Kapitel 61: dvārapratiṣṭhādhvajārohaṇādividhiḥ
Das Ritual der Toreinsetzung, der Flaggenhissung und Verwandtes
Das Kapitel behandelt das Abschlussbad, die Einsetzung des Tores mit seinen Hütergottheiten, die 'Herz-Einsetzung' des Tempels mittels eines Kruges sowie die Bekrönung mit Āmalasāraka, Krug und Diskus. Ausführlich wird der Tempel als Körper Viṣṇus gedeutet (Elemente, Sinnesqualitäten, Körperteile). Es folgen Maße und Material von Flaggenstab, Diskus und Flagge sowie das Ritual ihrer Belebung und Hissung. Im Kapitelkopf steht verschrieben 'dhvajārohāṇa-'; mehrere Stellen (V. 1, 14, 18, 29) sind verderbt oder unklar.
Der Erhabene sprach: Ich werde auch das Abschlussbad (avabhṛthasnāna) darlegen. Mit (dem Vers) „viṣṇor …“ [?] opfere er; nachdem er auf dem Einundachtzig-Felder-(Diagramm) Krüge aufgestellt hat, setze er Hari ein.
Wort für Wort
vakṣye
ich werde darlegen
avabhṛtha-snānam
das Abschlussbad
homayet
opfere
ekāśīti-pade
auf dem 81-Felder-Diagramm
kumbhān sthāpya
Krüge aufgestellt habend
saṃsthāpayet harim
setze Hari ein
'viṣṇor natveti' wohl verderbt, vielleicht für 'viṣṇor nu kam' (ṚV 1,154,1).
pūjayed gandhapuṣpādyair baliṃ datvā guruṃ yajet / dvārapratiṣṭhāṃ vakṣyāmi dvārādho hema vai dadet //
Er verehre ihn mit Duft, Blumen usw.; nachdem er eine Spende (bali) gegeben hat, ehre er den Lehrer. Die Einsetzung des Tores will ich darlegen: Unter das Tor lege man Gold.
Nachdem der Lehrer mit acht Krügen die Türpfosten und die Schwelle aufgestellt und sie mit Duftstoffen usw. und mit Mantras – vedischen usw. – verehrt hat,
opfere er in den Feuergruben ins Feuer mit Brennholz, geröstetem Reis, Sesam usw. Nachdem er Lager usw. gegeben hat, lege er unten die Trägerkraft (ādhāraśakti) nieder.
An den Fuß der beiden Pfosten lege er die beiden Götter Caṇḍa und Pracaṇḍa, auf die obere Schwelle (den Sturz) die Göttin Lakṣmī, die von den Götterscharen verehrt wird.
Nachdem er sie hingelegt und nach Vorschrift verehrt hat, (verehre er) mit dem Śrīsūkta den Viergesichtigen [?]; und nachdem er Bilvafrüchte usw. gegeben hat, (gebe er) dem Ācārya usw. den Lohn.
Wort für Wort
nyasya abhyarcya
hingelegt und verehrt habend
yathā-nyāyam
nach Vorschrift
śrī-sūktena
mit dem Śrī-Lied
catur-mukham
den Viergesichtigen
śrīphala-ādīni
Bilvafrüchte usw.
ācārya-ādeḥ dakṣiṇām
dem Ācārya usw. den Lohn
caturmukha: Brahmā oder ein viergesichtiger Aufbau; unklar.
Erst wenn das Tor durch die Einsetzung vollendet ist, stelle der Ācārya Hari auf. Nun die Einsetzung seines Tempels: Höre, sie heißt „Herz-Einsetzung“ (hṛtpratiṣṭhā).
Nach Vollendung der Śukanāsā (des Turmvorsprungs), auf dem Darbha-Gras östlich der Vedī: einen goldenen oder silbernen Krug oder einen aus Kupfer gefertigten,
Wort für Wort
samāptau śukanāsāyāḥ
nach Vollendung der Śukanāsā
vedyāḥ prāk
östlich der Vedī
darbha-mastake
auf dem Darbha-Gras
sauvarṇam rājatam kumbham
goldenen oder silbernen Krug
śulba-nirmitam
aus Kupfer gefertigt
śuklanirmitam wohl für śulbanirmitam ('aus Kupfer').
schön, mit den acht Edelsteinen, Heilkräutern, Metallen, Samen und Eisen versehen, mit einem Tuch umhüllt und mit Wasser gefüllt, lasse er im Maṇḍala die Nacht über weilen (adhivāsa).
Mit Blattzweigen versehen, mit den Opferresten (sampāta) gefüllt, nachdem er mit dem Nṛsiṃha-(Mantra) geopfert hat, lege er dann (den Krug), der mit dem Prinzip namens Nārāyaṇa zum Lebensatem geworden ist, nieder.
Er meditiere ihn als (Prinzip) bis hin zum Vairāja [?] des Tempels, o Götterherr; dann stelle sich der Weise den ganzen Tempel wie einen Menschen (puruṣa) vor.
Danach (folgt) die Vedī-Bindung (vedibandha), darüber die Halsbindung (kaṇṭhabandhana); oberhalb des Halses ist das reine Āmalasāraka (der gerippte Ringstein) anzufertigen.
oder es sind vier Garuḍas in den vier Richtungen aufzustellen. Auch die Hissung der Flagge will ich darlegen, durch die Geister usw. vernichtet werden.
Als (größer noch als das Verdienst) von Krug, Kuppel (aṇḍa), Vedī und Bildnis [?] ist, o Sündloser, die Frucht der Flagge zu erkennen, die durch ihr Flattern im Wind und das Umwinden des Halses zehnmillionenfach ist.
