Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 254: divyapramāṇakathanam Darlegung der Beweismittel und Gottesurteile

Das Kapitel behandelt Eignung und Ausschluss von Zeugen, ihre Ermahnung und die Bestrafung falscher oder schweigender Zeugen, die Abfassung, Unterzeichnung, Erneuerung und Tilgung von Urkunden sowie die Gottesurteile (Waage, Feuer, Wasser, Gift, Weihwasser) mit ihren Anrufungsformeln und leichte Eide. Der Kapiteltitel lautet „divyapramāṇakathana“, das Kolophon nennt es „divyāni pramāṇāni“. Einzelne Stellen sind verderbt (u. a. V. 4, 32, 33, 38, 39).

agnir uvāca | tapasvino dānaśīlāḥ kulīnāḥ satyavādinaḥ / dharmapradhānā ṛjavaḥ putravanto dhanānvitāḥ //

Agni sprach: Asketen, Freigebige, Leute aus gutem Hause, Wahrhaftige, dem Dharma Ergebene, Aufrichtige, Männer mit Söhnen, Begüterte,

Wort für Wort
agniḥ uvāca
Agni sprach
tapasvinaḥ
Asketen
dāna-śīlāḥ
Freigebige
kulīnāḥ
aus gutem Hause
satya-vādinaḥ
Wahrhaftige
putravantaḥ dhana-anvitāḥ
Söhne habend, begütert

pañcayajñakriyāyuktāḥ sākṣiṇaḥ pañca vā trayaḥ / yathājāti yathāvarṇa sarve sarveṣu vā smṛtāḥ //

die die fünf (großen) Opfer vollziehen, sind Zeugen, fünf oder drei; (sie sollen) der Kaste und dem Stand (der Parteien) entsprechen, oder alle gelten für alle.

Wort für Wort
pañca-yajña-kriyā-yuktāḥ
die fünf Opfer vollziehend
sākṣiṇaḥ
Zeugen
pañca vā trayaḥ
fünf oder drei
yathā-jāti yathā-varṇam
nach Kaste und Stand
sarve sarveṣu
alle für alle

strīvṛddhabālakitavamattonmattābhiśastakāḥ / raṅgāvatāripāṣaṇḍikūṭakṛdvikalendriyāḥ //

Frauen, Greise, Kinder, Spieler, Betrunkene, Wahnsinnige, Beschuldigte, Schauspieler, Anhänger von Irrlehren, Fälscher, an den Sinnen Versehrte,

Wort für Wort
strī-vṛddha-bāla
Frauen, Greise, Kinder
kitava-matta-unmatta
Spieler, Betrunkene, Wahnsinnige
abhiśastakāḥ
Beschuldigte
raṅga-avatāri-pāṣaṇḍi
Schauspieler, Irrlehrer
kūṭa-kṛt
Fälscher
vikala-indriyāḥ
an den Sinnen Versehrte

patitāptānnasambandhisahāyariputaskarāḥ / amākṣiṇaḥ sarvasākṣī cauryapāruṣyasāhase //

Gefallene (Kastenlose), Vertraute (Freunde), durch Speise Verbundene [?], Helfer, Feinde und Diebe sind keine Zeugen. Bei Diebstahl, Beleidigung und Gewalttat ist jeder Zeuge.

Wort für Wort
patita
Gefallene
āpta
Vertraute
sahāya-ripu-taskarāḥ
Helfer, Feinde, Diebe
asākṣiṇaḥ
keine Zeugen
sarva-sākṣī
jeder ist Zeuge
caurya-pāruṣya-sāhase
bei Diebstahl, Beleidigung, Gewalttat

„āptānnasambandhi“ unklar (vielleicht für „āptārthasambandhi“: an der Sache Beteiligte); „amākṣiṇaḥ“ für „asākṣiṇaḥ“.

ubhayānumataḥ sākṣī bhavatyekopi dharmavit / abruvan hi naraḥ sākṣyamṛṇaṃ sadaśabandhakam //

Auch ein einziger dharmakundiger (Mann) ist Zeuge, wenn beide (Parteien) ihn anerkennen. Ein Mann, der das Zeugnis nicht ablegt, (hat) die Schuld samt einem Zehntel (als Buße)

Wort für Wort
ubhaya-anumataḥ
von beiden anerkannt
ekaḥ api dharma-vit
auch ein einziger Dharmakundiger
abruvan
nicht aussagend
sākṣyam
Zeugnis
ṛṇam sa-daśa-bandhakam
die Schuld samt einem Zehntel

rājñā sarvaṃ pradāpyaḥ syāt ṣaṭcatvāriṃśake 'hnani / na dadāti hi yaḥ sākṣyaṃ jānannapi narādhamaḥ //

vollständig vom König zu zahlen gezwungen zu werden, am sechsundvierzigsten Tag. Der niedrigste der Menschen, der, obwohl er (die Sache) kennt, kein Zeugnis gibt,

