Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 341: abhinayādinirūpaṇam Darlegung der schauspielerischen Darstellung und anderes

Das Kapitel bestimmt den abhinaya (Darstellung) mit seinen vier Arten und behandelt dann die Rasas: Śṛṅgāra mit Unterarten, die Arten des Lachens, Karuṇa, Raudra, Vīra, Bhayānaka und Bībhatsa. Anschließend werden die Schmuckmittel (alaṅkāra) eingeführt und die neun Wortfiguren (chāyā, mudrā, ukti, yukti, gumphanā, vākovākya usw.) erläutert. Mehrere Stellen sind verderbt (u. a. V. 5, 6, 12, 21); beim Lachen wird „vierfach“ angegeben, aber sechs Arten genannt.

agnir uvāca | ābhimukhyannayannarthānvijñeyo 'bhinayo budhaiḥ / caturdhā sambhavaḥ sattvavāgaṅgāharaṇāśrayaḥ //

Agni sprach: Weil er die Inhalte vor Augen führt (ābhimukhyaṃ nayan), ist er von den Kundigen als abhinaya (Darstellung) zu verstehen. Er ist vierfach seinem Ursprung nach, beruhend auf innerer Regung (sattva), Sprache, Körper und Ausstattung (āhārya).

Wort für Wort
ābhimukhyam nayan arthān
die Inhalte vor Augen führend
vijñeyaḥ abhinayaḥ budhaiḥ
von den Kundigen als abhinaya zu verstehen
caturdhā sambhavaḥ
vierfach dem Ursprung nach
sattva-vāk-aṅga-āharaṇa-āśrayaḥ
auf Regung, Sprache, Körper, Ausstattung beruhend

Etymologie abhi + nī „hinführen“.

stambhādiḥ sāttviko vāgārambho vācika āṅgikaḥ / śarīrārambha āhāryo buddhyārambhapravṛttayaḥ //

Der sāttvika beginnt mit Erstarrung (stambha) und dergleichen; der vācika beruht auf der Sprache, der āṅgika auf dem Körper; der āhārya [umfasst] die vom Verstand ausgehenden Vorkehrungen [?].

Wort für Wort
stambha-ādiḥ sāttvikaḥ
der sāttvika: Erstarrung usw.
vāk-ārambhaḥ vācikaḥ
der vācika beruht auf Sprache
āṅgikaḥ śarīra-ārambhaḥ
der āṅgika beruht auf dem Körper
āhāryaḥ
der āhārya (Ausstattung)
buddhi-ārambha-pravṛttayaḥ
vom Verstand ausgehende Tätigkeiten

rasādiviniyogo 'tha kathyate hy abhimānataḥ / tamantareṇa sarve ṣāmapārthaiva svatantratā //

Nun wird die Verwendung der Rasas und des Übrigen gemäß dem abhimāna (Selbstgefühl) dargelegt; ohne diesen ist die Selbständigkeit aller [Rasas] zwecklos.

Wort für Wort
rasa-ādi-viniyogaḥ
Verwendung der Rasas usw.
kathyate
wird dargelegt
abhimānataḥ
gemäß dem Selbstgefühl
tam antareṇa
ohne ihn
sarveṣām apārthā eva svatantratā
die Selbständigkeit aller ist zwecklos

sarve ṣām = sarveṣām.

sambhogo vipralambhaś ca śṛṅgāro dvividhaḥ smṛtaḥ / pracchannaś ca prakāśaś ca tāvapi dvividhau punaḥ //

Der Śṛṅgāra (erotisches Rasa) gilt als zweifach: Vereinigung (sambhoga) und Trennung (vipralambha); diese beiden sind wiederum zweifach: verborgen und offen.

Wort für Wort
sambhogaḥ vipralambhaḥ ca
Vereinigung und Trennung
śṛṅgāraḥ dvividhaḥ smṛtaḥ
der Śṛṅgāra gilt als zweifach
pracchannaḥ ca prakāśaḥ ca
verborgen und offen
tau api dvividhau punaḥ
auch diese wieder zweifach

vipralambhābhidhāno yaḥ śṛṅgāraḥ sa caturvidhaḥ / pūrvānurāgānākhyaḥ pravāmakaruṇātmakaḥ //

Der Śṛṅgāra, der Trennung heißt, ist vierfach: frühere Zuneigung (pūrvānurāga), Schmollen (māna), Abwesenheit auf Reisen (pravāsa) und Leid (karuṇa).

