Kapitel 83: nirvāṇadīkṣākathanam
Darlegung der Nirvāṇa-Weihe (Vorbereitung)
Das Kapitel beschreibt die vorbereitenden Handlungen (adhivāsana) der Nirvāṇa-Weihe: Entflammung der Mantras, Anlegen des als Suṣumṇā vorgestellten Fadens, Einbeziehung der fünf Kalās (Śāntyatītā, Śānti, Vidyā, Pratiṣṭhā, Nivṛtti) mit ihren Tattvas, Padas, Lauten und Welten in den Faden, Speisung der Schüler und Nachtruhe. Der Kopf nennt nirvāṇadīkṣākathanaṃ, das Kolophon nirvāṇadīkṣāyām adhivāsanaṃ. Die Zahlenlisten der Kalās (V. 17-29) sind teilweise verderbt.
Īśvara sprach: Nun soll er bei der Nirvāṇa-Weihe die Entflammung (dīpana) des Wurzel-Mantras usw. vollziehen, um die Kraft zur Bindung der Fesseln (zu gewinnen), oder durch die Handlung des Schlagens usw.,
mit jeweils einer Opferung oder mit je drei für jeden; (den Mantra) mit Keimsilbe im Inneren, halber Śikhā [?], beginnend mit dem Dhruva (oṃ) und endend auf hūṃ phaṭ.
„oṃ hrūṃ hrauṃ hauṃ hrūṃ phaṭ“ – das ist die Entflammung des Wurzel-Mantras; „oṃ hrūṃ hauṃ hauṃ hrūṃ phaṭ“ – so beim Herz(-Mantra), ebenso bei Haupt und Gesicht.
Bei jeder grausamen Handlung soll er für jeden (Mantra) die Entflammung vollziehen; bei der befriedenden und nährenden (Handlung) aber mit dessen Mantra, beginnend mit (oṃ) und auf vaṣaṭ endend.
Mit (Mantras), die mit vaṣaṭ und vauṣaṭ versehen sind und über allen Wunschriten stehen, soll er überall, bei Stärkung (āpyāyana) usw., mit Umhüllungen [?] das Opfer vollziehen.
Dann soll er den Schüler, der zu seiner Rechten im Maṇḍala sitzt und dessen Leib gereinigt ist, verehren und den Faden, der als Suṣumṇā (Zentralkanal) vorgestellt wird,
mit dem Wurzel-Mantra vom Haarknoten bis zur großen Zehe herabführen; für den nach Erlösung Strebenden soll er ihn in der Auflösungs-Ordnung (saṃhāra) am Körper des Schülers festbinden.
soll er mit der Saṃhāra-Mudrā aufnehmen und mit eben diesem (Mantra) mit dem Faden verbinden. Den Kanal (nāḍī) soll er mit dem Wurzel-Mantra aufnehmen, in den Faden legen und mit dem Herz-Mantra verehren.
avaguṇṭhya tu rudreṇa hṛdayenāhutitrayaṃ / pradadyātsannidhānārthaṃ śaktāvapyevameva hi //
Nachdem er (ihn) mit dem Rudra-(Panzer-)Mantra umhüllt hat, soll er mit dem Herz-Mantra drei Opferungen für die Gegenwart darbringen; ebenso auch bei der Śakti.
oṃ hāṃ varṇādhvane namo hāṃ bhavanādhvane namaḥ / oṃ hāṃ kālādhvane namaḥ śodhyādhvānaṃ hi sūtrake //
„oṃ hāṃ, dem Pfad der Laute (varṇādhvan) Verehrung; hāṃ, dem Pfad der Welten (bhuvanādhvan) Verehrung; oṃ hāṃ, dem Pfad der Kalās Verehrung“ – so (legt er) den zu reinigenden Pfad in den Faden.
nyasyāstravāriṇā śiṣyaṃ prokṣyāstramantritena ca / puṣpeṇa hṛdi santāḍya śiṣyadehe praviśya ca //
Nachdem er (ihn) niedergelegt hat, den Schüler mit Astra-Wasser besprengt und mit einer mit dem Astra beraunten Blume aufs Herz geschlagen hat und in den Körper des Schülers eingedrungen ist,
(Mantra:) „oṃ hauṃ hūṃ phaṭ“. Nachdem er es abgetrennt hat, soll er es mit dem Śakti-Faden und dem Mantra „hāṃ haṃ svāhā“ mittels der Saṃhāra-Mudrā mit dem zum Kanal gewordenen Faden verbinden.