Wort für Wort
rājñā sarvam pradāpyaḥ
vom König zur Zahlung des Ganzen zu zwingen
ṣaṭ-catvāriṃśake ahani
am 46. Tag
na dadāti sākṣyam
gibt kein Zeugnis
jānan api
obwohl wissend
nara-adhamaḥ
der niedrigste der Menschen

sa kūṭasākṣiṇāṃ pāpaistulyo daṇḍena caiva hi / sākṣiṇaḥ śrāvayedvādiprativādisamīpagān //

ist den falschen Zeugen an Sünde und an Strafe gleich. Die Zeugen soll (der Richter), in der Nähe von Kläger und Beklagtem, (folgendes) hören lassen:

Wort für Wort
kūṭa-sākṣiṇām
der falschen Zeugen
pāpaiḥ tulyaḥ
an Sünden gleich
daṇḍena
an Strafe
śrāvayet
soll hören lassen, ermahnen
vādi-prativādi-samīpa-gān
in der Nähe von Kläger und Beklagtem

ye pātakakṛtāṃ lokā mahāpātakināṃ tathā / agnidānāñca ye lokā ye ca strībālaghātināṃ //

„Die Welten, die (den Tätern) von Sünden und von Todsünden (zuteil werden), die Welten der Brandstifter und die der Frauen- und Kindermörder,

Wort für Wort
pātaka-kṛtām lokāḥ
die Welten der Sünder
mahāpātakinām
der Todsünder
agni-dānām
der Brandstifter
strī-bāla-ghātinām
der Frauen- und Kindermörder

tān sarvān samavāpnoti yaḥ sākṣyamanṛtaṃ vadet / sukṛtaṃ yattvayā kiñcijjanmāntaraśataiḥ kṛtam //

die alle erlangt, wer ein falsches Zeugnis ablegt. Was immer du an guten Werken in hundert früheren Geburten getan hast,

Wort für Wort
tān sarvān samavāpnoti
die alle erlangt er
sākṣyam anṛtam vadet
falsches Zeugnis ablegt
sukṛtam
gutes Werk
janma-antara-śataiḥ
in hundert anderen Geburten

tatsarvaṃ tasya jānīhi yaṃ parājayase mṛṣā / dvaidhe bahūnāṃ vacanaṃ sameṣu guṇināntathā //

wisse, das alles (gehört) dem, den du durch Lüge unterliegen lässt.“ Bei Uneinigkeit (gilt) die Aussage der Mehrheit, bei gleicher Zahl die der Tugendhaften,

Wort für Wort
tat sarvam tasya jānīhi
wisse, das alles gehört ihm
parājayase mṛṣā
durch Lüge unterliegen lässt
dvaidhe
bei Uneinigkeit
bahūnām vacanam
die Aussage der Mehrheit
sameṣu guṇinām
bei Gleichheit die der Tugendhaften

guṇidvaidhe tu vacanaṃ grāhyaṃ ye guṇavattarāḥ / yasyocuḥ sākṣiṇaḥ satyāṃ pratijñāṃ sa jayī bhavet //

bei Uneinigkeit unter Tugendhaften aber ist die Aussage derer anzunehmen, die die tugendhafteren sind. Wessen Behauptung die Zeugen als wahr bezeichnet haben, der wird Sieger;

Wort für Wort
guṇi-dvaidhe
bei Uneinigkeit unter Tugendhaften
guṇavattarāḥ
die Tugendhafteren
ūcuḥ sākṣiṇaḥ
die Zeugen sagten
satyām pratijñām
die Behauptung als wahr
jayī bhavet
wird Sieger

„satyāṃ“ auf „pratijñām“ bezogen.

anyathā vādino yasya dhrūvastasya parājayaḥ / ukte 'pi sākṣibhiḥ sākṣye yadyanye guṇavattarāḥ //

(wessen Zeugen) anders aussagen, dessen Niederlage ist gewiss. Auch wenn die Zeugen ihre Aussage gemacht haben: wenn andere, tugendhaftere

Wort für Wort
anyathā vādinaḥ
anders Aussagende
dhruvaḥ parājayaḥ
die Niederlage ist gewiss
ukte api sākṣye
auch wenn das Zeugnis abgelegt ist
anye guṇavattarāḥ
andere, Tugendhaftere

„dhrūvas“ für „dhruvas“.

dviguṇā vānyathā brūyuḥ kūṭāḥ syuḥ pūrvasākṣiṇaḥ / pṛthak pṛthagdaṇḍanīyāḥ kūṭakṛtsākṣiṇas tathā //

oder doppelt so viele anders aussagen, so sind die ersten Zeugen falsch. Die falschen Zeugen sind je einzeln zu bestrafen, ebenso die, die Zeugen zur Falschaussage verleiten,