Wort für Wort
kumbha-aṇḍa-vedi-bimbānām
von Krug, Kuppel, Vedī und Bild
bhramaṇāt vāyunā
durch Bewegung im Wind
anagha
o Sündloser
kaṇṭhasya āveṣṭanāt
durch Umwinden des Halses
phalam koṭi-guṇam dhvajāt
zehnmillionenfache Frucht von der Flagge
Konstruktion unklar; kumbhāṇḍa hier als kumbha + aṇḍa aufgefasst; vāyunānagha = vāyunā anagha.
Wisse: die Fahnentücher sind die Urmaterie (prakṛti), der Stab ist von der Gestalt des Puruṣa. Den Tempel als eine Erscheinungsform Vāsudevas vernimm von mir.
Die Farbe ist das Weiße usw., der Geschmack zeigt sich an Speise usw., der Geruch ist der Duft von Räucherwerk usw.; die Stimme befindet sich in Pauken usw.
Die Nase ist in der Śukanāsā gegeben, die beiden Arme gelten als deren beide Rathaka-Vorsprünge; der Kopf wird als die Kuppel (aṇḍa) bezeichnet, der Krug (kalaśa) gilt als das Haupthaar.
Der Hals ist als der Hals (kaṇṭha des Baus) zu verstehen, die Schulter wird Vedī genannt; After und Geschlechtsteil sind die Abflussrinnen, die Haut gilt als der Kalkputz.
Seine Wandzone (jaṅghā) ist als Śiva zu verstehen, in der Schulter weilt Dhātṛ, im oberen Teil steht Viṣṇu – so verhält es sich bei ihm, dem Stehenden.
Die Einsetzung des Tempels in Gestalt der Flagge höre von mir: Nachdem die Götter eine mit Waffen usw. gekennzeichnete Flagge gemacht hatten, wurden die Daityas besiegt.
Über die Kuppel lege er den Krug, darüber setze er die Flagge. Den (Diskus) lasse er in halber Bildgröße oder mit einem Drittel (der Länge) des Stabes anfertigen [?].
Wort für Wort
aṇḍa-ūrdhvam kalaśam nyasya
über die Kuppel den Krug gelegt habend
tat-ūrdhvam vinyaset dhvajam
darüber setze die Flagge
bimba-ardha-mānam
von halber Bildgröße
daṇḍasya tri-bhāgena
mit einem Drittel des Stabes
kārayet
lasse anfertigen
Bezug von vimbārdhamānam (bimba-ardha-mānam) unklar; wohl auf den Diskus des folgenden Verses zu beziehen.
Die Breite des Tempels gilt als Maß des Stabes; oder man mache ihn nach der Hälfte des Turmes (śikhara), oder wiederum nach der Hälfte eines Drittels [?].
daṇḍāgrāddharaṇīṃ yāvaddhastaikaṃ vistareṇa tu / mahādhvajaḥ sarvadaḥ syātturyāṃśāddhīnatorcitaḥ //
(Reicht sie) von der Stabspitze bis zur Erde und ist eine Elle breit, so ist es eine große Flagge, die alles gewährt; um ein Viertel kleiner ist sie (ebenfalls) geschätzt [?].
In den Stab lege er (Hari) als den Gestalthaften (sakala), das belebte Faden-Selbst (sūtrātman); in die Flagge lege er Hari, ihn als den Gestaltlosen (niṣkala), das höchste Selbst, meditierend.
Dessen alles durchdringende Kraft meditiere er in Gestalt der Flagge, als stark und schwach zugleich [?]; nachdem er (sie) im Pavillon aufgestellt und verehrt hat, lasse er in den Gruben das Feueropfer vollziehen.
Wort für Wort
tat-śaktim vyāpinīm
dessen alldurchdringende Kraft
dhvaja-rūpām
in Gestalt der Flagge
bala-abalām
stark und schwach (?)
maṇḍape sthāpya abhyarcya
im Pavillon aufgestellt und verehrt
homam kuṇḍeṣu kārayet
lasse in den Gruben opfern
balābalām unklar ('stark-schwach' oder 'Balā und Abalā').
pāradena tu samplāvya netrapaṭṭena cchādayet / tato niveśayeccakraṃ tanmadhye nṛhariṃ smaret //
Nachdem er (ihn) mit Quecksilber benetzt hat, bedecke er ihn mit einem Augentuch; dann setze er den Diskus ein und gedenke in dessen Mitte des Mannlöwen.
oṃ kṣoṃ nṛsiṃhāya namaḥ pūjayet sthāpayeddhariṃ / tato dhvajaṃ gṛhītvā tu yajamānaḥ sabāndhavaḥ //
Mit „oṃ kṣoṃ nṛsiṃhāya namaḥ“ (Oṃ kṣoṃ, Verehrung dem Mannlöwen) verehre er Hari und stelle ihn auf. Dann ergreife der Opferherr samt seinen Verwandten die Flagge
und setze die Spitze der Flagge in ein Gefäß mit Dickmilch und Reis; mit dem Mantra, der mit Dhruva (oṃ) beginnt und mit phaṭ endet, verehre er die Flagge.
Welches Zeichen ein Gott hat, das mache man mit dessen Mantra fest. Durch die Schenkung einer Flagge gelangt man in den Himmel und wird (danach) ein mächtiger König.
Wort für Wort
yasya devasya yat cihnam
welches Zeichen eines Gottes
tat-mantreṇa sthiram caret
mache mit dessen Mantra fest
svargam gatvā
in den Himmel gelangt
dhvaja-dānāt
durch Schenkung einer Flagge
rājā balī bhavet
wird ein mächtiger König
svargatvā für svargaṃ gatvā; Pāda metrisch defekt.