Kapitel 84: nirvāṇadīkṣāvidhānam
Die Vorschrift der Nirvāṇa-Weihe (Reinigung der Nivṛtti-Kalā)
Nach Traumdeutung und Morgenriten beginnt die eigentliche Nirvāṇa-Weihe mit der Reinigung der untersten Kalā, der Nivṛtti: Aufzählung ihrer 108 Welten (Bhuvanas), 28 Padas, Mantras, Keimsilben, Kanäle, Winde, Sinne, des Erd-Maṇḍalas und der 14 Geburtsklassen; dann rituelle Wiedergeburt des Schülers durch Vāgīśvarī, Zerschneiden und Verbrennen der Fessel und Übergabe an Brahmā. Der Kopf nennt nirvāṇadīkṣāvidhānaṃ, das Kolophon nirvāṇadīkṣāyāṃ nivṛttikalāśodhanaṃ. In V. 35 steht im Digitalisat eine Störungsmarke „[!!!]“; die Namenslisten sind teils fehlerhaft (Zählung der 108 Welten nicht exakt nachvollziehbar).
Īśvara sprach: Nachdem der Guru nun am Morgen aufgestanden ist und Bad usw. vollzogen hat, (bedenke er die Träume): Der Genuss von Dickmilch, frischem Fleisch, Rauschtrank usw. (im Traum) gilt als günstig;
das Besteigen von Elefant oder Pferd im Traum ist glückverheißend, ebenso weiße Gewänder usw.; das Einreiben mit Öl usw. ist ungünstig – (dagegen dient) ein Opfer mit dem Ghora(-Mantra) zur Befriedung.
Nachdem er die beiden täglichen Handlungen vollzogen und den Opferpavillon betreten hat, soll er, gut den Mund gespült, im Verfahren der anlassgebundenen (Weihe) die Handlung wie beim täglichen (Ritus) vollziehen.
Dann, nachdem er sich selbst gereinigt und ebenso die Śiva-Hand auf sich gelegt hat, soll er den im Krug Befindlichen verehren und der Reihe nach Indra usw.,
und auf dem Maṇḍala oder auch dem Opferplatz die Verehrung Śivas vollziehen; (ferner) Sättigung, Verehrung des Feuers und die Sättigung der Mantras, die mit der Vollopferung endet.
Zur Beseitigung des Übels schlechter Träume [?] soll er hundertacht (Opferungen) mit der Waffe darbringen und dann mit der Umschließung durch hūṃ die Entflammung der Mantras vollziehen.
Wort für Wort
duḥsvapna-doṣa-moṣāya
zur Beseitigung des Übels schlechter Träume [?]
śastreṇa
mit der Waffe (Astra)
aṣṭa-adhikam śatam
hundertacht
hūṃ sampuṭena
mit der hūṃ-Umschließung
mantra-dīpanam
Entflammung der Mantras
duḥkhapradoṣa wohl für duḥsvapnadoṣa („Übel schlechter Träume“), vgl. V. 1-2.
Nachdem er auch die innere Spende zwischen Opferplatz und Krug vollzogen und die Erlaubnis erhalten hat, soll er für den Eintritt des Schülers hinausgehen.
Dort soll er wie bei der Samaya(-Weihe) das Setzen auf das Maṇḍala usw. vollziehen und das Rest-Opfer (sampātahoma), das dem Darbha in der Hand folgt, das die Gestalt jenes Kanals hat.
Nachdem er zu dessen Gegenwärtigmachung drei Opferungen mit dem Wurzel-Mantra dargebracht und den Śiva im Krug verehrt hat, soll er den Fessel-Faden herbeibringen,
svadakṣiṇordhvakāyasya śiṣyasyābhyarcitasya ca / tacchikhāyāṃ nibadhnīyāt pādāṅguṣṭhāvalambitaṃ //
und ihn beim verehrten Schüler, der zu seiner Rechten mit aufgerichtetem Körper steht, an dessen Haarschopf festbinden, bis zur großen Zehe herabhängend.