(Mantra:) „oṃ hāṃ haṃ hāṃ, dem Selbst Verehrung.“ Er soll es als alldurchdringend vorstellen, es mit dem Panzer(-Mantra) umhüllen und mit dem Herz-Mantra drei Opferungen zur Herbeiführung der Gegenwart darbringen.
Nachdem er den Wissens-Leib (vidyādeha) aufgelegt und die Śāntyatītā (Kalā) angeblickt hat, soll er in ihr das erste der übrigen Tattvas [?] als zum Mantra geworden vorstellen.
oṃ hāṃ hauṃ śāntyatītakalāpāśāya nama ity anenāvalokayet he tattve mantramapyekaṃ padaṃ varṇāś ca ṣoḍaśa / tathāṣṭau bhuvanānyasyāṃ vījanāḍīkathadvayaṃ //
(Mantra:) „oṃ hāṃ hauṃ, der Fessel der Śāntyatītā-Kalā Verehrung“ – mit diesem soll er (sie) anblicken. Zwei Tattvas, auch ein Mantra, ein Pada (Wortstück) und sechzehn Laute, ebenso acht Welten (bhuvana) in ihr, je zwei Keimsilben, Kanäle und Winde [?],
Wort für Wort
śāntyatīta-kalā-pāśāya namaḥ
der Fessel der Śāntyatītā-Kalā Verehrung
avalokayet
anblicken
dve tattve
zwei Tattvas
mantram ekam padam
ein Mantra, ein Pada
varṇāḥ ṣoḍaśa
sechzehn Laute
aṣṭau bhuvanāni
acht Welten
he tattve Druckfehler für dve tattve; vījanāḍīkathadvayam wohl für vījanāḍīsamīradvayam (vgl. V. 28).
(Mantra:) „oṃ hauṃ, der Fessel der Śāntyatītā-Kalā hūṃ phaṭ.“ Mit der Saṃhāra-Mudrā aufgenommen, soll er sie an das Kopfende des Fadens legen, verehren und zur Herbeiführung der Gegenwart drei Opferungen geben.
tattve dve akṣare dve ca vījanāḍīkathadvayaṃ / guṇau mantrau tathābjasthamekaṃ kāraṇamīśvaraṃ //
(Für die Śānti-Kalā:) zwei Tattvas, zwei Laute, je zwei Keimsilben, Kanäle und Winde [?], zwei Guṇas, zwei Mantras, ebenso als einzige Ursache Īśvara, auf dem Lotus sitzend,
Padas in der Zahl der Sonnen (zwölf), Welten zehn und sieben (siebzehn) und ein Sinnesobjekt – in der schwarzen Śānti soll er (dies) bedenken, und Acyuta [?].
Wort für Wort
padāni bhānu-saṅkhyāni
Padas in der Zahl der Sonnen (12)
bhuvanāni daśa sapta ca
siebzehn Welten
ekam viṣayam
ein Sinnesobjekt
śāntau kṛṣṇāyām
in der schwarzen Śānti
smaret
bedenken
acyutam passt nicht zur Reihe (Ursache ist Īśvara); vielleicht verderbt.
Nachdem er (sie) geschlagen und aufgenommen hat, soll er (sie) mit dem Faden am Gesicht verbinden; mit ihrer eigenen Keimsilbe soll er für die Gegenwart drei Opferungen darbringen.
vollziehen, (die Kalā) am Nabel-Faden befestigen und, nachdem er ihre Gegenwart bewirkt hat, Opferungen darbringen. (In der Nivṛtti:) hrīṃ [?] – mehr als hundert Welten, achtundzwanzig Padas,
Am Ende der Tattva-Abschnitte [?], in den Faden legend, soll er (sie) verehren und drei Opferungen darbringen, nachdem er (ihre) Gegenwart im Feuer bewirkt hat.
