Kapitel 368: ātyantikalayagarbhotpattinirūpaṇam
Darlegung der endgültigen Auflösung und der Entstehung des Embryos
Agni beschreibt das dreifache Leid als Anlass zur endgültigen Auflösung durch Erkenntnis, den Weg der Seele nach dem Tod über Übergangs-, Totengeist- und Genusskörper sowie die Wiedergeburt. Es folgen die Monate der Embryonalentwicklung, die Herkunft der Körperbestandteile aus Elementen, Mutter, Vater und Selbst, die Guṇa-Eigenschaften, die drei Konstitutionstypen, die Körpergewebe sowie Hautschichten und Membranen (kalā). Vers 34 fehlt im Digitalisat („???“); mehrere Stellen (V. 5, 7, 28, 30, 44-46) sind verderbt.
Agni sprach: Ich werde die endgültige Auflösung (ātyantika laya) darlegen. Aus Erkenntnis [entsteht] die endgültige Auflösung, wenn man das Leid, beginnend mit dem innerlich bedingten (ādhyātmika), erkannt hat, infolge der eigenen Leidenschaftslosigkeit.
Das innerlich bedingte Leid aber ist zweifach: körperlich und seelisch. Das körperliche Leid [zerfällt] in viele Arten; es möge gehört werden, o Zweimalgeborener.
Nachdem die Seele (jīva) den Genusskörper verlassen hat, gelangt sie durch die Taten [wieder] in einen Mutterleib; [zuvor] aber entsteht fürwahr ein Körper, der ‚ātivāhika‘ [Anm.: der ‚hinüberführende‘ Übergangskörper] heißt, o Zweimalgeborener.
Nur bei den Menschen [entsteht] er, wenn die Todesstunde gekommen ist; von Yamas Männern wird dieser Körper der Menschen, o Bester der Zweimalgeborenen,
pūraṇīyāś ca tenaiva yamañcaivānupaśyatāṃ / vāyubhūtāḥ prāṇinaś ca garbhante prāpnuvanti hi //
Und durch eben ihn sind [ihre Geschicke] zu erfüllen, während sie Yama anschauen [?]; und die Lebewesen, zu Wind geworden, gelangen fürwahr in den Mutterleib.
Wort für Wort
pūraṇīyāḥ
zu erfüllen
tena eva
durch eben ihn
yamam anupaśyatām
Yama anschauend
vāyu-bhūtāḥ
zu Wind geworden
garbham prāpnuvanti
gelangen in den Mutterleib
Text unklar: pūraṇīyāś ca … anupaśyatāṃ ist syntaktisch schwer anzuschließen; garbhante wohl für garbhaṃ te.
verweilend, bringt er [die Zeit] hin, o Pflichtkundiger, dann die dargebrachten Kloßspenden verzehrend. Nachdem er diesen verlassen hat, erlangt er einen anderen, den Totengeist-Körper (preta-deha), in der Welt der Totengeister,
Wort für Wort
tiṣṭhan
verweilend
datta-piṇḍa-aśanaḥ
die gegebenen Klöße essend
tam tyaktvā
ihn verlassen habend
preta-deham
den Totengeist-Körper
prāpya
erlangt habend
preta-lokataḥ
in der Totengeisterwelt
tanyaktvā wohl für taṃ tyaktvā; nayati hier wohl im Sinn von „verbringt (die Zeit)“.
[und dort] wohnt der Mensch, von Hunger und Durst geplagt, die Speise des Āma-Śrāddha [Anm.: Totenopfer mit ungekochter Speise] genießend. Denn ohne die Totengeist-Klöße gelangt der Mensch aus dem ātivāhika-Körper
na hi mokṣamavāpnoti piṇḍāṃstatraiva so 'śrute / kṛte sapiṇḍīkaraṇe naraḥ saṃvatsarātparaṃ //
nicht zur Befreiung; eben dort genießt er die Klöße. Wenn nach einem Jahr die Sapiṇḍīkaraṇa [Anm.: Aufnahme des Verstorbenen unter die Ahnen] vollzogen ist,
gibt der Mensch den Totengeist-Körper auf und erlangt den Genusskörper. Zwei Genusskörper werden genannt, der ‚unheilvoll‘ und der ‚heilvoll‘ geheißene.