Nachdem er ihn angebracht und im Geist den Umfang der Nivṛtti(-Kalā) betrachtet hat, (erkenne er): Die in ihr zu erkennenden Welten (bhuvana) sind hundertacht, nämlich:
vaḍavāsyaś ca bhīmaś ca daśaite vāruṇāḥ smṛtāḥ / śīghro laghurvāyuvegaḥ sūkṣmastīkṣṇaḥ kṣapāntakaḥ //
Vaḍavāsya (Stutenmaul) und Bhīma (Schrecklicher) – diese zehn gelten als die zu Varuṇa gehörigen. Śīghra (Schneller), Laghu (Leichter), Vāyuvega (Windesschnelle), Sūkṣma (Feiner), Tīkṣṇa (Scharfer), Kṣapāntaka (Nacht-Ender),
Sarvavidyāvidhātā (Ordner allen Wissens) und Sukhaduḥkhahara (Beseitiger von Freud und Leid) – zehn. Ananta (Unendlicher), Pālaka (Beschützer), Dhīra (Standhafter), ebenso Pātālādhipati (Herr der Unterwelt),
Vṛṣa (Stier), Vṛṣadhara (Stierträger), Vīrya (Heldenkraft), Grasana (Verschlinger), Sarvatomukha (Allseitsgesichtiger) und Lohita (Roter) – diese zehn Rudras sind als auf der Schlange (Śeṣa) stehend zu wissen.
attā kuhakakālāgnirudro hāṭaka eva ca / kuṣmāṇḍaś caiva satyaś ca brahmā viṣṇuś ca saptamaḥ //
Attā (Verzehrer), Kuhaka (Gaukler), Kālāgnirudra (Rudra des Zeitfeuers), und ebenso Hāṭaka (Goldener), Kuṣmāṇḍa, Satya (Wahrer), Brahmā und Viṣṇu als siebter,
vījākāro makāraś ca nāḍyāviḍāpiṅgalāhvaye / prāṇāpānāvubhau vāyū ghrāṇopasthau tathendriye //
Die Keimsilben sind der Laut a [?] und der Laut m; die Kanäle heißen Iḍā und Piṅgalā; die beiden Winde Prāṇa und Apāna; ebenso die Sinnesvermögen Geruch und Zeugungsorgan.
Der Geruch gilt als das Sinnesobjekt, innerhalb der Fünfergruppe der Qualitäten, die mit dem Geruch beginnt; das Erd-Maṇḍala ist gelb, mit Donnerkeil-Zeichen, viereckig.
prathamā sarvadevānāṃ manvādyā devayonayaḥ / mṛgapakṣī ca paśavaś caturdhā tu sarīsṛpāḥ //
Die erste (Gruppe) ist die aller Götter: die göttlichen Geburtsklassen, beginnend mit Manu [?]. (Tierische:) Wild, Vögel und Vieh, als vierte die Kriechtiere,
Wort für Wort
prathamā sarva-devānām
die erste die aller Götter
manu-ādyāḥ deva-yonayaḥ
göttliche Geburtsklassen ab Manu [?]
mṛga-pakṣī
Wild und Vögel
paśavaḥ
Vieh
caturdhā sarīsṛpāḥ
als vierte die Kriechtiere
manvādyā: Bezug unsicher; die Aufzählung der acht göttlichen Klassen folgt in V. 32-33.
als fünfte alles Unbewegliche (Pflanzen); die sechste Geburtsklasse ist die menschliche. (Die göttlichen:) die Paiśāca-, Rākṣasa-, Yakṣa-, Gandharva- und Indra-Klasse,
Wort für Wort
sthāvaram pañcamam sarvam
als fünfte alles Unbewegliche
yoniḥ ṣaṣṭhī mānuṣī
die sechste die menschliche
paiśācam rākṣasam
die der Piśācas, der Rākṣasas
yākṣam gāndharvam
die der Yakṣas, der Gandharvas
aindram
die Indras
amānuṣī ist im Kontext wohl für mānuṣī („menschlich“) verschrieben.
layastu prakṛtau buddhau bhogo brahmā ca kāraṇaṃ / tato jāgradavasthānaiḥ samastair bhuvanādibhiḥ //
die Auflösung (laya) aber (findet statt) in der Prakṛti, in der Buddhi der Genuss (bhoga), und Brahmā ist die Ursache. Dann soll er, mit dem Wachzustand und allen Welten usw.
