Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 237: rāmoktanītiḥ Die von Rāma verkündete Staatskunst

Agni gibt die Staatslehre wieder, die Rāma dem Lakṣmaṇa verkündete: die vier Aufgaben des Königs, Zucht und Sinnesbezwingung, die das Gedeihen bewirkenden Tugenden, die sechs abzulegenden Laster, die vier Wissenschaften sowie Regeln freundlicher Rede und rechten Umgangs mit Göttern, Lehrern, Freunden, Verwandten und Untergebenen. Der letzte Vers ist ein einzelner Halbvers; einige Tippfehler der Digitalisierung (V. 2, 5, 8, 13, 22).

agnir uvāca | nītiste puṣkaroktā tu rāmoktā lakṣmaṇāya yā / jayāya tāṃ pravakṣyāmi śṛṇu dharmādivardhanīṃ //

Agni sprach: Die Staatskunst ist dir von Puṣkara verkündet worden; nun will ich [dir] zum Sieg jene darlegen, die Rāma dem Lakṣmaṇa verkündete – höre sie, die Dharma und das Übrige mehrt.

Wort für Wort
agniḥ uvāca
Agni sprach
nītiḥ puṣkara-uktā
die von Puṣkara verkündete Staatskunst
rāma-uktā lakṣmaṇāya
von Rāma dem Lakṣmaṇa verkündet
jayāya pravakṣyāmi
zum Sieg werde ich darlegen
dharma-ādi-vardhanīm
Dharma usw. mehrend

rāma uvāca | nyānenārjanamarthasya vardhanaṃ rakṣaṇaṃ caret / satpātrapratipattiś ca rājavṛttaṃ caturvidhaṃ //

Rāma sprach: Mit Gerechtigkeit soll [der König] den Erwerb, die Mehrung und den Schutz des Gutes betreiben und [es] würdigen Empfängern zukommen lassen – vierfach ist der Wandel des Königs.

Wort für Wort
nyāyena
mit Gerechtigkeit
arjanam arthasya
Erwerb von Gut
vardhanam rakṣaṇam
Mehrung und Schutz
sat-pātra-pratipattiḥ
Übergabe an würdige Empfänger
rāja-vṛttam caturvidham
vierfacher Königswandel

nyānena für nyāyena.

nayasya vinayo mūlaṃ vinayaḥ śāstraniś cayāt / vinayo hīndriyajayastair yuktaḥ pālayenmahīṃ //

Die Wurzel der Staatsklugheit ist Zucht; Zucht [erwächst] aus der Gewissheit der Lehrbücher; Zucht ist nämlich Bezwingung der Sinne. Mit diesen [Eigenschaften] ausgestattet, soll er die Erde schützen.

Wort für Wort
nayasya vinayaḥ mūlam
die Wurzel der Staatsklugheit ist Zucht
śāstra-niścayāt
aus der Gewissheit der Lehrbücher
indriya-jayaḥ
Sinnesbezwingung
taiḥ yuktaḥ
damit versehen
pālayet mahīm
soll die Erde schützen

śāstraṃ prajñā dhṛtirdākṣyaṃ prāgalbhyaṃ dhārayiṣṇutā / utsāho vāgmitaudāryamāpatkālasahiṣṇutā //

Lehrkenntnis, Einsicht, Festigkeit, Geschicklichkeit, Selbstsicherheit, Beharrlichkeit, Tatkraft, Beredsamkeit, Großmut, Standhaftigkeit in Notzeiten,

Wort für Wort
śāstram prajñā
Lehrkenntnis, Einsicht
dhṛtiḥ dākṣyam
Festigkeit, Geschick
prāgalbhyam dhārayiṣṇutā
Selbstsicherheit, Beharrlichkeit
utsāhaḥ vāgmitā audāryam
Tatkraft, Beredsamkeit, Großmut
āpat-kāla-sahiṣṇutā
Standhaftigkeit in Not

prabhāvaḥ śucitā maitrī tyāgaḥ satyaṃ kṛtajñatā / kulaṃ śīlaṃ samaśceti guṇāḥ sampattihetavaḥ //

Machtausstrahlung, Reinheit, Freundlichkeit, Freigebigkeit, Wahrhaftigkeit, Dankbarkeit, edle Herkunft, guter Wandel und Selbstbeherrschung – dies sind die Eigenschaften, die Gedeihen bewirken.