Wort für Wort
vipralambha-abhidhānaḥ
Trennung genannt
caturvidhaḥ
vierfach
pūrva-anurāga
frühere Zuneigung
māna-ākhyaḥ
Schmollen genannt
pravāsa-karuṇa-ātmakaḥ
aus Reise und Leid bestehend

pūrvānurāgānākhyaḥ = pūrvānurāga-mānākhyaḥ; pravāma = pravāsa.

etebhyo 'nyataraṃ jāyamānamambhogalakṣaṇam / vivartate caturdhaiva na ca prāgativartate //

Das, was nach einer dieser [Trennungen] entsteht, hat das Merkmal der Vereinigung; es entfaltet sich ebenfalls vierfach und geht nicht über das Vorige hinaus.

Wort für Wort
etebhyaḥ anyataram
nach einer von diesen
jāyamānam
entstehend
sambhoga-lakṣaṇam
mit dem Merkmal der Vereinigung
vivartate caturdhā eva
entfaltet sich vierfach
na ca prāk ativartate
geht nicht über das Vorige hinaus

ambhogalakṣaṇam = sambhogalakṣaṇam.

strīpuṃsayostadudayastasya nirvirtikā ratiḥ / nikhilāḥ sāttvikāstatra vaivarṇyapralayau vinā //

Sein Entstehen [liegt] bei Frau und Mann; die ihn hervorbringende [Grundstimmung] ist die Liebe (rati). Alle sāttvika-Zustände [treten] dabei [auf], außer Erbleichen und Ohnmacht.

Wort für Wort
strī-puṃsayoḥ tad-udayaḥ
sein Entstehen bei Frau und Mann
tasya nirvartikā ratiḥ
ihn bringt die Liebe hervor
nikhilāḥ sāttvikāḥ tatra
alle sāttvika-Zustände dabei
vaivarṇya-pralayau vinā
außer Erbleichen und Ohnmacht

nirvirtikā = nirvartikā.

dharmārthakāmamokṣaiś ca śṛṅgāra upacīyate / ālamvanaviśeṣaiś ca tadviśeṣair nirantaraḥ //

Durch Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa wird der Śṛṅgāra gemehrt, und durch die Besonderheiten des Anlasses (ālambana) und deren Besonderheiten ist er unablässig [vorhanden].

Wort für Wort
dharma-artha-kāma-mokṣaiḥ
durch Pflicht, Nutzen, Liebe, Erlösung
śṛṅgāraḥ upacīyate
wird der Śṛṅgāra gemehrt
ālambana-viśeṣaiḥ
durch Besonderheiten des Anlasses
nirantaraḥ
unablässig

ālamvana = ālambana.

śṛṅgāraṃ dvividhaṃ vidyādvāṅnepathyakriyātmakam / hāsaś ca turvidho 'lakṣyadantaḥ smita itīritaḥ //

Man soll den Śṛṅgāra als zweifach kennen: bestehend aus Worten und aus Kostüm und Handlung. Das Lachen (hāsa) ist vierfach: wenn die Zähne nicht sichtbar sind, heißt es smita (Lächeln);

Wort für Wort
śṛṅgāram dvividham vidyāt
den Śṛṅgāra als zweifach kennen
vāk-nepathya-kriyā-ātmakam
aus Wort und Kostüm/Handlung bestehend
hāsaḥ caturvidhaḥ
das Lachen vierfach
alakṣya-dantaḥ
mit unsichtbaren Zähnen
smitaḥ iti īritaḥ
heißt Lächeln

caturvidha, obwohl im Folgenden sechs Arten genannt werden; hier ist wohl ein Textverlust oder eine abweichende Zählung.

kiñcillakṣitadantāgraṃ hasitaṃ phullalocanam / vihasitaṃ sasvanaṃ syājjihmopahasitantu tat //

wenn die Zahnspitzen ein wenig sichtbar sind, mit aufgeblühten Augen, [heißt es] hasita; mit Laut ist es vihasita; das schiefe [Lachen] aber ist upahasita;