Wort für Wort
dviguṇāḥ
doppelt so viele
anyathā brūyuḥ
anders aussagen
kūṭāḥ pūrva-sākṣiṇaḥ
die ersten Zeugen sind falsch
pṛthak pṛthak daṇḍanīyāḥ
einzeln zu bestrafen
kūṭa-kṛt
zur Falschaussage Verleitender

vivādāddviguṇaṃ daṇḍaṃ vivāsyo brāhmaṇaḥ smṛtaḥ / yaḥ sākṣyaṃ śrāvito 'nyebhyo nihnute tattamovṛtaḥ //

mit einer Strafe vom Doppelten des Streitwerts; ein Brahmane gilt als zu verbannen. Wer, zum Zeugnis aufgerufen, (es) vor den anderen leugnet, von Finsternis umhüllt,

Wort für Wort
vivādāt dviguṇam daṇḍam
Strafe doppelt des Streitwerts
vivāsyaḥ brāhmaṇaḥ
ein Brahmane ist zu verbannen
sākṣyam śrāvitaḥ
zum Zeugnis aufgerufen
nihnute
leugnet
tamaḥ-vṛtaḥ
von Finsternis umhüllt

sa dāpyo 'ṣṭaguṇam daṇḍaṃ brāhmaṇantu vivāsayet / varṇināṃ hi badho yatra tatra sākṣya.anṛtaṃ vadet //

der ist zu einer Strafe vom Achtfachen anzuhalten; einen Brahmanen aber soll man verbannen. Wo aber (sonst) der Tod eines Standesangehörigen (droht), da mag der Zeuge Unwahres sagen.

Wort für Wort
aṣṭa-guṇam daṇḍam
das Achtfache als Strafe
brāhmaṇam vivāsayet
einen Brahmanen verbanne man
varṇinām vadhaḥ
Tod von Standesangehörigen
sākṣī anṛtam vadet
der Zeuge mag Unwahres sagen

„badho“ für „vadho“; „sākṣya.anṛtaṃ“ im Digitalisat mit Punkt, gelesen „sākṣy anṛtaṃ“.

yaḥ kaścidartho 'bhimataḥ svarucyā tu parasparaṃ / lekhyaṃ tu sākṣimat kāryaṃ tasmin dhanikapūrvakam //

Was auch immer an Sache nach eigenem Willen gegenseitig vereinbart wird, darüber ist eine Urkunde mit Zeugen anzufertigen, mit dem Gläubiger an erster Stelle,

Wort für Wort
yaḥ kaścit arthaḥ
welche Sache auch immer
abhimataḥ parasparam
gegenseitig vereinbart
lekhyam sākṣimat
Urkunde mit Zeugen
kāryam
ist anzufertigen
dhanika-pūrvakam
mit dem Gläubiger zuerst

samāmāsatadarhāhar nāmajātisvagotrajaiḥ / sabrahmacārikātmīyapitṛnāmādicihnitam //

gekennzeichnet mit Jahr, Monat, Halbmonat, Tag, mit Name, Kaste und eigenem Gotra, mit (der Angabe der) Vedaschule sowie dem eigenen Namen und dem des Vaters usw.

Wort für Wort
samā-māsa-tad-ardha-ahar
Jahr, Monat, Halbmonat, Tag
nāma-jāti-sva-gotra
Name, Kaste, eigenes Gotra
sa-brahmacārika
mit der Vedaschule
ātmīya-pitṛ-nāma
eigener und Vatername
cihnitam
gekennzeichnet

„tadarhāhar“ für „tadardhāhar“; „sabrahmacārika“ im Sinn der Zugehörigkeit zu einer Vedaschule.

samāpte 'rthe ṛṇī nāma svahastena niveśayet / mataṃ me 'mukaputrasya yadatroparilekhitaṃ //

Ist die Sache (niedergeschrieben und) abgeschlossen, soll der Schuldner eigenhändig seinen Namen eintragen: „Einverstanden bin ich, der Sohn des N. N., mit dem, was hier oben geschrieben ist.“

Wort für Wort
samāpte arthe
wenn die Sache abgeschlossen ist
ṛṇī
der Schuldner
sva-hastena niveśayet
soll eigenhändig eintragen
matam me
einverstanden bin ich
amuka-putrasya
des Sohnes des N. N.
atra upari-lekhitam
was hier oben geschrieben ist

sākṣiṇaś ca svahastena pitṛnāmakapūrvakam / atrāhamamukaḥ sākṣī likheyuriti te samāḥ //

Und die Zeugen sollen eigenhändig, mit dem Namen ihres Vaters an erster Stelle, schreiben: „Hierbei bin ich, N. N., Zeuge“; sie sollen gleich (an Zahl bzw. Rang) sein [?].

