Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 371: yamaniyamāḥ Die Gebote und Regeln (Yama und Niyama)

Agni beginnt die Lehre vom achtgliedrigen Yoga mit der Definition von Erkenntnis und Yoga und erläutert die fünf Yamas (Nichtverletzen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Keuschheit, Besitzlosigkeit) sowie die Niyamas (Reinheit, Zufriedenheit, Askese, Selbststudium, Gottesverehrung). Ausführlich behandelt werden die zehn Arten des Verletzens, die acht Glieder des Geschlechtsverkehrs und die Silbe Oṃ mit ihren Entsprechungen, Anwendungsangaben, Handauflegung (nyāsa) und Murmelzahlen. Es gibt kleinere Digitalisierungsfehler (z. B. gṛjjalābhyāṃ, detadekākṣaraṃ).

agnir uvāca | saṃsāratāpamuktyarthaṃ vakṣyāmy aṣṭāṅgayogakaṃ / brahmaprakāśakaṃ jñānaṃ yogastatraikacittatā //

Agni sprach: Zur Befreiung von der Glut des Saṃsāra werde ich den achtgliedrigen Yoga darlegen. Erkenntnis ist das, was das Brahman erhellt; Yoga ist dabei die Einspitzigkeit des Geistes

Wort für Wort
saṃsāra-tāpa-mukti-artham
zur Befreiung von der Glut des Saṃsāra
aṣṭa-aṅga-yogakam
den achtgliedrigen Yoga
brahma-prakāśakam jñānam
Erkenntnis, die das Brahman erhellt
eka-cittatā
Einspitzigkeit des Geistes

cittavṛttirnirodhaś ca jīvabrahmātmanoḥ paraḥ / ahiṃsā satyamasteyaṃ brahmacaryāparigrahau //

und die Unterdrückung der Geistesbewegungen, die höchste [Verbindung] von Einzelseele und Brahman-Selbst. Nichtverletzen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Keuschheit und Besitzlosigkeit

Wort für Wort
citta-vṛtti-nirodhaḥ
Unterdrückung der Geistesbewegungen
jīva-brahma-ātmanoḥ
von Einzelseele und Brahman-Selbst
ahiṃsā
Nichtverletzen
satyam asteyam
Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen
brahmacarya-aparigrahau
Keuschheit und Besitzlosigkeit

yamāḥ pañca smṛtā niyamādbhuktimuktidāḥ / śaucaṃ santoṣatapasī svādhyāyeśvarapūjane //

gelten als die fünf Yamas; [ebenso fünf] Niyamas, die Genuss und Erlösung gewähren: Reinheit, Zufriedenheit und Askese, Selbststudium und Verehrung Gottes.

Wort für Wort
yamāḥ pañca
fünf Yamas
niyamāḥ
Niyamas
bhukti-mukti-dāḥ
Genuss und Erlösung gewährend
śaucam santoṣa-tapasī
Reinheit, Zufriedenheit und Askese
svādhyāya-īśvara-pūjane
Selbststudium und Gottesverehrung

niyamād wohl für niyamā.

bhūtāpīḍā hy ahiṃsā syādahiṃsā dharma uttamaḥ / yathā gajapade 'nyāni padāni pathagāmināṃ //

Nichtverletzen ist das Nicht-Quälen der Wesen; Nichtverletzen ist die höchste Pflicht. Wie in der Fußspur des Elefanten die anderen Fußspuren derer, die den Weg gehen, [aufgehen],

Wort für Wort
bhūta-apīḍā
Nicht-Quälen der Wesen
dharmaḥ uttamaḥ
höchste Pflicht
gaja-pade
in der Fußspur des Elefanten
anyāni padāni
die anderen Fußspuren
patha-gāminām
der Weggehenden

evaṃ sarvamahiṃsāyāṃ dharmārthamabhidhīyate / udvegajananaṃ hiṃsā santāpakaraṇantathā //

so ist alles, was um des Dharma willen gelehrt wird, im Nichtverletzen [enthalten]. Verletzen ist das Hervorrufen von Angst, ebenso das Zufügen von Qual,

Wort für Wort
sarvam ahiṃsāyām
alles im Nichtverletzen
dharma-artham abhidhīyate
wird um des Dharma willen gelehrt
udvega-jananam
Angst hervorrufen
hiṃsā
Verletzen
santāpa-karaṇam
Qual zufügen

rukkṛtiḥ śonitakṛtiḥ paiśunyakaraṇantathā / hitasyātiniṣedhaś ca marmodghāṭanameva ca //

das Verursachen von Krankheit, das Vergießen von Blut, das Verleumden, das übermäßige Vorenthalten von Heilsamem, das Aufdecken wunder Punkte,

