Kapitel 371: yamaniyamāḥ
Die Gebote und Regeln (Yama und Niyama)
Agni beginnt die Lehre vom achtgliedrigen Yoga mit der Definition von Erkenntnis und Yoga und erläutert die fünf Yamas (Nichtverletzen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Keuschheit, Besitzlosigkeit) sowie die Niyamas (Reinheit, Zufriedenheit, Askese, Selbststudium, Gottesverehrung). Ausführlich behandelt werden die zehn Arten des Verletzens, die acht Glieder des Geschlechtsverkehrs und die Silbe Oṃ mit ihren Entsprechungen, Anwendungsangaben, Handauflegung (nyāsa) und Murmelzahlen. Es gibt kleinere Digitalisierungsfehler (z. B. gṛjjalābhyāṃ, detadekākṣaraṃ).
Agni sprach: Zur Befreiung von der Glut des Saṃsāra werde ich den achtgliedrigen Yoga darlegen. Erkenntnis ist das, was das Brahman erhellt; Yoga ist dabei die Einspitzigkeit des Geistes
cittavṛttirnirodhaś ca jīvabrahmātmanoḥ paraḥ / ahiṃsā satyamasteyaṃ brahmacaryāparigrahau //
und die Unterdrückung der Geistesbewegungen, die höchste [Verbindung] von Einzelseele und Brahman-Selbst. Nichtverletzen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Keuschheit und Besitzlosigkeit
gelten als die fünf Yamas; [ebenso fünf] Niyamas, die Genuss und Erlösung gewähren: Reinheit, Zufriedenheit und Askese, Selbststudium und Verehrung Gottes.
Nichtverletzen ist das Nicht-Quälen der Wesen; Nichtverletzen ist die höchste Pflicht. Wie in der Fußspur des Elefanten die anderen Fußspuren derer, die den Weg gehen, [aufgehen],
so ist alles, was um des Dharma willen gelehrt wird, im Nichtverletzen [enthalten]. Verletzen ist das Hervorrufen von Angst, ebenso das Zufügen von Qual,
Man sage Wahres, man sage Angenehmes; man sage nicht Wahres, das unangenehm ist, und man sage nicht Angenehmes, das unwahr ist: das ist das ewige Gesetz.
Keuschheit ist die Wurzel des [rituellen] Handelns; sonst ist das Handeln fruchtlos. Vasiṣṭha, der Mond, Śukra, der Lehrer der Götter [Anm.: Bṛhaspati], der Großvater [Anm.: Brahmā] –
tapovṛddhā vayovṛddhāste 'pi strībhirvimohitāḥ / gauḍī paiṣṭī ca mādhvī ca vijñeyāstrividhāḥ surāḥ //
reich an Askese, reich an Jahren, auch sie wurden von Frauen betört. Gauḍī (aus Rohzucker), Paiṣṭī (aus Mehl) und Mādhvī (aus Honig): als dreifach sind die Rauschgetränke (surā) zu kennen;
als viertes Rauschgetränk ist die Frau zu kennen, durch die diese Welt betört ist. Man wird berauscht, wenn man eine junge Frau erblickt; [erst] wenn man Rauschtrank getrunken hat, wird man berauscht.
gelangt er unweigerlich in das Tierdasein, ebenso wenn er nicht geopferte Opferspeise verzehrt hat. Lendenschurz, ein Bedeckungsgewand, einen Flickenmantel zur Abwehr der Kälte
Die äußere gilt als [bewirkt] durch Erde und Wasser, die innere aber durch Reinheit der Gesinnung. Wer durch beides rein ist, der ist rein; kein anderer ist rein.
yathā kathañcitprāptyā ca santoṣastuṣṭirucyate / manasaścendriyāṇāñca aikāgryaṃ tapa ucyate //
Zufriedenheit mit dem, was man auf irgendeine Weise erlangt, heißt Genügsamkeit (santoṣa). Die Einspitzigkeit von Geist und Sinnen heißt Askese (tapas);
tajjayaḥ sarvadharmebhyaḥ sa dharmaḥ para ucyate / vācikaṃ mantrajapyādi mānasaṃ rāgavarjanaṃ //
deren Beherrschung [steht] über allen Pflichten; sie wird die höchste Pflicht genannt. Die sprachliche [Askese] ist das Murmeln von Mantras usw., die geistige das Ablegen der Leidenschaft,
die körperliche die Götterverehrung usw.: dies alles ist die dreifache Askese. Die Veden beginnen mit dem Praṇava [Anm.: der Silbe oṃ]; im Praṇava sind sie beschlossen.
Pradyumna, Śrī und Vāsudeva: alles ist der Reihe nach der Oṃ-Laut. Das Morenlose, bei dem die Moren geschwunden sind, das Aufhören der Zweiheit, ist Śiva, das Heilvolle.
Wer den Oṃkāra kennt, der ist ein Weiser (muni); kein anderer ist ein Weiser. Die vierte Mora, Gāndhārī [genannt], wird, wenn angewandt, am Scheitel wahrgenommen;
dieses Vierte (turīya) ist das höchste Brahman, Licht, wie eine Lampe in einem Krug; so meditiere man es beständig als im Herzlotus wohnend und murmle [es].
Der Praṇava ist der Bogen, der Pfeil ist das Selbst, das Brahman wird als dessen Ziel bezeichnet. Es ist von einem Unachtsamkeitsfreien zu treffen; wie der Pfeil werde man eins mit ihm.
Ihr Versmaß ist die Göttin Gāyatrī, als ihr Seher gilt der Innere Lenker (antaryāmin), ihre Gottheit ist das höchste Selbst; die Anwendung [dient] zu Genuss und Erlösung.
„Oṃ bhūr bhuvaḥ svaḥ“: Panzer; „dem Selbst der Wahrheit“: dann die Waffe. Nachdem man [diese] aufgelegt hat, verehre man Viṣṇu und murmle fürwahr [den Praṇava] zu Genuss und Erlösung.
dem offenbart sich in zwölf Monaten das höchste Brahman. [Die Kräfte] beginnend mit Winzigkeit (aṇiman) [erlangt man] durch eine Koṭi [Anm.: zehn Millionen] Murmelungen, durch ein Lakh [Anm.: hunderttausend] die Sarasvatī-Gabe [der Beredsamkeit] usw.
praṇamya daṇḍavadbhūmau namaskāreṇa yo 'rcayet / sa yāṅgatimavāpnoti na tāṃ kratuśatair api //
Wer sich wie ein Stab auf die Erde niederwirft und mit Verbeugung verehrt, der erlangt einen Zustand, den [man] nicht einmal durch hundert Opfer [erlangt].