Kapitel 306: trailokyamohanamantrāḥ
Die Mantras „Betörer der drei Welten“
Das Kapitel gibt den großen Trailokyamohana-Mantra Viṣṇus mit seinen Gliedern, die Riten zu seiner Verwirklichung (Rezitation, Opfer, Speisung), die innere Reinigung durch Wind-, Feuer- und Nektar-Meditation, die Meditationsgestalt des liebestrunkenen Viṣṇu mit Śrī, die Waffenmantras, Garuḍa und die Śaktis sowie abschließend die Keimsilbe der Betörung und einen Mantra des Varāha. Quellbesonderheiten: Die langen Prosa-Mantras sind im Digitalisat stark fehlerhaft (u. a. Markierung „[!!!]“ in V. 1); mehrere Stellen sind unverständlich (V. 1 Schluss, 16, 21–22).
Agni sprach: Ich werde den Mantra verkünden, der die drei Welten betört, zur Erlangung der vier Lebensziele: „oṃ śrīṃ hrīṃ hrūṃ oṃ namaḥ puruṣottama puruṣottamapratirūpa lakṣmīnivāsa sakalajagatkṣobhaṇa sarvastrīhṛdayadāraṇa tribhuvanamadonmādakara suramanujasundarījanamanāṃsi tāpaya tāpaya dīpaya dīpaya śoṣaya śoṣaya māraya māraya stambhaya stambhaya drāvaya drāvaya ākarṣaya ākarṣaya paramasubhaga sarvasaubhāgyakara kāmaprada amukaṃ hana hana cakreṇa gadayā khaḍgena sarvabāṇair bhinddhi bhinddhi pāśena kaṭṭa kaṭṭa aṅkuśena tāḍaya tāḍaya turu turu kiṃ tiṣṭhasi yāvat tāvat samīhitaṃ me siddhaṃ bhavati hūṃ phaṭ namaḥ“ (Oṃ śrīṃ hrīṃ hrūṃ oṃ, Verehrung! O Puruṣottama, Ebenbild des Puruṣottama, Wohnstatt der Lakṣmī, Erschütterer der ganzen Welt, Zerreißer der Herzen aller Frauen, der du die drei Welten in Rausch und Liebeswahn versetzt: Die Herzen der schönen Frauen der Götter und Menschen erhitze, entflamme, dörre aus, töte, lähme, schmelze, ziehe heran! Höchst Liebreizender, Spender allen Liebesglücks, Wunschgewährer: Schlage den N. N. mit Diskus, Keule und Schwert, durchbohre ihn mit allen Pfeilen, binde ihn mit der Schlinge, treibe ihn mit dem Stachelstock, eile, eile! Was stehst du? – bis mein Begehren erfüllt ist. hūṃ phaṭ, Verehrung!). (Die Glieder:) „oṃ puruṣottama tribhuvanamadonmādakara hūṃ phaṭ“ – dem Herzen Verehrung; „karṣaya mahābala hūṃ phaṭ“ (ziehe heran, o Gewaltiger) – der Waffe; „tribhuvaneśvara sarvajanamanāṃsi hana hana dāraya dāraya mama vaśam ānaya ānaya hūṃ phaṭ“ (o Herr der drei Welten, schlage, zerreiße die Herzen aller Menschen, bring sie in meine Gewalt) – dem Auge; „trailokyamohana hṛṣīkeśa apratirūpa sarvastrīhṛdayākarṣaṇa āgaccha āgaccha namaḥ“ (o Betörer der drei Welten, Hṛṣīkeśa, Unvergleichlicher, der du die Herzen aller Frauen anziehst, komm, komm! Verehrung). Der Nyāsa mit … [?] wird wie beim Wurzelmantra angegeben.
Wort für Wort
trailokya-mohanam
die drei Welten betörend
catur-varga-siddhyai
zur Erlangung der vier Lebensziele
lakṣmī-nivāsa
Wohnstatt der Lakṣmī
sarva-strī-hṛdaya-dāraṇa
Zerreißer der Herzen aller Frauen
amukam hana
schlage den N. N.
nyāsam mūla-vat īritam
der Nyāsa ist wie beim Wurzelmantra
Viele Schreibfehler im Mantra stillschweigend normalisiert (puruśottamaḥ, dopaya = dīpaya, śoḍaya = śoṣaya, saumāgya = saubhāgya, haṭṭa = kaṭṭa, bhida = bhinddhi, kintiṣṭhasiyāvattāvat = kiṃ tiṣṭhasi yāvat tāvat). Im Digitalisat steht nach „sarva-“ die Markierung [!!!]. saṅgākṣiṇyāyakena am Schluss unverständlich.