Wort für Wort
ruk-kṛtiḥ
Verursachen von Krankheit
śoṇita-kṛtiḥ
Blutvergießen
paiśunya-karaṇam
Verleumden
hitasya atiniṣedhaḥ
übermäßiges Vorenthalten des Heilsamen
marma-udghāṭanam
Aufdecken wunder Punkte

śonita für śoṇita.

sukhāpahnutiḥ saṃrodho badho daśavithā ca sā / yadbhūtahitamatyantaṃ vacaḥ satyasya lakṣaṇaṃ //

das Entziehen von Glück, das Einsperren und das Töten: zehnfach ist es. Rede, die den Wesen äußerst heilsam ist, ist das Kennzeichen der Wahrheit.

Wort für Wort
sukha-apahnutiḥ
Entziehen von Glück
saṃrodhaḥ
Einsperren
vadhaḥ
Töten
daśavidhā
zehnfach
bhūta-hitam atyantam vacaḥ
den Wesen äußerst heilsame Rede
satyasya lakṣaṇam
Kennzeichen der Wahrheit

badho für vadho, daśavithā für daśavidhā.

satyaṃ brūyātpriyaṃ brūyānna brūyātsatyamapriyaṃ / priyañca nānṛtaṃ brūyādeṣa dharmaḥ sanātanaḥ //

Man sage Wahres, man sage Angenehmes; man sage nicht Wahres, das unangenehm ist, und man sage nicht Angenehmes, das unwahr ist: das ist das ewige Gesetz.

Wort für Wort
satyam brūyāt
man sage Wahres
priyam brūyāt
man sage Angenehmes
na brūyāt satyam apriyam
man sage nicht unangenehme Wahrheit
priyam na anṛtam
nicht angenehme Unwahrheit
dharmaḥ sanātanaḥ
ewiges Gesetz

maithunasya parityāgo brahmacaryantadaṣṭadhā / smaraṇaṃ kīrtanaṃ keliḥ prekṣyaṇaṃ guhyabhāṣaṇaṃ //

Das Aufgeben des Geschlechtsverkehrs ist Keuschheit; dieser ist achtfach: Erinnern, Rühmen, Spiel, Betrachten, heimliches Gespräch,

Wort für Wort
maithunasya parityāgaḥ
Aufgeben des Geschlechtsverkehrs
aṣṭadhā
achtfach
smaraṇam kīrtanam
Erinnern, Rühmen
keliḥ prekṣaṇam
Spiel, Betrachten
guhya-bhāṣaṇam
heimliches Gespräch

prekṣyaṇaṃ für prekṣaṇaṃ.

saṅkalpo 'dhyavasāyaś ca kriyānirvṛttireva ca / etanmaithunamaṣṭāṅgaṃ pravadanti manīṣiṇaḥ //

Vorsatz, Entschluss und Vollzug der Handlung: dies nennen die Weisen den achtgliedrigen Geschlechtsverkehr.

Wort für Wort
saṅkalpaḥ
Vorsatz
adhyavasāyaḥ
Entschluss
kriyā-nirvṛttiḥ
Vollzug der Handlung
aṣṭa-aṅgam
achtgliedrig
pravadanti manīṣiṇaḥ
nennen die Weisen

brahmacaryaṃ kriyāmūlamanyathā viphalā kriyā / vasiṣṭhaś candramāḥ śukro devācāryaḥ pitāmahaḥ //

Keuschheit ist die Wurzel des [rituellen] Handelns; sonst ist das Handeln fruchtlos. Vasiṣṭha, der Mond, Śukra, der Lehrer der Götter [Anm.: Bṛhaspati], der Großvater [Anm.: Brahmā] –

Wort für Wort
kriyā-mūlam
Wurzel des Handelns
anyathā
sonst
viphalā kriyā
fruchtloses Handeln
candramāḥ
der Mond
deva-ācāryaḥ
der Lehrer der Götter
pitāmahaḥ
der Großvater

tapovṛddhā vayovṛddhāste 'pi strībhirvimohitāḥ / gauḍī paiṣṭī ca mādhvī ca vijñeyāstrividhāḥ surāḥ //

reich an Askese, reich an Jahren, auch sie wurden von Frauen betört. Gauḍī (aus Rohzucker), Paiṣṭī (aus Mehl) und Mādhvī (aus Honig): als dreifach sind die Rauschgetränke (surā) zu kennen;

