Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 368: ātyantikalayagarbhotpattinirūpaṇam Darlegung der endgültigen Auflösung und der Entstehung des Embryos

Agni beschreibt das dreifache Leid als Anlass zur endgültigen Auflösung durch Erkenntnis, den Weg der Seele nach dem Tod über Übergangs-, Totengeist- und Genusskörper sowie die Wiedergeburt. Es folgen die Monate der Embryonalentwicklung, die Herkunft der Körperbestandteile aus Elementen, Mutter, Vater und Selbst, die Guṇa-Eigenschaften, die drei Konstitutionstypen, die Körpergewebe sowie Hautschichten und Membranen (kalā). Vers 34 fehlt im Digitalisat („???“); mehrere Stellen (V. 5, 7, 28, 30, 44-46) sind verderbt.

agnir uvāca | ātyantikaṃ layaṃ vakṣye jñānādātyantiko layaḥ / ādhyātmikādisantāpaṃ jñātvā svasya virāgataḥ //

Agni sprach: Ich werde die endgültige Auflösung (ātyantika laya) darlegen. Aus Erkenntnis [entsteht] die endgültige Auflösung, wenn man das Leid, beginnend mit dem innerlich bedingten (ādhyātmika), erkannt hat, infolge der eigenen Leidenschaftslosigkeit.

Wort für Wort
ātyantikam layam
die endgültige Auflösung
vakṣye
ich werde darlegen
jñānāt
aus Erkenntnis
ādhyātmika-ādi-santāpam
das Leid, beginnend mit dem innerlich bedingten
jñātvā
erkannt habend
virāgataḥ
aus Leidenschaftslosigkeit

ādhyātmikastu santāpaḥśārīro mānaso dvidhā / śārīro bahubhirbhedaistāpo 'sau śrūyatāṃ dvija //

Das innerlich bedingte Leid aber ist zweifach: körperlich und seelisch. Das körperliche Leid [zerfällt] in viele Arten; es möge gehört werden, o Zweimalgeborener.

Wort für Wort
ādhyātmikaḥ santāpaḥ
das innerlich bedingte Leid
śārīraḥ
körperlich
mānasaḥ
seelisch
dvidhā
zweifach
bahubhiḥ bhedaiḥ
in vielen Arten
śrūyatām
es werde gehört

tyaktvā jīvo bhogadehaṃ garbhamāproti karmabhiḥ / ātivāhikasaṃjñastu deho bhavati vai dvija //

Nachdem die Seele (jīva) den Genusskörper verlassen hat, gelangt sie durch die Taten [wieder] in einen Mutterleib; [zuvor] aber entsteht fürwahr ein Körper, der ‚ātivāhika‘ [Anm.: der ‚hinüberführende‘ Übergangskörper] heißt, o Zweimalgeborener.

Wort für Wort
tyaktvā
verlassen habend
jīvaḥ
die Seele
bhoga-deham
den Genusskörper
garbham āpnoti
gelangt in den Mutterleib
karmabhiḥ
durch die Taten
ātivāhika-saṃjñaḥ dehaḥ
der ātivāhika genannte Körper

kevalaṃ sa manuṣyāṇāṃ mṛtyukāla upasthite / yāmyaiḥ puṃbhirmanuṣyāṇāṃ taccharīraṃ dvijottamāḥ //

Nur bei den Menschen [entsteht] er, wenn die Todesstunde gekommen ist; von Yamas Männern wird dieser Körper der Menschen, o Bester der Zweimalgeborenen,

Wort für Wort
kevalam
nur
mṛtyu-kāle upasthite
wenn die Todeszeit gekommen ist
yāmyaiḥ puṃbhiḥ
von Yamas Männern
tat śarīram
dieser Körper
dvija-uttamāḥ
o Beste der Zweimalgeborenen

nīyate yāmyamārgeṇa prāṇināṃ mune / tataḥ svaryāti narakaṃ sa bhramedghaṭayantravat //

auf dem Weg Yamas geführt [...] der Lebewesen, o Weiser. Danach geht er in den Himmel [oder] in die Hölle; er kreist wie ein Wasserschöpfrad.