Wort für Wort
prabhāvaḥ śucitā
Macht, Reinheit
maitrī tyāgaḥ
Freundlichkeit, Freigebigkeit
satyam kṛtajñatā
Wahrhaftigkeit, Dankbarkeit
kulam śīlam damaḥ
Herkunft, Wandel, Selbstbeherrschung
guṇāḥ sampatti-hetavaḥ
Eigenschaften als Ursachen des Gedeihens

samaś wohl für damaś.

prakīrṇaviṣayāraṇye dhāvantaṃ vipramāthinaṃ / jñānāṅkuśena kurvīta vaśyamindriyadantinaṃ //

Den Elefanten der Sinne, der im Wald der weit verstreuten Sinnesobjekte umherstürmt und alles zertrampelt, soll er mit dem Stachel der Erkenntnis gefügig machen.

Wort für Wort
prakīrṇa-viṣaya-araṇye
im Wald der verstreuten Sinnesobjekte
dhāvantam vipramāthinam
umherstürmend, zertrampelnd
jñāna-aṅkuśena
mit dem Stachel der Erkenntnis
vaśyam kurvīta
soll gefügig machen
indriya-dantinam
den Elefanten der Sinne

kāmaḥ krodhas tathā lobho harṣo māno madas tathā / ṣaḍvargamutsṛjedenamasmiṃstyakte sukhī nṛpaḥ //

Begierde, Zorn und ebenso Habgier, Übermut, Stolz und Rausch – diese Sechsergruppe soll er ablegen; ist sie abgelegt, ist der König glücklich.

Wort für Wort
kāmaḥ krodhaḥ lobhaḥ
Begierde, Zorn, Habgier
harṣaḥ mānaḥ madaḥ
Übermut, Stolz, Rausch
ṣaḍ-vargam utsṛjet
soll die Sechsergruppe ablegen
asmin tyakte
wenn diese abgelegt ist
sukhī nṛpaḥ
ist der König glücklich

ānvīkṣikīṃ trayīṃ vārtāṃ daṇḍanītiṃ ca pārthivaḥ / tadvaidyaistatkriyopaitaiścintatayedvinayānvitaḥ //

Die Logik, die drei Veden, die Wirtschaftskunde und die Staatskunst soll der König, mit Zucht ausgestattet, zusammen mit deren Kennern und mit in ihrer Praxis Erfahrenen bedenken.

Wort für Wort
ānvīkṣikīm trayīm
Logik, die drei Veden
vārtām daṇḍa-nītim
Wirtschaftskunde, Staatskunst
tad-vaidyaiḥ
mit deren Kennern
tat-kriyā-upetaiḥ
mit in deren Praxis Erfahrenen
cintayet vinaya-anvitaḥ
soll mit Zucht bedenken

cintatayed für cintayed; kriyopaitais für kriyopetais.

ānvīkṣikyārthavijñānaṃ dharmādharmau trayīsthitau / arthānarthau tu vārtāyāṃ daṇḍanītyāṃ nayānayau //

Durch die Logik [gewinnt man] Erkenntnis der Dinge; Recht und Unrecht gründen in den drei Veden, Nutzen und Schaden aber in der Wirtschaftskunde, kluge und verfehlte Politik in der Staatskunst.

Wort für Wort
ānvīkṣikyā artha-vijñānam
durch Logik Sachkenntnis
dharma-adharmau trayī-sthitau
Recht und Unrecht in den Veden
artha-anarthau vārtāyām
Nutzen und Schaden in der Wirtschaftskunde
daṇḍa-nītyām
in der Staatskunst
naya-anayau
kluge und verfehlte Politik

ahiṃsā sūnṛtā vāṇī satyaṃ śaucaṃ dayā kṣamā / varṇināṃ liṅgināṃ caiva sāmānyo dharma ucyate //

Gewaltlosigkeit, freundliche und wahre Rede, Wahrhaftigkeit, Reinheit, Mitleid und Geduld – das heißt die allgemeine Pflicht der Kastenangehörigen und der Träger von Ordensabzeichen.

