Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 234: prātyahikarājakarma Die täglichen Pflichten des Königs

Puṣkara beschreibt den Tagesablauf des Königs vom Erwachen vor Sonnenaufgang über Bad, Opfer, Audienz, Rechtsprechung und geheime Beratung bis zu Übungen, Mahlzeit, Inspektionen und Rückzug ins Frauengemach. Besonders betont wird die Wahrung des Beratungsgeheimnisses. Das Kolophon nennt das Kapitel ājasrikam; einige Wörter sind verderbt (V. 5, 14, 15, 17).

puṣkara uvāca | ajasraṃ karma vakṣyāmi dinaṃ prati yadācaret / dvimuhūrtāvaśeṣāyāṃ rātrau nidrāntyajennṛpaḥ //

Puṣkara sprach: Ich werde die beständige Tätigkeit erklären, die [der König] Tag für Tag ausüben soll. Wenn von der Nacht noch zwei Muhūrtas übrig sind, soll der König den Schlaf verlassen.

Wort für Wort
ajasram karma
beständige (tägliche) Tätigkeit
dinam prati
Tag für Tag
dvi-muhūrta-avaśeṣāyām rātrau
wenn zwei Muhūrtas der Nacht übrig sind
nidrām tyajet
soll den Schlaf verlassen
nṛpaḥ
der König

ajasraṃ; Kolophon: ājasrikam.

vādyavandisvanair gītaiḥ paśyed gūḍhāṃstato narān / vijñāyate na ye lokāstadīyā iti kenacit //

Unter den Klängen von Instrumenten und Lobsängern und bei Gesängen soll er darauf die geheimen Leute (Späher) empfangen, von denen niemand weiß, dass sie die Seinen sind.

Wort für Wort
vādya-vandi-svanaiḥ
mit Klängen von Musik und Lobsängern
gītaiḥ
mit Gesängen
paśyet gūḍhān narān
soll die geheimen Leute sehen
na vijñāyante
werden nicht erkannt
tadīyāḥ iti
als die Seinen

āyavyayasya śravaṇaṃ tataḥ kāryaṃ yathāvidhi / vegotsargaṃ tataḥ kṛtvā rājā snānagṛhaṃ vrajet //

Danach ist die Anhörung über Einnahmen und Ausgaben nach Vorschrift vorzunehmen. Nachdem der König dann seine Notdurft verrichtet hat, soll er ins Badehaus gehen.

Wort für Wort
āya-vyayasya śravaṇam
Anhören von Einnahmen und Ausgaben
yathā-vidhi
nach Vorschrift
vega-utsargam kṛtvā
nach Verrichtung der Notdurft
snāna-gṛham
Badehaus
vrajet
soll gehen

snānaṃ kuryānnṛpaḥ paścāddantadhāvanapūrvakaṃ / kṛtvā sandhyāntato japyaṃ vāsudevaṃ prapūjayet //

Danach soll der König baden, nachdem er zuvor die Zähne gereinigt hat. Nachdem er die Dämmerungsandacht (sandhyā) und danach die Gebetsmurmelung vollzogen hat, soll er Vāsudeva verehren.

Wort für Wort
snānam kuryāt
soll baden
danta-dhāvana-pūrvakam
nach vorheriger Zahnreinigung
kṛtvā sandhyām
nach der Dämmerungsandacht
japyam
Gebetsmurmeln
vāsudevam prapūjayet
soll Vāsudeva verehren

vahnau pavitrān juhuyāt tarpayedudakaiḥ pitṝn / dadyātsakāñcīṃ dhenuṃ dvijāśīrvādasaṃyutaḥ //

Ins Feuer soll er reinigende [Gaben] opfern, die Ahnen mit Wasserspenden sättigen und, begleitet von den Segenswünschen der Brahmanen, eine Kuh samt Gold [?] schenken.

Wort für Wort
vahnau pavitrān juhuyāt
soll Reinigendes ins Feuer opfern
tarpayet udakaiḥ pitṝn
soll die Ahnen mit Wasser sättigen
sa-kāñcanām dhenum
Kuh mit Gold
dadyāt
soll schenken
dvija-āśīrvāda-saṃyutaḥ
mit Segen der Brahmanen

sakāñcīṃ (‚mit Gürtel‘) wohl für sakāñcanāṃ (‚mit Gold‘).

anulipto 'laṅkṛtaś ca mukhaṃ paśyecca darpaṇe / sasuvarṇe dhṛte rājā śṛṇuyāddivasādikaṃ //

Gesalbt und geschmückt soll er sein Gesicht im Spiegel betrachten; [den Spiegel] zusammen mit Gold haltend, soll der König [die Angaben über] den Tag usw. [Anm.: Kalenderdaten] anhören.

