Kapitel 341: abhinayādinirūpaṇam
Darlegung der schauspielerischen Darstellung und anderes
Das Kapitel bestimmt den abhinaya (Darstellung) mit seinen vier Arten und behandelt dann die Rasas: Śṛṅgāra mit Unterarten, die Arten des Lachens, Karuṇa, Raudra, Vīra, Bhayānaka und Bībhatsa. Anschließend werden die Schmuckmittel (alaṅkāra) eingeführt und die neun Wortfiguren (chāyā, mudrā, ukti, yukti, gumphanā, vākovākya usw.) erläutert. Mehrere Stellen sind verderbt (u. a. V. 5, 6, 12, 21); beim Lachen wird „vierfach“ angegeben, aber sechs Arten genannt.
Agni sprach: Weil er die Inhalte vor Augen führt (ābhimukhyaṃ nayan), ist er von den Kundigen als abhinaya (Darstellung) zu verstehen. Er ist vierfach seinem Ursprung nach, beruhend auf innerer Regung (sattva), Sprache, Körper und Ausstattung (āhārya).
Der sāttvika beginnt mit Erstarrung (stambha) und dergleichen; der vācika beruht auf der Sprache, der āṅgika auf dem Körper; der āhārya [umfasst] die vom Verstand ausgehenden Vorkehrungen [?].
Nun wird die Verwendung der Rasas und des Übrigen gemäß dem abhimāna (Selbstgefühl) dargelegt; ohne diesen ist die Selbständigkeit aller [Rasas] zwecklos.
sambhogo vipralambhaś ca śṛṅgāro dvividhaḥ smṛtaḥ / pracchannaś ca prakāśaś ca tāvapi dvividhau punaḥ //
Der Śṛṅgāra (erotisches Rasa) gilt als zweifach: Vereinigung (sambhoga) und Trennung (vipralambha); diese beiden sind wiederum zweifach: verborgen und offen.
etebhyo 'nyataraṃ jāyamānamambhogalakṣaṇam / vivartate caturdhaiva na ca prāgativartate //
Das, was nach einer dieser [Trennungen] entsteht, hat das Merkmal der Vereinigung; es entfaltet sich ebenfalls vierfach und geht nicht über das Vorige hinaus.
Sein Entstehen [liegt] bei Frau und Mann; die ihn hervorbringende [Grundstimmung] ist die Liebe (rati). Alle sāttvika-Zustände [treten] dabei [auf], außer Erbleichen und Ohnmacht.
dharmārthakāmamokṣaiś ca śṛṅgāra upacīyate / ālamvanaviśeṣaiś ca tadviśeṣair nirantaraḥ //
Durch Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa wird der Śṛṅgāra gemehrt, und durch die Besonderheiten des Anlasses (ālambana) und deren Besonderheiten ist er unablässig [vorhanden].
Man soll den Śṛṅgāra als zweifach kennen: bestehend aus Worten und aus Kostüm und Handlung. Das Lachen (hāsa) ist vierfach: wenn die Zähne nicht sichtbar sind, heißt es smita (Lächeln);
Wort für Wort
śṛṅgāram dvividham vidyāt
den Śṛṅgāra als zweifach kennen
vāk-nepathya-kriyā-ātmakam
aus Wort und Kostüm/Handlung bestehend
hāsaḥ caturvidhaḥ
das Lachen vierfach
alakṣya-dantaḥ
mit unsichtbaren Zähnen
smitaḥ iti īritaḥ
heißt Lächeln
caturvidha, obwohl im Folgenden sechs Arten genannt werden; hier ist wohl ein Textverlust oder eine abweichende Zählung.
kiñcillakṣitadantāgraṃ hasitaṃ phullalocanam / vihasitaṃ sasvanaṃ syājjihmopahasitantu tat //
wenn die Zahnspitzen ein wenig sichtbar sind, mit aufgeblühten Augen, [heißt es] hasita; mit Laut ist es vihasita; das schiefe [Lachen] aber ist upahasita;
aus der Verletzung des Dharma entstanden, ebenso aus einer Erschütterung des Gemüts [?] hervorgegangen, [und] Kummer; aus Kummer entsteht die Dauerstimmung – welche Dauerstimmung gilt als die vorausgehende [?].
Wort für Wort
dharma-upaghāta-jaḥ
aus Verletzung des Dharma entstanden
citta-vilāsa-janitaḥ
aus Gemütsregung hervorgegangen [?]
śokaḥ
Kummer
sthāyī
Dauerstimmung
pūrvajaḥ mataḥ
gilt als vorausgehend
Zweite Vershälfte schwer verständlich, vermutlich verderbt; cittavilāsa vielleicht für cittavināśa o. ä.
Durch Glieder, Kostüm und Worte ist auch der Raudra-Rasa (das Zornige) dreifach; sein Hervorbringer ist der Zorn (krodha); Schweiß, Sträuben der Haare und Zittern [begleiten ihn].
Held der Freigebigkeit, Held der Pflicht, Held des Kampfes – diese drei [Arten hat] der Vīra (das Heldenhafte); als Ursache seines Zustandekommens gilt die Tatkraft (utsāha).
Der Bībhatsa (das Ekelhafte) gilt als zweifach: erschreckend (udvejana) und aufwühlend (kṣobhaṇa). Erschreckend ist er durch Fäulnis [?] und dergleichen, aufwühlend durch Blut und dergleichen.