Wort für Wort
sākṣiṇaḥ ca sva-hastena
und die Zeugen eigenhändig
pitṛ-nāmaka-pūrvakam
mit Vaternamen voran
atra aham amukaḥ sākṣī
hierbei bin ich, N. N., Zeuge
likheyuḥ
sollen schreiben
te samāḥ
sie (sollen) gleich (sein)

„te samāḥ“ ist mehrdeutig (gleichrangig oder in gerader Zahl).

alipijña ṛṇī yaḥ syālekayet svamatantu saḥ / sākṣī vā sākṣiṇānyena sarvasākṣisamīpataḥ //

Ein Schuldner, der nicht schreiben kann, soll seine Zustimmung (durch einen anderen) schreiben lassen; ein (schreibunkundiger) Zeuge durch einen anderen Zeugen, in Gegenwart aller Zeugen.

Wort für Wort
alipijñaḥ ṛṇī
der schreibunkundige Schuldner
lekhayet sva-matam
lasse seine Zustimmung schreiben
sākṣiṇā anyena
durch einen anderen Zeugen
sarva-sākṣi-samīpataḥ
in Gegenwart aller Zeugen

„syālekayet“ für „syāl lekhayet“.

ubhayābhyarthitenaitanmayā hy amukasūnunā / likhitaṃ hy amukeneti lekhako 'thāntato likhet //

„Von beiden (Parteien) ersucht, ist dies von mir, N. N., dem Sohn des N. N., geschrieben“ – so soll der Schreiber am Ende schreiben.

Wort für Wort
ubhaya-abhyarthitena
von beiden ersucht
amuka-sūnunā
vom Sohn des N. N.
likhitam
geschrieben
lekhakaḥ
der Schreiber
antataḥ likhet
soll am Ende schreiben

vināpi sākṣibhir lekhyaṃ svahastalikhitañca yat / tat pramāṇaṃ smṛtaṃ sarvaṃ balopadhikṛtādṛte //

Eine Urkunde, die eigenhändig geschrieben ist, gilt auch ohne Zeugen voll als Beweis, außer wenn sie durch Gewalt oder Betrug zustande kam.

Wort für Wort
vinā api sākṣibhiḥ
auch ohne Zeugen
sva-hasta-likhitam
eigenhändig geschrieben
pramāṇam smṛtam
gilt als Beweis
bala-upadhi-kṛtāt ṛte
außer durch Gewalt oder Betrug entstanden

ṛṇaṃ lekhyakṛtaṃ deyaṃ puruṣaistribhireva tu / ādhistu bhujyate tāvadyāvattanna pradīyate //

Eine urkundlich festgelegte Schuld ist nur von drei Männern (Generationen) zu zahlen; ein Pfand aber wird so lange genutzt, bis die (Schuld) bezahlt ist.

Wort für Wort
ṛṇam lekhya-kṛtam
urkundlich festgelegte Schuld
puruṣaiḥ tribhiḥ eva
nur von drei Männern (Generationen)
ādhiḥ bhujyate
das Pfand wird genutzt
yāvat na pradīyate
solange nicht bezahlt wird

deśāntarasthe durlekhye naṣṭonmṛṣṭe hṛte tathā / bhinne cchinne tathā dagdhe lekhyamanyattu kārayet //

Ist die Urkunde in einem anderen Land, schlecht geschrieben, verloren, verwischt, gestohlen, zerbrochen, zerrissen oder verbrannt, soll man eine andere Urkunde anfertigen lassen.

Wort für Wort
deśa-antara-sthe
wenn in einem anderen Land
durlekhye
schlecht geschrieben
naṣṭa-unmṛṣṭe hṛte
verloren, verwischt, gestohlen
bhinne chinne dagdhe
zerbrochen, zerrissen, verbrannt
lekhyam anyat kārayet
lasse eine andere Urkunde anfertigen

sandigdhārthaviśuddhyarthaṃ svahastalikhitantu yat / yuktiprāptikriyācihnasambandhāgamahetubhiḥ //

Zur Klärung einer zweifelhaften Sache (ist) eine eigenhändig geschriebene (Urkunde) [Anm.: zu prüfen] anhand von Schlussfolgerung, (Schrift-)Vergleich, Handlungsmerkmalen, Beziehung (der Parteien) und Herkunft (der Urkunde) als Gründen.

