Kapitel 299: grahahṛnmantrādikam
Mantras und Mittel zur Vertreibung der Ergreifer (Grahas)
Agni beschreibt die fünf Arten des Wahnsinns und die Ursachen und Anzeichen der Besessenheit durch Grahas, nennt graha-vertreibende Mantras und schildert eine Sonnen- und Planetenverehrung mit Nyāsa, Sitzgottheiten und den Śaktis der Sonne. Den Schluss bilden Heilmittel gegen Grahas, Epilepsie, Fieber, Atemnot, Schluckauf, Gelbsucht und Husten. Quellbesonderheiten: Mehrere Mantras sind durch Buchstaben-Decknamen verschlüsselt (V. 12, 24), einige Śakti-Namen und Drogennamen sind verderbt (V. 22, 28, 32); V. 33 umfasst drei Halbverse.
Agni sprach: Ich werde die Mantras usw. zur Abwehr der Ergreifer (graha) verkünden, welche die Ergreifer zermalmen. Aus Freude, Begierde, Furcht, Kummer usw., aus dem Genuss unverträglicher und unreiner Speise
und aus dem Zorn von Lehrern, Göttern usw. entstehen dann fünf Arten von Wahnsinn (unmāda): die aus den drei Doṣas entstehenden, die aus ihrem Zusammentreffen (sannipāta) entstehende und die „hinzukommende“ (āgantu) – so sind sie überliefert.
Wort für Wort
guru-deva-ādi-kopāt
aus dem Zorn von Lehrern, Göttern usw.
pañca unmādāḥ
fünf Arten von Wahnsinn
tri-doṣa-jāḥ
aus den drei Doṣas entstanden
sannipātāḥ
Zusammentreffen (aller Doṣas)
āgantuḥ
von außen hinzukommend
smṛtāḥ
überliefert
Die drei Doṣas (Vāta, Pitta, Kapha) ergeben drei Formen, dazu Sannipāta und Āgantu: zusammen fünf. āganturiti = āgantur iti.
Die Ergreifer, Götter und andere, sind aus dem Zorn Rudras auf vielfache Weise entstanden. An Flüssen, Seen, Teichen usw., auf Bergen, in Hainen und an Dämmen,
am Zusammenfluss von Flüssen, im leeren Haus, am Eingang einer Höhle, bei einem einzeln stehenden Baum ergreifen die Grahas Männer und Frauen, Schlafende und die Schwangere,
Wort für Wort
nadī-saṅge
am Zusammenfluss von Flüssen
śūnya-gṛhe
im leeren Haus
vila-dvāri
am Eingang einer Höhle
eka-vṛkṣake
beim einzeln stehenden Baum
gṛhṇanti
ergreifen
suptām garbhiṇīm
die Schlafende, die Schwangere
śriyaḥ ist wohl für striyaḥ ‚Frauen‘ verschrieben; vila = bila ‚Höhle, Loch‘.
die Frau, deren Monatsblutung bevorsteht, die Nackte und die, welche das Bad nach der Monatsblutung vollzieht. (Anzeichen sind:) Geringschätzung durch die Menschen, Feindschaft, Hindernisse, Umschlag des Glücks,
Übertretung (der Gebote) von Göttern, Lehrern, Dharma usw. und des guten Wandels usw., Stürzen von Berg, Baum usw.; wer immer wieder das Haupthaar schüttelt,
weinend tanzt, rote Augen hat, „hūṃ“ ausstößt [?] – ein solcher Mensch ist von einem Graha ergriffen. Wer verstört ist, von stechendem Schmerz und Brennen gequält, von Hunger und Durst gequält, mit Kopfschmerz,
Wort für Wort
rudan nṛtyati
weinend tanzt er
rakta-akṣaḥ
rotäugig
hūṃ-rūpaḥ
von der Gestalt ‚hūṃ‘ [?]
udvignaḥ
verstört
śūla-dāha-ārtaḥ
von Stechen und Brennen gequält
kṣut-tṛṣṇā-ārtaḥ śiras-artimān
von Hunger und Durst gequält, mit Kopfschmerz
hūṃrūpo 'nugrahī unklar, vielleicht verderbt; übersetzt als ‚den Laut hūṃ von sich gebend … ergriffen‘.
der bittend „Gib, gib!“ ruft – dieser Mensch ist von einem nach Opfergaben (bali) begierigen Graha ergriffen. Wer nach Frauen, Kränzen, Genuss und Bad verlangt, ist von einem nach Liebeslust (rati) begierigen Graha ergriffen.
Pṛśniparṇī, Asa foetida (hiṅgu), Kalmus (vacā), Cakra [?] und Śirīṣa – das ist das beste Mittel [?]. (Man meditiere) den Gott, der Schlinge und Treibstachel hält, eine Gebetsschnur und eine Schädelschale trägt,
der Khaṭvāṅga-Stab, Lotos usw. und die Śakti(-Waffe) trägt, vierköpfig ist und auf dem Lotos mit innerem und äußerem Khaṭvāṅga usw. [?] im Sonnenkreis steht;
Wort für Wort
khaṭvāṅga-abja-ādi
Khaṭvāṅga, Lotos usw.