Wort für Wort
tapo-vṛddhāḥ
reich an Askese
vayo-vṛddhāḥ
reich an Jahren
strībhiḥ vimohitāḥ
von Frauen betört
gauḍī paiṣṭī mādhvī
aus Rohzucker, aus Mehl, aus Honig
trividhāḥ surāḥ
dreifache Rauschgetränke

caturthī strī surā jñeyā yayedaṃ mohitaṃ jagat / mādyati pramadāṃ dṛṣṭvā surāṃ pītvā tu mādyati //

als viertes Rauschgetränk ist die Frau zu kennen, durch die diese Welt betört ist. Man wird berauscht, wenn man eine junge Frau erblickt; [erst] wenn man Rauschtrank getrunken hat, wird man berauscht.

Wort für Wort
caturthī strī surā
die Frau als viertes Rauschgetränk
mohitam jagat
die Welt ist betört
mādyati
wird berauscht
pramadām dṛṣṭvā
eine junge Frau erblickend
surām pītvā
Rauschtrank getrunken habend

yasmāddṛṣṭamadā nārī tasmāttānnāvalokayet / yadvā tadvāparadravyamapahṛtya balānnaraḥ //

Weil die Frau schon durch den Anblick berauscht, darum soll man sie nicht anschauen. Wenn ein Mensch irgendwelches fremde Gut mit Gewalt wegnimmt,

Wort für Wort
dṛṣṭa-madā
schon durch den Anblick berauschend
na avalokayet
man schaue nicht an
yat vā tat vā
irgendwelches
para-dravyam
fremdes Gut
apahṛtya balāt
mit Gewalt weggenommen habend

avaśyaṃ yāti tiryaktvaṃ jagdhvā caivāhutaṃ haviḥ / kaupīnācchādanaṃ vāsaḥ kanthāṃ śītanivāriṇīṃ //

gelangt er unweigerlich in das Tierdasein, ebenso wenn er nicht geopferte Opferspeise verzehrt hat. Lendenschurz, ein Bedeckungsgewand, einen Flickenmantel zur Abwehr der Kälte

Wort für Wort
avaśyam
unweigerlich
tiryaktvam
Tierdasein
jagdhvā
verzehrt habend
ahutam haviḥ
nicht geopferte Opferspeise
kaupīna-ācchādanam vāsaḥ
Lendenschurz und Bedeckungsgewand
kanthām śīta-nivāriṇīm
Flickenmantel gegen Kälte

pāduke cāpi gṛhṇīyāt kuryānnānyasya saṃgrahaṃ / dehasthitinimittasya vastrādeḥ syātparigrahaḥ //

und Sandalen darf man annehmen; man sammle nichts anderes an. Das Annehmen von Kleidung und dergleichen soll [nur] zur Erhaltung des Körpers sein;

Wort für Wort
pāduke
Sandalen
gṛhṇīyāt
man nehme an
na anyasya saṃgraham
kein Ansammeln von anderem
deha-sthiti-nimittasya
zur Erhaltung des Körpers
parigrahaḥ
Annehmen

śarīraṃ dharmasaṃyuktaṃ rakṣaṇīyaṃ prayatnataḥ / śaucantu dvividhaṃ proktaṃ vāhyamabhyantaraṃ tathā //

der mit dem Dharma verbundene Körper ist sorgfältig zu schützen. Reinheit aber wird als zweifach bezeichnet: äußere und innere.

Wort für Wort
śarīram dharma-saṃyuktam
der mit Dharma verbundene Körper
rakṣaṇīyam prayatnataḥ
sorgfältig zu schützen
śaucam dvividham
zweifache Reinheit
bāhyam abhyantaram
äußere und innere

gṛjjalābhyāṃ smṛtaṃ vāhyaṃ bhāvaśuddherathāntaraṃ / ubhayena śuciryastu sa śucirnetaraḥ śuciḥ //

Die äußere gilt als [bewirkt] durch Erde und Wasser, die innere aber durch Reinheit der Gesinnung. Wer durch beides rein ist, der ist rein; kein anderer ist rein.