Wort für Wort
udvejanaḥ kṣobhaṇaḥ ca
erschreckend und aufwühlend
vībhatsaḥ dvividhaḥ
der Bībhatsa zweifach
pūti-ādyaiḥ
durch Fäulnis usw. [?]
rudhira-ādibhiḥ
durch Blut usw.
plutyādyaiḥ vielleicht für pūtyādyaiḥ („durch Fäulnis usw.“).
Der Ekel (jugupsā) ist sein Auslöser; der sāttvika-Anteil entfällt bei ihm. Die Eigenschaften, die den Glanz der Dichtung bewirken, nennt man Schmuckmittel (alaṅkāra).
Wort für Wort
jugupsā-ārambhikā tasya
Ekel ist sein Auslöser
sāttvika-aṃśaḥ nivartate
der sāttvika-Anteil entfällt
kāvya-śobhā-karān dharmān
die den Glanz der Dichtung bewirkenden Eigenschaften
alaṅkariṣṇavaste ca śabdamarthamubhau tridhā / ye vyutpattyādinā śabdamalaṅkartumiha kṣamāḥ //
Diese Schmückenden [schmücken] das Wort, die Bedeutung oder beide – [sie sind also] dreifach. Diejenigen, die hier fähig sind, das Wort durch Ableitung und dergleichen zu schmücken,
Dabei ist chāyā die Nachahmung der Äußerung eines anderen; auch sie ist vierfach: aufgrund der Nachahmung der Rede des Volkes, der Geistreichen, der Kinder und des Betrunkenen.
Wort für Wort
anya-ukteḥ anukṛtiḥ
Nachahmung fremder Rede
chāyā
chāyā
catur-vidhā
vierfach
loka-cheka-arbhaka-uktīnām
der Rede von Volk, Geistreichen, Kindern
anukārataḥ
aufgrund der Nachahmung
catruvvidhā = caturvidhā; ekokteḥ wohl verderbt für mattokteḥ (vgl. V. 25).
ābhāṇakoktirlokoktiḥ sarvasāmānya eva tāḥ / yānudhāvati lokoktiśchāyāmicchanti tāṃ budhāḥ //
Die Rede des Sprichworts (ābhāṇaka) ist Volksrede; sie ist allen gemeinsam. Diejenige [Äußerung], die der Volksrede nachläuft, nennen die Kundigen chāyā.
Cheka heißt geistreich; Geistreichtum (vaidagdhya) ist ein in den Künsten geschickter Verstand. Die chāyā, die ihn nachzeichnet, gilt den Dichtern als chekokti.
Die Rede eines Betrunkenen mit verwaschenen Silben und unanständig – die ihr entsprechende ist die Betrunkenenrede; als chāyā bezeichnet, glänzt auch sie sehr.
Die [Figur], die durch eine besondere Absicht die Kraft des Dichters offenbart und Freude (mud) spendet, ist mudrā; eben sie ist nach unserer Ansicht auch śayyā.
ubhau vidhiniṣedhau ca niyamāniyamāvapi / vikalpaparisaṅkhye ca tadīyāḥ ṣaḍathoktayaḥ //
Gebot und Verbot, Beschränkung (niyama) und Nichtbeschränkung, Wahlmöglichkeit (vikalpa) und Ausschließung (parisaṅkhyā) – das sind ihre sechs Arten der ukti.
Die Verknüpfung, die ersonnen wird, um zwei gleichsam nicht zusammengehörige Dinge – das Ausgedrückte und das Ausdrückende – miteinander zu verbinden, nennen die Weisen yukti.
Gumphanā ist das Verfahren der Komposition, das die Abfolge von Wort und Bedeutung betrifft; sie ist der Reihe nach dreifach: nach Wortnachahmung, nach der Bedeutung und nach der Reihenfolge der Bedeutung [?].
Wort für Wort
gumphanā
Verflechtung
racanā-caryā
Verfahren der Komposition
śabda-artha-krama-gocarā
die Abfolge von Wort und Bedeutung betreffend
śabda-anukārāt
nach Wortnachahmung
artha-anupūrvī
Reihenfolge der Bedeutung
kramāt tridhā
der Reihe nach dreifach
Zweite Hälfte (śabdānukārād arthānupūrvārtheyaṃ) unsicher analysiert.
uktipratyuktimadvākyaṃ vākovākyaṃ dvidhaiva tat / ṛjuvakroktibhedena tatrādyaṃ sahajaṃ vacaḥ //
Eine Rede mit Äußerung und Gegenäußerung ist vākovākya; sie ist zweifach nach dem Unterschied von gerader und gewundener Rede (vakrokti). Davon ist die erste die natürliche Rede;
sie kann zweifach sein: als eine, der eine Frage vorausgeht, und als eine, die mit einer Frage beginnt [?]. Die vakrokti aber entsteht durch eine Wendung (bhaṅgī) oder ist durch Stimmmodulation (kāku) bewirkt – so ist sie zweifach.
Wort für Wort
pūrva-praśnikā
mit vorausgehender Frage
praśna-pūrvikā
mit Frage beginnend
vakra-uktiḥ
gewundene Rede
bhaṅgyā
durch Wendung
kākuḥ tena kṛtā
durch Stimmmodulation bewirkt
Unterscheidung pūrvapraśnikā / praśnapūrvikā nicht eindeutig; bhaveḍbhaṅgyā = bhaved bhaṅgyā.