Wort für Wort
sandigdha-artha-viśuddhi-artham
zur Klärung einer zweifelhaften Sache
sva-hasta-likhitam
eigenhändig geschrieben
yukti-prāpti
Schlussfolgerung, Vergleich
kriyā-cihna
Handlungsmerkmal
sambandha-āgama-hetubhiḥ
durch Beziehung und Herkunft als Gründe

Der Vers ist syntaktisch unvollständig; das Verb (etwa „zu prüfen“) ist zu ergänzen.

lekhyasya pṛṣṭhe 'bhilikhet praviṣṭamadhamarṇinaḥ / dhanī copagataṃ dadyāt svahastaparicihnitam //

Auf die Rückseite der Urkunde soll man (jede) Abzahlung des Schuldners schreiben; oder der Gläubiger soll über das Erhaltene (eine Quittung) geben, die mit seiner eigenen Hand gekennzeichnet ist.

Wort für Wort
lekhyasya pṛṣṭhe
auf die Rückseite der Urkunde
abhilikhet
soll schreiben
praviṣṭam adhamarṇinaḥ
das vom Schuldner Eingezahlte
upagatam
das Erhaltene (Quittung)
sva-hasta-paricihnitam
eigenhändig gekennzeichnet

datvarṇaṃ pāṭayellekhyaṃ śuddhyai cānyattu kārayet / sākṣimacca bhavedyattu taddātavyaṃ sasākṣikaṃ //

Ist die Schuld bezahlt, soll man die Urkunde zerreißen oder zur Entlastung eine andere anfertigen lassen. Was aber mit Zeugen (vereinbart) wurde, ist vor Zeugen zurückzuzahlen.

Wort für Wort
dattvā ṛṇam
nach Bezahlung der Schuld
pāṭayet lekhyam
soll die Urkunde zerreißen
śuddhyai anyat kārayet
zur Entlastung eine andere anfertigen
sākṣimat
mit Zeugen vereinbart
sa-sākṣikam dātavyam
vor Zeugen zurückzuzahlen

tulāgnyāpo viṣaṃ koṣo divyānīha viśuddhaye / mahābhiyogeṣvetāni śīrṣakasthe 'bhiyoktari //

Waage, Feuer, Wasser, Gift und Weihwasser (kośa) sind hier die Gottesurteile zur Reinigung (vom Verdacht). Diese (gelten) bei schweren Anklagen, wenn der Kläger die Strafe auf sich nimmt.

Wort für Wort
tulā-agni-āpaḥ
Waage, Feuer, Wasser
viṣam kośaḥ
Gift, Weihwasser
divyāni
Gottesurteile
mahā-abhiyogeṣu
bei schweren Anklagen
śīrṣaka-sthe abhiyoktari
wenn der Kläger die Strafe übernimmt

„koṣo“ für „kośo“. śīrṣaka: die Übernahme der Strafe durch den Kläger für den Fall des Unterliegens.

rucyā vānyataraḥ kuryāditaro vartayecchiraḥ / vināpi śīrṣakāt kuryānnṛpadrohe 'tha pātake //

Oder nach Belieben mag einer von beiden (das Gottesurteil) vollziehen, der andere soll (seinen) Kopf einsetzen (die Strafe übernehmen). Auch ohne Übernahme der Strafe soll man es bei Hochverrat oder bei einer Todsünde vollziehen.

Wort für Wort
rucyā
nach Belieben
anyataraḥ kuryāt
einer von beiden soll vollziehen
itaraḥ vartayet śiraḥ
der andere setze den Kopf ein
vinā api śīrṣakāt
auch ohne Strafübernahme
nṛpa-drohe pātake
bei Hochverrat oder Todsünde

nāsahasrāddharet phālaṃ na tulānna viṣantathā / nṛpārtheṣvabhiyogeṣu vaheyuḥ śucayaḥ sadā //

Nicht unter tausend (Paṇa Streitwert) soll man die (glühende) Pflugschar tragen, ebenso nicht die Waage und nicht das Gift. Bei Anklagen in Angelegenheiten des Königs sollen die Reinen (das Gottesurteil) stets auf sich nehmen.

Wort für Wort
na asahasrāt
nicht unter tausend
phālam haret
soll die Pflugschar tragen
na tulām na viṣam
nicht die Waage, nicht das Gift
nṛpa-artheṣu abhiyogeṣu
bei Anklagen in königlichen Sachen
vaheyuḥ śucayaḥ
die Reinen sollen es auf sich nehmen

sahasrārthe tulādīni koṣamalpe 'pi dāpayet / śatārdhaṃ dāpayecchuddhamaśuddho daṇḍabhāg bhavet //

Bei (einem Streitwert von) tausend lasse man die Waage usw. (vollziehen), das Weihwasser auch bei Geringem. Ist (der Angeklagte) rein befunden, lasse man (den Kläger) fünfzig zahlen [?]; der nicht Reine verfällt der Strafe.