Wort für Wort
kiñcit lakṣita-danta-agram
mit ein wenig sichtbaren Zahnspitzen
hasitam phulla-locanam
hasita, mit aufgeblühten Augen
vihasitam sasvanam
vihasita, mit Laut
jihmam upahasitam
das schiefe ist upahasita

saśabdaṃ pāpahasitamaśabdamatihāsitaṃ / yaścāsau karuṇo nāma sa rasastrividho bhavet //

das laute ist apahasita, das lautlose atihasita [?]. Und jener Rasa, der Karuṇa (Mitleid) heißt, ist dreifach:

Wort für Wort
saśabdam apahasitam
das laute ist apahasita
aśabdam atihasitam
das lautlose atihasita [?]
karuṇaḥ nāma
Karuṇa genannt
saḥ rasaḥ trividhaḥ bhavet
jener Rasa ist dreifach

pāpahasitam = apahasitam; aśabdam atihāsitam widerspricht der üblichen Bestimmung (atihasita als heftiges Lachen), daher [?].

dharmopaghātajaścittavilāsajanitas tathā / śokaḥ śokādbhavet sthāyī kaḥ sthāyī pūrvajo mataḥ //

aus der Verletzung des Dharma entstanden, ebenso aus einer Erschütterung des Gemüts [?] hervorgegangen, [und] Kummer; aus Kummer entsteht die Dauerstimmung – welche Dauerstimmung gilt als die vorausgehende [?].

Wort für Wort
dharma-upaghāta-jaḥ
aus Verletzung des Dharma entstanden
citta-vilāsa-janitaḥ
aus Gemütsregung hervorgegangen [?]
śokaḥ
Kummer
sthāyī
Dauerstimmung
pūrvajaḥ mataḥ
gilt als vorausgehend

Zweite Vershälfte schwer verständlich, vermutlich verderbt; cittavilāsa vielleicht für cittavināśa o. ä.

aṅganepathyavākyaiś ca raudro 'pi trividho rasaḥ / tasya nirvartakaḥ krodhaḥ svedo romāñcavapathuḥ //

Durch Glieder, Kostüm und Worte ist auch der Raudra-Rasa (das Zornige) dreifach; sein Hervorbringer ist der Zorn (krodha); Schweiß, Sträuben der Haare und Zittern [begleiten ihn].

Wort für Wort
aṅga-nepathya-vākyaiḥ
durch Glieder, Kostüm, Worte
raudraḥ api trividhaḥ rasaḥ
auch der Raudra dreifach
tasya nirvartakaḥ krodhaḥ
sein Hervorbringer ist Zorn
svedaḥ romāñca-vepathuḥ
Schweiß, Haarsträuben, Zittern

romāñcavapathuḥ = romāñca-vepathuḥ.

dānavīro dharmavīro yuddhavīra iti trayam / vīrastasya ca niṣpattiheturutsāha iṣyate //

Held der Freigebigkeit, Held der Pflicht, Held des Kampfes – diese drei [Arten hat] der Vīra (das Heldenhafte); als Ursache seines Zustandekommens gilt die Tatkraft (utsāha).

Wort für Wort
dāna-vīraḥ
Held der Freigebigkeit
dharma-vīraḥ
Held der Pflicht
yuddha-vīraḥ
Held des Kampfes
niṣpatti-hetuḥ
Ursache des Zustandekommens
utsāhaḥ iṣyate
gilt die Tatkraft

ārambheṣu bhavedyatra vīramevānuvartate / bhayānako nāma rasastasya nirvartakaṃ bhayaṃ //

Wo er bei Unternehmungen auftritt, folgt er eben dem Vīra [?]. Der Rasa namens Bhayānaka (das Schreckliche) – ihn bringt die Furcht (bhaya) hervor.

Wort für Wort
ārambheṣu bhavet yatra
wo er bei Unternehmungen auftritt
vīram eva anuvartate
folgt er dem Vīra
bhayānakaḥ nāma rasaḥ
der Rasa namens Bhayānaka
tasya nirvartakam bhayam
ihn bringt Furcht hervor

Erste Vershälfte unklar im Bezug.

udvejanaḥ kṣobhaṇaś ca vībhatso dvividhaḥ smṛtaḥ / udvejanaḥ syāt plutyādyaiḥ kṣobhaṇo rudhirādibhiḥ //

Der Bībhatsa (das Ekelhafte) gilt als zweifach: erschreckend (udvejana) und aufwühlend (kṣobhaṇa). Erschreckend ist er durch Fäulnis [?] und dergleichen, aufwühlend durch Blut und dergleichen.