die (damit) erfüllte Nivṛtti meditieren und mit ihrem eigenen Mantra verbinden: „oṃ hāṃ hrūṃ hāṃ, der Fessel der Nivṛtti-Kalā hūṃ phaṭ“ (schlagend); dann mit „oṃ hāṃ hāṃ, der Fessel der Nivṛtti-Kalā svāhā“ mittels der Haken-Mudrā (aṅkuśa) durch Einatmen herbeiziehen; mit „oṃ hrūṃ hrāṃ hrūṃ, der Fessel der Nivṛtti-Kalā hūṃ phaṭ“ mittels der Saṃhāra-Mudrā durch Atemanhalten vom unteren Ort aufnehmen; mit „oṃ oṃ hrāṃ hāṃ, der Fessel der Nivṛtti-Kalā Verehrung“ mittels der Udbhava-Mudrā durch Ausatmen in den Krug setzen; mit „oṃ hāṃ, der Fessel der Nivṛtti-Kalā Verehrung“ Arghya geben und verehren; mit ebendiesem, auf svāhā endend [?], drei Opferungen zur Gegenwart und drei zur Sättigung geben; mit „oṃ hāṃ brahmaṇe namaḥ“ (Oṃ hāṃ, Verehrung dem Brahmā) Brahmā herbeirufen, verehren und mit dem auf svāhā endenden (Mantra) sättigen: „O Brahmā, in diesem deinem Befugnisbereich werde ich einen nach Erlösung Strebenden weihen.
Wort für Wort
nivṛttim garbhitām dhyātvā
die erfüllte Nivṛtti meditierend
aṅkuśa-mudrayā pūrakeṇa ākṛṣya
mit Haken-Geste durch Einatmen herbeiziehend
kumbhakena adhaḥ-sthānāt ādāya
durch Atemanhalten vom unteren Ort nehmend
udbhava-mudrayā recakena kumbhe saṃsthāpya
mit Udbhava-Geste durch Ausatmen in den Krug setzend
brahmāṇam āvāhya
Brahmā herbeirufend
mumukṣum dīkṣayiṣyāmi aham
ich werde den Erlösungssucher weihen
Prosa-Ritualanweisung. Die Markierung „[!!!]“ im Digitalisat nach adhaḥ- zeigt eine Störung an; vimukhenaiva svāhāntenai ist verderbt (wohl „mit ebendiesem auf svāhā endenden“); dokṣyayāmy für dīkṣayiṣyāmi.
icchājñānakriyārūpāṃ ṣaḍvidhāṃ hy ekakāraṇaṃ / pūjayettarpayeddevīṃ prakāreṇāmunā tataḥ //
die die Gestalt von Wille, Erkenntnis und Handlung hat, sechsfach ist und die einzige Ursache; dann soll er die Göttin auf diese Weise verehren und sättigen,
Vāgīśvarī, die Ursache der Erregung aller Schöße ohne Ausnahme. Mit dem Pfeil-Mantra (Astra), vom Herz-Mantra umschlossen, mit Keimsilbe usw. und auf hūṃ phaṭ endend,
soll er (den Schüler) aufs Herz schlagen; der Vorschriftskundige soll (in ihn) eindringen. Dann (soll er) das Bewusstsein des Schülers, im Herzen einem Feuerfunken gleich,
das in der Nivṛtti befindlich und mit den Fesseln verbunden ist, mit der Jyeṣṭhā [?] abtrennen, und zwar (mit): „oṃ hāṃ hūṃ haḥ hūṃ phaṭ“; dann mit „oṃ hāṃ svāhā“ durch Einatmen mittels der Haken-Mudrā
Wort für Wort
nivṛtti-stham
in der Nivṛtti befindlich
yutam pāśaiḥ
mit den Fesseln verbunden
jyeṣṭhayā
mit der Jyeṣṭhā [?]
vibhajet
abtrennen
pūrakeṇa aṅkuśa-mudrayā
durch Einatmen mit der Haken-Geste
jyeṣṭhayā: wohl eine Śakti bzw. ein Finger/Mudrā; unsicher.
es herbeiziehen, mit seinem eigenen Mantra ergreifen und mit sich selbst verbinden: „oṃ hāṃ hrūṃ hāṃ, dem Selbst Verehrung.“ Nachdem er sich die Vereinigung der Eltern (Śiva und Vāgīśvarī) vorgestellt hat, (soll er) jenes Bewusstsein durch Ausatmen
in der Reihenfolge des Aufgebens der Ursachen Brahmā usw. bis zum Ort Śivas führen und es zur Empfängnis aufnehmen, gleichzeitig für alle Geburtsklassen,
und mit der linken Udbhava-Mudrā in den Schoß der Vāgīśvarī werfen: „oṃ hāṃ hāṃ hāṃ, dem Selbst Verehrung.“ Mit ebendiesem soll er auch verehren und fünfmal sättigen.
In allen anderen Geburtsklassen soll er mit dem Herz-Mantra die Reinigung des Körpers vollziehen. Hier gibt es kein Puṃsavana, weil auch ein weiblicher usw. Körper entstehen kann,
noch auch das Scheitelziehen; die göttlichen Glieder (bilde er) wie einen Körper [?]. Mit dem Haupt(-Mantra) soll er die Geburt vollziehen, gleichzeitig [?] für alle Verkörperten.