Wort für Wort
sahasra-arthe
bei tausend
tulā-ādīni
Waage usw.
kośam alpe api
Weihwasser auch bei Geringem
śata-ardham dāpayet
lasse fünfzig zahlen
aśuddhaḥ daṇḍa-bhāk
der Unreine verfällt der Strafe

Wer die fünfzig zahlt, ist dem Wortlaut nicht sicher zu entnehmen.

sacelasnātamāhūya sūryodaya upoṣitam / kārayetdarvadivyāni nṛpabrāhmaṇasannidhau //

Den, der mit den Kleidern gebadet und gefastet hat, soll man bei Sonnenaufgang herbeirufen und alle Gottesurteile in Gegenwart des Königs und der Brahmanen vollziehen lassen.

Wort für Wort
sa-cela-snātam
mit den Kleidern gebadet
āhūya
herbeirufend
sūrya-udaye
bei Sonnenaufgang
upoṣitam
gefastet habend
sarva-divyāni
alle Gottesurteile
nṛpa-brāhmaṇa-sannidhau
vor König und Brahmanen

„kārayetdarvadivyāni“ gelesen als „kārayet sarvadivyāni“.

tulā strībālavṛddhāndhapaṅgubrāhmaṇarogiṇāṃ / agnirjvalaṃ vā śūdrasya yavāḥ sapta viṣasya vā //

Die Waage ist für Frauen, Kinder, Greise, Blinde, Lahme, Brahmanen und Kranke; das Feuer oder das Wasser für den Śūdra, oder sieben Gerstenkörner (Gewicht) Gift.

Wort für Wort
tulā
die Waage
strī-bāla-vṛddha-andha
Frauen, Kinder, Greise, Blinde
paṅgu-brāhmaṇa-rogiṇām
Lahme, Brahmanen, Kranke
agniḥ jalam vā śūdrasya
Feuer oder Wasser für den Śūdra
yavāḥ sapta viṣasya
sieben Gerstenkörner Gift

„jvalaṃ“ gelesen als „jalaṃ“ (Wasser).

tulādhāraṇavidvadbhirabhiyuktastulāśritaḥ / pratimānasamībhūto rekhāṃ kṛtvāvatāritaḥ //

Der Angeklagte wird von Kennern des Wägens auf die Waage gesetzt, dem Gegengewicht gleich gemacht; nachdem man eine Markierung angebracht hat, wird er heruntergenommen.

Wort für Wort
tulā-dhāraṇa-vidvadbhiḥ
von Kennern des Wägens
abhiyuktaḥ tulā-āśritaḥ
der Angeklagte auf der Waage
pratimāna-samī-bhūtaḥ
dem Gegengewicht gleich gemacht
rekhām kṛtvā
eine Markierung machend
avatāritaḥ
heruntergenommen

ādityacandrāvanilo 'nalaś ca dyaurbhūmirāpohṛdayaṃ yamaś ca / ahaś ca rātriś ca ubhe ca sandhye dharmaś ca jānāti narasya vṛttam //

Sonne und Mond, Wind und Feuer, Himmel, Erde, Wasser, Herz und Yama, Tag und Nacht, die beiden Dämmerungen und Dharma kennen den Wandel des Menschen.

Wort für Wort
āditya-candrau
Sonne und Mond
anilaḥ analaḥ
Wind, Feuer
dyauḥ bhūmiḥ āpaḥ
Himmel, Erde, Wasser
hṛdayam yamaḥ
Herz, Yama
ubhe sandhye
die beiden Dämmerungen
jānāti narasya vṛttam
kennt den Wandel des Menschen

Vers in Triṣṭubh-Metrum.

tvaṃ tule satyadhāmāsi purā devair vinirmitā / satyaṃ vadasva kalyāṇi saṃśayānmāṃ vimocaya //

„Du, Waage, bist die Stätte der Wahrheit, einst von den Göttern geschaffen. Sprich die Wahrheit, Glückverheißende, befreie mich vom Zweifel.

Wort für Wort
tvam tule
du, Waage
satya-dhāmā asi
bist Stätte der Wahrheit
devaiḥ vinirmitā
von den Göttern geschaffen
satyam vadasva kalyāṇi
sprich die Wahrheit, Glückverheißende
saṃśayāt mām vimocaya
befreie mich vom Zweifel

yadyasmi pāpakṛnmātastato māṃ tvamadho naya / śuddhaścedgamayordhvammāṃ tulāmityabhimantrayet //

Wenn ich ein Übeltäter bin, Mutter, dann bring du mich nach unten; bin ich rein, bring mich nach oben.“ So soll er die Waage anrufen.