bhuktvā tu bhogadehena karmabandhānnipātyate / taṃ dehaṃ paratastasmādbhakṣayanti niśācarāḥ //
Nachdem er mit dem Genusskörper [die Früchte] genossen hat, wird er aus der Fessel der Taten herabgestürzt [?]; jenen Körper fressen danach die Nachtwandler.
pāpe tiṣṭhati cet svargaṃ tena bhuktaṃ tadā dvija / tadā dvitīyaṃ gṛhṇāti bhogadehantu pāpināṃ //
Wenn Sünde übrig bleibt, [nachdem] er mit ihm dann den Himmel genossen hat, o Zweimalgeborener, dann nimmt er den zweiten Genusskörper an, den der Sünder.
Nachdem er die Sünde abgegolten hat, wird danach derjenige, der [zuerst] den Himmel (tripiṣṭapa) genossen hat, vom Himmel gestürzt, im Haus reiner und wohlhabender [Leute] geboren.
Wenn [noch] Verdienst übrig bleibt, [nachdem] er mit ihm die Sünde abgegolten hat, dann nimmt er, wenn jener Körper verzehrt ist, eine glückvolle Gestalt an.
karmaṇyalpāvaśeṣe tu narakādapi mucyate / muktastu narakādyāti tiryagyoniṃ na saṃśayaḥ //
Wenn aber nur ein geringer Rest an Taten bleibt, wird er auch aus der Hölle befreit; aus der Hölle befreit gelangt er zweifellos in einen tierischen Geburtsschoß.
Die Seele, in den Mutterleib eingetreten, verweilt hier [zuerst] im Kalala [Anm.: dem frühesten, noch flüssigen Keimzustand]; im zweiten [Monat] ist er verdichtet, im dritten dann die Glieder;
im vierten die Knochen, Haut und Fleisch; im fünften entsteht die Körperbehaarung; im sechsten das Bewusstsein (cetas) der Seele; im siebten erfährt sie Leid.
Im von der Eihaut umhüllten Körper [liegt er], die gefalteten Hände an den Scheitel gelegt. In der Mitte [liegt] ein Zwitter (klība), links ein Mädchen, rechts ist die Lage eines Knaben.
Beim Beischlaf erfährt er Schmerz, ebenso bei körperlicher Anstrengung der Mutter; und Krankheit, wenn sie krank ist. Ein Augenblick (muhūrta) ist [ihm] wie hundert Jahre.
Er wird durch die Taten gequält und hegt dann Vorsätze: ‚Aus dem Mutterleib herausgekommen, o Brahmane, werde ich [mich um] das Erlösungswissen [bemühen].‘
Von den Geburtswinden überwältigt, tritt er aus der Maschine des Geburtskanals hervor; einen Monat lang gequält, leidet er unter der Berührung der Hände.
Vom Raum (kha) her, [dessen Eigenschaft] der Schall [ist], [stammen] im Körper die feinen Kanäle, das Gehör und die Hohlräumigkeit; vom Wind Ein- und Ausatmen, Bewegung und ebenso die Berührung.
Wort für Wort
kha-śabdāt
vom Raum mit dem Schall
kṣudra-srotāṃsi
die feinen Kanäle
śrotram
das Gehör
viviktatā
Hohlräumigkeit
śvāsa-ucchvāsau
Ein- und Ausatmen
gatiḥ vāyoḥ
Bewegung (stammt) vom Wind
vakrasaṃsparśanaṃ unklar, vielleicht für ceṣṭā saṃsparśanaṃ bzw. tvak-saṃsparśanaṃ; übersetzt als „Berührung“.
jalātsvedaś ca rasanandehe vai saṃprajāyate / kledo vasā rasā takraṃ śukramūtrakaphādikaṃ //
Aus dem Wasser entstehen im Körper Schweiß und der Geschmackssinn, Feuchtigkeit, Fettflüssigkeit (vasā), Säfte, Blut [?], Samen, Urin, Schleim und dergleichen.