Wort für Wort
sīmanta-unnayanam
Scheitelziehen
daivāni aṅgāni
die göttlichen Glieder [?]
dehavat
wie einen Körper
śirasā janma kurvīta
mit dem Haupt-Mantra die Geburt vollziehen
sarva-dehinām
für alle Verkörperten
jugupsan („verabscheuend“) passt nicht; wohl für yugapat („gleichzeitig“). daivānyaṅgāni unklar.
Ebenso soll er mit dem Śiva-Mantra deren Befugnis (adhikāra) vorstellen, mit dem Kavaca-Mantra den Genuss, mit dem Astra (den Genuss) in Gestalt der Sinnesobjekte,
und die Nicht-Unterscheidung in Gestalt der Verblendung, die Laya (Auflösung) heißt; mit Śiva(-Mantra) die Reinigung der Ströme (srotas), mit dem Herz-Mantra die Reinigung der Tattvas.
Bei Empfängnis usw. soll er der Reihe nach je fünf Opferungen darbringen. Zur Aufhebung der Bindung durch die Fesseln Mala, Karman usw. mittels der Māyā
soll er zuerst mit dem Herz-Mantra die Sühne (niṣkṛti) vollziehen und danach hundert Opferungen darbringen. Durch Hemmung der Kraft des Mala und Trennung der Fesseln
soll er mit dem auf svāhā endenden Waffen-Mantra je fünf Opferungen darbringen. Die Fessel, die mit Māyā usw. endet, (soll er) mit einem siebenmal mit dem Astra beraunten
Messer (kartarī) durchschneiden, mit der rituellen Waffe (kalpaśastra), und zwar (mit): „oṃ hūṃ, der Fessel der Nivṛtti-Kalā, hūṃ phaṭ.“ Nachdem er ihre Bindekraft aufgehoben hat, soll er (die Fessel) mit beiden Händen unter dem Pfeil-Mantra
loslassen, zu einer Kugel formen und in den mit Schmelzbutter gefüllten Opferlöffel legen; mit dem Anukalā-Astra [?] (oder) mit dem bloßen Astra soll er sie zu Asche verbrennen.
Nachdem er (dies) getan und zur Aufhebung von Schlinge und Haken [?] fünf Opferungen gegeben hat – „oṃ haḥ, der Waffe, hūṃ phaṭ“ –, soll er dann mit acht Astra-Opferungen die Sühne (prāyaścitta) vollziehen.
Wort für Wort
pañca āhutīḥ datvā
fünf Opferungen gebend
pāśa-aṅkuśa-nivṛttaye
zur Aufhebung von Schlinge und Haken [?]
astrāya hūṃ phaṭ
der Waffe, hūṃ phaṭ
prāyaścittam kuryāt
die Sühne vollziehen
astra-āhutibhiḥ aṣṭabhiḥ
mit acht Astra-Opferungen
pāśāṅkuśa: wohl der Rest der Fessel und ihre „Keime“; Sinn unsicher.
Dann soll er den Vidhātṛ (Brahmā) herbeirufen, verehren und ebenso sättigen; darauf soll er mit „oṃ hāṃ, o Brahman, rein an Laut und Berührung, nimm an! svāhā“ durch drei Opferungen ihm die Befugnis über diesen (Schüler) übergeben: „O Brahman, von dir soll bei diesem Paśu (gebundenen Wesen), dessen Sünden restlos verbrannt sind,
bandhāya na punaḥ stheyaṃ śivājñāṃ śrāvayediti / tato visṛjya dhātāraṃ nāḍyā dakṣiṇayā śanaiḥ //
nicht wieder zur Bindung verharrt werden“ – so soll er (ihn) Śivas Befehl hören lassen. Nachdem er dann den Dhātṛ entlassen hat, (soll er) langsam durch den rechten Kanal
mit der Saṃhāra-Mudrā, durch Atemanhalten mit dem eigenen Selbst, das Selbst (des Schülers), das der Mondscheibe gleicht, die an einer Stelle mit Rāhu verbunden ist,
aufnehmen und durch Ausatmen mit der Udbhava genannten (Mudrā) mit dem Faden verbinden; nachdem er es als dem Nektar der Wassertropfen im Arghya-Gefäß gleich verehrt hat,
soll er die Eltern entlassen und mit dem auf vauṣaṭ endenden Śiva-Mantra zur Vervollständigung die Vollopferung geben. So ist die Nivṛtti (-Kalā) gereinigt.