Wort für Wort
nīyate
wird geführt
yāmya-mārgeṇa
auf dem Weg Yamas
svar yāti
geht in den Himmel
narakam
in die Hölle
ghaṭa-yantra-vat
wie ein Wasserschöpfrad
bhramet
kreist

Die erste Vershälfte ist metrisch unvollständig (vor prāṇināṃ fehlt eine Silbengruppe); svar yāti narakaṃ wohl für svar yāti narakaṃ vā.

karmabhūmiriyaṃ brahman phalabhūmirasau smṛtā / yamo yonīś ca narakaṃ nirūpayati karmaṇā //

Diese [Welt] ist das Land der Taten, jene gilt als das Land der Früchte, o Brahmane. Yama bestimmt nach der Tat die Geburtsschöße und die Hölle.

Wort für Wort
karma-bhūmiḥ
Land der Taten
phala-bhūmiḥ
Land der Früchte
asau smṛtā
jene gilt als
yonīḥ
die Geburtsschöße
nirūpayati
bestimmt
karmaṇā
nach der Tat

pūraṇīyāś ca tenaiva yamañcaivānupaśyatāṃ / vāyubhūtāḥ prāṇinaś ca garbhante prāpnuvanti hi //

Und durch eben ihn sind [ihre Geschicke] zu erfüllen, während sie Yama anschauen [?]; und die Lebewesen, zu Wind geworden, gelangen fürwahr in den Mutterleib.

Wort für Wort
pūraṇīyāḥ
zu erfüllen
tena eva
durch eben ihn
yamam anupaśyatām
Yama anschauend
vāyu-bhūtāḥ
zu Wind geworden
garbham prāpnuvanti
gelangen in den Mutterleib

Text unklar: pūraṇīyāś ca … anupaśyatāṃ ist syntaktisch schwer anzuschließen; garbhante wohl für garbhaṃ te.

yamadūtair manuṣyastu nīyate tañca paśyati / dharmī ca pūjyate tena pāpiṣṭhastāḍyate gṛhe //

Der Mensch wird von Yamas Boten geführt und sieht ihn (Yama); der Rechtschaffene wird von ihm geehrt, der größte Sünder im Haus [Yamas] geschlagen.

Wort für Wort
yama-dūtaiḥ
von Yamas Boten
nīyate
wird geführt
dharmī
der Rechtschaffene
pūjyate
wird geehrt
pāpiṣṭhaḥ
der größte Sünder
tāḍyate gṛhe
wird im Haus geschlagen

śubhāśubhaṃ karma tasya citragupto nirūpayet / bāndhavānāmaśauce tu dehe khalvātivāhike //

Citragupta bestimmt seine guten und bösen Taten. Während der Unreinheitszeit der Verwandten aber, im ātivāhika-Körper

Wort für Wort
śubha-aśubham karma
gute und böse Tat
citraguptaḥ
Citragupta (Yamas Schreiber)
nirūpayet
bestimmt
bāndhavānām aśauce
während der Unreinheit der Verwandten
dehe ātivāhike
im Übergangskörper

tiṣṭhannayati dharmajña dattapiṇḍāśanantataḥ / tanyaktvā pretadehantu prāpyānyaṃ pretalokataḥ //

verweilend, bringt er [die Zeit] hin, o Pflichtkundiger, dann die dargebrachten Kloßspenden verzehrend. Nachdem er diesen verlassen hat, erlangt er einen anderen, den Totengeist-Körper (preta-deha), in der Welt der Totengeister,

Wort für Wort
tiṣṭhan
verweilend
datta-piṇḍa-aśanaḥ
die gegebenen Klöße essend
tam tyaktvā
ihn verlassen habend
preta-deham
den Totengeist-Körper
prāpya
erlangt habend
preta-lokataḥ
in der Totengeisterwelt

tanyaktvā wohl für taṃ tyaktvā; nayati hier wohl im Sinn von „verbringt (die Zeit)“.

vaset kṣudhā tṛṣā yukta āmaśrāddhānnabhuṅnaraḥ / ātivāhikedehāttu pretapiṇḍair vinā naraḥ //

[und dort] wohnt der Mensch, von Hunger und Durst geplagt, die Speise des Āma-Śrāddha [Anm.: Totenopfer mit ungekochter Speise] genießend. Denn ohne die Totengeist-Klöße gelangt der Mensch aus dem ātivāhika-Körper