Wort für Wort
anuliptaḥ alaṅkṛtaḥ
gesalbt und geschmückt
mukham darpaṇe
das Gesicht im Spiegel
sa-suvarṇe dhṛte
mit Gold gehalten
śṛṇuyāt
soll hören
divasa-ādikam
den Tag usw.

auṣadhaṃ bhiṣajoktaṃ ca maṅgalālambhanañcaret / paśced guruṃ tena dattāśīrvado 'tha vrajetsabhāṃ //

Er soll die vom Arzt verordnete Arznei [nehmen] und die Berührung glückverheißender Dinge vollziehen; er soll den Lehrer aufsuchen und, nachdem dieser ihm den Segen erteilt hat, sich in die Versammlungshalle begeben.

Wort für Wort
auṣadham bhiṣaja-uktam
vom Arzt verordnete Arznei
maṅgala-ālambhanam
Berühren von Glückbringendem
paśyet gurum
soll den Lehrer sehen
datta-āśīrvādaḥ
mit erteiltem Segen
vrajet sabhām
soll in die Halle gehen

paśced für paśyed; dattāśīrvado für dattāśīrvādo.

tatrastho brāhmaṇān paśyedamātyānmantriṇas tathā / prakṛtīś ca mahābhāga pratīhāraniveditāḥ //

Dort sitzend soll er die Brahmanen, die Minister und ebenso die Ratgeber empfangen, und die Untertanen, o Hochbeglückter, die vom Türhüter angemeldet werden.

Wort für Wort
tatra-sthaḥ
dort befindlich
brāhmaṇān amātyān mantriṇaḥ
Brahmanen, Minister, Räte
prakṛtīḥ
die Untertanen
mahā-bhāga
o Hochbeglückter
pratīhāra-niveditāḥ
vom Türhüter gemeldet

śrutvetihāsaṃ kāryāṇi kāryāṇāṃ kāryanirṇayam / vyavahārantataḥ paśyenmantraṃ kuryāttu mantribhiḥ //

Nachdem er Itihāsa (Überlieferung) gehört hat, [soll er] die Geschäfte [erledigen] und die Entscheidung über die anstehenden Angelegenheiten [treffen]; danach soll er die Rechtsfälle prüfen und mit den Ratgebern Beratung halten.

Wort für Wort
śrutvā itihāsam
nach Anhören der Überlieferung
kāryāṇi
die Geschäfte
kārya-nirṇayam
Entscheidung der Angelegenheiten
vyavahāram paśyet
soll Rechtsfälle prüfen
mantram kuryāt mantribhiḥ
soll mit den Räten beraten

naikena sahitaḥ kuryānna kuryādbahubhiḥ saha / na ca mūrkhair nacānāptair guptaṃ na prakaṭaṃ caret //

Er soll [die Beratung] nicht mit einem allein halten und nicht mit vielen, nicht mit Toren und nicht mit Unzuverlässigen; Geheimes soll er nicht öffentlich betreiben.

Wort für Wort
na ekena sahitaḥ
nicht mit einem allein
na bahubhiḥ saha
nicht mit vielen
na mūrkhaiḥ
nicht mit Toren
na anāptaiḥ
nicht mit Unzuverlässigen
guptam na prakaṭam caret
Geheimes nicht öffentlich betreiben

mantraṃ svadhiṣṭhitaṃ kuryādyena rāṣṭraṃ na bādhate / ākāragrahaṇe rājño mantrarakṣā parā matā //

Er soll die Beratung wohlgesichert führen, so dass sie dem Reich nicht schadet. Die Beherrschung der Miene [Anm.: wörtl. das Festhalten des Ausdrucks] gilt beim König als höchster Schutz der Beratung.