Nachdem man (den Gott) verehrt, (den Mantra) fünfzigtausendmal rezitiert und die Weihebesprengung vollzogen hat, opfere man in einer Feuergrube in das (geweihte) Feuer [?] hundertmal
gesondert Dickmilch, Ghee, Milch, Opferbrei (caru) und mit Ghee gekochte Milch; zwölf Spenden mit dem Wurzelmantra und tausend (Spenden) aus ungebrochenem Reis und Sesam,
Gerste, die drei Süßen, Blumen, Früchte, Dickmilch und Brennhölzer, (je) hundert. Nachdem man die Vollspende geopfert hat, lasse man den Rest, den Opferbrei mit Ghee, verzehren.
Nachdem man die Brahmanen gespeist hat, stelle man den Lehrer zufrieden: (so) wird der Mantra wirksam. – Nachdem man gebadet und vorschriftsgemäß Wasser geschlürft hat, gehe man schweigend in den Opfertempel,
nehme den Lotossitz ein und trockne den Körper nach Vorschrift aus. Zuerst lege man in die Richtungen Sudarśana, der die Rakṣasas tötet und die Hindernisse vertreibt.
Man gedenke der fünften Keimsilbe [?], die in der Mitte des Nabels sitzt, rauchfarben, vom Wesen des heftigen Windes, die alle Befleckung vom Körper ablöst.
Nachdem man die Keimsilbe raṃ im Herzlotos gedacht hat, verbrenne man (den Körper) mit Flammen, die nach oben, unten und seitwärts gehen; auf dem Scheitel überflute man den Körper,
indem man sich Nektarströme vorstellt, die außen und innen den Weg der Suṣumnā entlanggehen. Mit so gereinigtem Körper halte man mit dem Mantra dreimal den Atem an
vinyasennyastahastāntaḥ śaktiṃ mastakavaktrayoḥ / guhye gale dikṣu hṛdi kakṣau dehe ca sarvataḥ //
und lege, nachdem man die Hände belegt hat, die Śakti auf Kopf und Mund, auf Scham, Hals, in die Richtungen, auf Herz, Achseln und überall auf den Körper.
Nachdem man (den Gott) durch die Brahmarandhra (Scheitelöffnung) aus dem Sonnenkreis in den Herzlotos herbeigerufen hat, gedenke man mit dem Tāra (oṃ) jenes höchsten Selbst, das alle Merkmale besitzt.
„trailokyamohanāya vidmahe smarāya dhīmahi tanno viṣṇuḥ pracodayāt“ (Wir wollen den Betörer der drei Welten kennen, über den Liebesgott meditieren; dazu möge uns Viṣṇu antreiben). Nach der Selbstverehrung besprenge man die Opfermaterialien und das reine Gefäß. Nachdem man die Selbstverehrung nach Vorschrift vollzogen hat, verehre man ihn auf dem Erdaltar,
die kupferroten Augen vom Rausch rollend, erhaben, von Liebe überwältigt, mit göttlichen Kränzen, Gewändern und Salben geschmückt, mit lächelndem Antlitz,
die fünf Pfeile (des Liebesgottes) tragend, … [?], zwei- oder vierarmig, von Götterfrauen umgeben, den Blick auf das Antlitz der Göttin geheftet – (so meditierend) rezitiere man.