Wort für Wort
yadi asmi pāpa-kṛt
wenn ich ein Übeltäter bin
mātaḥ
o Mutter
adhaḥ naya
bring nach unten
śuddhaḥ cet
wenn rein
gamaya ūrdhvam
bring nach oben
abhimantrayet
soll anrufen

karau vimṛditavrīherlakṣayitvā tato nyaset / saptāśvaptyasya patrāṇi tāvat sūtreṇa veṣṭayet //

Nachdem man an den Händen dessen, der Reiskörner (zwischen ihnen) zerrieben hat, die Male festgestellt hat, lege man darauf sieben Aśvattha-Blätter und umwickle sie ebenso oft mit Faden.

Wort für Wort
karau
die Hände
vimṛdita-vrīheḥ
dessen, der Reis zerrieben hat
lakṣayitvā
die Male festgestellt habend
sapta aśvatthasya patrāṇi
sieben Aśvattha-Blätter
sūtreṇa veṣṭayet
soll mit Faden umwickeln

„saptāśvaptyasya“ für „saptāśvatthasya“.

tvameva sarvabhūtānāmantaś carasi pāvaka / sākṣivat puṇyapāpebhyo brūhi satyaṅgare mama //

„Du, Pāvaka (Läuternder, Feuer), wandelst im Innern aller Wesen; wie ein Zeuge sprich über Verdienst und Sünde die Wahrheit an mir [?].“

Wort für Wort
tvam eva
du allein
sarva-bhūtānām antaḥ
im Innern aller Wesen
carasi pāvaka
wandelst, o Feuer
sākṣivat
wie ein Zeuge
puṇya-pāpebhyaḥ
über Verdienst und Sünde
brūhi satyam
sprich die Wahrheit

„satyaṅgare mama“ unklar (vielleicht „satyaṃ kare mama“: „die Wahrheit in meiner Hand“).

tasyetyuktavato lauhaṃ pañcāśatpalikaṃ samam / agnirvarṇaṃ nyaset piṇḍaṃ hastayorubhayorapi //

Dem, der so gesprochen hat, lege man eine gleichmäßige eiserne Kugel von fünfzig Pala, feuerfarben (glühend), in beide Hände.

Wort für Wort
iti uktavataḥ
dem so Sprechenden
lauham piṇḍam
eine eiserne Kugel
pañcāśat-palikam
von fünfzig Pala
agni-varṇam
feuerfarben
hastayoḥ ubhayoḥ
in beide Hände

„agnirvarṇaṃ“ für „agnivarṇaṃ“.

sa tamādāya saptaiva maṇḍalāni śatair vrajet / ṣoḍaśāṅgulakaṃ jñeyaṃ maṇḍalaṃ tāvadantaram //

Er soll sie nehmen und langsam sieben Kreise weit gehen; ein Kreis ist als sechzehn Fingerbreit (groß) zu verstehen, ebenso groß der Abstand (zwischen ihnen).

Wort für Wort
tam ādāya
sie nehmend
sapta maṇḍalāni
sieben Kreise
śanaiḥ vrajet
soll langsam gehen
ṣoḍaśa-aṅgulakam
sechzehn Fingerbreit
tāvat antaram
ebenso der Abstand

„śatair“ gelesen als „śanair“.

muktvāgniṃ mṛditavrīhiradagdhaḥ śuddhimāpnuyāt / antarā patite piṇḍe sandehe vā punarharet //

Hat er das Feuer abgeworfen und ist er, (wieder) mit zerriebenem Reis (geprüft), unverbrannt, erlangt er Reinheit. Fällt die Kugel zwischendurch herab oder besteht Zweifel, soll er sie erneut tragen.

Wort für Wort
muktvā agnim
das Feuer abwerfend
mṛdita-vrīhiḥ
mit zerriebenem Reis
adagdhaḥ
unverbrannt
śuddhim āpnuyāt
erlangt Reinheit
antarā patite piṇḍe
wenn die Kugel zwischendurch fällt
punaḥ haret
soll erneut tragen

pavitrāṇāṃ pavitra tvaṃ śodhyaṃ śodhaya pāvana / satyena mābhirakṣasva varuṇetyabhiśastakam //

„Du, Reinigendes unter den Reinigenden, reinige den zu Reinigenden, o Läuterndes; schütze mich durch die Wahrheit, o Varuṇa“ – so (spreche) der Angeklagte [Anm.: Anrufung beim Wasserordal].

Wort für Wort
pavitrāṇām pavitram
Reinigendes unter Reinigenden
śodhyam śodhaya
reinige den zu Reinigenden
pāvana
o Läuterndes
satyena mām abhirakṣasva
schütze mich durch die Wahrheit
varuṇa
o Varuṇa
abhiśastakam
den Angeklagten

„pavitra tvaṃ“ für „pavitraṃ tvaṃ“; „mābhirakṣasva“ = mām abhirakṣasva.

nābhidaghnodakasthasya gṛhītvorū jalaṃ viśet / samakālamiṣuṃ muktamānīyānyo javo naraḥ //

(Der Angeklagte) soll die Oberschenkel dessen fassen, der im nabeltiefen Wasser steht, und ins Wasser tauchen; zugleich soll ein anderer, schneller Mann den abgeschossenen Pfeil holen.