śaktim dadhānam
die Śakti tragend
catur-ānanam
vierköpfig
padma-stham
auf dem Lotos stehend
ravi-maṇḍale
im Sonnenkreis
śiktiñ = śaktiñ; khaṭṭāṅga = khaṭvāṅga. Der Ausdruck antarvāhyādi… ist unklar.
nachdem man ihn samt Āditya usw. verehrt hat, bringe man bei aufgegangener Sonne das Arghya dar. – (Der Mantra:) śvāsa, viṣa, agni, vipra, kuṇḍī, hṛllekhā (hrīṃ), mit Kalā versehen, Bhṛgu [Anm.: verschlüsselte Buchstabennamen].
Wort für Wort
āditya-ādi-yutam
samt Āditya usw.
prārcya
nachdem man verehrt hat
udite arke
bei aufgegangener Sonne
arghyakam dadet
gebe das Arghya
hṛllekhā
Deckname der Silbe hrīṃ
Die zweite Vershälfte besteht aus Decknamen für Laute (z. B. hṛllekhā = hrīṃ, bhṛgu = sa); die genaue Auflösung ist unsicher.
arkāya bhūrbhuvaḥsvaś ca jvālinīṃ kulamudgaram / padmāsano 'ruṇo raktavastrasadyutiviśvakaḥ //
„arkāya bhūr bhuvaḥ svaḥ“, (dann) Jvālinī und Kulamudgara [Anm.: weitere Mantrabestandteile]. (Der Gott) sitzt auf dem Lotos, ist rot, mit roten Gewändern, strahlend, allgestaltig [?],
erhaben, mit beiden Armen Lotosse haltend, mild, an allen Gliedern geschmückt. Die (Gottheiten) Herz usw. sind rot, mild, Gaben gewährend und Lotosse tragend.
Ihr Gewand gleicht einer Masse von Blitzen. Soma ist weiß, Kuja (Mars) rot, Budha (Merkur) ebenso, Guru (Jupiter) gelb, Śukra (Venus) weiß; Śanaiścara (Saturn)
Wort für Wort
vidyut-puñja-nibham vastram
ein Gewand wie eine Blitzmasse
śvetaḥ saumyaḥ
der Mond (?) weiß
aruṇaḥ kujaḥ
Mars rot
guruḥ pītaḥ
Jupiter gelb
śuklaḥ śukraḥ
Venus weiß
saumyaḥ ist hier wohl für somaḥ (Mond) verstanden.
und Rāhu gleichen schwarzer Kohle, Ketu wird als rauchfarben bezeichnet. (Die Hand ruht) an der linken Hüfte, die linke Hand am Ende [?], die rechte Hand gewährt Furchtlosigkeit.
Wort für Wort
kṛṣṇa-aṅgāra-nibhaḥ
gleich schwarzer Kohle
rāhuḥ
Rāhu
dhūmraḥ ketuḥ
Ketu rauchfarben
vāma-ūru
linker Oberschenkel
dakṣa-hasta-abhaya-pradā
die rechte Hand Furchtlosigkeit gewährend
Die Zuordnung von kṛṣṇāṅgāranibha zu Śanaiścara und/oder Rāhu ist syntaktisch offen; die Handhaltung ist knapp formuliert.
Ihre Keimsilben (bīja) beginnen mit dem (Anfangslaut) ihres eigenen Namens. Nachdem man die Hände mit dem Astra(-Mantra) gereinigt hat, lege man (die Glieder des Mantras) auf Daumen usw. und Handfläche, auf die Augen, auf Herz usw. und über den ganzen Körper (vyāpaka).
Nachdem man mit den drei Wurzel-Keimsilben den ‚Prāṇa-Meditierer‘ [?] samt Gliedern aufgelegt hat, spüle man das Gefäß mit dem Astra(-Mantra) aus, fülle es mit dem Wurzelmantra mit Wasser,
gandhapuṣpākṣataṃ nyasya dūrvāmarghyañca mantrayet / ātmānaṃ tena samprokṣya pūjādravyañca vai dhruvam //
lege Duftstoff, Blumen und ungebrochene Reiskörner und Dūrvā-Gras hinein und weihe das Arghya durch Mantras. Damit besprenge man sich selbst und gewiss auch die Opfermaterialien.
Prabhūta, Vimala, Sāra, Ārādhya und Parama Sukha – diese (Sitzgottheiten) des Pīṭha usw. stelle man mit dem Herz(-Mantra) in der Mitte und in den Zwischenrichtungen vor.
Auf dem Sitz (verehre man) mit dem Herz(-Mantra) in der Mitte, in den Richtungen und in den Zwischenrichtungen; auf dem Sitz mit dem Herz(-Mantra) den Lotos, und auf den Staubfäden die acht Śaktis:
vauṃ Sarvatomukhī. Nachdem man mit vaṃ und vaḥ den Sitz verehrt hat, verehre man Ravi. Nachdem man ihn herbeigerufen hat, bringe man Fußwasser usw. mit dem Herz(-Mantra) und den sechs Gliedern dar, o Treugelübdiger.