Wort für Wort
ahiṃsā
Gewaltlosigkeit
sūnṛtā vāṇī
freundlich-wahre Rede
satyam śaucam dayā kṣamā
Wahrheit, Reinheit, Mitleid, Geduld
varṇinām liṅginām
der Kastenangehörigen und Ordensträger
sāmānyaḥ dharmaḥ
allgemeine Pflicht

prajāḥ samanugṛhṇīyāt kuryādācārasaṃsthitiṃ / vāk sūnṛtā dayā dānaṃ hīnopagatarakṣaṇaṃ //

Er soll die Untertanen begünstigen und für den Fortbestand der rechten Sitte sorgen. Freundlich-wahre Rede, Mitleid, Freigebigkeit, Schutz der Schwachen und der Schutzsuchenden –

Wort für Wort
prajāḥ samanugṛhṇīyāt
soll die Untertanen begünstigen
ācāra-saṃsthitim
Bestand der rechten Sitte
vāk sūnṛtā
freundlich-wahre Rede
dayā dānam
Mitleid, Freigebigkeit
hīna-upagata-rakṣaṇam
Schutz der Schwachen und Schutzsuchenden

iti vṛttaṃ satāṃ sādhuhitaṃ satpuruṣavrataṃ / ādhivyādhiparītāya adya śvo vā vināśine //

das ist der Wandel der Guten, den Guten heilsam, das Gelübde edler Menschen. Um eines Leibes willen, der von seelischen und körperlichen Leiden umringt ist und heute oder morgen vergeht,

Wort für Wort
vṛttam satām
Wandel der Guten
sādhu-hitam
den Guten heilsam
sat-puruṣa-vratam
Gelübde edler Menschen
ādhi-vyādhi-parītāya
von Kummer und Krankheit umringt
adya śvaḥ vā vināśine
heute oder morgen vergehend

ko hi rājā śarīrāya dharmāpetaṃ samācaret / na hi svamukhamanvicchan pīḍayet kṛpaṇaṃ janaṃ //

welcher König würde da etwas vom Dharma Abweichendes tun? Wer sein eigenes Glück sucht, soll kein armes Volk bedrücken.

Wort für Wort
kaḥ hi rājā
welcher König denn
śarīrāya
um des Leibes willen
dharma-apetam samācaret
würde Dharmawidriges tun
sva-sukham anvicchan
das eigene Glück suchend
na pīḍayet kṛpaṇam janam
soll armes Volk nicht bedrücken

svamukham wohl für svasukham.

kṛpaṇaḥ pīḍyamāno hi manyunā hanti pārthivaṃ / kriyate 'bhyarhaṇīyāya svajanāya yathāñjaliḥ //

Denn ein Armer, der bedrückt wird, tötet den König durch seinen Groll. So wie man einem ehrwürdigen Angehörigen die gefalteten Hände darbringt,

Wort für Wort
kṛpaṇaḥ pīḍyamānaḥ
ein bedrückter Armer
manyunā hanti pārthivam
tötet den König durch Groll
kriyate
wird gemacht
abhyarhaṇīyāya sva-janāya
einem ehrwürdigen Angehörigen
añjaliḥ
die gefalteten Hände

tataḥ sādhutaraḥ kāryo durjanāya śivarthinā / priyamevābhidhātavyaṃ satsu nityaṃ dviṣatsu ca //

so ist [diese Geste] einem Bösen noch freundlicher zu erweisen von dem, der Heil wünscht. Nur Liebes soll man stets sagen, bei den Guten wie bei den Feinden.

Wort für Wort
sādhutaraḥ kāryaḥ
ist noch freundlicher zu machen
durjanāya
dem Bösen
śiva-arthinā
vom Heilsuchenden
priyam eva abhidhātavyam
nur Liebes ist zu sagen
satsu dviṣatsu ca
bei Guten und Feinden

śivarthinā für śivārthinā.

devāste priyavaktāraḥ paśavaḥ krūravādinaḥ / śucirāstikyapūtātmā pūjayeddevatāḥ sadā //

Die angenehm Redenden sind Götter, die grob Redenden [sind] Vieh. Rein, mit durch Gläubigkeit geläutertem Geist, soll er stets die Gottheiten verehren.

Wort für Wort
devāḥ priya-vaktāraḥ
Götter sind die angenehm Redenden
paśavaḥ krūra-vādinaḥ
Vieh die grob Redenden
śuciḥ
rein
āstikya-pūta-ātmā
mit durch Gläubigkeit geläutertem Geist
pūjayet devatāḥ sadā
soll stets die Götter verehren

devatāvat gurujanamātmavacca suhṛjjanaṃ / praṇipātena hi guruṃ sato 'mṛṣānuceṣṭitaiḥ //

Die Respektspersonen [ehre er] wie Gottheiten und die Freunde wie sich selbst; den Lehrer durch Niederfallen, die Guten durch aufrichtiges Verhalten