Wort für Wort
udvejanaḥ kṣobhaṇaḥ ca
erschreckend und aufwühlend
vībhatsaḥ dvividhaḥ
der Bībhatsa zweifach
pūti-ādyaiḥ
durch Fäulnis usw. [?]
rudhira-ādibhiḥ
durch Blut usw.

plutyādyaiḥ vielleicht für pūtyādyaiḥ („durch Fäulnis usw.“).

jagupsārambhikā tasya sāttvikāṃśo nivartate / kāvyaśobhākarān dharmānalaṅkārān pracakṣyate //

Der Ekel (jugupsā) ist sein Auslöser; der sāttvika-Anteil entfällt bei ihm. Die Eigenschaften, die den Glanz der Dichtung bewirken, nennt man Schmuckmittel (alaṅkāra).

Wort für Wort
jugupsā-ārambhikā tasya
Ekel ist sein Auslöser
sāttvika-aṃśaḥ nivartate
der sāttvika-Anteil entfällt
kāvya-śobhā-karān dharmān
die den Glanz der Dichtung bewirkenden Eigenschaften
alaṅkārān pracakṣate
nennt man Schmuckmittel

jagupsā = jugupsā; pracakṣyate = pracakṣate.

alaṅkariṣṇavaste ca śabdamarthamubhau tridhā / ye vyutpattyādinā śabdamalaṅkartumiha kṣamāḥ //

Diese Schmückenden [schmücken] das Wort, die Bedeutung oder beide – [sie sind also] dreifach. Diejenigen, die hier fähig sind, das Wort durch Ableitung und dergleichen zu schmücken,

Wort für Wort
alaṅkariṣṇavaḥ te
diese Schmückenden
śabdam artham ubhau
Wort, Bedeutung, beide
tridhā
dreifach
vyutpatti-ādinā
durch Ableitung usw.
alaṅkartum kṣamāḥ
fähig zu schmücken

śabdālaṅkāramāhustān kāvyamīmāṃsakā vidaḥ / chāyā mudrā tathoktiś ca yuktirgumphanayā saha //

die nennen die Kenner der Dichtungslehre Wortfiguren (śabdālaṅkāra): chāyā, mudrā, ebenso ukti, yukti zusammen mit gumphanā,

Wort für Wort
śabda-alaṅkāram āhuḥ
nennen Wortfigur
kāvya-mīmāṃsakāḥ vidaḥ
die Kenner der Dichtungslehre
chāyā mudrā
Abglanz, Siegel
uktiḥ yuktiḥ
Aussage, Verknüpfung
gumphanayā saha
samt Verflechtung

vākovākyamanuprāsaścitraṃ duṣkarameva ca / jṇeyā navālaṅkṛtayaḥ śabdānāmityasaṅkarāt //

vākovākya, anuprāsa, citra und duṣkara – als neun Schmuckmittel der Wörter sind sie zu kennen, weil sie sich nicht vermischen.

Wort für Wort
vākovākyam
Rede und Gegenrede
anuprāsaḥ
Alliteration
citram duṣkaram
Kunstfigur, Schwieriges
nava alaṅkṛtayaḥ śabdānām
neun Schmuckmittel der Wörter
asaṅkarāt
wegen Nichtvermischung

jṇeyā = jñeyā.

tatrānyokteranukṛtiśchāyā sāpi catruvvidhā / lokacchekārbhakoktīnāmekokteranukārataḥ //

Dabei ist chāyā die Nachahmung der Äußerung eines anderen; auch sie ist vierfach: aufgrund der Nachahmung der Rede des Volkes, der Geistreichen, der Kinder und des Betrunkenen.

Wort für Wort
anya-ukteḥ anukṛtiḥ
Nachahmung fremder Rede
chāyā
chāyā
catur-vidhā
vierfach
loka-cheka-arbhaka-uktīnām
der Rede von Volk, Geistreichen, Kindern
anukārataḥ
aufgrund der Nachahmung

catruvvidhā = caturvidhā; ekokteḥ wohl verderbt für mattokteḥ (vgl. V. 25).