So soll er (die Kalās) aus dem Leib des Schülers aufnehmen und mit dem Kalā-Faden verbinden. Bei der Weihe mit Samen (savījā) aber, wegen des Samaya-Wandels und Opfers,
zum Schutz dessen, was den Körper aufbaut, und auch wegen der Frucht der Mantra-Vollendung, um der Pflichten wie Iṣṭāpūrta (Opfer und gemeinnützige Stiftungen) willen – (soll er) ein gesondertes Bindeglied,
mit je drei Opferungen mit ihrem eigenen Mantra: „oṃ hauṃ, der Fessel der Śāntyatītā-Kalā, svāhā“ usw. ist die Sättigung; „oṃ hāṃ haṃ hāṃ, der Fessel der Śāntyatītā-Kalā, hūṃ phaṭ“ usw. die Entflammung. Diesen Faden (soll er), zur Erweckung der Durchdringung, an den fünf Stellen der Kalās
mit Safran und Schmelzbutter zusammenfassen (markieren) und dort Śiva mit seinen Gliedern verehren. Nachdem er mit den auf hūṃ phaṭ endenden Kalā-Mantras die Fesseln der Reihe nach gespalten hat
und mit den auf namaḥ endenden (Mantras) ins Innere eingedrungen ist, soll er das Ergreifen und Binden vollziehen – „oṃ hūṃ hāṃ hauṃ hāṃ hūṃ phaṭ, die Śāntyatītā-Kalā ergreife ich und binde ich“: mit solchen Mantras erfolgt die Anwendung von Ergreifen, Binden usw. der Kalās. Ergreifen ist die Aneignung der Fesseln usw., Binden wiederum
puruṣaṃ prati niḥśeṣavyāpārapratipattaye / upaveśyātha tat sūtraṃ śiṣyaskandhe niveśayet //
(dient) zur Herbeiführung der gesamten Tätigkeit in Bezug auf den Puruṣa (die Seele) [?]. Dann soll er (den Schüler) sich setzen lassen und jenen Faden auf die Schulter des Schülers legen.
Zur Beseitigung ausgedehnter Sünde soll er hundert (Opferungen) mit dem Wurzel-Mantra darbringen. In eine Schale aus zwei zusammengefügten Tellern (beim) Mann, und bei der Frau in den Bauch des Praṇītā-Gefäßes [?],
soll er den Faden, umschlossen von Herz- und Astra-Mantra, legen und mit dem Herz-Mantra verehren. Nachdem er den Faden mit Śiva samt Gliedern durch den Opferrest (sampāta) gereinigt hat,
Wort für Wort
hṛt-astra-sampuṭam sūtram
den von Herz- und Astra-Mantra umschlossenen Faden
und ihn sich verneigen ließ, soll er aus der Mitte des Opfertempels hinausgehen. Nachdem er drei Maṇḍalas gemacht hat, soll er die nach Erlösung Strebenden nach Norden gewandt
Nachdem er mit dem Herz-Mantra die Speisung gegeben hat, soll er sie mit reinem Wasser den Mund spülen lassen. Nachdem er mit dem Herz-Mantra das Zahnholz (bereit)gemacht hat, soll er (es) werfen lassen; (fällt es) in eine günstige (Richtung), ist es glückverheißend.
Zur Tilgung von Fehlern wie Mangelhaftigkeit (soll er) hundertacht (Opferungen) mit dem Wurzel-Mantra vollziehen, dem Herrn des Opferplatzes die Übergabe aller Handlungen,
pūjāvisarjanañcāsya caṇḍeśasya ca pūjanaṃ / nirmālyamapanīyātha śeṣamagnau yajeccaroḥ //
die Entlassung von dessen Verehrung und die Verehrung Caṇḍeśas; nachdem er dann das Abgelegte (nirmālya) entfernt hat, soll er den Rest des Opferbreis ins Feuer opfern.
Die Hausväter (lege er) auf ein Darbha-Lager, mit dem Kopf nach Osten, mit dem Herz-Mantra wohl beschützt; die Asketen auf ein Lager aus guter Asche, mit dem Kopf nach Süden,
(die Schüler), deren Haarschopf gebunden ist und die mit sieben Astra-Knaben [?] versehen sind – nachdem er sie (so) erkannt hat, soll er sie schlafen lassen; dann soll er wieder hinausgehen.
Wort für Wort
śikhā-baddha
mit gebundenem Haarschopf
astra-sapta-māṇavaka-anvitān
mit sieben Astra-Knaben [?] versehen
vijñāya
erkennend
svāpayet śiṣyān
die Schüler schlafen lassen
yāyāt punaḥ bahiḥ
wieder hinausgehen
snāpayet wohl für svāpayet („schlafen lassen“); śikhābaddhasikhānastrasaptamāṇavaka verderbt, Sinn unsicher.
oṃ hili hili triśūlapāṇaye svāhā pañcagavyañcaruṃ prāśya gṛhītvā dantadhāvanaṃ / samācamya śivaṃ dhyātvā śayyāmāsthāya pāvanīṃ //
(Mantra:) „oṃ hili hili, dem Dreizack-Handigen, svāhā.“ Nachdem er Pañcagavya und Opferbrei gegessen, das Zahnholz genommen, den Mund gespült, Śiva meditiert und sich auf ein reinigendes Lager begeben hat,
soll der Guru sich hinlegen, wobei er sich den zur Weihe gehörenden Ritualteil vergegenwärtigt. So ist kurz die Vorschrift für die Vorbereitung (adhivāsana) der Weihe erklärt.