Wort für Wort
mṛt-jalābhyām
durch Erde und Wasser
bhāva-śuddheḥ
durch Reinheit der Gesinnung
āntaram
die innere
ubhayena śuciḥ
durch beides rein
na itaraḥ śuciḥ
kein anderer ist rein

gṛjjalābhyāṃ Tippfehler für mṛjjalābhyāṃ.

yathā kathañcitprāptyā ca santoṣastuṣṭirucyate / manasaścendriyāṇāñca aikāgryaṃ tapa ucyate //

Zufriedenheit mit dem, was man auf irgendeine Weise erlangt, heißt Genügsamkeit (santoṣa). Die Einspitzigkeit von Geist und Sinnen heißt Askese (tapas);

Wort für Wort
yathā kathañcit prāptyā
mit dem irgendwie Erlangten
santoṣaḥ tuṣṭiḥ ucyate
Genügsamkeit heißt Zufriedenheit
manasaḥ indriyāṇām
von Geist und Sinnen
aikāgryam
Einspitzigkeit
tapaḥ ucyate
heißt Askese

tajjayaḥ sarvadharmebhyaḥ sa dharmaḥ para ucyate / vācikaṃ mantrajapyādi mānasaṃ rāgavarjanaṃ //

deren Beherrschung [steht] über allen Pflichten; sie wird die höchste Pflicht genannt. Die sprachliche [Askese] ist das Murmeln von Mantras usw., die geistige das Ablegen der Leidenschaft,

Wort für Wort
tat-jayaḥ
deren Beherrschung
sarva-dharmebhyaḥ
vor allen Pflichten
dharmaḥ paraḥ
höchste Pflicht
vācikam
sprachlich
mantra-japya-ādi
Mantramurmeln usw.
mānasam rāga-varjanam
geistig: Ablegen der Leidenschaft

śārīraṃ devapūjādi sarvadantu tridhā tapaḥ / praṇavādyāstato vedāḥ praṇave paryavasthitāḥ //

die körperliche die Götterverehrung usw.: dies alles ist die dreifache Askese. Die Veden beginnen mit dem Praṇava [Anm.: der Silbe oṃ]; im Praṇava sind sie beschlossen.

Wort für Wort
śārīram
körperlich
deva-pūjā-ādi
Götterverehrung usw.
tridhā tapaḥ
dreifache Askese
praṇava-ādyāḥ vedāḥ
die mit dem Praṇava beginnenden Veden
praṇave paryavasthitāḥ
im Praṇava beschlossen

sarvadantu für sarvaṃ tat tu.

vāṅmayaḥ praṇavaḥ sarvaṃ tasmātpraṇavamabhyaset / akāraś ca tathokāro makāraścārdhamātrayā //

Der Praṇava ist alles, was aus Sprache besteht; darum übe man den Praṇava. Der Laut a, ebenso der Laut u und der Laut m mit der Halbmora –

Wort für Wort
vāṅmayaḥ
aus Sprache bestehend
praṇavam abhyaset
man übe den Praṇava
akāraḥ
der Laut a
ukāraḥ
der Laut u
makāraḥ
der Laut m
ardha-mātrayā
mit der Halbmora

tisro mātrāstrayo vedāḥ lokā bhūrādayo guṇāḥ / jāgratsvapnaḥ suṣuptiś ca brahmaviṣṇumaheśvarāḥ //

die drei Moren, die drei Veden, die Welten beginnend mit Bhūḥ, die [drei] Guṇas, Wachen, Traum und Tiefschlaf, Brahmā, Viṣṇu und Maheśvara,

Wort für Wort
tisraḥ mātrāḥ
drei Moren
trayaḥ vedāḥ
drei Veden
lokāḥ bhūḥ-ādayaḥ
die Welten beginnend mit Bhūḥ
guṇāḥ
die Guṇas
jāgrat svapnaḥ suṣuptiḥ
Wachen, Traum, Tiefschlaf
brahma-viṣṇu-maheśvarāḥ
Brahmā, Viṣṇu, Maheśvara

pradyumnaḥ śrīrvāsudevaḥ sarvamoṅgārakaḥ kramāt / amātro naṣṭamātraś ca dvaitasyāpagamaḥ śivaḥ //

Pradyumna, Śrī und Vāsudeva: alles ist der Reihe nach der Oṃ-Laut. Das Morenlose, bei dem die Moren geschwunden sind, das Aufhören der Zweiheit, ist Śiva, das Heilvolle.