ābhāṇakoktirlokoktiḥ sarvasāmānya eva tāḥ / yānudhāvati lokoktiśchāyāmicchanti tāṃ budhāḥ //

Die Rede des Sprichworts (ābhāṇaka) ist Volksrede; sie ist allen gemeinsam. Diejenige [Äußerung], die der Volksrede nachläuft, nennen die Kundigen chāyā.

Wort für Wort
ābhāṇaka-uktiḥ
Sprichwortrede
loka-uktiḥ
Volksrede
sarva-sāmānyaḥ
allen gemeinsam
yā anudhāvati
die nachläuft
chāyām icchanti tām budhāḥ
die nennen die Kundigen chāyā

chekā vidagdhā vaidagdhyaṃ kalāsu kuśalā matiḥ / tāmullikhantī chekoktiśchāyā kavibhiriṣyate //

Cheka heißt geistreich; Geistreichtum (vaidagdhya) ist ein in den Künsten geschickter Verstand. Die chāyā, die ihn nachzeichnet, gilt den Dichtern als chekokti.

Wort für Wort
chekāḥ vidagdhāḥ
cheka = geistreich
vaidagdhyam
Geistreichtum
kalāsu kuśalā matiḥ
in den Künsten geschickter Verstand
tām ullikhantī
ihn nachzeichnend
cheka-uktiḥ
Rede der Geistreichen

avyutpannoktirakhilair arbhakoktyopalakṣyate / tenārbhakoktiśchāyā tanmātroktimanukurvatī //

Die Rede des Ungebildeten wird von allen an der Kinderrede erkannt; darum ist die Kinderrede-chāyā diejenige, die bloß eine solche Rede nachahmt.

Wort für Wort
avyutpanna-uktiḥ
Rede des Ungebildeten
arbhaka-uktyā upalakṣyate
an der Kinderrede erkannt
tena
darum
tan-mātra-uktim anukurvatī
bloß diese Rede nachahmend

viplutākṣaramaślīlaṃ vaco mattasya tādṛśī / yā sā bhavati mattoktiśchāyoktāpyatiśobhate //

Die Rede eines Betrunkenen mit verwaschenen Silben und unanständig – die ihr entsprechende ist die Betrunkenenrede; als chāyā bezeichnet, glänzt auch sie sehr.

Wort für Wort
vipluta-akṣaram
mit verwaschenen Silben
aślīlam vacaḥ
unanständige Rede
mattasya
des Betrunkenen
matta-uktiḥ
Betrunkenenrede
atiśobhate
glänzt sehr

abhiprāyaviśeṣeṇa kaviśaktiṃ vivṛṇvatī / mutpradāyinīti sā mudrā saiva śayyāpi no mate //

Die [Figur], die durch eine besondere Absicht die Kraft des Dichters offenbart und Freude (mud) spendet, ist mudrā; eben sie ist nach unserer Ansicht auch śayyā.

Wort für Wort
abhiprāya-viśeṣeṇa
durch besondere Absicht
kavi-śaktim vivṛṇvatī
die Kraft des Dichters offenbarend
mut-pradāyinī
Freude spendend
mudrā
mudrā
śayyā api naḥ mate
nach unserer Ansicht auch śayyā

Etymologisierung mudrā < mud + dā. no mate = naḥ mate.

uktiḥ sā kathyate yasyāmarthako 'pyupapattimān / lokayātrārthavidhinā dhinoti hṛdayaṃ satāṃ //

Ukti heißt diejenige, in der auch eine geringfügige Aussage begründet ist und die durch die Weise der Weltläufigkeit die Herzen der Guten erfreut.

Wort für Wort
uktiḥ sā kathyate
ukti heißt die
arthakaḥ api upapattimān
auch ein kleiner Inhalt begründet
loka-yātrā-artha-vidhinā
durch die Weise der Weltläufigkeit
dhinoti hṛdayam satām
erfreut das Herz der Guten

ubhau vidhiniṣedhau ca niyamāniyamāvapi / vikalpaparisaṅkhye ca tadīyāḥ ṣaḍathoktayaḥ //

Gebot und Verbot, Beschränkung (niyama) und Nichtbeschränkung, Wahlmöglichkeit (vikalpa) und Ausschließung (parisaṅkhyā) – das sind ihre sechs Arten der ukti.