Wort für Wort
vaset
wohnt
kṣudhā tṛṣā yuktaḥ
von Hunger und Durst geplagt
āma-śrāddha-anna-bhuk
die Speise des Āma-Śrāddha genießend
preta-piṇḍaiḥ vinā
ohne die Totenklöße
ātivāhika-dehāt
aus dem Übergangskörper

na hi mokṣamavāpnoti piṇḍāṃstatraiva so 'śrute / kṛte sapiṇḍīkaraṇe naraḥ saṃvatsarātparaṃ //

nicht zur Befreiung; eben dort genießt er die Klöße. Wenn nach einem Jahr die Sapiṇḍīkaraṇa [Anm.: Aufnahme des Verstorbenen unter die Ahnen] vollzogen ist,

Wort für Wort
na mokṣam avāpnoti
erlangt keine Befreiung
piṇḍān
die Klöße
aśnute
genießt
kṛte sapiṇḍīkaraṇe
wenn die Sapiṇḍīkaraṇa vollzogen ist
saṃvatsarāt param
nach einem Jahr

so 'śrute wohl für so 'śnute.

pretadehaṃ samutamṛjya bhogadehaṃ prapadyate / bhogadehāvubhau proktāvaśubhaśubhasaṃjñitau //

gibt der Mensch den Totengeist-Körper auf und erlangt den Genusskörper. Zwei Genusskörper werden genannt, der ‚unheilvoll‘ und der ‚heilvoll‘ geheißene.

Wort für Wort
preta-deham
den Totengeist-Körper
samutsṛjya
aufgegeben habend
bhoga-deham prapadyate
erlangt den Genusskörper
ubhau proktau
zwei werden genannt
aśubha-śubha-saṃjñitau
unheilvoll und heilvoll genannt

samutamṛjya wohl für samutsṛjya.

bhuktvā tu bhogadehena karmabandhānnipātyate / taṃ dehaṃ paratastasmādbhakṣayanti niśācarāḥ //

Nachdem er mit dem Genusskörper [die Früchte] genossen hat, wird er aus der Fessel der Taten herabgestürzt [?]; jenen Körper fressen danach die Nachtwandler.

Wort für Wort
bhuktvā
genossen habend
bhoga-dehena
mit dem Genusskörper
karma-bandhāt
aus der Tatfessel
nipātyate
wird herabgestürzt
niśā-carāḥ
die Nachtwandler
bhakṣayanti
fressen

pāpe tiṣṭhati cet svargaṃ tena bhuktaṃ tadā dvija / tadā dvitīyaṃ gṛhṇāti bhogadehantu pāpināṃ //

Wenn Sünde übrig bleibt, [nachdem] er mit ihm dann den Himmel genossen hat, o Zweimalgeborener, dann nimmt er den zweiten Genusskörper an, den der Sünder.

Wort für Wort
pāpe tiṣṭhati
wenn Sünde übrig bleibt
svargam bhuktam
der Himmel ist genossen
dvitīyam
den zweiten
gṛhṇāti
nimmt an
pāpinām
der Sünder

bhuktvā pāpantu vai paścādyena bhuktaṃ tripiṣṭapaṃ / śucīnāṃ śrīmatāṃ gehe svargabhraṣṭo 'bhijāyate //

Nachdem er die Sünde abgegolten hat, wird danach derjenige, der [zuerst] den Himmel (tripiṣṭapa) genossen hat, vom Himmel gestürzt, im Haus reiner und wohlhabender [Leute] geboren.

Wort für Wort
bhuktvā pāpam
die Sünde abgegolten habend
tripiṣṭapam
den Himmel
śucīnām śrīmatām gehe
im Haus der Reinen und Wohlhabenden
svarga-bhraṣṭaḥ
vom Himmel gestürzt
abhijāyate
wird geboren

puṇye tiṣṭhati cetpāpantena bhuktaṃ tadā bhavet / tasmin sambhakṣite dehe śubhaṃ gṛhṇāti vigraham //

Wenn [noch] Verdienst übrig bleibt, [nachdem] er mit ihm die Sünde abgegolten hat, dann nimmt er, wenn jener Körper verzehrt ist, eine glückvolle Gestalt an.