Wort für Wort
sarvam oṅkārakaḥ kramāt
alles der Reihe nach der Oṃ-Laut
amātraḥ
morenlos
naṣṭa-mātraḥ
mit geschwundenen Moren
dvaitasya apagamaḥ
Aufhören der Zweiheit
śivaḥ
das Heilvolle (Śiva)

oṅkāro vidito yena sa munirnetaro muniḥ / caturthī mātrā gāndhārī prayuktā mūrdhnilakṣyate //

Wer den Oṃkāra kennt, der ist ein Weiser (muni); kein anderer ist ein Weiser. Die vierte Mora, Gāndhārī [genannt], wird, wenn angewandt, am Scheitel wahrgenommen;

Wort für Wort
oṅkāraḥ viditaḥ yena
von wem der Oṃkāra gekannt wird
muniḥ
Weiser
caturthī mātrā
die vierte Mora
gāndhārī
Gāndhārī
mūrdhni lakṣyate
wird am Scheitel wahrgenommen

tatturīyaṃ paraṃ brahma jyotirdīpo ghaṭe yathā / tathā hṛtpadmanilayaṃ dhyāyennityaṃ japennaraḥ //

dieses Vierte (turīya) ist das höchste Brahman, Licht, wie eine Lampe in einem Krug; so meditiere man es beständig als im Herzlotus wohnend und murmle [es].

Wort für Wort
tat turīyam
dieses Vierte
param brahma
das höchste Brahman
jyotiḥ
Licht
dīpaḥ ghaṭe yathā
wie eine Lampe im Krug
hṛt-padma-nilayam
im Herzlotus wohnend
dhyāyet japet
man meditiere und murmle

praṇavo dhanuḥ śaro hy ātmā brahma tallakṣyamucyate / apramattena veddhavyaṃ śaravattanmayo bhavet //

Der Praṇava ist der Bogen, der Pfeil ist das Selbst, das Brahman wird als dessen Ziel bezeichnet. Es ist von einem Unachtsamkeitsfreien zu treffen; wie der Pfeil werde man eins mit ihm.

Wort für Wort
praṇavaḥ dhanuḥ
der Praṇava ist der Bogen
śaraḥ ātmā
der Pfeil ist das Selbst
brahma tat-lakṣyam
das Brahman ist das Ziel
apramattena
vom Achtsamen
veddhavyam
zu treffen
śara-vat tanmayaḥ
wie der Pfeil eins damit

etedekākṣaraṃ brahma etadekākṣaraṃ paraṃ / detadekākṣaraṃ jñātvā yo yadicchati tasya tat //

Diese eine Silbe ist Brahman, diese eine Silbe ist das Höchste; wer diese eine Silbe kennt, was er wünscht, das wird ihm zuteil.

Wort für Wort
etat eka-akṣaram
diese eine Silbe
brahma
Brahman
param
das Höchste
jñātvā
erkannt habend
yaḥ yat icchati
wer was wünscht
tasya tat
dem wird es

etedekākṣaraṃ für etad ekākṣaraṃ; detadekākṣaraṃ für etad ekākṣaraṃ.

chando 'sya devī gāyatrī antaryāmī ṛṣiḥ smṛtaḥ / devatā paramātmāsya niyogo bhuktimuktaye //

Ihr Versmaß ist die Göttin Gāyatrī, als ihr Seher gilt der Innere Lenker (antaryāmin), ihre Gottheit ist das höchste Selbst; die Anwendung [dient] zu Genuss und Erlösung.

Wort für Wort
chandaḥ
Versmaß
devī gāyatrī
die Göttin Gāyatrī
antaryāmī ṛṣiḥ
der Innere Lenker als Seher
devatā paramātmā
die Gottheit ist das höchste Selbst
niyogaḥ
Anwendung
bhukti-muktaye
zu Genuss und Erlösung

bhūragnyātmane hṛdayaṃ bhuvaḥ prājāpatyātmane / śiraḥ svaḥsūryātmane ca śikhā kavacamucyate //

„Bhūḥ, dem Selbst des Agni“: Herz; „Bhuvaḥ, dem Selbst des Prajāpati“: Kopf; „Svaḥ, dem Selbst der Sonne“: Haarschopf; der Panzer wird [so] genannt:

Wort für Wort
bhūḥ agni-ātmane
Bhūḥ, dem Selbst des Agni
hṛdayam
Herz
bhuvaḥ prājāpatya-ātmane
Bhuvaḥ, dem Selbst des Prajāpati
śiraḥ
Kopf
svaḥ sūrya-ātmane
Svaḥ, dem Selbst der Sonne
śikhā
Haarschopf

oṃbhūrbhuvaḥ svaḥkavacaṃ satyātmane tato 'strakaṃ / vinyasya pūjayedviṣṇuṃ japedvai bhuktimuktaye //

„Oṃ bhūr bhuvaḥ svaḥ“: Panzer; „dem Selbst der Wahrheit“: dann die Waffe. Nachdem man [diese] aufgelegt hat, verehre man Viṣṇu und murmle fürwahr [den Praṇava] zu Genuss und Erlösung.