Wort für Wort
vidhi-niṣedhau
Gebot und Verbot
niyama-aniyamau
Beschränkung und Nichtbeschränkung
vikalpa-parisaṅkhye
Wahl und Ausschließung
tadīyāḥ ṣaṭ uktayaḥ
ihre sechs Aussagearten

ayuktayoriva mitho vācyavācakayordvayoḥ / yojanāyai kalpyamānā yuktiruktā manīṣibhiḥ //

Die Verknüpfung, die ersonnen wird, um zwei gleichsam nicht zusammengehörige Dinge – das Ausgedrückte und das Ausdrückende – miteinander zu verbinden, nennen die Weisen yukti.

Wort für Wort
ayuktayoḥ iva mithaḥ
gleichsam nicht miteinander verbunden
vācya-vācakayoḥ dvayoḥ
von Ausgedrücktem und Ausdrückendem
yojanāyai kalpyamānā
zur Verbindung ersonnen
yuktiḥ uktā manīṣibhiḥ
von den Weisen yukti genannt

padañcaiva padārthaś ca vākyaṃ vākyarthameva ca / viṣayo 'styāḥ prakaraṇaṃ prapañcaśceti ṣaḍvidhaḥ //

Wort, Wortbedeutung, Satz und Satzbedeutung, Kontext (prakaraṇa) und Ausführung (prapañca) sind ihr Bereich – so ist sie sechsfach.

Wort für Wort
padam padārthaḥ
Wort, Wortbedeutung
vākyam vākyārthaḥ
Satz, Satzbedeutung
viṣayaḥ asyāḥ
ihr Bereich
prakaraṇam prapañcaḥ
Kontext, Ausführung
ṣaḍvidhaḥ
sechsfach

'styāḥ = 'syāḥ.

gumphanā racanācaryā śabdārthakramagocarā / śabdānukārādarthānupūrvārtheyaṃ kramāttridhā //

Gumphanā ist das Verfahren der Komposition, das die Abfolge von Wort und Bedeutung betrifft; sie ist der Reihe nach dreifach: nach Wortnachahmung, nach der Bedeutung und nach der Reihenfolge der Bedeutung [?].

Wort für Wort
gumphanā
Verflechtung
racanā-caryā
Verfahren der Komposition
śabda-artha-krama-gocarā
die Abfolge von Wort und Bedeutung betreffend
śabda-anukārāt
nach Wortnachahmung
artha-anupūrvī
Reihenfolge der Bedeutung
kramāt tridhā
der Reihe nach dreifach

Zweite Hälfte (śabdānukārād arthānupūrvārtheyaṃ) unsicher analysiert.

uktipratyuktimadvākyaṃ vākovākyaṃ dvidhaiva tat / ṛjuvakroktibhedena tatrādyaṃ sahajaṃ vacaḥ //

Eine Rede mit Äußerung und Gegenäußerung ist vākovākya; sie ist zweifach nach dem Unterschied von gerader und gewundener Rede (vakrokti). Davon ist die erste die natürliche Rede;

Wort für Wort
ukti-pratyuktimat vākyam
Rede mit Äußerung und Gegenäußerung
vākovākyam dvidhā
vākovākya zweifach
ṛju-vakra-ukti-bhedena
nach gerader und gewundener Rede
tatra ādyam sahajam vacaḥ
die erste ist natürliche Rede

sā pūrvapraśnikā praśnapūrviketi dvidhā bhavet / vakroktistu bhaveḍbhaṅgyā kākustena kṛtā dvidhā //

sie kann zweifach sein: als eine, der eine Frage vorausgeht, und als eine, die mit einer Frage beginnt [?]. Die vakrokti aber entsteht durch eine Wendung (bhaṅgī) oder ist durch Stimmmodulation (kāku) bewirkt – so ist sie zweifach.

Wort für Wort
pūrva-praśnikā
mit vorausgehender Frage
praśna-pūrvikā
mit Frage beginnend
vakra-uktiḥ
gewundene Rede
bhaṅgyā
durch Wendung
kākuḥ tena kṛtā
durch Stimmmodulation bewirkt

Unterscheidung pūrvapraśnikā / praśnapūrvikā nicht eindeutig; bhaveḍbhaṅgyā = bhaved bhaṅgyā.

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