Wort für Wort
puṇye tiṣṭhati
wenn Verdienst übrig bleibt
pāpam tena bhuktam
die Sünde ist durch ihn abgegolten
tasmin sambhakṣite dehe
wenn jener Körper verzehrt ist
śubham vigraham
eine glückvolle Gestalt
gṛhṇāti
nimmt an

karmaṇyalpāvaśeṣe tu narakādapi mucyate / muktastu narakādyāti tiryagyoniṃ na saṃśayaḥ //

Wenn aber nur ein geringer Rest an Taten bleibt, wird er auch aus der Hölle befreit; aus der Hölle befreit gelangt er zweifellos in einen tierischen Geburtsschoß.

Wort für Wort
karmaṇi alpa-avaśeṣe
wenn wenig Tatrest bleibt
narakāt mucyate
wird aus der Hölle befreit
tiryag-yonim
in einen Tierschoß
yāti
geht
na saṃśayaḥ
zweifellos

jīvaḥ praviṣṭo garbhantu kalale 'pyatra tiṣṭhati / ghanībhūtaṃ dvitīye tu tṛtīye 'vayavāstataḥ //

Die Seele, in den Mutterleib eingetreten, verweilt hier [zuerst] im Kalala [Anm.: dem frühesten, noch flüssigen Keimzustand]; im zweiten [Monat] ist er verdichtet, im dritten dann die Glieder;

Wort für Wort
jīvaḥ praviṣṭaḥ garbham
die in den Mutterleib eingetretene Seele
kalale
im Keimzustand
ghanībhūtam
verdichtet
dvitīye
im zweiten
tṛtīye avayavāḥ
im dritten die Glieder

caturthe 'sthīni tvaṅmāṃsampañcame romasambhavaḥ / ṣaṣṭhe ceto 'tha jīvasya duḥkhaṃ vindati saptame //

im vierten die Knochen, Haut und Fleisch; im fünften entsteht die Körperbehaarung; im sechsten das Bewusstsein (cetas) der Seele; im siebten erfährt sie Leid.

Wort für Wort
caturthe asthīni
im vierten die Knochen
tvak-māṃsam
Haut und Fleisch
pañcame roma-sambhavaḥ
im fünften Entstehung der Haare
ṣaṣṭhe cetaḥ
im sechsten das Bewusstsein
duḥkham vindati
erfährt Leid

jarāyuveṣṭite dehe mūrdhni baddhāñjalis tathā / madhye klīvastu vāme strī dakṣiṇe puruṣasthitiḥ //

Im von der Eihaut umhüllten Körper [liegt er], die gefalteten Hände an den Scheitel gelegt. In der Mitte [liegt] ein Zwitter (klība), links ein Mädchen, rechts ist die Lage eines Knaben.

Wort für Wort
jarāyu-veṣṭite dehe
im von der Eihaut umhüllten Körper
mūrdhni baddha-añjaliḥ
die Hände am Scheitel gefaltet
madhye klīvaḥ
in der Mitte ein Zwitter
vāme strī
links ein Mädchen
dakṣiṇe puruṣa-sthitiḥ
rechts die Lage eines Knaben

tiṣṭhatyudarabhāge tu pṛṣṭhasyābhimukhas tathā / yasyāṃ tiṣṭhatyasau yonau tāṃ sa vetti na saṃśayaḥ //

Er verweilt im Bauchteil, dem Rücken [der Mutter] zugewandt. In welchem Geburtsschoß er sich befindet, den kennt er zweifellos.

Wort für Wort
tiṣṭhati
verweilt
udara-bhāge
im Bauchteil
pṛṣṭhasya abhimukhaḥ
dem Rücken zugewandt
yasyām yonau
in welchem Schoß
vetti
kennt

sarvañca vetti vṛttāntamārabhya narajammanaḥ / andhakārañca mahatīṃ pīḍāṃ vindati mānavaḥ //

Und er kennt die ganze Geschichte, angefangen von [seiner] menschlichen Geburt; und der Mensch erfährt Dunkelheit und großen Schmerz.