(Man verehre) Śrī, die auf seinem linken Ober- und Unterschenkel sitzt und den Gatten mit der Hand umarmt, mit Lotos und Fliegenwedel in den Händen, üppig, (ihn) mit Śrīvatsa und Kaustubha versehen,
den bekränzten, gelbgewandeten Hari, reich an Diskus usw., verehre man. „oṃ sudarśana mahācakrarāja duṣṭabhayaṅkara chinda chinda vidāraya vidāraya paramantrān grasa grasa bhakṣaya bhakṣaya bhūtāni trāsaya trāsaya hūṃ phaṭ“ (O Sudarśana, großer Radkönig, Schrecken der Bösen: schneide, zerreiße, verschlinge die fremden Mantras, verzehre sie, erschrecke die Bhūtas! hūṃ phaṭ); „oṃ jalacarāya svāhā“ (dem Wasserwandler [Anm.: der Muschel], svāhā); „khaḍgatīkṣṇa chinda chinda khaḍgāya namaḥ“ (o scharfes Schwert, schneide, schneide; dem Schwert Verehrung); „śārṅgāya saśarāya hūṃ phaṭ“ (dem Śārṅga samt Pfeil); „bhūtagrāmāya vidmahe caturvidhāya dhīmahi tanno brahma pracodayāt“ (wir wollen die Schar der Wesen kennen, über die vierfache meditieren; dazu möge das Brahman uns antreiben); „saṃvartaka śvasana pothaya pothaya hūṃ phaṭ svāhā“ (o Weltvernichter, o Wind, zermalme, zermalme!); „pāśa bandha bandha ākarṣaya ākarṣaya hūṃ phaṭ“ (o Schlinge, binde, binde, ziehe heran!); „aṅkuśena kaṭṭa hūṃ phaṭ“ (mit dem Stachelstock … [?]). Mit diesen ihren eigenen Mantras verehre man die Waffen der Reihe nach an den Armen.
„oṃ pakṣirājāya hrūṃ phaṭ“ (dem König der Vögel) – (damit) verehre man Tārkṣya (Garuḍa); auf der Samenkapsel die Gliedgottheiten nach Vorschrift. Die Śaktis in den Diagrammen Indras usw.; Tārkṣya usw. halten Fliegenwedel.
Die Śaktis sind (mit der Silbe) am Ende, Sureśa usw. am Anfang mit Daṇḍin (Anusvāra) anzuwenden [?]. Lakṣmī und Sarasvatī sind gelb, Rati, Prīti und Jayā weiß,
Man meditiere, rezitiere diesen Mantra, opfere und vollziehe die Weihebesprengung. „oṃ śrīṃ krīṃ hrīṃ hūṃ trailokyamohanāya viṣṇave namaḥ“ (Oṃ śrīṃ krīṃ hrīṃ hūṃ, Verehrung Viṣṇu, dem Betörer der drei Welten). Durch dessen Verehrung usw. erlangt man wie zuvor alle Wünsche.
Mit Wasser und Blumen (dargebracht) wirkt er betörend; täglich labe man (den Gott) damit. Brahmā mit Śakra, Śrī und Daṇḍin [Anm.: Decknamen der Laute] ist die Keimsilbe, welche die drei Welten betört.
Wort für Wort
toyaiḥ puṣpaiḥ
mit Wasser und Blumen
sammohanī
betörend
nityam tarpayet
täglich labe
sa-śakra-śrī-daṇḍī
mit Śakra, Śrī, Daṇḍin
bījam trailokya-mohanam
die weltbetörende Keimsilbe
Wahrscheinlich ist klīṃ gemeint (ka + la + ī + ṃ); Auflösung unsicher.
japtvā trilakṣaṃ hutvā ca lakṣaṃ bilvaiś ca sājyakaiḥ / taṇḍulaiḥ phalagandhādyaiḥ dūrvābhistvāyurāpnuyāt //
Wer (sie) dreihunderttausendmal rezitiert und hunderttausendmal mit Bilva-Früchten samt Ghee, mit Reiskörnern, Früchten, Duftstoffen usw. und mit Dūrvā opfert, erlangt langes Leben.
tayābhiṣekahomādikriyātuṣṭo hy abhīṣṭadaḥ / oṃ namo bhagavate varāhāya bhūrbhuvaḥ svaḥpataye bhūpatidvaṃ me dehi hṛdayāya svāha pañcāṅgaṃ nityamayutaṃ japtvāyūrājyamāpnuyāt //
Durch Weihebesprengung, Feueropfer und andere Handlungen mit ihr zufriedengestellt, gewährt er das Ersehnte. „oṃ namo bhagavate varāhāya bhūr bhuvaḥ svaḥ pataye bhūpatitvaṃ me dehi hṛdayāya svāhā“ (Oṃ, Verehrung dem erhabenen Eber, dem Herrn von Erde, Luftraum und Himmel: Gib mir die Herrschaft über die Erde! Dem Herzen svāhā). Wer diesen fünfgliedrigen (Mantra) täglich zehntausendmal rezitiert, erlangt langes Leben und Königsherrschaft.