra erscheinen lassen;
der König soll ein viergliedriges Heer der Himmelsbewohner, [angeblich] zu seiner Hilfe herbeigekommen, zeigen, und einen Blutregen [über den Feinden] [?].
Wort für Wort
catur-aṅgam balam
viergliedriges Heer
sahāya-artham
zur Hilfe
divaukasām
der Himmelsbewohner
prāptam darśayet
soll als angekommen zeigen
rakta-vṛṣṭim
Blutregen
Pāda d (raktavṛṣṭiñcendrapau) verderbt; nur ‚Blutregen‘ sicher.
Abgeschlagene Häupter der Feinde soll er auf den Palastspitzen zeigen. [Nun] will ich die sechs Maßregeln (ṣāḍguṇya) darlegen; deren vorzüglichste sind Bündnis und Krieg.
Anlehnung an einen Neutralen oder einen Mittleren gilt als saṃśraya. Mit einem Gleichstarken und mit einem nicht Schwächeren, einem Stärkeren, ist ein Bündnis zu suchen.
Mit einem Schwächeren soll ein stärkerer König selbst Krieg führen; auch dabei aber soll einer mit gesichertem Rücken (śuddhapārṣṇi) sich an einen Stärkeren halten [?].
Verharren soll er, wenn er, verharrend, die Unternehmungen des Feindes zu unterbrechen vermag; ein Erdherr mit ungesichertem Rücken soll nach Kriegserklärung verharren.
für den ist Anlehnung anzuraten – die geringste der Maßregeln. Der Marsch gilt unter ihnen als [die Maßregel], die viel Verlust, Aufwand und Mühe [bringt];