Zwei kha-Laute mit Daṇḍin (Anusvāra), Caṇḍa, Majjā mit Daśana, Māṃsa mit Langvokal, Jarad-vāyu und Hṛd – dies ist der alles gewährende (Mantra) des Ravi [Anm.: Beschreibung durch verschlüsselte Buchstabennamen].
Wort für Wort
kha-kārau
zwei kha-Laute
daṇḍinau
mit Daṇḍin (Anusvāra?)
māṃsa-dīrghā
Māṃsa mit Langvokal
sarva-dam
alles gewährend
raveḥ
des Ravi
Die Decknamen (caṇḍa, majjā, daśana, māṃsa, jaradvāyu) lassen sich nicht sicher auflösen; nicht rekonstruiert.
In den Richtungen des Feuers, Īśas, der Rakṣas und der Winde (Südost, Nordost, Südwest, Nordwest) sind Herz usw. mit ihren eigenen Mantras zu verehren, am Rand der Samenkapsel stehend; in den Himmelsrichtungen das Astra, vorne das Auge (dṛś).
Wort für Wort
vahni-īśa-rakṣas-marutām dikṣu
in den Richtungen von Agni, Īśa, Rakṣas, Marut
pūjyāḥ hṛd-ādayaḥ
Herz usw. sind zu verehren
sva-mantraiḥ
mit ihren eigenen Mantras
karṇikā-anta-sthāḥ
am Rand der Samenkapsel
dikṣu astram
in den Richtungen das Astra
kikṣu = dikṣu; sadṛk wohl für sa dṛk ‚das Auge‘ (Netra-Mantra).
In den Richtungen, beginnend mit Osten, sind Candra, Jña (Merkur), Guru (Jupiter) und Bhārgava (Venus) zu verehren. Man bereite Nasenmittel, Augensalben usw. mit Ziegenharn und graha-vertreibenden (Zutaten).
Mit Pāṭhā, Pathyā (Harītakī), Kalmus, Śigru, Steinsalz und den drei Scharfen (vyoṣa), mit gesonderten Früchten [?]: in einem Āḍhaka Ziegenmilch gekochtes Ghee vertreibt alle Grahas.
vṛścikālīphalīkuṣṭhaṃ lavaṇāni ca śārṅgakam / apasmāravināśāya tajjalaṃ tvabhibhojayet //
Vṛścikālī, Phalī [?], Kuṣṭha, Salze und Śārṅgaka [?]: zur Vernichtung der Fallsucht (apasmāra) gebe man dieses (damit bereitete) Wasser zu sich zu nehmen.
vidārīkuśakāśekṣukvāthajaṃ pāyayet payaḥ / droṇe sayaṣṭikuṣmāṇḍarase sarpiś ca saṃskṛtau //
Man lasse Milch trinken, die mit einem Absud von Vidārī, Kuśa, Kāśa und Zuckerrohr bereitet ist. In einem Droṇa (Maß) mit Süßholz und Kürbissaft zubereitetes Ghee
und ebenso Pañcagavya-Ghee (sind heilsam). Höre ein fiebervertreibendes Mittel: „oṃ bhasmāstrāya vidmahe ekadaṃṣṭrāya dhīmahi tanno jvaraḥ pracodayāt“ (Oṃ, wir wollen den kennen, dessen Waffe die Asche ist; wir meditieren über den Einzahnigen; dazu möge uns Jvara (das Fieber) antreiben). Langen Pfeffer, schwarzen Pfeffer, Gelbwurz, Rāsnā, Trauben, Öl und Melasse soll man lecken.
Wort für Wort
pañca-gavyam ghṛtam
Pañcagavya-Ghee
jvara-haram yogam
fiebervertreibendes Mittel
bhasma-astrāya vidmahe
wir wollen den mit der Asche-Waffe kennen
kṛṣṇa-ūṣaṇa-niśā
langer Pfeffer, schwarzer Pfeffer, Gelbwurz
drākṣā-taila guḍam
Traube, Öl, Melasse
lihet
soll lecken
Gāyatrī-artige Formel an den Fiebergott eingeschoben.
Dhātrī (Emblica), Viśvā (Ingwer), Sitā (Zucker), Kṛṣṇā (langer Pfeffer), Mustā, Dattel, Māgadhī und Pivara [?] – das vertreibt Schluckauf; je drei davon lecke man mit Honig.
Wort für Wort
dhātrī viśvā sitā
Emblica, Ingwer, Zucker
kṛṣṇā mustā
langer Pfeffer, Mustā
kharjūra-māgadhī
Dattel, Māgadhī
hikkā-ghnam
Schluckauf vertreibend
madhunā lihet
mit Honig lecken
pivara unklar; tat trayam ‚diese drei‘ unklar im Bezug.
Wer an Gelbsucht leidet, trinke den Saft von Kreuzkümmel, Māṇḍūkī, Gelbwurz und Dhātrī. Vyoṣa, Padmaka, Triphalā, Viḍaṅga, Devadāru und Rāsnā-Pulver zu gleichen Teilen, mit Zucker gegessen, vertreibt sicher den Husten.