Wort für Wort
nābhi-daghna-udaka-sthasya
dessen, der im nabeltiefen Wasser steht
gṛhītvā ūrū
die Oberschenkel fassend
jalam viśet
soll ins Wasser tauchen
sama-kālam
zugleich
iṣum muktam ānīya
den abgeschossenen Pfeil holend

„javo“ für „javano“ (schnell).

yadi tasminnimagnāṅgaṃ paśyecca śuddhimāpnuyāt / tvaṃ viṣa brahmaṇaḥ putra satyadharme vyavasthita //

Wenn dieser (bei der Rückkehr) ihn mit untergetauchten Gliedern sieht, erlangt er Reinheit. „Du, Gift, bist Brahmās Sohn, fest in Wahrheit und Dharma;

Wort für Wort
yadi tasmin
wenn in diesem (Wasser)
nimagna-aṅgam paśyet
ihn mit untergetauchten Gliedern sieht
śuddhim āpnuyāt
erlangt Reinheit
tvam viṣa brahmaṇaḥ putra
du, Gift, Sohn Brahmās
satya-dharme vyavasthita
fest in Wahrheit und Dharma

trāyasvāsmādabhīśāpāt satyena bhava me 'mṛtam / evamuktvā viṣaṃ sārṅgaṃ bhakṣayeddhimaśailajaṃ //

rette mich vor dieser Anklage, werde mir durch die Wahrheit zum Nektar.“ So sprechend soll er Gift vom Śṛṅgin(-Gewächs) aus dem Himālaya essen.

Wort für Wort
trāyasva asmāt abhiśāpāt
rette mich vor dieser Anklage
bhava me amṛtam
werde mir zum Nektar
viṣam śārṅgam
Gift vom Śṛṅgin
bhakṣayet
soll essen
hima-śaila-jam
aus dem Himālaya stammend

„sārṅgaṃ“ gelesen als „śārṅgaṃ“ (vom Śṛṅgin stammend).

yasya vegair vinā jīrṇaṃ śuddhiṃ tasya vinirdiśet / devānugrān samabhyarcya tatsnānodakamāharet //

Wessen (Gift) ohne Anfälle verdaut wird, dem erkenne man Reinheit zu. Nachdem man die furchtbaren Götter verehrt hat, bringe man ihr Badewasser herbei,

Wort für Wort
yasya vegaiḥ vinā
wessen ohne Anfälle
jīrṇam
verdaut
śuddhim vinirdiśet
soll Reinheit zuerkennen
devān ugrān samabhyarcya
die furchtbaren Götter verehrend
tat-snāna-udakam āharet
ihr Badewasser herbeibringen

„devānugrān“ = devān ugrān.

saṃśrāvya pāpayettasmājjalāttu prasṛtitrayam / ācaturdaśamādahno yasya no rājadaivikam //

lasse (den Angeklagten die Anklage) hören und ihn von diesem Wasser drei Handvoll trinken. Wem bis zum vierzehnten Tag kein vom König oder vom Schicksal verursachtes

Wort für Wort
saṃśrāvya
hören lassend
pāyayet
soll trinken lassen
prasṛti-trayam
drei Handvoll
ā-caturdaśamāt ahnaḥ
bis zum vierzehnten Tag
rāja-daivikam
vom König oder Schicksal verursacht

„pāpayet“ für „pāyayet“.

vyasanaṃ jāyate ghoraṃ sa śuddhaḥ syādasaṃśayam / satyavāhanaśastrāṇi govījakanakāni ca //

schreckliches Unglück widerfährt, der ist ohne Zweifel rein. Wahrheit, Reittier, Waffen, Kühe, Saatkorn und Gold,

Wort für Wort
vyasanam ghoram
schreckliches Unglück
śuddhaḥ syāt asaṃśayam
ist zweifellos rein
satya-vāhana-śastrāṇi
Wahrheit, Reittier, Waffen
go-bīja-kanakāni
Kühe, Saatkorn, Gold

„vījaka“ = bījaka.

devatāgurupādāś ca iṣṭāpūrtakṛtāni ca / ityete sukarāḥ proktāḥ śapathāḥ svalpasaṃśaye //

die Füße von Göttern und Lehrern und die (Verdienste aus) Opfern und frommen Stiftungen: diese werden als leichte Eide bei geringem Zweifel genannt.

Wort für Wort
devatā-guru-pādāḥ
die Füße der Götter und Lehrer
iṣṭa-āpūrta-kṛtāni
Opfer und fromme Stiftungen
sukarāḥ śapathāḥ
leichte Eide
svalpa-saṃśaye
bei geringem Zweifel

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