Wort für Wort
mantram su-adhiṣṭhitam
wohlgesicherte Beratung
yena rāṣṭram na bādhate
wodurch das Reich nicht leidet
ākāra-grahaṇe
beim Festhalten der Miene
mantra-rakṣā
Schutz der Beratung
parā matā
gilt als höchste

ākārair iṅgitaiḥ prajñā mantraṃ gṛhṇanti paṇḍitāḥ / sāṃvatsarāṇāṃ vaidyānāṃ mantriṇāṃ vacane rataḥ //

Denn aus Mienen und Gebärden erschließen kluge Gelehrte die Beratung. Den Worten der Astrologen, Ärzte und Ratgeber zugetan,

Wort für Wort
ākāraiḥ iṅgitaiḥ
aus Mienen und Gebärden
prājñāḥ paṇḍitāḥ
kluge Gelehrte
mantram gṛhṇanti
erfassen den Rat
sāṃvatsarāṇām vaidyānām mantriṇām
der Astrologen, Ärzte, Räte
vacane rataḥ
dem Wort zugetan

rājā vibhūtimāpnoti dhārayanti nṛpaṃ hi te / mantraṃ kṛtvātha vyāyāmañcakre yāne ca śastrake //

erlangt der König Wohlstand; denn sie sind es, die den König tragen. Nach der Beratung übte er sich dann körperlich auf dem Wagen und mit Waffen.

Wort für Wort
vibhūtim āpnoti
erlangt Wohlstand
dhārayanti nṛpam
tragen den König
mantram kṛtvā
nach der Beratung
vyāyāmam cakre
übte sich körperlich
yāne śastrake
auf dem Wagen, mit Waffen

niḥsattvādau nṛpaḥ snātaḥ paśyedviṣṇuṃ supūjitaṃ / hutañca pāvakaṃ paśyedviprān paśyetsupūjitān //

Wenn er ermattet ist [?], soll der König, gebadet, den wohlverehrten Viṣṇu betrachten; er soll das mit Opfern bedachte Feuer betrachten und die wohlgeehrten Brahmanen.

Wort für Wort
niḥsattva-ādau
bei Erschöpfung usw. [?]
snātaḥ
gebadet
viṣṇum supūjitam
den wohlverehrten Viṣṇu
hutam pāvakam
das beopferte Feuer
viprān supūjitān
die wohlgeehrten Brahmanen

niḥsattvādau unklar; vielleicht ‚bei Erschöpfung usw.‘.

bhūṣito bhojanaṅkuryād dānādyaiḥ suparīkṣitaṃ / bhuktvā gṛhītatāmbūlo vāmapārśvena saṃsthitaḥ //

Geschmückt soll er die Mahlzeit einnehmen, die durch Gaben usw. [?] wohlgeprüft ist. Nach dem Essen soll er, Betel genommen, auf der linken Seite ruhend,

Wort für Wort
bhūṣitaḥ
geschmückt
bhojanam kuryāt
soll speisen
su-parīkṣitam
wohlgeprüft
gṛhīta-tāmbūlaḥ
mit genommenem Betel
vāma-pārśvena saṃsthitaḥ
auf der linken Seite liegend

dānādyaiḥ unklar; Prüfung der Speise (auf Gift) gemeint.

śāstrāṇi cintayed dṛṣṭvā yodhān koṣṭhāyudhaṃ gṛhaṃ / anvāsya paścimāṃ sandhyāṃ kāryāṇi ca vicintya tu //

über die Lehrwerke nachsinnen. Nachdem er die Krieger, die Vorratskammer und das Zeughaus besichtigt, die Abenddämmerungsandacht verrichtet und die Geschäfte überdacht hat,

Wort für Wort
śāstrāṇi cintayet
soll über die Lehrwerke nachdenken
dṛṣṭvā yodhān
die Krieger besichtigt
koṣṭha-āyudham gṛham
Vorratskammer und Waffenhaus
anvāsya paścimām sandhyām
nach der Abenddämmerungsandacht
kāryāṇi vicintya
die Geschäfte überdacht

carān sampreṣya bhuktānnamantaḥpuracaro bhavet / vādyagītair akṣito 'nyair evannityañcarennṛpaḥ //

Späher ausgesandt und das Mahl verzehrt hat, soll er sich ins Frauengemach begeben, bei Musik und Gesang, von anderen beschützt. So soll der König beständig verfahren.

Wort für Wort
carān sampreṣya
Späher aussendend
bhukta-annam
nach dem Mahl
antaḥpura-caraḥ
im Frauengemach weilend
vādya-gītaiḥ
bei Musik und Gesang
rakṣitaḥ anyaiḥ
von anderen beschützt
evam nityam caret
so verfahre er stets

akṣito für rakṣito.

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