Wort für Wort
jalāt
aus dem Wasser
svedaḥ
Schweiß
rasanam
Geschmackssinn
kledaḥ
Feuchtigkeit
vasā
Fettflüssigkeit
śukra-mūtra-kapha-ādikam
Samen, Urin, Schleim usw.
takraṃ („Buttermilch“) ist im Kontext sinnlos, wohl verderbt aus raktaṃ.
kāmakrodhau bhayaṃ harṣo dharmādharmātmatā tathā / ākṛtiḥ svaravarṇau tu mehanādyaṃ tathā ca yat //
Begierde und Zorn, Furcht, Freude, Rechtschaffenheit und Unrechtschaffenheit, ebenso Gestalt, Stimme und Farbe, und was mit dem Geschlechtsteil beginnt [?].
Wort für Wort
kāma-krodhau
Begierde und Zorn
bhayam harṣaḥ
Furcht, Freude
dharma-adharma-ātmatā
Rechtschaffenheit und Unrechtschaffenheit
ākṛtiḥ
Gestalt
svara-varṇau
Stimme und Farbe
mehana-ādyam
das mit dem Geschlechtsteil Beginnende
mehanādyaṃ („Harnglied usw.“) im Kontext der vom Selbst stammenden Anlagen auffällig; Lesart unsicher.
Beständig in der Freundschaft, beständig im Eifer, mit festen Gliedern, mit Reichtum versehen und im Traum Wasser und Weißes erblickend ist ein Mensch mit viel Schleim.
Der Nahrungssaft (rasa) im Körper der Lebewesen und ebenso das Blut [bewirken] das Leben; das Fleisch [bewirkt] das Umhüllen; das Fett ist das, was Öligkeit bewirkt.
Der Knochen [bewirkt] das Tragen, das Mark das Ausfüllen [und] die Mehrung der Potenz; der Samen bewirkt Zeugungskraft; das Ojas bewirkt Lebenskraft [und ist] der Bestand des Lebens.
Das Ojas ist noch essenzhafter als der Samen, gelblich, im Herzen befindlich. Als die sechs Glieder werden genannt: die beiden Schenkel, die Arme, der Kopf und der Bauch.
Sechs Hautschichten [gibt es]: die äußerste so wie [sie ist]; eine andere ist blutführend, eine andere vilāsa-tragend [?], die vierte kuṇḍa-tragend [?],
Wort für Wort
ṣaṭ tvacāḥ
sechs Hautschichten
bāhyataḥ
die äußere
rudhira-dhārikā
blutführend
vilāsa-dhāriṇī
vilāsa-tragend (?)
caturthī kuṇḍa-dhāriṇī
die vierte kuṇḍa-tragend (?)
vilāsadhāriṇī und kuṇḍadhāriṇī sind wohl verderbte Namen der Hautschichten; Bedeutung unsicher.
die fünfte ist der Sitz des Abszesses (vidradhi), die sechste gilt als die lebenstragende. Von den sieben Membranen (kalā) ist [die erste] die fleischtragende, die zweite die bluttragende,
Wort für Wort
pañcamī
die fünfte
vidradhi-sthānam
Sitz des Abszesses
prāṇa-dharā
lebenstragend
kalāḥ sapta
sieben Membranen
māṃsa-dharā
fleischtragend
rakta-dhāriṇī
bluttragend
kalāsaptamau verderbt, wohl kalāḥ sapta; aufgelöst als „von den sieben kalā“.
eine andere hat Leber und Milz als Sitz; [weitere sind] die fetttragende, die knochentragende, die Mark, Schleim und Kot tragende, im Darm für Verdautes (pakvāśaya) befindliche; die sechste ist die galletragende, eine weitere die samentragende, im Samenbehälter befindliche.
Wort für Wort
yakṛt-plīha-āśrayā
Leber und Milz als Sitz habend
medo-dharā
fetttragend
asthi-dhāriṇī
knochentragend
majjā-śleṣma-purīṣāṇām dharā
Mark, Schleim und Kot tragend
pakva-āśaya-sthitā
im Darm für Verdautes befindlich
śukra-dharā
samentragend
Die Aufzählung der sieben kalā ist nicht ganz stimmig (Zählung „sechste“ und Zahl der Glieder weichen ab).