Wort für Wort
sarvam vṛttāntam
die ganze Geschichte
ārabhya
angefangen von
nara-janmanaḥ
der Menschengeburt
andhakāram
Dunkelheit
mahatīm pīḍām
großen Schmerz

narajammanaḥ Tippfehler für narajanmanaḥ.

māturāhārapītantu saptame māsyupāśnute / aṣṭame navame māsi bhṛśamudvijata tathā //

Im siebten Monat genießt er das von der Mutter Gegessene und Getrunkene; im achten und neunten Monat wird er heftig erregt.

Wort für Wort
mātuḥ āhāra-pītam
das von der Mutter Gegessene und Getrunkene
upāśnute
genießt
aṣṭame navame māsi
im achten und neunten Monat
bhṛśam udvijate
wird heftig erregt

udvijata wohl für udvijate.

vyavāye pīḍāmāpnoti māturvyāyāmake tathā / vyādhiś ca vyādhitāyāṃ syānmuhūrtaṃ śatavarṣavat //

Beim Beischlaf erfährt er Schmerz, ebenso bei körperlicher Anstrengung der Mutter; und Krankheit, wenn sie krank ist. Ein Augenblick (muhūrta) ist [ihm] wie hundert Jahre.

Wort für Wort
vyavāye
beim Beischlaf
pīḍām āpnoti
erfährt Schmerz
vyāyāmake
bei Anstrengung
vyādhitāyām
wenn sie krank ist
muhūrtam śata-varṣa-vat
ein Augenblick wie hundert Jahre

santapyate karmabhistu kurute 'tha manorathān / garbhādvinirgato brahman mokṣajñānaṃ kariṣyati //

Er wird durch die Taten gequält und hegt dann Vorsätze: ‚Aus dem Mutterleib herausgekommen, o Brahmane, werde ich [mich um] das Erlösungswissen [bemühen].‘

Wort für Wort
santapyate
wird gequält
karmabhiḥ
durch die Taten
manorathān kurute
hegt Vorsätze
garbhāt vinirgataḥ
aus dem Mutterleib herausgekommen
mokṣa-jñānam kariṣyati
wird Erlösungswissen üben

sūtivātair adhībhūto niḥsaredyoniyantrataḥ / pīḍyamāno māsamātraṃ karasparśena duḥkhitaḥ //

Von den Geburtswinden überwältigt, tritt er aus der Maschine des Geburtskanals hervor; einen Monat lang gequält, leidet er unter der Berührung der Hände.

Wort für Wort
sūti-vātaiḥ
von den Geburtswinden
abhibhūtaḥ
überwältigt
niḥsaret
tritt hervor
yoni-yantrataḥ
aus der Maschine des Geburtskanals
kara-sparśena duḥkhitaḥ
leidend unter der Berührung der Hände

adhībhūto wohl für abhibhūto.

khaśabdāt kṣudraśrotāṃsi dehe śrotraṃ viviktatā / śvāsocchāsau gatirvāyorvakrasaṃsparśanaṃ tathā //

Vom Raum (kha) her, [dessen Eigenschaft] der Schall [ist], [stammen] im Körper die feinen Kanäle, das Gehör und die Hohlräumigkeit; vom Wind Ein- und Ausatmen, Bewegung und ebenso die Berührung.

Wort für Wort
kha-śabdāt
vom Raum mit dem Schall
kṣudra-srotāṃsi
die feinen Kanäle
śrotram
das Gehör
viviktatā
Hohlräumigkeit
śvāsa-ucchvāsau
Ein- und Ausatmen
gatiḥ vāyoḥ
Bewegung (stammt) vom Wind

vakrasaṃsparśanaṃ unklar, vielleicht für ceṣṭā saṃsparśanaṃ bzw. tvak-saṃsparśanaṃ; übersetzt als „Berührung“.

agnerūpaṃ darśanaṃ syādūṣmā paṅktiś ca pittakaṃ / medhā varṇaṃ balaṃ chāyā tejaḥ śauryaṃ śarīrake //

Vom Feuer: Gestalt, Sehen, Körperwärme, Verdauung, Galle, Einsicht, Hautfarbe, Kraft, Schimmer, Glanz und Tapferkeit im Körper.