Wort für Wort
oṃ bhūr bhuvaḥ svaḥ
Oṃ bhūr bhuvaḥ svaḥ
kavacam
Panzer
satya-ātmane
dem Selbst der Wahrheit
astrakam
die Waffe
vinyasya
aufgelegt habend
pūjayet viṣṇum
man verehre Viṣṇu

juhuyācca tilājyādi sarvaṃ sampadyate nare / yastu dvādaśasāhasraṃ japamanvahamācaret //

Und man opfere Sesam, geklärte Butter usw.: [dann] wird dem Menschen alles zuteil. Wer aber täglich zwölftausend Murmelungen vollzieht,

Wort für Wort
juhuyāt
man opfere
tila-ājya-ādi
Sesam, Butter usw.
sarvam sampadyate
alles wird zuteil
dvādaśa-sāhasram japam
zwölftausend Murmelungen
anvaham
täglich

tasya dvādaśabhirmāsaiḥ paraṃ brahma prakāśate / animādi koṭijapyāllakṣātsārasvatādikaṃ //

dem offenbart sich in zwölf Monaten das höchste Brahman. [Die Kräfte] beginnend mit Winzigkeit (aṇiman) [erlangt man] durch eine Koṭi [Anm.: zehn Millionen] Murmelungen, durch ein Lakh [Anm.: hunderttausend] die Sarasvatī-Gabe [der Beredsamkeit] usw.

Wort für Wort
dvādaśabhiḥ māsaiḥ
in zwölf Monaten
param brahma prakāśate
das höchste Brahman offenbart sich
aṇimā-ādi
Winzigkeit usw.
koṭi-japyāt
durch eine Koṭi Murmelungen
lakṣāt
durch ein Lakh
sārasvata-ādikam
die Sarasvatī-Gabe usw.

vaidikastāntriko miśro viṣṇārvai trividho makhaḥ / trayānāmīpsitenaikavidhinā harimarcayet //

Vedisch, tantrisch und gemischt: dreifach ist das Opfer für Viṣṇu. Nach einer gewünschten Vorschrift von den dreien verehre man Hari.

Wort für Wort
vaidikaḥ tāntrikaḥ miśraḥ
vedisch, tantrisch, gemischt
viṣṇoḥ
für Viṣṇu
trividhaḥ makhaḥ
dreifaches Opfer
trayāṇām
von den dreien
īpsitena eka-vidhinā
nach einer gewünschten Vorschrift
harim arcayet
man verehre Hari

viṣṇārvai für viṣṇor vai; trayānām für trayāṇām.

praṇamya daṇḍavadbhūmau namaskāreṇa yo 'rcayet / sa yāṅgatimavāpnoti na tāṃ kratuśatair api //

Wer sich wie ein Stab auf die Erde niederwirft und mit Verbeugung verehrt, der erlangt einen Zustand, den [man] nicht einmal durch hundert Opfer [erlangt].

Wort für Wort
praṇamya daṇḍa-vat
sich wie ein Stab niederwerfend
bhūmau
auf die Erde
namaskāreṇa
mit Verbeugung
yām gatim avāpnoti
welchen Zustand er erlangt
na kratu-śataiḥ api
nicht einmal durch hundert Opfer

yasya deve parā bhaktiryathā deve tathā gurau / tasyaite kathitā hy arthāḥ prakāśante mahātmanaḥ //

Wer höchste Hingabe an die Gottheit hat und wie an die Gottheit so an den Lehrer, diesem Großgesinnten offenbaren sich die [hier] dargelegten Dinge.

Wort für Wort
yasya deve parā bhaktiḥ
wer höchste Hingabe an die Gottheit hat
yathā deve tathā gurau
wie an die Gottheit so an den Lehrer
kathitāḥ arthāḥ
die dargelegten Dinge
prakāśante
offenbaren sich
mahātmanaḥ
dem Großgesinnten

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