Wort für Wort
devatā-vat guru-janam
die Respektspersonen wie Gottheiten
ātma-vat suhṛj-janam
die Freunde wie sich selbst
praṇipātena gurum
den Lehrer durch Niederfallen
sataḥ
die Guten
amṛṣā-anuceṣṭitaiḥ
durch aufrichtiges Verhalten

kurvītābhimukhān bhṛtyair devān sukṛtakarmaṇā / sadbhāvena harenmitraṃ sambhrameṇa ca bāndhavān //

soll er sich geneigt machen, [ebenso] die Götter durch gut vollbrachte Werke [?]. Einen Freund soll er durch aufrichtige Gesinnung gewinnen, die Verwandten durch Ehrerbietung,

Wort für Wort
kurvīta abhimukhān
soll sich geneigt machen
devān sukṛta-karmaṇā
die Götter durch gut vollbrachte Werke
sad-bhāvena
durch aufrichtige Gesinnung
haret mitram
soll den Freund gewinnen
sambhrameṇa bāndhavān
die Verwandten durch Ehrerbietung

bhṛtyair im Kontext unklar.

strībhṛtyān premadānābhyāṃ dākṣiṇyetaraṃ janaṃ / anindā parakṛtyeṣu svadharmaparipālanaṃ //

Frauen und Diener durch Liebe und Gaben, die übrigen Leute durch Höflichkeit. Nichttadeln der Taten anderer, Wahrung der eigenen Pflicht,

Wort für Wort
strī-bhṛtyān
Frauen und Diener
prema-dānābhyām
durch Liebe und Gaben
dākṣiṇyena itaram janam
die übrigen durch Höflichkeit
anindā para-kṛtyeṣu
Nichttadeln fremder Taten
sva-dharma-paripālanam
Wahrung der eigenen Pflicht

kṛpaṇeṣu dayālutvaṃ sarvatra madhurā giraḥ / prāṇair apyupakāritvaṃ mitrāyāvyabhicāriṇe //

Mitleid mit den Armen, überall liebliche Worte, Hilfsbereitschaft selbst unter Einsatz des Lebens für einen Freund, der nicht untreu wird,

Wort für Wort
kṛpaṇeṣu dayālutvam
Mitleid mit den Armen
sarvatra madhurāḥ giraḥ
überall liebliche Worte
prāṇaiḥ api upakāritvam
Hilfe selbst mit dem Leben
mitrāya
dem Freund
avyabhicāriṇe
der nicht untreu wird

gṛhāgate pariṣvaṅgaḥ śaktyā dānaṃ sahiṣṇutā / svasamṛddhiṣvanutsekaḥ paravṛddhiṣvamatsaraḥ //

Umarmung dessen, der ins Haus kommt, Geben nach Vermögen, Duldsamkeit, kein Hochmut bei eigenem Wohlstand, keine Missgunst beim Gedeihen anderer,

Wort für Wort
gṛha-āgate pariṣvaṅgaḥ
Umarmung des ins Haus Kommenden
śaktyā dānam
Geben nach Vermögen
sahiṣṇutā
Duldsamkeit
sva-samṛddhiṣu anutsekaḥ
kein Hochmut bei eigenem Wohlstand
para-vṛddhiṣu amatsaraḥ
keine Missgunst beim Gedeihen anderer

aparopatāpi vacanaṃ maunavratacariṣṇutā / bandhabhirbaddhasaṃyogaḥ svajane caturaśratā //

Rede, die andere nicht kränkt, Neigung zur Übung des Schweigegelübdes, enge Verbindung mit den Verwandten [?], Redlichkeit gegenüber den Seinen,

Wort für Wort
apara-upatāpi vacanam
andere nicht kränkende Rede
mauna-vrata-cariṣṇutā
Neigung zum Schweigegelübde
bandhubhiḥ baddha-saṃyogaḥ
feste Verbindung mit Verwandten
sva-jane
gegenüber den Seinen
caturasratā
Redlichkeit (wörtl. Viereckigkeit)

bandhabhirbaddhasaṃyogaḥ unklar, wohl bandhubhir baddhasaṃyogaḥ; caturaśratā für caturasratā.

ucitānuvidhāyitvamiti vṛttaṃ mahātmanāṃ //23 //

Handeln nach dem Angemessenen – das ist der Wandel der Großherzigen.

Wort für Wort
ucita-anuvidhāyitvam
Handeln nach dem Angemessenen
iti
so
vṛttam
Wandel
mahā-ātmanām
der Großherzigen

Einzelner Halbvers.

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