Wort für Wort
agneḥ
vom Feuer
rūpam darśanam
Gestalt, Sehen
ūṣmā
Wärme
paktiḥ
Verdauung
pittakam
Galle
medhā varṇam balam
Einsicht, Farbe, Kraft

paṅktiś wohl für paktiś (Verdauung).

jalātsvedaś ca rasanandehe vai saṃprajāyate / kledo vasā rasā takraṃ śukramūtrakaphādikaṃ //

Aus dem Wasser entstehen im Körper Schweiß und der Geschmackssinn, Feuchtigkeit, Fettflüssigkeit (vasā), Säfte, Blut [?], Samen, Urin, Schleim und dergleichen.

Wort für Wort
jalāt
aus dem Wasser
svedaḥ
Schweiß
rasanam
Geschmackssinn
kledaḥ
Feuchtigkeit
vasā
Fettflüssigkeit
śukra-mūtra-kapha-ādikam
Samen, Urin, Schleim usw.

takraṃ („Buttermilch“) ist im Kontext sinnlos, wohl verderbt aus raktaṃ.

bhūmerdhrāṇaṃ keśanakhaṃ gauravaṃ sthirato 'sthitaḥ / mātṛjāni mṛdūnyatra tvaṅmāṃsahṛdayāni ca //

Von der Erde: Geruchssinn, Haare und Nägel, Schwere, Festigkeit, Knochen. Von der Mutter stammen hier die weichen [Teile]: Haut, Fleisch und Herz,

Wort für Wort
bhūmeḥ
von der Erde
ghrāṇam
Geruchssinn
keśa-nakham
Haare und Nägel
gauravam
Schwere
mātṛjāni mṛdūni
die weichen, von der Mutter stammenden
tvak-māṃsa-hṛdayāni
Haut, Fleisch und Herz

nābhirmajjā śakṛnmedaḥ kledānyāmāśayāni ca / pitṛjāni śirāsnāyuśukrañcaivātmajāni tu //

Nabel, Mark, Kot, Fett, die feuchten [Teile] und der Magen (āmāśaya); vom Vater stammen Adern, Sehnen und Samen; vom Selbst aber stammen

Wort für Wort
nābhiḥ majjā
Nabel, Mark
śakṛt medaḥ
Kot, Fett
āmāśayāni
Magen
pitṛjāni
vom Vater stammend
śirā-snāyu-śukram
Adern, Sehnen, Samen
ātmajāni
vom Selbst stammend

kāmakrodhau bhayaṃ harṣo dharmādharmātmatā tathā / ākṛtiḥ svaravarṇau tu mehanādyaṃ tathā ca yat //

Begierde und Zorn, Furcht, Freude, Rechtschaffenheit und Unrechtschaffenheit, ebenso Gestalt, Stimme und Farbe, und was mit dem Geschlechtsteil beginnt [?].

Wort für Wort
kāma-krodhau
Begierde und Zorn
bhayam harṣaḥ
Furcht, Freude
dharma-adharma-ātmatā
Rechtschaffenheit und Unrechtschaffenheit
ākṛtiḥ
Gestalt
svara-varṇau
Stimme und Farbe
mehana-ādyam
das mit dem Geschlechtsteil Beginnende

mehanādyaṃ („Harnglied usw.“) im Kontext der vom Selbst stammenden Anlagen auffällig; Lesart unsicher.

??? / ??? //

[Text fehlt.]

Wort für Wort
???
Text fehlt

Vers im Digitalisat nur als „??? / ???“ vorhanden; nicht übersetzbar.

tāmasāni tathājñānaṃ pramādālasyatṛṭkṣudhāḥ / mohamātsaryavaiguṇyaśokāyāsabhayāni ca //

Tamas-artig sind ebenso Unwissenheit, Nachlässigkeit, Trägheit, Durst, Hunger, Verblendung, Missgunst, Mangelhaftigkeit, Kummer, Mühsal und Furcht.

Wort für Wort
tāmasāni
tamas-artig
ajñānam
Unwissenheit
pramāda-ālasya-tṛṭ-kṣudhāḥ
Nachlässigkeit, Trägheit, Durst, Hunger
moha-mātsarya
Verblendung, Missgunst
vaiguṇya
Mangelhaftigkeit
śoka-āyāsa-bhayāni
Kummer, Mühsal, Furcht

kāmakrodhau tathā śauryaṃ yajñepsā bahubhāṣitā / ahaṅkāraḥ parāvajñā rājasāni mahāmune //

Begierde und Zorn, ebenso Heldenmut, Verlangen nach Opfern, Geschwätzigkeit, Ichbewusstsein und Missachtung anderer sind rajas-artig, o großer Weiser.

Wort für Wort
kāma-krodhau
Begierde und Zorn
śauryam
Heldenmut
yajña-īpsā
Verlangen nach Opfern
bahu-bhāṣitā
Geschwätzigkeit
ahaṅkāraḥ
Ichbewusstsein
para-avajñā
Missachtung anderer

dharmepsā mokṣakāmitvaṃ parā bhaktiś ca keśave / dākṣiṇyaṃ vyavasāyitvaṃ sātvikāni vinirdiśet //

Streben nach Dharma, Verlangen nach Erlösung, höchste Hingabe an Keśava, Entgegenkommen und Entschlossenheit – diese bezeichne man als sattva-artig.

Wort für Wort
dharma-īpsā
Streben nach Dharma
mokṣa-kāmitvam
Erlösungsverlangen
parā bhaktiḥ keśave
höchste Hingabe an Keśava
dākṣiṇyam
Entgegenkommen
vyavasāyitvam
Entschlossenheit
sāttvikāni
sattva-artig

capalaḥ krodhano bhīrurbahubhāṣo kalipriyaḥ / svapne gaganagaś caiva bahuvāto naro bhavet //

Wankelmütig, jähzornig, furchtsam, geschwätzig, streitsüchtig und im Traum durch die Luft fliegend ist ein Mensch mit viel Wind (vāta).

Wort für Wort
capalaḥ
wankelmütig
krodhanaḥ
jähzornig
bhīruḥ
furchtsam
kali-priyaḥ
streitsüchtig
svapne gagana-gaḥ
im Traum durch die Luft gehend
bahu-vātaḥ
mit viel Wind

akālapalitaḥ krordho mahāprājño raṇapriyaḥ / svapne ca dīptimatprekṣī bahupitto naro bhavet //

Vorzeitig ergraut, zornig, sehr klug, kampflustig und im Traum Glänzendes erblickend ist ein Mensch mit viel Galle.

Wort für Wort
akāla-palitaḥ
vorzeitig ergraut
krodhī
zornig
mahā-prājñaḥ
sehr klug
raṇa-priyaḥ
kampflustig
dīptimat-prekṣī
Glänzendes erblickend
bahu-pittaḥ
mit viel Galle

krordho Tippfehler für krodhī bzw. krodho.

sthiramitraḥ sthirotsāhaḥ sthirāṅgo draviṇānvitaḥ / svapne jalasitālokī bahuśle ṣmā naro bhavet //

Beständig in der Freundschaft, beständig im Eifer, mit festen Gliedern, mit Reichtum versehen und im Traum Wasser und Weißes erblickend ist ein Mensch mit viel Schleim.

Wort für Wort
sthira-mitraḥ
beständig in der Freundschaft
sthira-utsāhaḥ
beständig im Eifer
sthira-aṅgaḥ
mit festen Gliedern
draviṇa-anvitaḥ
mit Reichtum versehen
jala-sita-ālokī
Wasser und Weißes erblickend
bahu-śleṣmā
mit viel Schleim

bahuśle ṣmā Trennfehler für bahuśleṣmā.

rasastu prāṇināṃ dehe jīvanaṃ rudhiraṃ tathā / lepanañca tathā māṃsamedhasnehakarantu tat //

Der Nahrungssaft (rasa) im Körper der Lebewesen und ebenso das Blut [bewirken] das Leben; das Fleisch [bewirkt] das Umhüllen; das Fett ist das, was Öligkeit bewirkt.

Wort für Wort
rasaḥ
der Nahrungssaft
jīvanam
Leben
rudhiram
Blut
lepanam māṃsam
Fleisch (bewirkt) Umhüllung
medaḥ sneha-karam
Fett bewirkt Öligkeit

medha wohl für medas.

dhāraṇantv asthi majjā syātpūraṇaṃ vīryavardhanaṃ / śukravīryakaraṃ hy ojaḥ prāṇakṛjjīvasaṃsthitiḥ //

Der Knochen [bewirkt] das Tragen, das Mark das Ausfüllen [und] die Mehrung der Potenz; der Samen bewirkt Zeugungskraft; das Ojas bewirkt Lebenskraft [und ist] der Bestand des Lebens.

Wort für Wort
dhāraṇam asthi
Knochen (bewirkt) Tragen
majjā pūraṇam
Mark (bewirkt) Ausfüllen
śukram vīrya-karam
Samen bewirkt Zeugungskraft
ojaḥ
Lebensessenz
prāṇa-kṛt
Lebenskraft bewirkend
jīva-saṃsthitiḥ
Bestand des Lebens

ojaḥ śukrāt sārataramāpītaṃ hṛdayopagaṃ / ṣaḍaṅgaśakthinī bāhurmūrdhā jaṭharamīritaṃ //

Das Ojas ist noch essenzhafter als der Samen, gelblich, im Herzen befindlich. Als die sechs Glieder werden genannt: die beiden Schenkel, die Arme, der Kopf und der Bauch.

Wort für Wort
ojaḥ
Lebensessenz
śukrāt sāra-taram
essenzhafter als Samen
āpītam
gelblich
hṛdaya-upagam
im Herzen befindlich
ṣaṭ-aṅga
die sechs Glieder
sakthinī bāhuḥ mūrdhā jaṭharam
Schenkel, Arme, Kopf, Bauch

śakthinī für sakthinī.

ṣaṭtvacā vāhyato yadvadanyā rudhiradhārikā / vilāsadhāriṇī cānyā caturthī kuṇḍadhāriṇī //

Sechs Hautschichten [gibt es]: die äußerste so wie [sie ist]; eine andere ist blutführend, eine andere vilāsa-tragend [?], die vierte kuṇḍa-tragend [?],

Wort für Wort
ṣaṭ tvacāḥ
sechs Hautschichten
bāhyataḥ
die äußere
rudhira-dhārikā
blutführend
vilāsa-dhāriṇī
vilāsa-tragend (?)
caturthī kuṇḍa-dhāriṇī
die vierte kuṇḍa-tragend (?)

vilāsadhāriṇī und kuṇḍadhāriṇī sind wohl verderbte Namen der Hautschichten; Bedeutung unsicher.

pañcamī vidradhisthānaṃ ṣaṣṭhī prāṇadharā matā / kalāsaptamau māṃsadharā dvitīyā raktadhāriṇī //

die fünfte ist der Sitz des Abszesses (vidradhi), die sechste gilt als die lebenstragende. Von den sieben Membranen (kalā) ist [die erste] die fleischtragende, die zweite die bluttragende,

Wort für Wort
pañcamī
die fünfte
vidradhi-sthānam
Sitz des Abszesses
prāṇa-dharā
lebenstragend
kalāḥ sapta
sieben Membranen
māṃsa-dharā
fleischtragend
rakta-dhāriṇī
bluttragend

kalāsaptamau verderbt, wohl kalāḥ sapta; aufgelöst als „von den sieben kalā“.

yakṛtplīhāśrayā cānyā medodharāsthidhāriṇī / majjāśleṣmapurīṣāṇāṃ dharā pakvāśayasthitā / ṣaṣṭhī pittadharā śukradharā śukrāśayāparā //

eine andere hat Leber und Milz als Sitz; [weitere sind] die fetttragende, die knochentragende, die Mark, Schleim und Kot tragende, im Darm für Verdautes (pakvāśaya) befindliche; die sechste ist die galletragende, eine weitere die samentragende, im Samenbehälter befindliche.

Wort für Wort
yakṛt-plīha-āśrayā
Leber und Milz als Sitz habend
medo-dharā
fetttragend
asthi-dhāriṇī
knochentragend
majjā-śleṣma-purīṣāṇām dharā
Mark, Schleim und Kot tragend
pakva-āśaya-sthitā
im Darm für Verdautes befindlich
śukra-dharā
samentragend

Die Aufzählung der sieben kalā ist nicht ganz stimmig (Zählung „sechste“ und Zahl der Glieder weichen ab).

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